Leben


Nicole Althaus am Dienstag den 9. Juni 2009

Das Netz nützt

Wer tummelt sich da im Netz?

Mehr Alptraum als Realitat: Pädophile Gefahr aus dem Netz

Seit es Medien gibt, wird deren Gebrauch hinterfragt. Und jede Elterngeneration kennt die Angst, das neue Medium könne die Kinder verderben. Die heutigen Mütter und Väter sind mit der Losung aufgewachsen, zuviel TV-Konsum mache dumm. Der Fernseher wurde zum Gegner des Buches hochstilisiert und aus der intellektuellen Stube verbannt. Davor war der Radio schuld, dass die Jugend nicht mehr selber musiziert. Heute sind Computer und Internet in die Gefahrenzone des elterlichen Medienradars gerückt: Die grösste Angst, so zeigen die Kommentare, haben Eltern vor dem Kontakt ihrer Töchter und Söhne mit pornografischen Inhalten und pädophilen Übergriffen auf ihre Kinder.

Die Angst ist verständlich aber in Bezug auf letzteres offenbar übertrieben. Das behaupten zwei neue Studien, welche das Gefahren- und Lernpotential der neuen Medien unter die Lupe nahmen. Die Harvard-Studie über die Risiken, denen Kinder im Internet ausgesetzt sind, kommt zum Schluss: «Das Internet ist für Kinder weniger gefährlich als oft befürchtet wird.» Ein Jahr lang haben Wissenschafter und Repräsentanten von 30 Firmen, darunter Facebook, AOL und MySpace, untersucht, wie gross das Risiko ist, dass Kinder und Jugendliche im Netz sexuell belästigt und von Erwachsenen zur Kontaktaufnahme verführt werden – es ist statistisch sehr klein. Und betrifft vorab Kinder, die auch ausserhalb der virtuellen Welt  gefährdet sind, weil sie vernachlässigt werden oder unter familiärer Gewalt leiden. Der Pädophile, der im Netz nach Kindern angelt, ist also, glaubt man den Harvard-Daten,  mehr elterlicher Alptraum als soziale Realität. Grösser allerdings ist laut der Studie das Risiko des Cyber-bullying und die Gefahr, dass anrüchige Fotos, die sorglos ins Netz gestellt werden, unter Umständen ein Leben lang Folgen zeitigen.

Aufklärung ist also nötig, elterliche Begleitung sowie zeitliche Limitierung  sinnvoll. Schaden aber würde ein Verbot. Denn laut der zweiten Studie ist es alles andere als Zeitverschwendung, wenn Kinder den Computer zur Kommunikation nutzten. Die Untersuchung mit dem Titel «Living and Learning with New Media» nämlich betont, dass die Jugendlichen im Netz  nicht nur die technologischen Fertigkeiten für ihr zukünftiges Berufsleben erwerben, sondern auch die neuen Formen der Kommunikation kennenlernen. Nicht zuletzt, so die Autoren, erprobten die Jugendlichen online schon vor Berufseintritt, wie man eine öffentliche Identität aufbaue und manage. Das ist im Zeitalter der Ich-AG eine gute Lektion.

17 Kommentare zu „Das Netz nützt“

  1. Peter sagt:

    Super!
    Internetfirmen haben untersucht, ob der Gebrauch vom Internet gefährlich ist…
    Es gab mal eine Studie, die tatsächlich belegte, dass Rauchen nicht ungesund sei. Bezahlt wurde die Studie von der Tabakindustrie. Und an der Uni Lausanne hat man in einer Umfrage unter allen Studierenden herausgefunden, dass Kiffen intelligent macht, den alle befragten Kiffer waren schliesslich Studenten …
    Übrigens haben auch Firmen in der Online-sucht- und Internet-Sucht-Prävention eine neue CD/DVD herausgegeben…
    Manchmal frage ich mich, ob ich hier verkehrt laufe…?

  2. Mike sagt:

    Interessant: “Grösser allerdings ist laut der Studie das Risiko des Cyber-bullying und die Gefahr, dass anrüchige Fotos, die sorglos ins Netz gestellt werden, unter Umständen ein Leben lang Folgen zeitigen.”

