Leben


Michèle Binswanger am Donnerstag den 11. Juni 2009

Cool oder uncool mit Kids?

Gehören Babys wirklich in jeden Kontext?

Gehören Babys wirklich überall hin?

Bevor wir Eltern wurden, gehörte der gemeinsame Ausgang für meinen Mann und mich, wie für die meisten Paare, zum Courant normal. Seit wir Kinder haben, sind die Gelegenheiten seltener und damit wichtiger geworden. Wären mein Mann und ich der Schweizer Fussball, so hätten diese Ereignisse den Stellenwert eines Auswärtsspiels der Nationalmannschaft gegen, sagen wir, Brasilien. Die Vorfreude ist gross, die Vorbereitung solide. Freunde des Sports halten sich den Abend frei.

Nun hatten wir jüngst mal wieder das Vergnügen. Der Mannschaftsbus lieferte uns in einem unserer bevorzugten Restaurants ab, wo wir uns bei Wein und erwachsenen Gesprächen aufwärmen wollten. Am Nachbartisch sass ebenfalls ein Elternpaar. Im Unterschied zu uns, hatte dieses aber das Juniorenkader im Schlepptau: Ein knapp einjähriges Kind, das die ganze Aufmerksamkeit der Mutter absorbierte, welche es ununterbrochen angurrte und irgendwelche Rasseln vor seinen Augen schwenkte. Der Mann stocherte derweil missmutig in seinen Kalbsleberli mit Rösti und wartete vergebens auf das entscheidende Zuspiel der Gattin.

Bei der Art-Vernissage am Dienstag waren ähnliche Szenen zuhauf zu beobachten. Eltern, die mit verzweifelter Miene versuchen, gleichzeitig Kunst anzuschauen, ihre Babys zu beruhigen und das aufgeschlossene Elternpaar zu spielen. Dabei ist es für einen Profi offensichtlich, dass da ein Anfängerfehler vorliegt.

Als ich Kinder bekam, fragten mich meine allesamt kinderlosen und mit Kindern unerfahrenen Freundinnen, warum Familien ihre Leben so sehr umstellen und alles auf die Kinder zuschneiden. Das sei so spiessig. Man könne die Kleinen zu einem geselligen Abend doch einfach mitbringen?

Natürlich haben wir das, wie die meisten jungen Paare, ausprobiert. Und es war dann etwa so, wie wenn ein Kettenraucher einen Event der Anti-Tabakliga besucht: dauernd muss er nach draussen rennen, um eine zu paffen und fragt sich dabei, was er hier verloren hat. Genauso, wie Eltern bei solchen Essen dauernd von ihren Babys abgelenkt werden, mit Windeln wechseln, Cracker füttern oder indem die Kleinen zum Zwecke der Beruhigung herumgeschleppt werden müssen.

Also fügte ich mich ins Spiesser-Schicksal und trenne heute den Bereich Familie und Gesellschaft. Nicht, weil ich nicht zur Generation Cookie (Cool with Kids) gehören möchte, wie die «SonntagsZeitung» sie jüngst porträtierte. Diese, so argwöhnte die Zeitung, verstehe ihren Nachwuchs als Accessoire und schleppe ihn deshalb zu Vernissagen, Ladeneröffnungen und in coole Restaurants. Aber ist das wirklich so? Oder sind diese Empfindlichkeiten nur Auswüchse unserer missmutigen, kinderfeindlichen Gesellschaft?

Ich denke eher, es geht weniger um Mode, als um den Versuch junger Eltern, sich von der neuen Lebensform nicht einschüchtern zu lassen. Immerhin lernen die meisten Paare schnell, dass allen gedient ist, wenn man nicht versucht, den neuen Elternlifestyle mit dem alten Ausgangs-Ich zu kombinieren. Spätestens dann dürfen sie sich zur Elite des Sports rechnen.

64 Kommentare zu „Cool oder uncool mit Kids?“

  1. Marco Lardi sagt:

    Und dann noch dies, für alle denen die coolheit abhanden gekommen ist und sich scheiden lassen: http://www.1eltern.ch

  2. Paul Boller aus Andelfingen ZH sagt:

    Was klein kinder und jugendlich nicht gehört ist z.b. Street-Parade,Konzerte,Fussball und Eishockey,Raucher zone, Alkohol und Rauchen,1 Mai und gewalt szene. Anstonst ist mir egal ob sie im Restaurant,Kino,Ski und Snowboard

  3. Silvia Waddenbrook sagt:

    Liebe Eltern. Kinder sind was wunderbares. Jedoch gibt es auch Menschen, die Kinder zwar mögen aber auch gerne ein schönes Nachtessen mit dem Partner im Restaurant ohne Kindergeschrei und Kindertrubel geniessenn wollen. Schreiende Babys, Windelgestank und im Restaurant umherrennende Kinder sind nicht Jedermanns Sache! Ich persönlich fühle mich davon gestört. Als bitte beachtet auch die Bedürfnisse anderer – nicht nur die eigenen.

