Leben


Nicole Althaus am Donnerstag den 16. Juli 2009

Wir spielen Heidi Klum

Mamablog.HeidiKlum

Vergeben wir ihnen, auch sie waren mal Kinder! Szene aus dem Finale von Heidi Klums Model-Casting-Show, Mai 2009. (Bild: Keystone)

Eigentlich wollte ich schon lange mal die fortschreitende Eventisierung von Kindergeburtstagen im neuen Jahrtausend in diesem Blog thematisieren. Zur Diskussion stellen, warum eine Party für ein fünfjähriges Kind ein Motto haben muss, dass sich von der Einladung, über Torte und Serviette, bis hin zum kleinen Give-away (das ist das Geschenk, das nun neuerdings alle Gäste mit nach Hause bekommen) durchzieht. Weshalb sich Eltern einen Organisationsaufwand aufladen, um mit Kindergärtlern fünf Kerzen auszublasen, der dem eines mittelgrossen Firmenfestes gleichkommt. Oder ein ebensolches Budget, falls sie die Organisation an ein Kindermuseum, eine Burg, einen Indoorspielplatz oder andere Profis delegieren.

Aber jetzt habe ich gerade erfahren, dass die Partys, die Mädchen zu ihrem 10. Geburtstag planen, mit den vorgängigen Kindergeburtstagen etwa so viel gemein haben, wie der Spaghettitanz am Fez in der 5. Klasse mit den Knutschorgien im schummrigen Partykeller während der Oberstufe: Nach dem ersten Jahrzehnt auf der Welt, wollen Mädchen keine Events mehr, sondern eine Casting-Show. Sie spielen nicht mehr Prinzessin, sondern MusicStar oder Dietlikons next Topmodel, wobei der Ortsname so austauschbar ist, wie die Sieger der MusicStar-Staffeln.

Ich habe mich ja immer auf den Augenblick gefreut, an dem ich nicht mehr für die Unterhaltung der Gästeschar sorgen muss, allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass Mama durch das TV ersetzt wird, genauer gesagt durch ein – nett formuliert – kulturell und emanzipatorisch höchst fragwürdiges Format. Dass die Alten an solchen Partys so wenig erwünscht sind wie jüngere Geschwister, versteht sich von selbst, und so konnten die Mütter nur aus den Fotos, welche die Jury schoss, rekonstruieren, wie Heidi Klum gespielt wird. Die Vorlage wurde bis ins Detail kopiert: Auf den Bildern  war ungefähr ein Dutzend Girls zu sehen, wie sie in ihren Shorts und Mutters High Heels durch den Garten catwalkten, sich im Bikini am Boden räkelten, mit Meerschweinchen posierten, und sich mit perfektem Hüftschwung und gewinnendem Lächeln der gestrengen Jury präsentierten.  Die Fotos übrigens, hatte die Mutter, welche den Apparat besass, umgehend gelöscht – die Vorstellung, sie könnten in der virtuellen Welt auftauchen, war noch wesentlich unangenehmer als Heidi Klums Kampflächeln: Die aufgebretzelten Teen-Novizinnen haben Nabokovs Lolita in sämtlichen Verfilmungen aussehen lassen wie ein Bauernmädel aus dem letzten Jahrhundert.

Meine Tochter  wankt für ihre Party noch zwischen MusicStar und DancingStar. Ich hoffe, sie übernimmt die Rolle der Jury. Und dass diese Castingmanie denselben therapeutischen Distanzierungseffekt auslösen wird, wie einst das Zelebrieren der Farbe Rosa.

34 Kommentare zu „Wir spielen Heidi Klum“

  1. Ronny sagt:

    Wild… aber
    solange wir solchen schund im tv schauen, solange wird das auch ausgestrahlt…
    solange mamas sich für den einkauf in der migros aufbrezeln als wärs ein catwalk, solange werden es auch deren töchter tun
    solange schönheit der einzige trumpf eines menschen ist, solange wird er unglücklich sein

    desperate housewifes & co. lassen grüssen

  2. Jennifer sagt:

    Ich würd das nicht so eng sehen. Wir haben uns doch auch gerne mit den Kleidern unserer Mütter und Grossmütter verkleidet und Theater gespielt. Jetzt spielen die Mädchen halt Heidi Klum’s Show nach. Ist ja nur eine Phase, jedenfalls für die meisten von ihnen. Die wenigen, die es nicht als Phase anschauen, werden wir dann als mögliche Kandidatinnen für “wer wird der nächste Superstar” vor der Maag-Event-Halle stehen sehen, zusammen mit den 1000 anderen, die unbedingt berühmt werden wollen, wenn auch nur für ein paar Minuten…..

