Die Mutterhölle

Mütterliche Liebe ist selbstlos, die reinste Liebe überhaupt, so stellt man sich das gemeinhin vor. Doch was, wenn man sich in der Rolle als Mutter noch nach Jahren nicht zurechtfindet? Man aus Mangel an Mutterliebe gar die Familie verlässt? Wir publizieren zwei Gastbeiträge von Frauen, die ein Tabuthema zur Sprache bringen und sich mit den Schattenseiten des Mutterseins auseinandersetzen. Diskutieren Sie mit, bitte mit Respekt. Wir freuen uns auf eine angeregte Diskussion. Die Redaktion.

Ein Gastbeitrag von Simone Liedtke*

Unhappy Mother

Was, wenn eine Mutter nur Befremden spürt, wenn sie ihr Kind in den Armen hält? (Foto: Getty Images)

Ich hatte alles, was ich mir vom Leben je erhofft hatte: ein Haus auf dem Land, eine Wohnung in der Stadt, ein eigenes Geschäft und Unabhängigkeit. Ich war Mitte 30, als ich auch noch den richtigen Mann kennenlernte. Grosse Liebe! Da war nur eine Unstimmigkeit: Er wollte Kinder, ich auf gar keinen Fall.

Mein Leben begann zu bröckeln, nachdem ich beschlossen hatte, doch noch Kinder zu kriegen. Innert kürzester Zeit wurde ich schwanger. Doch die Schwangerschaft fühlte sich an wie eine Fremdbesetzung. Die Geburt war traumatisch, und als ich dann das Kind in den Armen hielt, fühlte ich nichts anderes als Befremden. «Babyblues, ganz normal, chunt scho guet.»

Zu Hause erwachte die Kleine allmählich, und mit dem Erwachen kam das Schreien. Ich wickelte sie ins Tragetuch und trug sie herum, Tag und Nacht, drinnen und draussen, auf und ab. An hinlegen war nicht zu denken. Ab und an heulte ich ebenfalls ein paar Stunden mit, dann riss ich mich wieder am Riemen. Da hatte ich zum ersten Mal den Wunsch, das Kind zurückzugeben. Wieso war ich nicht so glücklich wie die anderen neuen Mütter? War ich abnormal? «Chunt scho guet. Es chunt so vil zrugg, wirsch gseh!» Doch es kam nicht gut, und zurück kam nichts. Was sollte auch? Eine Erklärung? Eine Entschuldigung? Liebe? Liebe war da. Ich liebte mein Kind, weil die Natur es so eingerichtet hatte. Doch diese Liebe machte mich nicht glücklich.

Als die Zeit des Brüllens und Herumtragens zu Ende ging, kam die Mobilität. Herumtragen wurde von hinterherrennen abgelöst. Ich war erschöpft. Vor allem erschöpfte mich diese abgrundtiefe, öde Langweile, die ich empfand, wenn ich mich einen Tag lang alleine mit meiner Tochter beschäftigen musste. Deshalb verabredete ich mich an meinen Kindertagen mit anderen Müttern. Hatte ich einmal keine Verabredung, geriet ich in Panik. Schliesslich reduzierte ich die Betreuung auf einen einzigen Tag in der Woche, den Freitag. Der schrecklichste Tag in der Woche. Ich begann mich davor zu fürchten.

Wir beschlossen, ein weiteres Kind zu haben. Dann wäre meine Tochter nicht mehr so fixiert auf mich. Sie hätte jemanden zum Spielen und Streiten. Mit der Geburt meiner zweiten Tochter begann alles von vorne. Das Brüllen, das Tragen, die Schlaflosigkeit. Zurück zum Start. Gleichzeitig war die ältere Tochter in der Trotzphase, und das nicht zu knapp. Sie begann zu beissen. Sie hatte Wutanfälle und schlug mich. Ich hätte sie gerne ebenfalls geschlagen, ihr wehgetan, doch ich konnte mich beherrschen. Jedes Mal.

Mein Geschäft hatte sich nach der zweiten Babypause praktisch aufgelöst, und ich hätte massenhaft Zeit gehabt, mich um die Kinder zu kümmern. Ich wäre jedoch lieber anschaffen gegangen, als mich auch nur einen Tag mehr um meine Kinder kümmern zu müssen. Deshalb schickten wir sie weiterhin in die Krippe, obwohl das beinahe unseren finanziellen Ruin bedeutete.

Als meine Töchter 2 und 4 Jahre alt waren, hatte ich vier Jahre nicht mehr richtig geschlafen und jegliche Freude verloren. Ich sass in einem Leben fest, das ich verabscheute. Alles, was mir früher wichtig gewesen war – mein Job, mein Haus, meine Unabhängigkeit – war weg. Ich gab es zu: Ich bereute es zu tiefst, mich für Kinder entschieden zu haben. Die Liebe zu meinen Kindern war zwar da, aber das machte das Dilemma nur grösser. Ich redete mit meinen engsten Freunden. Man nahm mich nicht ernst. «Du scho wieder. Gang mal ins Spa!» und immer wieder «Chunt scho guet!»

Ich konsultierte Coaches, Therapeuten, Eheberater. Das half vorübergehend. Aber mein Unglück wurde ich nicht los. Ich hasste den Morgen und ich hasste den Abend. Dazwischen war Leere. Mein Zuhause war mir zum schlimmsten Ort auf Erden geworden, Ferien ein nicht enden wollender Albtraum.

