
Tomboy: Das Spiel mit dem Geschlecht
«Bub oder Mädchen?» Das ist die Frage aller Fragen. Vom Augenblick, in dem der Schwangerschaftstest positiv ausfällt, rätseln die werdende Mama und der künftige Papa, Grosseltern und Verwandte, ja sogar wildfremde Menschen über das Geschlecht des Nachwuchses. «Hauptsache das Kind ist gesund», geben zwar alle Schwangeren politisch korrekt zu Protokoll, fragt man sie danach. Doch insgeheim weiss jede: Es ist nicht egal. Niemand ist dem Geschlecht des Babys gegenüber neutral. Das heisst nicht, dass man ein Mädchen einem Jungen vorzieht, oder umgekehrt. Das heisst nur, dass man sich auf das Geschlecht einstellt. Und die Art und Weise, wie schnell künftige Eltern sich darauf einstellen wollen, sagt viel darüber aus, wie sie die Welt sehen: Haben Sie gern alles im Griff, lassen Sie sich Babys Geschlecht via Test oder Ultraschall bekannt geben, lieben sie Überraschungen, warten sie auf den Moment der Geburt.
Ist das Baby erst auf der Welt, erübrigt sich normalerweise das Rätselraten. Die meisten Eltern sorgen mittels Kleidung und Frisur dafür, dass der Nachwuchs nicht dem falschen Geschlecht zugerechnet wird. Und bald schon sorgt der Nachwuchs selber dafür: Mädchen wollen die Haare wachsen lassen, kaum können sie diesen Wunsch aussprechen. Und viele Jungs kennen sämtliche Automarken lange bevor sie trocken sind.
Von diesen frühkindlichen Geschlechterstereotypen versucht ein Schwedisches Pärchen seinen Nachwuchs fernzuhalten: Ob sie ein Bub oder ein Mädchen bekommen haben, hielten sie bis anhin erfolgreich geheim. Das Kind – das die Schwedische Presse Pop nennt, um seine Identität zu schützen – ist heute zweieinhalb Jahre alt und lediglich ein paar nahe Verwandte , die seine Windeln schon gewechselt haben, wissen ob sie eine Nichte oder einen Neffen, eine Enkelin oder einen Enkel vor sich haben. Pop’s Eltern, beide 24 Jahre alt, kommentieren ihre genderlose Erziehung wie folgt: «Es ist brutal, ein Kind, kaum ist es auf der Welt, mit einem rosa oder hellblauen Stempel zu markieren.» Und so trägt Pop sowohl Röckchen als auch Hemden, die Haare mal kurz und mal lang, gerade wie es Pop gefällt.
Nun ist es ja nicht so, dass Kinder, die nicht Pop heissen, mit zweieinhalb neben ihrem biologischen Geschlecht schon ein unverrückbares soziales Geschlecht zeigen: Viele Buben lieben eine Weile die Farbe rosa. Und mach einer wünscht sich auch ein Spängeli fürs Haar. Meist ist diese Phase kurz und geht vorüber. Trotzdem ist lange nicht allen Eltern wohl dabei, ihren Söhnen diese Wünsche zu gewähren. Mädchen haben diesbezüglich mehr Freiheiten, aber auch sie verhalten sich spätestens im Kindergarten genderkonform.
Was, fragt man sich deshalb, passiert wohl mit einem Kind, das als sozialer Zwitter aufwächst? Dessen Gschpänli keine Ahnung haben, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist?
Die Schwedische Presse zitiert die Endokrinologin Anna Nordenström: «Man weiss nicht genau, wie sexuelle Identität entsteht. Wahrscheinlich ist dafür ein Mix aus hormonellen und sozialen Einflüssen verantwortlich, den wir so genau noch nicht kennen. Ein Kind, das genderlos aufwächst, wird dadurch sicher beeinflusst. Schwieriger zu beurteilen ist, ob es darunter leidet oder ob es ihm gar schadet.»
Machen Pop’s Eltern ein soziales Experiment auf Kosten des Kindes? Oder schenken sie Pop damit ein paar unbeschwerte Jahre, während derer er/sie einfach Kind sein darf, statt Bub oder Mädchen?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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Vielleicht ist das Kind Androgyn und die Eltern wollen nicht, dass es darunter leidet… WAs wissen Sie?