    Was ich eher übertrieben finde, sind die Themen-Parties für Kleinkinder. Aber auch das wird wieder vorbeigehen, wie soviele Moden vorher.

  3. Maya sagt:

    @ Ronny
    Man kann auch Wert auf die äussere Schönheit legen und diese hegen und pfegen, und trotzdem noch paar andere Trümpfe im Ärmel haben…
    Und sogar in Desperates Houswifes gehts nicht immerzu nur um Oberflächlichkeiten. Vielleicht solltest du mal eine Folge selber ansehen… :)

    Und lieber eine Hot Mama im Migros als so eine ungepflegte Schachtel in Momjeans…

  4. Kathy sagt:

    ohoh, da fühlt sich jemand angegriffen, na maya;) ronny hat ja geschrieben “solange schönheit der EINZIGE TRUMPF (…)” – meiner meinung nach hat er völlig recht!

  5. Ronny sagt:

    @Maya
    ich hab ziemlich viele Desperate Housewifes folgen gesehen (unfreiwillig)

    natürlich gibts hot mamas, es gibt aber auch viele die einfach wie eine aussehen wollen, und das geht meist erst richtig in die hose. die, die am meisten aufgebrezelt rumlaufen haben imho ganz wenig bis gar kein selbstbewusstsein, und das sieht man(n) dann auch.

    ich hab eher die sorte gemeint, die sich ohne schminke und haarspray nicht mal über die strasse trauen.

  6. Caro sagt:

    Durchgestylte Kindergeburtstage mit Castingshow, Themenparty oder Mac Donalds (mal ein Thema für den Blog?) sind wohl eher eine Luxuserscheinung unserer Breitengrade und spricht für die Phantasielosigkeit der Eltern heutzutage. Vielleicht sollten sich die Väter mehr einbringen. Warum können die Eltern nicht mehr mit wenigen Dingen ihren Kindern eine Freude bereiten. Mit weniger Schnickschnack sind die Kinder auch zufrieden. Da bin ich froh, dass ich als noch Nichtmami diesem Konkurrenzgerangel zwischen den Mamis nicht ausgesetzt bin. Das Konkurrenzgehabe genügt doch schon während der Arbeit. – Man sollte Verkleidungen nicht so tragisch sehen, haben wir als Kinder selber gemacht die Abatzschuhe anprobiert, geschminkt oder Räuber und Gendarm gespielt. Und geht mal ein Teller kaputt, so ist das auch nicht weiter tragisch. Warum sollte man sich Desperate Housewifes ansehen – schon der Titel tönt langweilig. Habe das Verlangen danach nie gespürt.

  7. Manu sagt:

    Ich war am Samstag seit langem mal wieder in der Zürcher Innenstadt unterwegs. Leider musste ich feststellen, dass es die Lolitas nicht nur an Geburtstagen gibt. Nehme zumindest mal an, dass die vielen, vielen 14-jährigen nicht alle von der gleichen Party gekommen sind. Aber alle hatten sie einen Mini an, der nicht mehr viel kürzer sein konnte und Highheels (oft gold).

    Es mag ja sein, dass ein Mini und goldene Highheels heute normal für Teenies sind, ich aber war echt schockiert, so viele Lolitas, die so früh schon auf sexy getrimmt sind, zu sehen. Ich fragte mich auch, ob wir da nicht tatsächlich eine neue Mädchengeneration haben, die denkt, dass das Aussehen und die Wirkung der einzige Trumpf ist der zählt.

    Ich sehe auch gleich das Bild der 10-jährigen Leila im Heft 23 vom Tagi-Magi vor mir. Einer Mutter die es erlaubt, dass ihr Kind so abgelichtet wird, würde ich gerne die Frage stellen, was sie für eine Zukunft für ihre Tochter sieht. (high maintenance ehefrau??)

    Bei den 10 jährigen ist es vielleicht nur am Kindergeburtstag, aber …

  8. Maya sagt:

    @Kathy
    Nene, ich fühl mich nicht angegriffen. Finde es nur nicht so negativ, wie es in Ronnys Kommentar rüberkommt, wenn sich jemand um ein hübsches Äusseres bemüht. Ein “sich-gehen-lassen” bei Frauen, wie übrigens auch bei Männern, finde ich genauso schlimm. Das wollte ich eigentlich damit sagen.

