Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 16. Juni 2009

Mütter aller Modesünden


Ich tue das hier ungern. Denn guter Stil ist natürlich keine Autobahn, sondern eine verwinkelte Stadt mit unübersichtlicher Verkehrsführung, versteckten Plätzen, komplizierten Zu- und Ausfahrten. Stilkritik ist deshalb ein heikles Geschäft, das schnell selbst in die Irre führt. Dennoch weiss wohl jede Mutter aus Erfahrung, wie der Einfluss gewisser Hormone den Orientierungssinn empfindlich zu stören vermag, sodass man zuweilen keine Ahnung mehr hat, wo man modisch steht und wohin die Reise gehen soll. Mütter, so viel steht fest, kleiden sich aus naheliegenden Gründen gern bequem, schliesslich macht es keinen Sinn, mit Highheels im Sand herumzustöckeln oder das schicke weisse Leinenkleid am frisch gemähten Parkrasen einzugrünen. Trotz allem gibt es Ausfahrten, die Sie meiden sollten. Wenn Sie sich bei den unten aufgeführten Müttern aller Modesünden wiedererkennen, ist das ein Zeichen, dass sie falsch gefahren sind und sich Gedanken machen müssen, wie sie in die Stadt zurückfinden.

1. Mom Jeans: Diese Hose muss ein ästhetischer Sadist erfunden haben, denn sie wirft ein denkbar unvorteilhaftes Licht auf alle Schwachstellen des weiblichen Körpers post partum. Trotzdem wird sie kurioserweise mit Begeisterung von Müttern getragen. In der Taille festgezurrt, verströmt die Mom-Jeans den Charme eines Abfallsacks, drückt den Hintern flach und zur Seite, lässt den Bauch vorspringen und zieht im Schritt. So sehr Modemacher in den letzten Jahren versuchten, diesen Schnitt als den letzten Schrei zu rehabilitieren, lassen Sie die Finger davon.

2. Andererseits: Wenn Ihre Jeans so tief geschnitten sind, dass Sie ohne Bikini-Waxing nicht mal daran denken können, sie zu tragen, dann sollten Sie ihre Garderobe ebenfalls noch mal überdenken. Mamas müssen sich nämlich dauernd nach vorne beugen, um ein Kind oder einen Schnuller aufzuheben. Wer dabei dauernd seine Hinterbacken entblösst offenbart sich auch nicht gerade als Liebhaber des guten Stils.

3. Ökologisches Bewusstsein ist eine gute Sache – aber muss man deswegen zeltförmig geschnittene Oberteile tragen? Oder mit pflanzenfarben gefärbte Filzwesten? Nein. Kaufen Sie ihr Essen im Bioladen – aber im Zeitalter, da es schon Haut-Couture in Bio-Qualität gibt darf man sich eingestehen, dass der Pflanzenfarben-Öko-Groove eine ästhetische Umweltverschmutzung ist.

4. Wenn sich im Überlandbus dauernd fremde Menschen auf Sie setzen wollen, könnte das daran liegen, dass ihre bunt gemusterten Jacken und Blusen nicht zu unterscheiden sind von den schrecklichen Design-Verbrechen, mit denen öffentliche Verkehrsbetriebe ihre Sitze zu beziehen pflegen. Derselbe Fall könnte vorliegen, wenn ihr Mann nicht mehr mit ihnen spricht – vielleicht verwechselt er Sie mit der Tapete. In diesem Fall sollten Sie erwägen, ihre gesamte Garderobe der Heilsarmee zu spenden und sich bei einer Stilberatung anzumelden.

5. Bequemes Schuhwerk in Ehren, aber Mokassins im Francine-Jordi-Stil, Crocs und Birkenstock-Sandalen sollten den Orbit ihrer Wohnung niemals verlassen – auch nicht, wenn sie von Heidi Klum designt sind.

6.Wer eine Brille mit rotem Rand trägt ist entweder in den Wechseljahren, der SP oder hat sonst ein grösseres Problem. Alle andern lassen die Finger davon.

162 Kommentare zu „Mütter aller Modesünden“

  1. Franco sagt:

    Mom Jeans haben diesen un-urban bourgeoisen Sex-Appeal, der sich offenbar von Mittelosteuropa über den nördlichen Teil Europas bis weit in den Bible Belt der USA hinzieht – die weissen Socken und die Tennisschuhe bitte nicht vergessen. Wenn aber un-hellblaue Mom Jeans mit Schuhen mit hohen Absätzen getragen werden, ändert sich meine hormonale Tonlage sofort.