Aus der Praxis. Unserer jetzt 9jährigen haben wir nie Puppen aufgedrängt. Sie klettert auf Bäume besser und schneller als mancher Bub, drückt alle Klassenkameraden beim Armdrücken, schlägt alle Knaben auf dem Schachbrett etc. etc. Um sie in ihrem Bewegungsdrang weiter zu unterstützen bekam sie und ihre ältere Schwester eines dieser chinesischen outdoor-Trampolin. Am intensivsten nutzte sie es mit ihren Freundinnen für das undercover-Puppenspiel. Sie versammelten sich unter dem Sprungtuch und “bäbeleten” dort mit richtigen Bäbis. Es ging um komplexe soziale Fragen: wer kümmert sich um das Kind, deren Mutter Alkoholikerin ist oder so. Sozial hochkompetent. Gefragt, warum sie dort unten spielten, antwortete sie: “Bäbelen ist sehr schön, aber voll uncool heutzutage, ich will nicht dass mich noch jemand auslacht.” Schon die neuenjährigen haben heute die Anforderungen des Zeitgeistes begriffen: Fürsorglichkeit, Sozialkompetenz einüben ist wunderschön, aber bitte nur “undercover”. Ganz anders meine Schwester in den 1970er Jahren: sie promenierte noch bis zur 5 Klasse mit ihrer Freundin mit ihren bäbis die dorfstrasse hoch und runter und obwohl sie eher mit dem älteren Bruder drohte als die Knaben selber aufs Kreuz zu legen, hatte sie gar keine bedenken “ausgelacht” zu werden.
«Man weiss nicht genau, wie sexuelle Identität entsteht. Wahrscheinlich ist dafür ein Mix aus hormonellen und sozialen Einflüssen verantwortlich, den wir so genau noch nicht kennen.
Ziemlich fragwürdig dieser Satz. Glaube nicht, dass die Natur, das so eingerichtet hat.
Da man dieses Phänomen auch bei den Tieren beobachten kann und die ja nicht diese gesellschaftlichen Normen pflegen, scheint es mir wiedermal ein akademiker Geschwätz zu sein.
@Maja
“Da man dieses Phänomen auch bei den Tieren beobachten kann und die ja nicht diese gesellschaftlichen Normen pflegen, scheint es mir wiedermal ein akademiker Geschwätz zu sein.”
Was für ein Phänomen hat man denn bei Tieren genau beobachtet? Die menschliche sexuelle Identität (wie sie hier in diesem Zusammenhang angesprochen wird) ist eine komplexe Angelegenheit, es geht um weit mehr als “nur” darum, wer schwanger wird und den Nachwuchs in den ersten paar Monaten füttert. Es geht zum Beispiel darum, warum Mädchen lange Haare und rosafarbene Kleider tragen wollen und die meisten Jungens lieber sterben würden als mit langen Haaren in der Gegend rumzurennen. Die Frage ist, ob solche Unterschiede in den Genen liegen, oder ob sie sozial erlernt worden sind. Da kann man lange das Tierreich untersuchen, eine einheitliche Antwort wirds nicht geben.
Vielleicht ist das Kind auch einfach zwischengeschlechtlich? Viel häufiger als viele denken kommen Kinder auf die Welt, bei denen die Frage “Mädchen oder Bub?” nicht eindeutig beantwortet werden kann. Ist das so schlimm? Was passiert, wenn die Gespänli nicht wissen, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist? Es gibt Eltern, die diesen Weg gehen, weil sie ihr zwischengeschlechtliches Kind nicht in eine Schublade pressen wollen, in die es nicht hineinpasst.
Wer mehr wissen will: http://www.intersex.ch, http://www.si-global.ch und http://www.zwischengeschlecht.info
Erst wenn das Kind von der Gesellschaft mitgeformt wird- also spätestens im Kindergarten und in der Schule; erst wenn es seine sekundären Geschlechtsmerkmale zu unterscheiden weiss (Identität “entsteht” auch durch Feststellung einer Differenz); also schlussendlich erst, wenn wenn dieser Mensch in Kontakt zur Aussenwelt kommt- und auch von aussen, von den Menschen ausserhalb der engeren, rein familiären Bezugsgruppe sozialisiert wird, lassen sich einigermassen seriöse Rückschlüsse im Bezug auf die sexuelle, biologische und soziale identität aus diesem Experiment ziehen, vorher nicht.
In diesem Entwicklungsstadium lässt sich darüber noch gar nichts sagen.
Pop???? Den Eltern sollte man eine Runterhauen. Sollen Sie doch selber an sich experimente machen und nicht das Kind dazu gebrauchen.
@ suze: weshalb sind Sie so versessen darauf, dass dieses Kind zwischengeschlechtlich sein soll? Das ist typisch, kaum wollen die Eltern einen Stereotyp verhindern, wird das Kind gleich in eine neue Schublade geschoben.