  4. Andrea Mordasini, Bern sagt:

    Ich bin zweifaches Mami (Bub 27 Monate, Mädchen 9 Monate) und ziemlich schockiert über die teilweisen recht kinderfeindlichen Kommentare.

    Eines vorweg: Ja, ich bin stolz und glücklich Mami zu sein, und finde das cool! Und ja, ich bin mit meinen beiden Kindern oft und viel unterwegs, sei es im Bad, im Zoo, beim Einkaufen in der Stadt und sogar an Parties bei Freunden. Solange die Kleinen dabei Spass haben und sich und andere nicht gestört fühlen, sehe ich kein Problem. Schön, dass ich unterwegs bis jetzt selten bis gar nie schlechte Erfahrungen machen musste. Unterwegs mit dem ÖV (bin nicht mobil) wird mir oft einfach so ins Tram/in den Bus rein und raus geholfen und drinnen Platz gemacht. Schade, dass andere nicht so rühmen können wie ich. Aber vielleicht liegts auch ein wenig an meinem unkomplizierten und freundlichen Wesen? Denn, wie sagt man so oft: „C’est le ton qui fait la musique“ oder „wie man in den Wald ruft, so tönts hinaus“.

    Sollen wir Eltern tatsächlich aus Rücksicht vor genervten Kinderlosen und „Kindergeschädigten“ tagein tagaus zu Hause rumsitzen? Nein, ganz bestimmt nicht! Auch wir haben das Recht, das Familienleben ausserhalb der eigenen vier Wände zu geniessen. Bei Einladungen an Feste befolgen mein Mann und ich folgende Regeln:

    1. Sind Kinder überhaupt erwünscht? Wenn nicht, dann auch ok, so haben wir mal wieder einen Abend für uns . Dann wird eben ein Babysitter organisiert, der bei uns zu Hause die Kinder hütet (Mami, Schwiegermutter, Götti, Gotte, beste Freundin,…). Ich lege viel Wert darauf, dass die Kinder zu Hause in ihrem Bettchen und in ihrer gewohnten Umgebung schlafen und am morgen wieder aufwachen können.
    2. Wo wird das Fest stattfinden und wie viele Leute werden in etwa anwesend sein? Falls zu viele, verzichte ich liebend gerne auf den Event oder organisiere Babysitter.
    3. Bei (zuviel) Rauch, Lärm etc. kommt für uns ein Besuch mit Kindern ebenfalls nicht in Frage.

    Ich habe kein Problem, zugunsten der Kinder auf irgendwelche Anlässe zu verzichten. Ich gehe nach dem Prinzip weniger ist mehr und geniesse dann diese besonderen „Ausgänge“ umso mehr. Mühe habe ich hingegen mit Eltern, welche ihre Babys und Kleinkinder überall hinschleppen und präsentieren müssen, ohne sich Gedanken zu machen, ob sich die armen Kleinen dabei wohl fühlen. Nur weil die Eltern auf nichts verzichten wollen und am liebsten ihren gewohnten Lebensstil nach dem Motto „vor dem Kind ist nach dem Kind“ weiterführen wollen, werden die Kleinen an „jede Hundsverlochete“ mitgenommen. Das finde ich voll uncool! In diesem Falle sind nicht in erster Linie die bösen Kinderlosen verständnislos und kinderunfreundlich, sondern leider die Eltern…  Dass Kleinkinder nicht an ohrenbetäubende Musikfestivals und in verrauchte stinkige Lokale gehören, sollte jedem mit etwas gesundem Menschenverstand selbstverständlich sein! Leider habe ich schon das Gegenteil erlebt (Gurtenfestival, Streetparade!…) Dies ist nicht nur verantwortungslos, sondern schlichtweg egoistisch und hat mit cool und locker nicht das Geringste zu tun!

    Das heisst jedoch nicht, dass Mütter und Kinder nirgends mehr hinsollen, im Gegenteil! Kinder sind unsere Zukunft, die Gäste und Kunden von Morgen! Es darf nicht sein, dass in unserem „modernen“ Zeitalter eine stillende Mutter und ihr Kind aus einem Lokal geworfen werden und Kindern der Zugang zu Restaurants verwehrt wird.

    Ein wenig mehr Toleranz, Rücksicht und gesunder Menschenverstand seitens der Kinderlosen und der Eltern – und die Welt mit Kindern sieht schon wieder viel besser aus… auch im Restaurant, an der Party oder wo auch immer ! Ein wenig mehr Miteinander und Füreinander statt Gegeneinander kann doch nicht so schwer sein, oder?!

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