    Meine Gedanken schweifen dann in ein braves Eltern-Schlafzimmer, wo aber auch Unbraves abgeht, sobald die Kinderlein eingeschlafen sind….

  2. Franco sagt:

    Mom Jeans II: Wenn ich an all die Mütter denke, die ich vom Kindergarten bis zur Sekundarschule meiner Söhne an Elternabenden, Schülerabenden, Klassenanlässen etc. anschauen musste, dann sind mir Mom Jeans echt noch lieber als Miss Sixty-Jeans an leicht übergewichtigen Hausmüttern. Denn lieber hochgeschlossene, kurvige Mom-Hosen als ein peinlicher Blick auf Bauchnäbel, die schon leicht nach Wechseljahren riechen, inklusive Speckrand.

    Unter diesen Umständen sind Mom Jeans wirklich die bessere ‘Alternative’. Am liebsten würde ich den Deutschschweizer Müttern als Stil-Hint aber mitgeben, sich doch wieder mal zu überlegen, ob ein normaler Rock nicht vorteilhafter wäre – für alle.

  3. 14 jahre altes mädchen sagt:

    Igitt Mom- Jeans sind echt grausam. Aber zu tiefgeschnitten geht natürlich auch nicht. Vor allem nicht, wenn man älter ist als 40 wie meine Mom. Zum Glück trägt sie so was nie. Und das mit dem Muster…Naja, wenn man c.a. 10 jahre ist geht dass ja, aber sonst..ne, ne.
    Also schönen Silvesterabend zusammen.

  4. Maximilian sagt:

    Ganz furchtbar finde ich auch diese Brooklyn-Kapuzenjäckchen…

  5. Olga Baumgartner sagt:

    Warum nicht selbst sein? Das ist das ganze Geheimnis einer erfolgreichen Erscheinung! Wenn Jemand ein Windhund ist, sollte er sich nicht bemühen, wie ein Pekinese auszusehen ! -
    Eine Frau soll aussehen, wie ein junges Mädchen, auftreten, wie eine Lady, denken, wie ein Mann, – und arbeiten wie ein Pferd !!!

    Deine Kleidung sollte eng genug sein, um zu erkennen, dass du eine Frau bist. – Und sie soll weit genug sein, um zu zeigen, dass du eine Dame bist !-

    Wenn hohe Absätze so toll wären – würden die Männer sie tragen ! -

    Wenn man nicht weiss, was man zu einer Gala anziehen soll,kommt man amBesten als Erste, – Dann haben die Andern das Gefühl, falsch angezogen zu sein !!!–

  6. Markus sagt:

    ich weis nicht was ihr alle habt. ein paar normale jeans können wenn die figar stimmt, ganz ordentlich aussehen. mir ist das lieber als die knallengen, immer schwarzen, fusslosen, fast strumpfhosen genannt leggins bei den man bei manchen trägerinnen gleich die wünsche von den lippen ablesen kann.
    dann lieber den gepflegten herrn den ich diese woche an der bahnhofstrasse im schwarzen kilt (oberteile hemd krawatte und passenden veston) gesehen habe. er wahr mit garantie der blickfang des ganzen sektors. aber leggins……alle tragen die dann sieht es wirklich schon fürchtelich aus. kein individualismus mehr. da kommt mir mama mit jeans und einer lockeren bluse oder einem hemd gerade recht. das verströhmt lässige sportlichkeit. oder wie währe es denn mit einem netten kleidchen? passend zum herrn im kilt, versteht sich.:)

    • Pippi Langstrumpf sagt:

      Ich liebe Schottenkilts, seit ich meinen ersten bekam als kleines Mädchen, rotkariert, habe ich immer welche. Die dunklen blaugrünen, lang und schmal, mit der Nadel vorne, habe ich am liebsten. Diese klassischen Teile kommen nie aus der Mode, sehen immer gut aus, zeitlos.

  7. Eremit sagt:

    Ein witzig geschriebener Text. Ausser dem Punkt drei kann ich dem zustimmen. Wobei, ich wage zu behaupten, dass die beste “Modebratung” für eine Frau ihr Mann ist, sofern frau sich auch ganz lieb benimmt.

