Leben


Nicole Althaus am Montag den 3. August 2009

Ist Mutterliebe wirklich gerecht?

Kann Mama wirklich alles gerecht teilen?

Mütter, die ihr Neugeborenes nicht sofort für das schönste, klügste und liebenswerteste Wesen auf Erden halten, geraten schnell unter Krankheitsverdacht.

Das Baby schrie stundenlang. Abends von sieben bis zehn Uhr, ohne Unterbruch. Nachts öfters und in immer kürzer werdenden Abständen. Manchmal auch am Tag. Das Baby schrie so oft in diesen zehn Tagen, die wir Wand an Wand auf einem alten Gehöft in der Toscana wohnten, dass sein Weinen noch jetzt in meinen Ohren klingt. Es steigerte sich jeweils fünf Takte lang in ein Fortissimo, hörte abrupt für zwei Takte auf und setzte dann wieder zu seinem Crescendo an. Es hatte etwas Aufsässiges, dieses Weinen, wie ein schlecht komponiertes Musikstück, das ein Finale nach dem anderen ansteuert und doch nie aufhörte. Ich wachte in der ersten Nacht jeweils nach dem ersten Fortissimo auf, realisierte in den zwei Takten Pause erleichtert, dass nicht mein Kind schrie, und schlief wieder ein.

Am nächsten Morgen, als ich ausgeschlafen am Frühstückstisch sass und den Blick schweifen liess über die Sonnenblumenfelder, Zypressenhänge und Olivenhaine – für die man das ansonsten absolut unbrauchbare Wort «liebreizend» erfunden haben muss –,  stand die Mutter des Schreibabys plötzlich vor mir: weiss wie die Wand, in einem fleckigen T-Shirt und Shorts. Sie entschuldigte sich für das Geschrei. Und war mitten im Satz schon wieder weg, weil die zweijährige Schwester des mittlerweilen wieder weinenden Babys gerade nach etwas verlangte.  Ihre Augen sassen in dunklen Höhlen und sie ging, wie nur nur Frauen gehen, deren Körper kürzlich heimgesucht wurde von der Naturkatastrophe namens Geburt und Schwangerschaft. Vorsichtig und breitbeinig. Sie war die Erschöpfung in Person. Sie sah aus, wie ich mich nach der Geburt meiner zweiten Tochter fühlte. Ja, an unseren Feriennachbarn konnte man aus nächster Nähe beobachten, wie ein kleines schreiendes Bündel die Grundfesten und den Gefühlshaushalt einer Familie aushöhlte, wie die Welle eine Sandburg.

Die Zweijährige, welche die Mutter plötzlich teilen musste – wobei teilen bei der Schreiausdauer des Eindringlings ein euphemistischer Ausdruck für abgeben war -  tat was in ihrer Macht lag, um die ganze Mama wiederzubekommen: Sie sprang in den Pool, sie warf mit Steinen, sie pinkelte auf den Boden. Sie brüllte und kam doch nicht gegen das Weinen ihrer kleinen Schwester an. Der Papa tat, was in seiner Macht lag, um die Mama zu entlasten: Er wiegte das Baby in den Schlaf, lenkte die Grössere ab, kaufte ein, kochte und kam doch nicht gegen die Erschöpfung seiner Frau an.

Die Mutter tat, was sie konnte, um allen gerecht zu werden und hatte doch nicht den Hauch einer Chance, das zu schaffen. Sie weinte, wenn immer das Baby schlief. Jedenfalls sah ich sie zehn Tage lang nur mit Tränen in den Augen und als ich einmal, nach langem Abwägen, ob ich mich einmischen sollte, fragte, ob ich irgendwie helfen könne, schüttelte sie bloss den Kopf, weinte, setzte sich aber einen Kaffee lang an den Tisch und sagte, dass sie daran zweifle, dass man seine Kinder wirklich genau gleich lieben könne. Dass sie der Gedanke, eines lieber zu haben als das andere, schon während der Schwangerschaft gequält habe und sie seit der Geburt vor 10 Wochen in diesem schreienden Wesen etwas Liebenswertes suche. Dass auch ihr erstes monatelang geschrien habe, aber sie damals nie an ihrer Liebe gezweifelt habe.

Natürlich könnte man die Zweifel der frischgebackenen Mutter als Ausdruck  der hormonellen Achterbahn werten, auf der sie sich gerade befand. Oder als Zeichen einer sich anbahnenden Depression. Mütter, die ihr Neugeborenes nicht sofort für das schönste, klügste und liebenswerteste Wesen auf Erden halten, geraten schnell unter Krankheitsverdacht. Aber hatte  Sie nicht recht? Liebe ist nicht auf Knopfdruck abrufbar. Wenn die Liebe einem beim ersten Kind sofort überflutet hat, muss das für das zweite nicht auch gelten. Und: Ist Mutterliebe wirklich teilbar wie ein Apfel, in zwei oder drei oder vier gleichgrosse Schnitze?