Ich persönlich ziehe meinem Jungen Jungssachen an, weil mir die einfach besser gefallen. Auch ein Mädel hätte vermutlich hellblaue Hosen anzuziehen bekommen, da ich mir nichts aus rosa mache. Wenn dann jemand das Geschlecht falsch einschätzt, who cares?
Man kann doch sein Kind anziehen, wie man will, und trotzdem sagen, was es ist. Ich denke, für das Kind wird es eher seltsam sein, wenn es sich selbst nicht wirklich zuordnen kann. Wäre interessant zu sehen, wo es sich im Kindergarten einordnet: wenn es mit den Jungs spielt, ist es ein Junge oder ein Tomboy, wenn es mit den Mädels spielt, ist es ein Mädel oder ein femininer Junge?
Mein Boy kann sich gerne die Haare wachsen lassen und mit Puppen spielen, wenn er will, das ist mir egal. Aber der Welt verschweigen, was er ist, wäre doch sehr weit hergeholt..
@Suze II: Vielleicht auch nicht und die beiden sind Gender-Extremisten. Whatever. Ich finds komisch.
Tja, liebe Maja, wenn Wissen über die “Natur” eine Frage des “Glaubens” wäre, dann wäre die Erde noch eine Scheibe. Die Endokrinologin spricht übrigens von “sexueller Identität”, nicht von der Tatsache, dass die menschliche Spezies sich sexuell fortpflanzt. Und wenn schon wieder mal das Tierreich bemüht werden muss: da gibt es allerhand Formen und Varianten von “Sexualität”. Aber was kümmern solche Details, wenn man auch einfach das glauben kann, was man glauben will. “Akademikergeschwätz”, das offen legt, was man nicht so genau weiss, ist allerdings allemal interessanter.
note to self:
erstellen neuen eintrag auf liste “wie man/frau kinder nicht erziehen soll”
Nachdem Dachau und Treblinka geschlossen sind, ist es um Menschenexperimente schlecht bestellt. Der feministische Wissenschaftler John Money hat dann aber vor ein paar Jahrzehnten ein vergleichbares Experiment mit Bruce Reimer durchgeführt. Geendet hat es mit dem Selbstmord des Versuchskaninchens! Nah ja, mit Verlusten muss halt gerechnet werden! Hoch lebe die Genderwissenschaft!
@Urs
Die beiden Experimente lassen sich doch nicht vergleichen, bei Bruce Reimer wurde chirurgisch massiv eingegriffen, das ist ein himmelweiter Unterschied. Ich hoffe doch sehr, “Pops” Eltern werden ihr Kind nie dazu zwingen, geschlechtsneutral zu wirken. Sobald “Pop” genug selbständig ist und unter Altersgenossen kommt, wird es sich wahrscheinlich in eine Gruppe einfügen wollen.
“Hoch lebe die Genderwissenschaft!”
Es gibt auch in diesem Bereich sehr viele Wissenschaftler, die Experimente an einem Menschen, der nicht selbst entscheiden kann, ablehnen. Die Genderwissenschaft hat einige interessante Aspekte aufs wissenschaftliche Parkett gebracht, sie einfach so per se zu verteufeln, ist ein wenig kurzsichtig, finde ich.
@Thomas: Gewalt hilft niemandem… Zudem heisst das Kind nicht “Pop” (siehe ursprünglichen Artikel)
Ich finde es mutig so was zu tun, denn es ist, selbst in einem so emanzipierten Land wie Schweden (bin seit 17 Jahren hier) schrecklich zu sehen wie schnell/früh Kinder in die traditionellen Geschlechtsrollen (die nichts mit Biologie zu tun haben müssen) schlüpfen und dann ein Leben lang teuer dafür zahlen müssen. Je mehr bewusst wir sind, je mehr wir lernen, desto besser für uns alle.
Nachtrag:
Der Fall David Reimer ist kein genderwissenschaftliches Experiment, sondern ein sexualwissenschaftliches. Zu diesem Zeitpunkt gab es den Begriff “gender” gar noch nicht. Die Genderwissenschaft hinterfragt nicht das sexuelle, körperliche Geschlecht, das ja nicht veränderbar ist, sondern eben die soziale Konstruktion von Geschlechtlichkeit.
Die Sexualität der Tiere mit der Sexualität des Menschen gleichzusetzen ist ein gefährliches unterfangen und sollte nur als grundlegendes Argument verwendet werden, alle weiteren Vergleiche sollte tunlichst vermieden werden, da einfach Komplexitäten bei der humanoiden Sexualitäten ausgeprägter sind, als bei einem Tier.
