Leben


Nicole Althaus am Freitag den 17. Juli 2009

«Ich wollte den Mann und nicht sein Kind»

Liebe mit Anhang? Ein Kinderspiel - gemäss der TV-Serie «Brady Bunch»

Liebe mit Anhang? Ein Kinderspiel - gemäss der TV-Serie «Brady Bunch»

Wer seinen Partner liebt, liebt auch dessen Kinder. So lautet das Gebot, das die moderne Patchworkfamilie hervorgebracht hat. Doch im Alltag stossen vorab Frauen in der Stiefmutterrolle an ihre Grenzen. Liebe mit Anhang ist ein Tabuthema, das ganz offensichtlich unter den Nägeln brennt: Als ich vor ein paar Monaten für eine annabelle-Geschichte Patchworker via Ronorp.ch gesucht habe, meldete sich ein Dutzend Frauen, kaum war das Inserat veröffentlicht worden: «Ich wollte den Mann und nicht sein Kind», konstatierte eine der interviewten Frauen simpel und ehrlich. Ein Satz, der die Ausgangslage fast aller Patchworker auf den Punkt bringt, den jedoch die wenigsten  so offen auszusprechen wagen.

Statistiker schätzen, dass in der Schweiz rund 15 Prozent der Familien Patchworkfamilien sind, in die mindestens ein Partner ein Kind aus einer früheren Beziehung mitgebracht hat. Tendenz steigend. Denn mittlerweile wird jede zweite Ehe geschieden. Ausserdem leben immer mehr Paare auch mit Kindern unverheiratet zusammen und erscheinen in keiner Statistik, wenn sie sich trennen. Patchwork klingt gut, freundlich und ein wenig nach Hippie-Kommune. Die zusammengewürfelten Familien sind von den Medien lange zum kreativen Familienideal der Zukunft hochstilisiert worden. Wer mit Betroffenen redet, oder therapeutische Fachleute konsultiert, merkt jedoch schnell: Patchwork ist ein optimistischer Begriff für einen strapaziösen Kampf um ein Familiengefüge jenseits von Blutsbanden.

Einen lebensnahen Eindruck dieses Kampfes bekommt, wer sich ins Internetforum patchwork-familie.ch einloggt. Noroelle ist völlig am Ende, weil sie Eifersucht spürt auf ein vierjähriges Kind: «Wenn die Tochter meines Freundes da ist, bin ich nur noch Luft.» Sunshine will ihren Verlobten heiraten aber dessen 12-jähriger Sohn, findet sie «total unsympathisch». Dass ihr zukünftiger Ehemann ihm jeden Wunsch von den Lippen abliest, was immer es auch koste, verschärft die Lage zusätzlich. Und Nicki erzählt, dass ihr Stiefsohn seinem Vater gedroht habe, er werde dessen Freundin mit Opas Sturmgewehr erschiessen.

Erst zu zweit, dann zu dritt. Diese Abfolge gilt in der Liebe mit Anhang nicht. Vielmehr müssen die Beteiligten ein Liebespaar sein und zugleich ein Familienleben führen. Das Modell Instantfamilie setzt offensichtlich vorab  «Stiefmütter» unter Druck: Ihre Rolle ist gesellschaftlich sehr viel stärker negativ besetzt als die des Stiefvaters und von den Frauen wird ein grösserer emotionaler Einsatz erwartet. Die Patchworkfamilie kann sogar als Rollenfalle fungieren: Sie drängt auch kinderlose Frauen in die Mutterrolle.

Der deutsche Psychotherapeut Gerhard Bliersbach, Autor des kritischen wie klugen Buches Leben in Patchwork-Familien, konstatiert in Sachen Forschung einen grossen Handlungsbedarf. Niemand wisse, wie lange solche Gefüge im Schnitt hielten, warum sie scheiterten oder glückten. Der grösste Sprengstoff der Patchworkfamilie sieht er darin: «Der leibliche Vater und die leibliche Mutter sind immer die unsichtbar anwesenden Dritten.» Ehepaare können zwar geschieden werden, aber nicht Elternpaare getrennt. Kinder hegen noch sehr lange nach einer Trennung der Eltern den Wunsch, die Ursprungsfamilie wieder zusammenzubringen.

Es braucht immense Toleranz und Kommunikationsfähigkeiten, damit das immer häufiger anzutreffende Modell Instantfamilie funktionieren kann. Und ein beträchtliches Einkommen, wer nebst Alimentenzahlungen sich eine Zweitfamilie leisten will. Aber was, wenn die grosse Liebe zu den lieben Kleinen sich partout nicht einstellen will?

61 Kommentare zu „«Ich wollte den Mann und nicht sein Kind»“

  1. Alex sagt:

    @Irene
    Vielleicht hast du dich aber auch nie wirklich auf den Stiefsohn eingelassen und probiert, wirklich gut mit ihm auszukommen? Ich selber bin in einem ähnlichen Umfeld gross geworden und muss sagen, it takes two, immer, überall. Weiter möchte ich da jetzt nicht darauf eingehen…

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