    Dieser Satz passt doch gut zu Micheles Biswangers Artikel “DIe öffentliche Kindheit”.
    http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/2542/die-offentliche-kindheit/

  3. Mamuschka sagt:

    Angst rührt ja meistens daher, dass man etwas nicht genau kennt. Kein Wunder also, wenn die Elterngeneration die Gefahren im Internet wittert und sich dabei meistens damit zufrieden gibt, die schlimmsten Ausprägungen aus der Presse zu zitieren ohne dies in einen Kontext einordnen zu können. Natürlich verändert das Netz das Leben und natürlich sind für den Umgang damit spezifische Kompetenzen notwendig und natürlich müssen wir als Eltern uns damit auseinandersetzen und dabei auch riskieren, dass wir keine Ahnung haben. Studien helfen da wenig.

  4. Papa sagt:

    @ Peter: Genau. Unglaublich.

    Wie ich gestern schon geschrieben habe, scheint sich die Realität ein wenig von diesen Studien zu unterscheiden. Und zwar nicht nur in Einzelfällen. So hat beispielsweise die Nationalrätin Barbara Schmid-Federer in einem Selbstversuch dasselbe erlebt (zum Artikel).

    Ich glaube dem Beitrag soweit, als dass Kinder, die vernachlässigt werden oder unter familiärer Gewalt leben stärker gefährdet sind. Aber genausowenig wie nur die sozial unteren Schichten Drogen nehmen, sind die Kinder aus stabilen, gesunden Verhältnis vor allen Gefahren, die im Internet lauern gefeit.

    Ich bin absolut vom Nutzen des Internet überzeugt, und sehe – bei einem verantwortungsvollen Umgang damit – praktisch nur Vorteile. Aber Kinder können selbst bei bester Erziehung nicht in jedem Fall entscheiden, was nun gut ist und was nicht, da braucht es Hilfsmittel und Leitplanken.

  5. Jasmina sagt:

    ich war vor einiger zeit selber als 15jährige getarnt in einem bekannten schweizer chat unterwegs und wurde innert 5 minuten von 20 männern angegangen, ob ich sexuellen kontakt mit ihnen möchte – viele davon über 20 jahre alt.
    zu “meiner” chatzeit war dieser chat noch einiges harmloser, auch registration hilft hier nicht, die ordnung aufrecht zu erhalten.
    ich denke, man sollte sehr wohl beunruhigt sein, und dass nur die unterschicht und und vernachlässigte kinderschar belästigt wird, ist in meinen augen blödsinn.
    ich kenne mich berufsbedingt sehr gut mit dem i-net und seinen mechanismen aus und denke nicht, dass die ängste der eltern unbegründet sind.

  6. Peter Müller sagt:

    Kleine Bemerkung am Rande, ich glaube inzwischen handelt es sich bei 90% aller “15-jährigen Mädchen” im Internet um 30-50-jährige Erwachsene. Ist das der Reiz des Verbotenen, Neugier, oder wirklich moralisches Bewusstsein? Ich weiss nicht.

    *****

    A propos AJZ, einer der Gründe für die Studenten-Aufstände der 60er Jahre war unter anderem, dass das Elend des Krieges zum ersten Mal auch für Menschen sichtbar war, die davon nicht direkt betroffen waren. Von Menschen, die eigentlich sicher und wohlbehütet aufwachsen durften, denen plötzlich bewusst wurde wie dreckig es anderen Menschen teilweise geht. Fast wie bei Buddha. Die 60er-Generation ist nun auch erwachsen und manch ein lautstarker Aktivist hat sich heute mit der “Notwendigkeit von Krieg und Militär” abgefunden, siehe Tony Blair, Joschka Fischer, Clinton Family usw… da frage ich mich, ob ein grundsätzliches Misstrauen gegen die Jungen gerechtfertigt ist. In meiner Erfahrung halten sich jüngere Menschen, wenn sie etwas beurteilen, mehr an ihre eigenen Gefühle, während die älteren Menschen oftmals mit “Vernunft” urteilen. Genau diese Vernunft ist oft fehl am Platz, wenn ein Jugendlicher eine Frage hat. Denn ein Jugendlicher ist damit beschäftigt, sich sein Weltbild aufzubauen, und es widerspricht (hoffentlich) seiner Natur, sich durch Vorurteile von anderen Menschen davon abhalten zu lassen. Man kann als Erwachsener nur den Jungen Vertrauen schenken. Wenn ein Kind sich für Tabus interessiert, dann geschieht das kaum aus dem Grund, dass das Kind ein Perversling ist oder ein potentieller Mörder. Es ist bloss neugierig. Und unsere Welt IST so traurig, dass wir unseren Kindern immer von neuem erklären müssen warum es anderen Leuten schlecht geht, warum es Krieg gibt und Menschen Hunger haben und misshandelt werden. Das ist ohnehin schon eine sehr undankbare Aufgabe. Wir müssen, im Sinn eines konstruktiven DIaloges, diese ganzen weltpolitischen Zusammenhänge nicht gerade dann zum besten geben, wenn das Kind gerade Counterstrike spielt, oder Left 4 Dead. Dann lebt es nämlich gerade sein Jagdfieber aus, und wird nach einigen Minuten totaler Nervosität, ruhiger sein und zufrieden.