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“Ziemlich fragwürdig dieser Satz. Glaube nicht, dass die Natur, das so eingerichtet hat.” von Maja
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Alles was existiert wird und wurde von der Natur so eingerichtet.
Wenn die Natur etwas nicht gewollt hätte, so gäbe es gar nicht die Möglichkeit einer Existenz desselbigen.
Somit sollte die Diskussion beendet sein, ob etwas hier natürlich ist oder nicht, alles was aus der Natur kommt ist natürlich und somit ist jedes Vorkommnis, dass wir erleben als natürlich zu betrachten.
@ Urs
Wollen Sie eigentlich die Frauenrechtlerinnen mit den Nazis vergleichen? Das ist in den letzten Jahren zur Lieblings-Reaktion all jener geworden, die sonst keine Argumente und meist auch vom Thema und den Hintergründen keinen blassen Schimmer Ahnung haben – mit anderen Worten: von dummen Polemikern, die irgend einen persönlichen Frust loswerden müssen und das am allerliebsten in der Anonymität des Internets tun. Naja, der Nazi-Vergleich schockt ohnehin nicht mehr wirklich, seit er für alles und jedes verwendet wird, was einem nicht in den Kram passt.
@ Urs: die reisserischen Worte der KZ’s mal weggelassen, ist Ihr Kommentar auch sonst seltsam: wie ich den Artikel verstehe, geht es diesen schwedischen Eltern eben gerade darum, das Kind NICHT in ein Schema zu zwängen, während der Fall Bruce/Brenda Reimer darauf hinaus lief, aus einem Jungen ein Mädchen zu “machen”. Sofern “Pop” nicht “zwangsneutral” erzogen wird, finde ich es schön, dem kleinen Kind die Freiheiten zu lassen womit und mit wem es spielen will ohne Klischees und Schubladisierungen.
@Christian
“alles was aus der Natur kommt ist natürlich und somit ist jedes Vorkommnis, dass wir erleben als natürlich zu betrachten”
Genau! Ich hab die “natürlich” – “unnatürlich” Debatte auch satt, und erstrecht die (unbedarften) Tiervergleiche, die meist von Menschen aufs Tapet gebracht werden, die gar keine Ahnung von Biologie und Tierverhalten haben.
ALLES ist natürlich – also auch Frauen, die nicht kochen können, die gut Auto fahren, die stark in Mathe sind, die keine Kinder haben wollen, die sich im Militärdienst bewähren, Mädchen, die sich prügeln und auf Bäume klettern, Frauen, die mehr Geld verdienen als Männer, Frauen, die Frauen lieben, Abtreibung, Männer, die gerne und gut über zwischenmenschliche Probleme reden, die schwul sind, schwule Paare, die ein Kind grossziehen, Männer, die Probleme NICHT mit Gewalt lösen müssen, Männer, die auf innere Werte achten usw. usf.
Ausserdem disqualifizieren sich Leute selber, die z.b. grossspurig behaupten, Homosexulität oder Abtreibung seien “unnatürlich” – weil das nämlich nicht stimmt und die Leute dann wiederum nur die Tierwelt und die entsprechenden mannigfaltigen Beispiele für eben gerade solches Verhalten nicht kennen.
Es ist halt einfacher, eine dumme, polemische Schnauze zu haben als den Sachen differenziert nachzugehen und darauf zu verzichten, die Welt in Schwarz und Weiss einzuteilen…
Der Feminismus und der Nationalsozialismus haben vieles gemeinsam. Die einen wollen den neuen geschlechtsneutralen Menschen, die andern den neuen arischen Menschen erschaffen. Für die einen ist der Mann das Böse schlecht hin, für die andern der Jude! Die einen erobern “Männerbastionen”, die andern mehr Raum im Osten. Neuer Mensch erschaffen, andere Menschen dämonisieren, neue Räume erobern – bei solchen Forderungen kann jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand nur noch den Kopf schütteln!
Bruce Reimer wurde nicht nach seiner Meinung gefragt. “Pop” wurde ebenso nie gefragt. Und die ideologische Stossrichtung ist beim vorliegenden Experiment sehr wohl die gleiche wie bei Bruce Reimer! Ich habe auch nicht gesagt, es sei das gleiche, sondern ein vergleichbares Experiment. Kinder sind aber nicht dazu da, dass man mit ihnen Menschenversuche macht!