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Mangel in der Provinz

susanne taverna am Sonntag den 15. April 2012

Mit diesem Beitrag begrüssen wir Susanne Taverna im Mamablog willkommen. Sie vertritt Jeannette Kuster, die im Mutterschaftsurlaub ist.

Glück im Unglück: Dieser Patient hat einen Kinderarzt gefunden. (Bild: Keystone)

Glück im Unglück: Dieser Patient hat einen Kinderarzt gefunden. (Bild: Keystone)

Von wegen in der Provinz ist alles besser. In Chur etwa, das für gewisse Städter schon als tiefste Provinz gilt, herrscht Kinderärzte-Mangel vor. Gerade mal acht Kinderärzte arbeiten hier in den sechs vorhanden Praxen, bei knapp 37'000 Einwohnern.

Grundsätzlich ist es so, dass das Personal im Spital einer Frau nach der Geburt jeweils ziemlich schnell die Frage stellt: «Haben Sie schon einen Kinderarzt gefunden?» Bei einer negativen Antwort empfehlen sie, sich sofort hinter das Telefon zu klemmen und einen solchen zu organisieren. Viele der Kinderärzte haben bereits so viele Patienten, dass sie keine neuen mehr annehmen. So werden die frischgebackenen Eltern des Öfteren auf einen Telefonmarathon geschickt, um für ihr Neugeborenes einen Kinderarzt zu finden.

Wer sich nicht bereits vor der Geburt angemeldet hat, kann froh sein, wenn er noch einen Platz findet. Ein Bekannter hat ziemlich entnervt nach etlichen Absagen, die er als frohlockender Neo-Vater als sehr niederschmetternd empfand, schliesslich seinen ehemaligen Kinderarzt angefragt, der dann den Sohnemann unter seine Fittiche genommen hat. Andere gehen mit ihren Babies zum Hausarzt und wer wirklich keine Lösung findet, pilgert halt immer mal wieder in die Notaufnahme des Spitals.

Weshalb es in den Randregionen einen akuten Kinderärzte-Mangel gibt, ist schnell erklärt. So erzählte beispielsweise unser Kinderarzt beim ersten Besuch, dass er in den letzten Jahren drei Kinderärzte ausgebildet hat. Diesen jedoch war nach dem Erlangen des Doktortitels Chur dann eben wirklich zu provinziell. Es hat sie in die grossen Zentren zurück gezogen, wo alles nah und einfach ist. Dem Reiz der grossen Städte scheinen wir hier nichts entgegen setzen zu können, obwohl die Natur so nah ist und der Stress meist fern.

Natürlich ist das nicht nur ein Problem bei den Kinderärzten, aber in diesem Bereich ist es derzeit ziemlich akut. Zumal im vergangenen Jahr so viele Babys wie schon lange nicht mehr auf die Welt gekommen sind und natürlich diese alle auch ärztlich versorgt sein sollen.

Gibt es denn eine Möglichkeit, die Provinz für Kinderärzte spannend zu machen? Kinder hätte es ja genügend, wie bereits bemerkt, gesunde und weniger gesunde, das Arbeitsfeld ist bestimmt gleich spannend wie andernorts auch. Keine Möglichkeiten für eine Attraktivitätssteigerung in diesem Bereich. Die Wohnungen sind günstiger, die Lebensqualität ist hoch, aber näher ans Mittelland ran kommen wir nicht. Ein Halbstundentakt der SBB von und nach Chur wäre vielleicht noch eine Variante, aber auch dann bleibt die Entfernung bestehen.

Vielleicht müssten wir auch den Einsatz in den Bergen als «Entwicklungshilfe» verkaufen, das würde eventuell den einen oder anderen Abenteurer in unsere Gefilde bringen. Aber dem wäre dann das alles wohl schon wieder zu städtisch. Eine Lösung scheint inexistent, es sei denn, es herrscht ein Überangebot im Unterland, und die Ärzte werden in die Randregionen gedrängt. Für die Bewohner derselben wäre das eine Riesenchance, vielleicht für den einen oder anderen Kinderarzt nach anfänglichem Hadern ebenfalls.

Susanne TavernaSusanne Taverna ist Dienstchefin beim «Bündner Tagblatt» und Mutter eines acht Monate alten Sohnes. Sie lebt mit ihrer Familie in Chur.


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172 Kommentare zu „Mangel in der Provinz“

  1. Tomas sagt:

    Tja, wenn man hier so die Kommentare liest, bei denen sichtbar wird das ein Teil der Bevölkerung gar nicht den Grund der Existenz der Kinderärzte begriffen hat, muss man sich nicht wundern, dass sich das in der Praxisdichte bemerkbar macht.