    Ich habe als Kind (angeblich) mal meine eigenen Exkremente in den Mund genommen. Es soll Menschen geben, die das erotisch finden, und sich dabei fotografieren lassen na ja. Das eine ist natürlich und das andere gruusig.

  7. michael sagt:

    @Jasmina: wenn eine 15-jährige durch den Bahnhof läuft wird sie doch möglicherweise auch angemacht. Damit muss sie wohl oder übel in diesem Alter umgehen lernen. Mein Patenkind ist auch 15, und sie chattet primär per MSN mit gleichaltrigen Mädchen die sie auch real kennt, oder dann allenfalls mit Freundinnen, die sie über jene realen Freundinnen kennt.

    Du müsstest den Test umgekehrt machen: versuche mal dich in einem solchen Chat als 30 jähriger zu tarnen, und finde heraus, was es braucht, ein Mädchen zu einem realen Treff zu bringen. Das wäre wohl ein geeigneteres Mittel um die Gefährdung einzuschätzen.

    Zudem: statistisch gesehen ist die Chance dass mein 15 jähriges Patenkind von mir anstatt von einem Unbekannten missbraucht wird wesentlich höher, da ich zu ihrem persönlichen Umfeld gehöre. Immer wieder die Ängste vor dem unbekannten Fremden zu schüren geht an der Realität vorbei. Missbrauch und Übergriffe ereignen sich primär im Bekanntenkreis. Ohne Internet.

    Die Risikofaktoren sind Vernachlässigung, fehlende altersgemässe Begleitung, und fehlendes Vertrauen in der Beziehung mit den Eltern, nicht eine Technologie.

  8. Yves sagt:

    @michael: Diese Einschätzung teile ich auch.

    Das Problem sind die unwissenden Eltern, die die Gefahr nicht einschätzen und die Kinder nur ungenügend auf die Gefahren aufmerksam machen können. Den Eltern muss bewusst sein, dass sie mitunter haftbar gemacht werden können, wenn ihre Kinder illegale Inhalte aus dem Netz laden (Musik, Software, Pornos mit Kinder/Tieren etc.). Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

  9. @Yves: Eltern haften sicher nicht, wenn ihre Kinder illegale Inhalte runterladen, sondern die Kinder selbst werden bestraft (durch die Jugendanwaltschaft). Es geschieht aber tatsächlich öfters, dass bei einer Hausdurchsuchung, welche von der Kobik initiiert wurde, der minderjährige Sohn zugeben muss, dass er die Pornos runtergeladen hat. Kids sollten einfach nicht grenzenlos im Internet rumsurfen dürfen, dies auch in zeitlicher Hinsicht.

  10. Robert sagt:

    Letztlich ist das Internet eine Realität der Gegenwart und es kann nur darum gehen, wie man den grössten Gewinn draus zieht. Eine Verteufelung führt höchstens zu erhöhter Neugier – aber Eltern von heute kann man tatsächlich zutrauen, sich selbst ein Bild zu machen und dann differenziert damit umzugehen.