  8. Karin Imhof sagt:

    Ist Aussehen sooo wichtig ? Bedienen wir da nicht wieder einmal sämtliche Vorurteile der Männer ?
    Macht lieber mal wieder etwas Sport. Dann macht ihr auch in Mom-Tschiins noch eine gute Falle oder anderst herum -jemand mit Speckreifen hätte eigentlich ein anderes Problem anzugehen als hier über bequem, gesund und durchaus sinnvolle Crocks zu lästern.
    Wer sich wohl fühlt in der eigenen Haut, dem kann die Schale der anderen egal sein!

  9. Regula sagt:

    Einer der Punkte, warum ich gerne wohne, wo ich wohne. Wir machen uns keine Gedanken über Kleider.

  10. Marco sagt:

    LOL! Hab ich was verpasst in meinem Leben? Ich habe noch nie jemanden in wirklich gesehen, die solche Hosen trägt. Ich hoffe die Autorin dieses Textes schon. SIeht denn eine Burka mit dem 2×10cm Sehschlitzen mit Fliegennetz besser aus.

  11. Rose sagt:

    Liebe Frau Kapuzenjäckchenfrau. Sie gesegnete Frau, die keine anderen Sorgen hat, als sich über den Kleiderstil auf der Strasse lustig zu machen. So what? Das Leben ist bunt und schräg und unperferkt. Ebenso die Menschen – inklusive Mütter. Ist Ihnen der Stoff für andere Themen ausgegangen?

  12. Reto sagt:

    Grässlich, nun hat die Mütterpolizei wieder ‘mal zugeschlagen: typisch germanischer Raum / inkl. Schweiz… Schulmeisterinnen an jeder Ecke und jedem Ende!!! Besserwissen und Belehrungen sind wie religiöser Fanatismus und verletzen zwangsläufig Andersdenkende oder eben anders Gekleidete. Ich denke auch mal einiges über die Mode und ihre Erscheinungen, welche nun nicht bei allen Körpern passt – aber eben nur denken und nicht bewerten. Die 80er waren das Jahrzehnt aller Modesünden; sagt man… aber wer denn? wer ist pacemaker oder die Modebibel? Und wer sagt in Zehn Jahren: och wie grässlich kleideten sich die Leute im 2010?!!

  13. Martina sagt:

    Ich habe eine 34-er Figur, bin 1.73 cm gross und trage gerne Lederjeans – leicht abwaschbar – und meist hohe Hacken mit verdecktem Plateau – bin doch immer noch gerne mich selbst und nicht ein Huscheli-Weibchen!

  14. black swan sagt:

    Pünkte 2, 5 und 6: ich stimme 100% zu!

  15. Christoph Schwegler sagt:

    Frau Binswanger, aber Fotos richtig zu beschriften wäre eine Autobahn… “mode7.jpg”, “mode8.gif”, “filz2.jpg”. Guter Stil? Oder einfach unkompliziert und praktisch? Und wie finde ich jetzt wieder in die Stadt zurück?

  16. Niklaus Schorno sagt:

    Sehr geehrte Frau B, niemand nötigt zu ästhetikfreiem Auftreten. Doch was ist denn Ästhetik? Ist es wirklich das vom Marketing- und Medienapparat diktierte Magersuchtideal und für Männer die Hollywood-Heldenmaske? Oder hat das Leben nicht dochmehr leicht mehr zu bieten, als Hochglanzprospektuniform und Catwalk-Darwinismus? Schauen Sie den Menschen im Bus und auf der Strasse auch mal ins Gesicht und beobachten, was diese für Geschichten erzählen? Vielleicht nicht in Idealmassen, aber dafür echt. Oh wie wäre das Leben elend, wenn wir nur der marketing-medialen Wahrheit gehorchen würden.

  17. margrit aegerter sagt:

    Sehr geehrter Frau B. Kleider machen Leute. Das ist schon richtig. Aber Menschen sind nun mal verschieden gebaut; es gibt Körper welche immer dünn bleiben. (Vielleicht auch nur mit diszipliniertem und hartem Training) Andere sind weicher gebaut, haben vollere Formen. Ich finde ihre Auswahl an sogenannten Modesünden völlig übertrieben ! Die Dame mit den Musterjeans hat vermutlich andere Sorgen. Es sieht nämlich so aus als wäre sie gehbehindert.
    Und Kleider machen Leute ABER Kleider sind nicht alles!

  18. Rolf Hefti sagt:

    Ekelhaft schauerlich, mit welchen existenzbedrohenden Problemen Goldkrustenfrauen sich herumschlagen müssen. Zum Glück bin ich dick, dumm und Arm.

  19. N. Stiffler sagt:

    Wie wär MIT Bildern?

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