    • Guido Gutter sagt:

      Idealismus, Kinderliebe, Begeisterung fuer den Beruf “bezahlen” schlussendlich nicht die Praxis und Lebensunterhalt Kosten.Kinderaerzte gehoeren zu den niedrigst bezahlten Aerzten, haben aber Nacht & Wochenend Dienst . Dazu kommt noch, dass man nicht nur die Kinder, sondern auch deren Mutter(Eltern) “behandeln” muss.Mit einem Wort viel Stress & lange Arbeitsstunden!
      Die Autorin hat Recht: Um “primary care physician”(Kinderaerzte, Allgemeinpraktiker und Gynaekologen) in weniger “lukrative” Gegenden zu locken, muss man (finanzielle) Anreize geben. Entweder vom Staat oder Versicherungen.

      • Bionic Hobbit sagt:

        In England hat man das gemacht: die GPs (mit einer nur 2jährigen Ausbildung nach Staatsexamen) durften die Dienste aufgeben, bekamen immer mehr Anreize (die falschen, meines Erachtens) und so verdienten sie sich plötzlich eine goldene Nase mit einer 35-Stunden Woche. Die waren immer noch gleich schlecht ausgebildet, einfach gab’s dann davon mehr…vor allem faule, denen das Wohl der Patienten egal ist. Der Beste Anreiz, den ich kenne, ist die Dankbarkeit der Patienten, leider wird die auch selten.

  2. Irina sagt:

    Wie nur haben Kinder in den vergangenen Jahrhunderten, bzw. im 20. Jahrhundert überlebt ohne Kinderärzte?
    Je grösser die Ärztedichte, desto mehr Patienten gibt es. Sollte zum Nachdenken anregen.

    • Pixel sagt:

      Och nein, jetzt kommt dieser wieder: früher haben auch, früher war auch, früher dies und jenes. Und nein, früher haben viele Kinder nicht überlebt. Und gerne gebe ich hier eine Aussage unseres Kunderarztes weiter, als ich mit eben mit so einem ähnlichen Spruch kam, bezogen auf die Tatsache, dass unser Kleiner immer wieder mal was einfängt: Früher, meint er, da haben die Bakterien und Viren auch keine halbe Weltreise gemacht. Heutzutage und mit der gewonnenen Mobilität (Auto, Flugzeug) kann mans vergessen. Da kommt vieles, was früher nicht da war.

      • bitta sagt:

        danke, Pixel. Wie viele Kinder sind früher an Pocken, Scharlach, Masern, Mumps etc gestorben? aber nein, es war ja alles besser.

      • alien sagt:

        Also etwas war früher sicher besser: Die Aussage “Früher war alles besser” stimmte noch.

  3. Christoph Willi sagt:

    Als Hausarzt mit auch pädiatrischer Grundausbildung (1 Jahr als Assistentsarzt an einer grossen Kinderklinik) sehe ich oft Eltern, welche mich primär als Grundversorger für ihr Kind ablehnen. Natürlich habe ich zuwenig Erfahrung bez. kindlichen Stoffwechselkrankheiten und ähnlichen Raritäten aber ich würde erkennen, wenn etwas Spezielles vorliegt und kompetent weiterleiten. Dafür werden die Pädiater mit banalen febrilen Luftwegsinfekten überrannt und verlieren die Freude an ihrer Arbeit. Schuld an dieser Entwicklung sind die heute überaus ängstlichen Eltern.

    • Jan Zbinden sagt:

      Genau diese elende ärztliche Arroganz (die Patienten oder Eltern haben keine Ahnung) wird hoffentlich früher oder später dazu führen, dass ausschliesslich medizinisch gebildete Exponate menschlichen Abgrunds so oft vom Blitz getroffen werden, bis ihr Diplom verbrannt ist. Sie sind – man möge mir meinen emotionalen Ausbruch vergeben – ein miserabler Arzt. Ihnen würde ich meine Jungs auch nicht anvertrauen.

      • pixel sagt:

        @Zbinden: hallo Erde? Ich kann Ihren Ausbruch überhaupt nicht verstehen. Ich finde, das klingt sehr vernünftig, was Herr Willi sagt. Ob er ein guter oder miserabler Arzt ist, das können SIE wahrscheinlich von Ihrem Planeten aus kaum beurteilen. Es sei denn, Sie waren schon mal bei ihm. Ich hätte eher Angst, solche Eltern wie Sie annehmen zu müssen.