    Und Desperates Housewifes ist halt meine Lieblingsserie, nix für ungut, Ronny. :)
    Dafür kann ich mit Sex and the City gar nix angfangen…

  9. gargamel sagt:

    @nicole althaus: wenn’s denn schon ein lolita-bildchen sein muss, dann doch bitte sehr eines von sue lyon aus der kubrick verfilmung und nicht aus diesem billigen remake… das muss ich als film geek hier doch monieren…

  10. Ronny sagt:

    @Manu
    genau diese Fragen stelle ich mir jeweils auch. Ich muss mittlerweile Ausweiskontrollen durchführen wenn ich ein hübsches Mädchen ansprech…

    @Maya
    es gibt ja wohl noch etwas zwischen aufgebrezelt und sich-gehen-lassen

    Ich würde keine einzige von diesen Housewifes zur Frau oder gar als Mutter haben wollen. Aber eben im TV läuft eigentlich nur noch Schund

  11. Metrotussi sagt:

    Wie feiern denn die Jungs? Spielen die jetzt Brüno?

  12. Mara sagt:

    Ich hab vor Jahren auch mal dem Drängen meines Sohnes nachgegeben und habe ihm erlaubt, eine Geburtstatsparty zu machen. ich hab also einen Kuchen gebacken und überliess den ganzen Rest der Fantasie der Kinder, aber oh weh, die sassen da und fragten nach dem Clown, was ich denn für Spiele vorbereitet hätte und als die lieben Mütter sie wieder abholen kamen, da haben sie ihre Kinder gefragt, was es denn schönes gegeben habe zum Mitnehmen. Nie wieder hab ich mir geschworen, die Kinder heute werden wohl nur noch vom Fernseher erzogen und erwarten die ganze Zeit einen eigenen Unterhalter der sie volllabbert und ihnen auch noch den letzten Rest Fantasie aus der Seele reisst. Da finde ich es noch nicht mal das schlechteste, wenn man “Verkleiderlis” spielt, wenigstens sind die Kinder dabei aktiv und sitzen nicht bloss rum.

  13. John sagt:

    Housewives nicht Housewifes.

    Es ist wohl eine der besten Serien überhaupt mit einer riesigen Vielfalt an Charakteren. Und nicht alle davon sind immer perfekt gestylt.

  14. Werner Meier sagt:

    Frage mich immer wieder, woher die Kinder das Geld für den Schnickschnack herhaben.

  15. Manu sagt:

    … noch einen Nachtrag. Ich bin keine Feministin, aber ich bin mir doch bewusst, dass die Kämpferinnen der Alice Schwarzer Generation mir viele Türe geöffnet haben, die ich heute als selbstverständlich erachte. (arbeite in einem Männer dominierten Beruf und bekomme vermutlich den gleichen Lohn, ich darf an der Urne wählen, ein Kind haben ohne verheiratet zu sein etc. )

    Wenn heute nur noch alle Models oder Music Star werden, mit sexy Outfits den Männern gefallen möchten, ziemlich offensichtlich wieder an den Beschützerinstinkt des Mannes appellieren und es den Mädchen egal ist, ob sie das wie kleine Dummchen ausschauen lässt, dann tut es mir manchmal schon leid, dass meine Generation es so einfach hat. Die Generation meiner Mutter hat sich für eine unabhängige Frau eingesetzt, ich kann davon profitieren und die Generation meiner Kinder verspielt diese Annehmlichkeiten wieder.

    Oder seh ich das einfach zu schwarz? Wir haben schliesslich uns auch als Prinzesschen aufgebretzelt. Und doch ist es ein Unterschied, ob man naives Prinzesschen spielt oder sexy Heidi-Klum Model, welches seine Reize gezielt einsetzt.

  16. Papa sagt:

    Um es gleich vorwegzunehmen – und bevor mir irgendwer jetzt irgendwas um die Ohren haut: Ich habe absolut keinen Zweifel daran, dass der sexuelle Missbrauch von Frauen allen Alters “aber”s zum Trotz Schuld der Männer ist. Dies muss ich aber trotzdem schreiben: Ich habe schon ein wenig Mühe mit der – um das Bild des Posts zu bemühen (welchem im übrigen, wie Gargamel korrekterweise das Original auch ziemlich gut gestanden hätte) “Lolitaisierung” (man möge mir diesen furchtbaren Ausdcurck verzeihen) der Mädchen.

