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Das Sommerglück

Mamablog-Redaktion am Freitag den 17. August 2012

Eine Carte Blanche von Andrea Schwarz-Barek*

Zurück in die Natur, zurück zu unserer Natur: Familie in den Ferien. (Bild: Keystone)

Zurück in die Natur, zurück zu unserer Natur: Familie in den Ferien. (Bild: Keystone)

Ich habe zwei Töchter. Zwei süsse, zwei hübsche. Die eine schon zwanzig, gross, hellblond, blauäugig, die andere erst sieben, klein goldblond und braunbeäugt. Beide unheimlich selbstbewusst, beide wahnsinnig lebhaft. Während die eine sich bereits ausser Haus in Studium, Job, mit eigener Wohnung, Freund und zwei Katzen austobt, tobt die andere noch in heimischen Gefilden. Neben Schule, Musikunterricht und Wu-Shu-Training bleibt genug Energie, mich jeden Tag von neuem an meine persönliche Belastbarkeitsgrenze zu bringen. Ja nun, so ist es eben, wenn man in einem Alter, in dem bei anderen die biologische Uhr schon ausgetickt hat, noch mal ein Kind bekommt.

Umso glücklicher, dass endlich Sommerferien sind. Fünf lange Wochen kein Wecker um 6.50 Uhr, kein verschlafenes «Wie bring ich schnell ein gesundes Frühstück auf den Tisch?», kein hektisches «Nun zieh dich doch endlich an, ...iss jetzt deinen Teller leer, ...vergiss das Zähneputzen nicht, ...du wirst gleich abgeholt!». Und zwar im gestressten «Ewig grüsst das Murmeltier»-Rhythmus, fast jedes mal Protest, Widerstand und provokatives Getrödel hervorrufend.

Fünf Wochen kein Gezanke mit der Schulfreundin, weil die mal wieder gnadenlos ausspielt, dass sie besser in Mathe ist, die cooleren Schuhe hat und überdies noch einen Swimmingpool im eigenen Garten. «Blöde Kuh», sagt meine Jüngste, meist an den Tagen, an denen sie nicht vom Pool profitiert, und heult vor Ärger und – natürlich Neid. «Blöde Kuh», denke auch ich und überlege krampfhaft, wie ich altersgerecht und glaubhaft rüberbringen kann, dass ganz andere Werte im Leben zählen. Sogar schon mit sieben. Vorleben allein scheint da wenig dienlich zu sein, und eine überzeugende «Mathe-Noten sind nicht alles und Blinke-Sketchers eigentlich total kitschig»-Kampagne ist mir noch nicht eingefallen. Also bin ich erst mal froh, dass zwischen uns und den Sketchers fünf Wochen liegen.

Zu Recht, wie mir dann unsere ganz eigenen Ferien völlig abseits des Mainstreams beweisen. Was a priori das Zeug hat, als kleinfamiliäre Katastrophe zu enden, erweist sich als unerwarteter Glücksfall. Unser Feriendomizil, abseits von jeglicher Gelegenheit zu konsumieren, zu präsentieren und zu schwadronieren, bringt uns plötzlich dahin, wo wir hingehören. Zurück in die Natur, zurück zu unserer Natur. Einfach, rustikal und bescheiden. Ehrlich. Gelassen. Ruhig. Ursprünglich. Herzlich.

Als ich vor einem halben Jahr dieses urchige Ferienhaus buchte, war mir zwar klar, dass ich meinem Mann und unserem Hund damit einen Gefallen tue und genau ihren Nerv treffe. Denn es liegt am Ende eines versteckten Seitentals im Vallemaggia auf über 1000 Metern in einem Weiler mit gerade mal vier Bewohnern. Was mich und unseren Youngster angeht, war ich mir allerdings nicht so sicher. Umso überraschender für mich, welche Dynamik entsteht inmitten dieser fantastischen Bergwelt, dieser klaren Luft, dieser Lage abseits von allem, nur nicht von uns selbst. Was ist mit dem, was sonst tagtäglich unser Leben dominiert? Nichtig. Unbedeutend. Künstlich hochstilisiert, angesichts der uns umgebenden natürlichen Grössen.

Die sonst sehr kommerziell gebundene Aufmerksamkeit unserer kleinen Tochter wandert ohne elterliches Dazutun von Filly-Ponys und unproportionierten Wackelkopftieren hin zu Steinen, Hölzern, Blättern und Blüten, kleinen Eidechsen und filigranen Schmetterlingen. Von Swimmingpools, auf denen schreiend bunte Plastikluftmatratzen darauf warten, Nixen in Bikinis aufzunehmen, hin zum kleinen Brunnen vor der alten Holztür, aus dem reines, kühles Quellwasser unermüdlich plätschert. Und in dessen Überlaufbecken ein – völlig unbekleidetes – Bad eine wohltuende Erfrischung bringt. Wasserspiele werden erfunden, mithilfe des freundlichen Italienisch sprechenden Vermieters kleine Holzflösse gebaut, die, mit einem Fähnchen bestückt, sogar kleine Püppchen bereitwillig vom einen Natursteinbeckenrand zum anderen segeln.