Ich habe  zahlreiche Blogs gefunden, in denen der Balanceakt der Liebe thematisiert wird, Schwangere ihre Ängste formulieren, das Ungeborene niemals so lieben zu können, wie das Kind, das sie bereits in den Armen halten. Die Einträge enden so sicher mit einem versöhnenden Satz, der die gerechte Liebe hochhält, wie die Messe in der Kirche mit dem Amen. «Ich habe alle gleich lieb», predigen Eltern ihren Kindern. Aber kann man wirklich vorsätzlich gleich lieben? Ist Elternliebe tatsächlich so gerecht, wie Eltern immer behaupten? Oder wagen Mütter und Väter es einfach nicht zu denken, oder gar auszusprechen, dass ihnen das eine Kinderwesen vielleicht ein bisschen näher am Herzen liegt als das andere? Zumindest an gewissen Tagen, Wochen, Monaten?

38 Kommentare zu „Ist Mutterliebe wirklich gerecht?“

  1. Papissimo sagt:

    die frage stellt sich gar nicht. liebe vergleicht und wertet nicht, liebe ist bedingungslos und wer das noch nicht kapiert hat, lebt noch in der emanzipationsfalle. ab rom abwärts wird das laufend bewiesen. kinder sind alles, aber alles dreht sich nicht nur um das thema kinder. mein sohn und meine tochter merken das, daher gibt es nie konkurrenzkämpfe in meiner anwesenheit. nur bei meiner frau, einer echten mittelland-schweizerin, müssen sie sich immer wieder bestätigen. da merke ich, dass wir männer die erziehung der kinder wieder an uns reissen müssen.

  2. Beka sagt:

    @ hanna:

    - “Elterliche Ungleichbehandlung und elterliche Bevorzugung in Kindheit und Jugend”
    Dieter Ferring, Thomas Boll und Sigrun-Heide Filipp

    Eingach googeln, dann finden Sie die Studie, die auf zahlreiche weitere Studien verweist.

    Wenn Sie Englisch verstehen, dann können Sie auch nach «parental favoritism» googeln, so heisst das Forschungsthema im angelsächsischen Raum.

  3. hanna sagt:

    @beka. Heissen Dank!

  4. Alessandro sagt:

    Die Stiftung Mütterhilfe unterstützt Mütter und Väter, die in solchen Situationen ans Limit kommen. Auf der Homepage kann ein Ratgeber zum Thema Schreibaby gratis bezogen werden: http://www.muetterhilfe.ch/component/content/article/37.html. Denn wir wissen: die ersten Jahren im Leben eines Kindes sind die wichtigsten für die Bildung einer guten Beziehung zu den Eltern.

  5. Leserin sagt:

    @ Papissimo: “…da merke ich, dass wir männer die erziehung der kinder wieder an uns reissen müssen” Wieder? Wann hatten die Männer denn die Verantwortung für die Erziehung der Kinder? In der Vergangenheit? In einer anderen Gesellschaft? Vielmehr gehört eine grössere Investition in Erziehung und Pflege des Nachwuchses seitens der Mütter zu den kulturellen Universalien, die man in JEDER bisher entdeckten Gesellschaft auf diesem Planeten vorgefunden hat (Brown, 1991). Bevor ein Aufschrei ertönt: Dieser Umstand ist ein Fakt, ob er mit unserer ideologischen Anschauung oder unserem Wunschbild der Realität übereinstimmt oder nicht. Wahrheit hat die dumme Angewohnheit, dass sie nicht einfach verschwindet, wenn man nicht mehr hinschaut.

    Brown, D. (1991). Human Universals. Temple University Press: Philadelphia.

  6. rb sagt:

    @ gargamel Meine Ausführung war nicht klar. Meine Eltern hatten das problematische Kind weniger lieb (nach eigener Aussage!) als die netten, liebevollen Geschwister. Während mein Vater das offen zeigte, plagte meine Mutter das schlechte Gewissen, das sie durch manifeste Bevorzugung des schwierigen Geschwisters kompensierte. Ich habe mich nicht nur auf mehr Aufmerksamkeit für das Problemkind bezogen, sondern auf Unterschiede in den Gefühlen verschiedenen Kindern gegenüber.

  7. pi sagt:

    Danke dir, Nicole, für diese unglaubliche Beschreibung der Familie in der Toscana. Schlicht wundervoll geschrieben.