Dann redete ich mit meinem Mann. Ich sagte, dass ich ihn und die Kinder liebe, aber es nicht mehr aushalte, Mutter zu sein. Ich sei nicht dafür geschaffen, es sei ein Fehler gewesen. Ob er sich vorstellen könne, die Kinder wegzugeben. Er sah mich an wie die Hexe in «Hänsel und Gretel». Das komme nicht infrage, dann eher Scheidung. Ich sagte, wenn es keinen anderen Weg gebe, dann Scheidung. Aber ich wolle das Sorgerecht nicht. Er war verzweifelt. Ich sagte, es gebe noch eine andere Möglichkeit, ich könnte zum Psychiater gehen und mir Psychopharmaka verschreiben lassen. Dann wäre ich zwar ein zugedröhnter Zombie, aber vielleicht würde uns das über die nächsten Jahre bringen. Er willigte ein. Und dann kam alles anders.

Ich musste weder zum Psychiater noch die Medikamente nehmen. Allein die Entscheidung, dies zu tun, hatte mir Gelassenheit verliehen. Die Lage begann sich zu entspannen. Der Druck nahm ab. Das Unglück wurde kleiner. Die ganze familiäre Situation wurde erträglich. Und das Allerbeste: Der Geschwisterplan ging auf. Die Kinder begannen miteinander zu spielen. Sie wurden selbstständiger, konnten vieles ohne mich machen und sich dabei gegenseitig helfen.

Schliesslich ist tatsächlich viel zurückgekommen und alles ist gut geworden. Jedoch nur durch mich selber. Genauso wie ich nicht für das Glück meiner Kinder zuständig bin, sind sie nicht für mein Unglück verantwortlich. Himmel und Hölle erschaffen wir uns selber. Ich habe mich neu gefunden und neu erfunden. Mutter zu sein sehe ich immer noch nicht als meine Bestimmung. Aber es ist zu einem wertvollen Teil meines Lebens geworden.

SL_72dpi*Simone Liedtke ist Illustratorin von Kinderbüchern, Künstlerin und freie Autorin. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Zürich.

224 Kommentare zu «Die Mutterhölle»

  • Elena sagt:

    Zudem verstehe ich nicht, wenn der Vater Kinder haben mochte, warum er nicht zuhause bleibt und sie arbeiten geht. Denn papa kann genauso die mama Pflichten unternehmen und den Kindern geht es bestimmt nicht schlechter!

    Ich bin für ein freieres Familienbild, und das Familienmitglieder sich so entwickeln das es ihnen gut geht ohne Scheidung krank werden oder ähnliches und das sich weniger Menschen das Maul zerreißen!!!!

  • Lula sagt:

    Ober wo zum teufel war der Vater in dieser Geschichte? Das verstehe ich nicht. Wieso ist der nicht zuhausegeblieben? Wieso kommt diese simple Möglichkeit nicht vor, dass die Mutter arbeien geht und der Vater daheim bleibt? Wennn er doch so unbedingt Kinder wollte?

  • Maria sagt:

    Vielen Dank für diesen berührenden, offenen und ehrlichen Blogartikel! Und wieder wird solche Ehrlichkeit mit bösartigen, herabsetzenden Kommentaren honoriert. Ich finde es wirklich schlimm, wie heute überjeden gnadenlos geurteilt wird, der ein Fehler macht oder vielleicht einfach keine wandelnde Werbefassade ist. Es soll doch einfach jeder froh sein, der keine solchen Probleme im Leben hat! Aber anscheinend sind sehr viele insgeheim total frustiert, sonst würden sie nicht immer so hart urteilen und hätten auch die Grösse, Schwächen zuzulassen.

  • Stephi sagt:

    anderen in die Schuhe schieben (schon gar nicht Kindern) .

  • Stephi sagt:

    Ich meine damit nicht,dass man nicht auch mal weinen oder verzweifelen kann.Doch als Eltern sollte man doch „Herr der Lage sein“ . Das Kind fühlt und reflektiert jede Gefühlsregung der Bezugsperson.

  • Rawuzi K. Puzi sagt:

    Ich verstehe Sie so gut, fast genau so habe ich empfunden. Zerrissen zwischen unglaublich starker Liebe zu den Kindern und elendiger Verzweiflung in diesem ewig gleichen, sinnlosen Putz-Wasch-Pfleg-Koch-Räum-Spiel Wahnsinn gefangen zu sein. Ohne befriedigende Beschäftigung, bisserl Journalismus war zu wenig, und ohne ausreichenden Schlaf. Noch dazu war ich eine späte Mutter, mein Körper hat mir diesen Wahnsinn überhaupt nicht verziehen. Erst sehr spät habe ich wieder herausgefunden in die richtige Welt. Ohne Partner natürlich. Der hatte nicht genug Mumm.

  • Stella sagt:

    Mutterliebe und Mutterrolle – das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge – Rollenbilder sind in Schubladen verankert und dort allgemein anerkannt bestens aufbewahrt – wie auch das Individuum, dass sich ihrer bedinet und omit in der jeweiligen Schublade Halt und Sicherheit findet… das erleichtert das Leben ungemein – schwierig wird es, wie auch der Artikel zeigt, wenn dies eben nicht der Fall ist…danke für diese Geschichte – für jede Geschichte die zeigt, dass es die Bilderbuchfamilie nur im Bilderbuch gibt.

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