Eine Carte Blanche von Regula Jaeger*.

«Was machst Du eigentlich?», werde ich manchmal gefragt, wenn ich mit Kindern oder Müttern und Vätern im Wald unterwegs bin. «Ich begleite Leute hinaus in die Natur», antworte ich. Oft muss ich dann meine Geschichte erzählen. Es scheint, dass ich viele Leute mit dem, was ich tue, berühre, weil sie davon träumen, selbst etwas Ähnliches zu tun.
Ich bin damals einfach gegangen, vor fast zehn Jahren. Nach fünfundzwanzig Jahren als Coiffeuse, davon dreizehn in meinem eigenen Geschäft «Frou Frou» in Stäfa. Es war sozusagen mein Kind. Ich pflegte es und zog es gross, und als es quasi erwachsen wurde, entdeckte auch ich die Freiheit. Ich wollte etwas Neues, ganz anderes anpacken. Aber wie? – Ich musste das Geschäft verkaufen. Nur eine Schere behielt ich. Und den Kontakt zu meinen Kunden.
Als ich den Schlüssel abgab und das Auto gegen ein Generalabonnement tauschte, nahm ich mir vor, ein Jahr ohne Arbeit zu bleiben. Keine Reise, keine Kurse, kein Plan für die Zukunft. Das ist gar nicht so einfach. Bloss keine Verpflichtung eingehen, ausser der einen: Mich in die Leere stürzen, sie aushalten und sehen, was mit mir geschieht. Die Stadt mit ihren Schätzen wie Museen, Theatern und Konzerten hätte ich mir vorstellen können. Aber es ist anders gekommen.
Es zog mich aufs Land in die Wiesen und Wälder hinaus. «Veruse», wie wir als Kinder sagten. Vor allem zu Fuss. Es zog mich von meiner Haustüre weg an die Orte, die ich von meinem Geschäft von Ferne gesehen hatte, und die mir unerreichbar erschienen waren am Horizont.
Jeden Morgen fuhr ich los mit Bus oder Bahn, mit Brot und Wurst oder Käse im Rucksack und mit einer Karte. Jedes Mal, wenn ich auf einer Krete oder auf einer Anhöhe stand, entdeckte ich Neuland auf der anderen Seite, bloss einen Katzensprung weiter als das, was ich kannte – und abends hatte sich meine innere Landkarte wieder um ein Blatt erweitert.
Im Laufe eines Jahres hatte ich nicht nur das Land um Stäfa herum, sondern auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter durchwandert. Und unversehens wusste ich, wofür ich mir den Kopf leer gemacht hatte. Ich wollte erfahren: Wie heisst diese Pflanze, wie schmeckt sie, kann man sie essen? Sind das Lerchen, die so schön singen, und was erzählen die Wolken am Himmel über das Wetter von morgen…?
Jeden Abend brachte ich geistige Schätze nach Hause, und je nachdem auch Steinpilze, wilden Thymian oder ein Stück Harz, das die Stube mit dem Duft des Waldes erfüllte. Ich lernte Dinge, wie mit nassem Holz im Regen ein Feuer zu entfachen. Meine schönsten Augenblicke ganz allein im Freien führten mich zu meinen liebsten Kindheitserlebnissen zurück.
Als die Lust auf Arbeit wieder erwachte, stellte sich die Frage, ob ich meine neuen Erfahrungen zum Beruf machen konnte. Ob genügend andere ihr Verlangen mit mir teilten, und mich aus ihren Wellnessoasen hinaus zum Wechsel in die Wildheit ihrer Kindheit begleiten. Die Antwort war «Ja!». So entstand «Wildwechsel».
Seit gut sieben Jahren kann ich nun in meinem neuen Beruf meiner Leidenschaft folgen, indem ich Menschen in die Natur begleite. Nächstes Mal, Anfang Juni, werde ich mit Mädchen mit ihren Müttern, Grossmüttern, Gotten und Tanten eine Nacht im Wald unter dem Sternenzelt übernachten. Auf so einem Nährboden wachsen Kinder im Vertrauen auf ihre eigenen Kräfte heran, und die Eltern dürfen stolz auf sie sein.
Letzthin war da wieder so ein Kind. Es hiess: «Pass auf, Regula, die Kleine ist so schusselig, da musst du mit allem rechnen.» Von wegen. Wenn ein sogenanntes ADHS-Kind ganz selbstverständlich und allein ein Feuer hütet, während die anderen neues Holz herbeibringen, wird es um einiges ruhiger und selbstbewusster heimgehen.
Im Spiel vergessen sich Kinder auch bei Regen und Sturm – oder sie spielen mit den Elementen, als wären sie darin schon immer zu Hause gewesen. Sie springen in Pfützen, sind dreckig von Kopf bis Fuss und abends zum Umfallen müde. Ein Stadtwäldchen reicht, um Glückseligkeit zu erreichen. Wann haben wir Erwachsene das letztmals so genossen? Wir suchen immer zu weit: die ideale Landschaft, die es nicht mehr gibt, die unbegrenzte, ungestörte Natur. Von den Kindern lernen wir, worauf es ankommt, wenn uns die Sehnsucht zurück ins Neuland treibt.
Regula Jaeger lebt in Uerikon am Zürichsee und begleitet Einzelpersonen und Gruppen in die Natur. www.wildwechsel.ch



Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle» ist heute Reporterin bei Newsnet und leitet den Mamablog. Sie ist Mutter einer Tochter und lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. 






























































Ganz zufällig bin ich auf diesen Blog gestossen und freue mich an jeder Zeile von Regula. Wirklich sympathisch und sehr gut geschrieben. Danke. Das neue Leben von Regula finde ich toll! Einfach positiv das Ganze. (verwundert bin ich schon über die zum Teil sehr komischen Kommentare…)
Ja also ich hätte nie 45.- bezahlt, dass sich unsere Buben im Wald austoben durften, die haben das ganz alleine und gratis hingekriegt. Mal abgesehen von einem dummen Streich, der uns dann etwas gekostet hat.
noch ein paar jährchen, dann wird ihnen der staat und seine christlich-sozialistisch-feministisch-konservativen ideologen das sorgerecht wegnehmen, wenn sie die kinder alleine in den wald gehen lassen.
christlich-sozialistisch-feministisch-konservativ
Passt das zusammen?
Momol, das passt. Aber erst, wenn man noch die Autopartei dazu nimmt. Oder Michael Dreher alleine, je nach dem
Klar, die Nationale aktion Schweizer Demokratische Auto Partei (NSDAP).
Ein Kollege ging im Lehrersemi in so Wildniswochen mit Kindern. Sehr cool und lehrreich. Allerdings: Wenn nach Hobbys gefragt, sagte er jeweils NICHT, er ginge mit kleinen Buben in den Wald
hmm…, uns ging es im wald immer wie kenny aus “south park”. wenn das feuer einmal brannte mussten cowboys und rothäute her. das aushandelbare “sterben” und die baldige “wiederauferstehung”, damit das spiel weitergehen konnte, waren integraler teil unseres bubenlebens. als sich küde bodenmann, der immer ein “apache” sein wollte – wirklich immer – beim sturz über eine wurzel, was es in arizonas wüste ja kaum gab, den arm brach, spürten wir die nähe des “todes” wie nie. aber der wartete eher zu hause, so um die abendessenszeit auf uns.
youtube: randy travis – heroes and friends
Danke für Ihre Kommentare. Da laufen schon sehr schräge Dinge.