    Selber kommen mir spontan zwei Mütter in meiner Bekanntschaft in den Sinn, die ganz klar ihre Kinder nicht alle gleich fest lieben. Es zeigt sich offensichtlich. Die eine liebt ihre zweitgeborene Tochter mehr als ihren erstgeborenen Sohn (beide Kinder sind noch ganz klein). Bei ihr habe ich den Verdacht, dass sie die Tochter mehr liebt, weil sie ein Mädchen ist. Die andere liebt ihren erstgeborenen Sohn mehr als ihre zwei anderen Söhne (die Söhne sind alle schon erwachsen, aber es ist jetzt immer noch so). Bei ihr glaube ich, dass das so ist, weil ihr erster Sohn am meisten Talente zeigte. Zumindest in ihren Augen.

    Brutal.

  8. Dina sagt:

    Also ich glaube die Eltern wagen es einfach nicht zu zugeben. Weil das erste Kind meistens ein Wunschkind ist und das zweite ist sicher auch ein Kind die Sie gerne wollten, aber es wird auch gedacht ein Geschwister zum spielen haben und das es für den ersten Kind nicht langweilig wird. Weil das erste ist eine schöne Erfahrung und beim den andren weis man schon vieles mehr das sich halt die Freude ein wenig verkleinert. Es ist schwer für eine Mutter das zuzugeben auch für den Vater weil man dann Angst hat die Kinder zu verlieren wen sie das merken. Aber glauben Sie die Kinder merken das sofort auch wenn die Eltern immer sagen wir haben euch alle sehr lieb und nicht eine weniger und eine mehr. Habe auch 3 Geschwister und das merkt man. Für die Eltern ist das schlimmste das Wahrzunehmen aber man muss der Wahrheit auch in die Augen sehen. Das Leben ist nicht fair und man kann nicht perfekt sein und was heisst schon Liebe. Kann mir jemand sagen das jemand genug Liebe geben kann???? Die Liebe hat keine bestimmte Zahl oder Menge!!!!!!!!!!

  9. Thomas von Känel sagt:

    @gargamel (3. August 2009 um 15:33): erheiternd ist auch wie bei gewissen leuten die biologie NIE das menschliche verhalten erklären kann – es sind immer nur die sozialen faktoren die alles erklären. eigentlich ein bisschen bedenklich wenn im zeitalter der genomik immer noch solches schwarzweissdenken rumgeistert…

  10. gargamel sagt:

    @thomas von känel: ich wäre wahrlich der letzte, der bestreiten würde, dass der einzelne mensch bzw. sein verhalten ein produkt von vererbung und umwelteinflüssen (oder von biologie und soziologie, wenn sie so wollen) ist.
    (und die relevante naturwissenschaft dazu ist wohl eher die genetik als die genomik…)

    was ich mit meinem post ausdrücken wollte ist, dass einige blog-kommentatorInnen fähig sind jedes aufgebrachte thema in die ewiggleiche diskussion (und diskussion ist ein zu nettes wort für dieses sich gegenseitig die fehler des anderen geschlechts vorwerfen) umkrempeln. sie würden es vermutlich sogar fertigbringen einen beitrag zum thema: was ist besser – vanille- oder erdbeereis? in einen genderkonflikt zu verwandeln…

    und, um mit helge schneider zu sprechen, das prangere ich an!

  11. Thomas von Känel sagt:

    @gargamel: meine schreibe war mehr als ergänzung denn als kritik an Ihren beitrag gedacht (denn oft geht die genderdiskussion einher mit diesem unmöglichen “alles ist sozio, nichts ist bio”).

  12. gargamel sagt:

    @tvk: alles klar.

  13. Kathrin sagt:

    Hier ein spannender und sehr aktueller Text zum Thema Mutterliebe:
    http://gutenberg.spiegel.de/?id=12&xid=446&kapitel=1&cHash=9e673de00c2

  14. Regine sagt:

    Ich habe drei Kinder im Alter von 4 Monaten bis 4 Jahre. Ich liebe alle drei gleich fest – ABER ich liebe alle drei ANDERS! Jedes unserer Kinder ist anderst, und darum liebe ich sie auch anders, aber alle drei genau gleich fest :-)

  15. Yvonne sagt:

    @Kathrin: der “Text” ist ja ein ganzes Buch, anno 1903! Finde ihn mühsam zu lesen, sehr antiquiiert (habe ein paar Seiten gelesen). Was ist denn die Quintessenz dieses Buches? Warum hat es Dir so gefallen? Es erinnert mich ein bisschen an die Emmi Pikler. Hast Du die gelesen bzw. ihr Buch “friedliche Babys – zufriedene Mütter”?