Zu allem Überglück gibt es auch noch die Enkelkinder der uns aus ihrem Kräuter- und Gemüsegärtchen verwöhnenden Vermieter, die ein paar Tage zu Besuch kommen und in denen unser Töchterchen beste Spielkameraden findet. Ohne die gleiche Sprache zu sprechen, ohne sich an irgendwelchen Oberflächlichkeiten zu messen. Da werden Heugümper gefangen und gesammelt, kunstvolle Bilder mit Kreide auf den Asphalt gezaubert oder Angelruten gebastelt, mit denen im Brunnen imaginäre Fische gefangen werden. Und, man glaubt es als Erwachsener wegen der Sprachverschiedenheit kaum, geplaudert, geplaudert und geplaudert.

Ferienidyll fernab vom Alltagsstress: Rustico in Fusio TI am Oberlauf der Maggia. (Bild: Keystone)

Ferienidyll fernab vom Alltagsstress: Rustico in Fusio TI am Oberlauf der Maggia. (Bild: Keystone)

Im schönen, terrassenartig angelegten Garten spielen wir Boule, auf unseren Wanderungen in spektakulärer Landschaft springen wir, immer mit Badezeug gewappnet, in und über wilde, eiskalte Bäche und Flüsse. So fröhlich, unbeschwert und ausgeglichen wie lange nicht mehr. Bei schlechtem Wetter wärmt uns das selbst entfachte Holzfeuer im alten, offenen Tessiner Kamin. Und genauso wenig, wie es uns Erwachsene stört, dass unser Häuschen rustikal und eher spartanisch ausgestattet ist, ohne Spülmaschine, ohne luxuriöses Bad, dafür mit knarrenden Holzdielen und durchweg unbequemen Stühlen, genauso wenig stört es unsere Tochter, dass sie mittlerweile meilenweit weg ist von Sketchers und Co.

Selbst unsere – überwiegend Zürich-orientierte – Grosse verirrt sich trotz gut 25-minütiger Auffahrt aus dem Tal, die über eine kaum von zwei Autos befahrbare, in Serpentinen gewundene, Bergstrasse führt, für ein Besuchswochenende zu uns ans gefühlte Ende der Welt. Und ich glaube, sie findet es gar nicht so schlecht. Zumindest tauscht sie ihr Kleid und ihre Absätze umgehend gegen Schlabberlook und Turnschuhe – ungeschminkt, gut gelaunt und unheimlich locker.

So ein Platz wie dieser hier verleitet zu Müssiggang. Und denen unter uns, die immer noch glauben, das wäre etwas Verwerfliches, empfehle ich, sich vor Ort vom Gegenteil zu überzeugen. Oder bei Hermann Hesse, den die Tessiner Berge über 40 Jahre lang sowohl zum Schreiben als auch zum Malen inspiriert haben, was in seinem Werk «Das Leben bestehen» noch mal genau nachzulesen ist.

andreaschwarz *Andrea Schwarz-Barek ist verheiratet und Mutter einer zwanzigjährigen sowie einer siebenjährigen Tochter. Seit 2008 lebt sie mit ihrer Familie im Zürcher Oberland. Neben ihrer Tätigkeit als Naturheilkundlerin schreibt sie in ihrer Freizeit Kolumnen, Essays und Lyrik. Aktuell arbeitet sie gerade an ihrem ersten Buch.

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100 Kommentare zu „Das Sommerglück“

  1. dres sagt:

    Was sind da bloss für neidische Kleingeister in diesem Blog, offenbar hat die Hitzewelle voll zu geschlagen. Abgedroschene Diskussion über Züri und wer wieviel Ferien haben kann/darf/hat statt ganz einfach der Autorin und ihrer Familie das Glück in der Abgeschiedenheit zu gönnen… Geniesst den Sommer, so lange Ihr noch könnt – falls überhaupt… ;-) Ansonsten frohes Meckern!

  2. Beat Koch sagt:

    Auch für meine Familie war dieser Sommer einer der schönsten für alle Beteiligten, weil wir zwar zusammen in die Ferien gingen, aber jeder ein wenig seinen eigenen Interessen nachgehen konnte (meine Kinder sind 13/16). Allerdings bin ich nicht so blauäugig, diesen Ort zu verraten; wer will denn schon nächstes Jahr mit 10000 Tagi-Lesern teilen…

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