  11. mira sagt:

    Ich war früher auch oft in diversen Chats unterwegs. Hatte dabei immer einen Mädchennamen ohne Altersangabe. Kam ich neu in den Chat hinein, so wurde man gleich bombardiert. Viele der Männer waren anständig, zu viele aber fragten mich direkt, ob ich Sex suche, fi* wolle, oder seinen Schw* sehen wolle. Das Männerbild, das man dabei vermittelt bekommt, ist entsprechend traurig. Weil schon früh erkennt man, dass die Leute im Internet ihre normalen Hemmungen ablegen und “ehrlicher” schreiben. NATÜRLICH möchte ich nicht, dass meine Tochter zu früh mit so einem Scheiss konfrontiert wird.
    An die Selbst-Tester: Man eröffne einen Skype-Account, mache ein stinknormales Frauenphoto rein, gehe auf den “Skype-me”-Modus und lasse Skype über Nacht an. Wieviel mal wurde man angechattet oder angerufen von Accounts mit einem Schw* als Bild?

  12. Yves sagt:

    @mami mit beruf: Das mit der Haftung stimmt leider nicht ganz. Bitte lesen: http://www.elternet.ch/alles-was-recht-ist/wer-haftet-wann-wofuer.html.

    Eine Haftung der Eltern für das Verhalten der Kinder besteht (nur) dann, wenn die Aufsichtspflicht verletzt wurde, die sie gegenüber dem Kind haben (Artikel 333 Zivilgesetzbuch). Die Aufsichtspflicht ist hier im Bezug des Internet nicht klar definiert und es kann schnell geschehen, dass die Eltern sich mit Gerichten und Jungendanwaltschaft herumschlagen müssen.

  13. lumi sagt:

    Geht mal in den Bluewin-chat und meldet euch mit namen wie lisa12, anna13 oder nina11 an. Innert kürzester Zeit wird man von jüngeren und auch älteren Männern privat angeschrieben. Kontrolle und Aufklärung über richtiges Verhalten im Internet darf auf keinen Fall zu kurz kommen! Aber ja, verbieten ist natürlich die falsche Lösung.

  14. Marlis sagt:

    Kinder sollten nicht unbeschränkt Internet Zeit bekommen- genau so wenig wie TV Zeit… und Internet ist kein Ersatz für Kontakt mit Familie. Die Eltern sollten wissen womit und mit wem sich die Kinder unterhalten, beim Fernsehen, Internet und auf der Strasse.

  15. mumu sagt:

    internet ist wie fernsehen,
    ab und zu sich mit seinem kind vor die kiste setzen (ob compi oder teevee)
    und mitmachen-begleiten-erklären u.s.w.

  16. 60D sagt:

    Trau keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast.

  17. Jugendliche sagt:

    Das Internet verteufeln sollte man auf keinen Fall. Es ist ein wichtiges Kommunikations- und Informationsmedium. Wer damit nicht umgehen kann, den straft das Leben.
    Ich bin auf mehreren Foren angemeldet, mit Altersangabe, und hatte noch nie Probleme. Allerdings halte ich mich von Chatrooms fern und verkehre nur auf Foren, bei denen das Thema eindeutig ist (”Bookrix” für Möchtegern-Autoren, SpiegelOnlineForum für polit. Diskussionen und weitere) Bei jeder neuen Registrierung erkundige ich mich darüber, wie es mit Datenschutz steht, prüfe, ob die Plattform “seriös” ist, lese Beiträge um mir ein Bild zu machen etc.
    Es ist nur eine Frage, wie man damit umgeht. Wer das Internet verbietet, vergrößert die Gefahr, da das Kind unwissend ist. Wer aufklärt, Regeln aufstellt usw kann ziemlich sicher sein, dass nichts passiert. Um sich mit jemanden Unbekannten via Internet zu treffen muss man schon sehr naiv sein ^^

    Ansonsten kann ich nur sagen: Ich erhalte Informationen aus aller Welt und unterhalte mich mit Leuten, denen ich im realen Leben nie begegnen würde. Ich lerne neue Meinungen und Lebenseinstellungen kennen. Ich lerne tatsächlich, mich selbst darzustellen, bei Diskussionen zu meiner Meinung zu stehen, nachzuforschen, gezielt zu argumentieren.
    Die Nutzung des Internets steht jedem frei, jeder handhabt es anders.
    Ich erweitere meinen Erfahrungshorizont – von Gefahr ist bei mir nichts in Sicht.

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.