    Zum Artikel: die Mami mit dem Schreikind tut mir so leid, noch ganz Stillhormon-vernebelt sind mir fast die Tränen gekommen ob der armen Mutter, ob 2. Kind oder 1., das muss schlimm sein.
    Und das mit dem Gleich-Lieben von Geschwistern ist sicher schwierig, aber zur Beruhigung der Eltern: ich denke, auch viele Kinder haben heimlich entweder Mami oder Papi lieber ;-)

  16. sanne sagt:

    Mutter mit Schreibaby war ich zweimal mit 10 Jahren dazwischen. Monate mit zu wenig Schlaf und selber in Tränen, mit Zitterknien unterwegs, weil das Fahren mit dem Wägeli das Kind beruhigte – der Vater in seiner Freizeit mich ablöste, damit Liegengebliebenes gemacht oder einfach mal geschlafen werden konnte.
    Ich weiss nicht wie wir es überstanden haben. Aber wir haben es überstanden beide Male – der Rat der Umgebung, Eltern und Verwandten, sie doch einfach schreien zu lassen, haben wir spätestens beim Beginn eines Nabelbrüchleins in den Wind geschlagen und gesagt, ihr könnt schon sagen – tut uns lieber den Gefallen und macht uns die Bügelwäsche und den Hausputz, den Garten – Grosseltern verwöhnt unseren grösseren Sohn mit Zeit und gemeinsamen Entdeckungen, dass er für eine zeit der Wichtigste ist.
    Wir haben es geschafft und wir haben es nie bereut bis zum Umfallen für sie da zu sein. Und plötzlich waren sie nach Monaten still, schliefen wie die Engel und wir wussten nicht wie uns geschah. Ich weiss es heute noch nicht. Doch weiss ich, dass aus ihnen wunderbare Menschen geworden sind, die mit viel Empathie in ihren Teams arbeiten und unseren weiteren gemeinsamen Lebensweg bereichern.

  17. Jasmina sagt:

    @ papissimo: netter Scherz. Vor allem von einem Italiener, der behauptet, italienische Väter hätten je ihre Kinder erzogen.. nun ja.
    Ich weiss nicht, ob ich ein zweites Baby so lieben würde wie das erste – weil ich nie dachte, überhaupt je eines zu haben, und dann die Bestätigung, doch eines zu bekommen, einfach atemberaubend war. Ein zweites wäre dann doch ein wenig weniger unglaublich.
    Ich hätte gern noch eines, nur ist dieser beklemmende, unbedingte, dringende Kinderwunsch nicht da – denn der Wunsch nach einem Kind generell wurde ja mit dem ersten an sich erfüllt.
    Auch denke ich, dass man sehr wohl ein Kind lieber haben kann, wenn es dem eigenen Charakter ähnlicher ist. Das heisst nicht, dass man das andere nicht liebt – aber es kann einem etwas fremder sein. Kinder haben ja meist auch ihr Lieblingselternteil..

  18. Eremit sagt:

    Eine gewisse “Grundgerechtigkeit muss man Väter und Mütter grundsätzlich zugestehen, wenn auch manchmal auf sehr tiefen Niveau. Andernfalls hätte die betreffenden Mutter dies Baby irgend wo ausgesetzt.
    Ansonsten kann man m.E. Kinder unter Berücksichtigung individueller Stärken und Schwächen gleichwertig lieben. Hingegen wenn man selbst ein ausgeprägter Egoist bzw. Egoistin ist und keine Definition für Gerechtigkeit kennt dann wird es vermutlich sehr schwer Kinder gleichwertig zu behandeln und zu lieben.

    “Ist Mutterliebe wirklich teilbar wie ein Apfel, in zwei oder drei oder vier gleichgrosse Schnitze?”
    Zeit kann man aufteilen: Zehn Minuten für den Sonh, zehn Minuten für die Tochter.

    “Oder wagen Mütter und Väter es einfach nicht zu denken, oder gar auszusprechen, dass ihnen das eine Kinderwesen vielleicht ein bisschen näher am Herzen liegt als das andere? Zumindest an gewissen Tagen, Wochen, Monaten?”
    Das ist m.E. eine Frage des Egos, ob man das Ego im Griff hat, oder das Ego regiert.

    Was die zweijährige Tochter betrifft, ist m.E. ihr Verhalten ein typischen Symptom für falsche Erziehung, bzw. eine Erziehung hin zum Egoismus.

    Aufschlussreich ist die Antwort auf die Frage, warum schreit das Kind. M.E. schreit kein Kind einfach so ohne Grund, nur dieser wäre?

    @Frau Althaus
    Wollen sie ernsthaft bei Geburt und Schwangerschaft von Naturkatastrophe sprechen?
    Konsequenter Weise wäre dann ihr Leben, ihr Handeln und Tun das Ergebnis einer Naturkatastrophe. Wären sie dann bitte so lieb und wollen sie diese Naturkatastrophe und deren Folgen minimieren bzw. rückgängig machen?
    :-/

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