    Ich wohne in einer Landgemeinde und habe zum Glück immer wieder das Vergnügen, vierzehnjährige Mädchen in normalen Outfits zu sehen. Beruflich bin ich aber häufig in Bern und Zürich unterwegs und wenn ich – gerade bei sommerlichen Temperaturen – Miniröcke sehe, die im besten Fall noch als Gürtel durchgehen, BHs die (so hoffe ich zumindest) bis zum gehtnichtmehr ausgestopft sind, und dazwischen – im besten Fall – ein feines Nichts aus dünnem Stoff, dann frage ich mich bisweilen schon, wann denn der Jugendschutz endlich auf die Eltern losgeht, die Ihre Töchter so auf die Strasse lassen.

    Bei allem Respekt vor den Meinungen, die hier und auch schon in früheren Posts kundgetan wurden: Ich bin mir so gut wie sicher, dass diese Kinder ihre Wirkung auf Männer nicht nur krass unterschätzen, sondern sich derselben schlicht nicht bewusst sind. Hier haben die Eltern – ganz besonders jene der Kinder in den Grosstädten – eine besonders schwierige Aufgabe und auch eine entsprechend grosse Verantwortung. Dies vielleicht ein kritischer Beitrag in eine vielleicht etwas andere Richtung. Meiner Meinung hat das auch mit Jugendschutz zu tun…

  17. marcel sagt:

    Ich mache mir wirlich langsam Sorgen: Geht das wirklich so zu und her in Downtown City, Frau Althaus? Unsere 12jährige (wohnt fast 100 km weit weg, aber durchaus auch in der Stadt) wird bestimmt wieder ein paar Freundimmen in die Badi einladen, dort eine Runde Glacé spendieren, und das wär’s auch schon. Ich glaube nicht mal, dass sie mit dem Namen Heidi Klum etwas anfangen kann. Sie sollten eventuell den Fernseher mal eine Weile in den Keller stellen?

  18. toshiro sagt:

    Danke, John.

    Manu: Ich denke, das sind Wellenbewegungen. Nichts geht schnell, auf einfache Art & Weise oder leicht (das ist ja klar), aber ich denke nicht, dass die nächste Generation das Errungene komplett abgeben wird. Zu viel davon ist mittlerweile in unserer Gesellschaftsstruktur verankert, als dass es einfach so ausgehebelt werden könnte, denke ich.

    Papa: Der Jugendschutz wird den Teufel tun und die Eltern kritisieren.

    Zu guter Letzt: Es bringt nichts, sich gegen Veränderungen zu stemmen, weil man weggespült wird… es ist aber von Vorteil, um Strömungsrichtung, Stromschnellen und eventuelle Altarme (in denen es ruhiger zu- und hergeht) zu wissen.

  19. fille unique sagt:

    Auf MTV France (vielleicht auf allen?) gibt es diese Doku, die irgendein verwöhntes Gör an ihrer Geburtstagparty zeigt. Mein Jüngling, der sich diesen Schrott hin und wieder antut, fragt dann rgelmässig ob er zu seinem 16. Geburtstag auch ein Auto bekommt… Und bevor mir die Moralapostel vorhalten, dass mein Kind seine Freizeit vor dem TV verbringt, will ich anmerken, dass mein Sohn nicht Zucker- und Fernsehfrei aufwächst und eine angemessene Portion TV ist bei uns erlaubt!!! Das Problem ist doch, dass die Kinder inzwischen Realität und Fiktion nicht mehr, oder nur schwer, unterscheiden können.
    @Metrotussi, werde es Junior vorschlagen Brüno zu spielen – ist ja auch kostengünstig – habe genügend Stylingprodukte im Bad…

  20. Nicole Althaus sagt:

    @Marcel: Nicht (nur) in Downtown City. Besagte Topmodel-Party fand an idyllischer Lage auf dem Land statt. Ich glaube nicht wirklich, dass man sich ernsthaft sorgen muss – dieses Casting-Spiel wird wohl wie jeder andere Kindertrend verschwinden wie er gekommen ist. Ich frage mich mehr, was Mädchen an diesen Shows so fasziniert. Das schnelle Berühmtwerden? Im Fall Heidi Klum kommt natürlich noch die Gestaltung der Aussenfassade dazu, was gerade mit der beginnenden Pubertät bei Mädchen ein enorm wichtiger Faktor wird.
    P.S. Meine Tochter kann mit dem Namen Heidi Klum sehr wohl etwas anfangen. Und mit vielen anderen Namen auch – nicht weil sie sie am TV gesehen hat, sondern weil diese Namen auf dem Pausenhof fallen und man wie früher bei diesen Gesprächen nicht gern ausgeschlossen ist.

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