      • Jan Zbinden sagt:

        @pixel: Dann sind wir uns ja wenigstens in einem Punkt einig, ich hab nämlich meine eigenen Kinder auch lieber als Sie. Und wenn Sie mich hier persönlich beledigen, dann tun Sie’s wenigstens unter Angabe Ihres Namens, pixel…

  4. maendli sagt:

    Vielleicht die Kinder weniger krank werden oder sein lassen. Voila.

    • pixel sagt:

      ja klar, das ist doch mal ein konstruktiver vorschlag! also ich bins echt auch leid, meinen sohn ständig absichtlich ohne mütze und jacke dem wind auszusetzen, ihn absichtlich anderen triefnasen auszusetzen und manchmal ist es auch richtig anstrengend, ein kind finden zu müssen, welches richtig stark magen-darm-grippe hat. das geht bei bindehautentzündung zum glück viel besser. und zu hause habe ich auch keine zäpfchen oder andere medis. wieso auch? es ist doch einfach wirklich herrlich zuzusehen, wie dreckig es ihm geht und wie er so hilflos vor sich hin leidet.

  5. Irina sagt:

    Warum nur sind die Kleinkinder schon krank? Liegt das an den Müttern, die lieber Karriere machen würden? Liegt es an
    der Gläschennahrung, statt dem Stillen? Liegt es daran, dass die süssen Kleinen möglichst schnell in einer Kinderkrippe ver-
    schwinden?
    Vielleicht auch daran, dass normale Kinderkrankheiten mit Antibiotika unterdrückt werden. Daran, dass das arme Würmchen
    Antibiotika wegen eines Schnupfens schlucken muss, weil die Eltern eine Flugreise gebucht haben, Urlaub ist wichtig!

    • Pixel sagt:

      Sie haben ja besonders viel Verständnis und Einfühlungsvermögen für andere Lebenssituationen. So Menschen wie Sie machen einfach nur müde. Zum Glück kann ich mittlerweile darüber lächeln. Ein müdes Lächeln zwar, aber es kommt von Herzen!

    • Sophia sagt:

      Sehr geehrte Irina – Wollen Sie über Ihre Probleme im Leben sprechen? Sie scheinen es nicht einfach zu haben, tut mir leid. Ps. Gläschennahrung hat nichts mit Stillen oder nicht-Stillen zu tun. Alles Gute.

  6. Fredi sagt:

    In Chur Kinderarzt zu sein. Das ist wunderbar. Fähig zu sein, Churerchinder gesund zu machen, diese Fähigkeit muss die Synapsen einfach mit Glück erfüllen. Reinem Glück. Ärzte sollten versuchen, wieder vermehrt aus dem Menschlichen zu schöpfen. Ein Häuschen am Churer Stadtrand, das Wunder des Föhnwindes im Haar, der Dialekt, die Menschen, die in der Gegenwart erblühen, die Kinder, die köstlich roh und klug und mit allen Wassern gewaschen sind, die Eltern, die die Gnade der Gesundheit noch zu leben verstehen, an einem solchen Ort Kinderarzt zu sein, ist vielleicht die schönste Berufung der Welt

  7. Mutter sagt:

    Bevor ein solcher Artikel verfasst wird, sollte ein bisschen besser recherchiert werden. Die Aussage, dass man in Chur keine Kinderärzte findet, ist schlicht falsch. Nachdem ich den Artikel gelesen habe, war ich etwas beunruhigt, da ich für mein Kind (das im Juni in Chur zur Welt kommt) noch keinen Kinderarzt hatte. Meine Frauenärztin hat mir dann gesagt, dass lediglich die älteren Kinderärzte keine neuen Patienten aufnehmen. Tatsächlich hat dann der erste Kinderarzt, welchen ich kontaktiert habe, mein Kind ohne Weiteres aufgenommen.
    –> Beim nächsten Artikel bitte etwas wahrheitsgetreuer sein

  8. Harry sagt:

    Ich finde das es daneben, dass ihr das Bild publiziert und wenn es auch von Keystone lizenziert wird. Ich würde nicht gerne bei einer Arztvisite so fotografiert werden. Und ich bezweifle, dass der Knirps dazu seine Bildrechte abgetreten hat.

  9. Hans Christoffel sagt:

    Nach kuzem googeln sieht man, dass es in Chur bestimmt 8 Kinderärzte gibt ausser dem Kantonsspital. So gibt es am Kantonsspital die Kinderintensivstation mit Kinderrheumatologie, Kinderkardiologie, Neuropädiatrie, und vieles mehr. Vergleicht man das mit etlichen Städten mit gleicher Einwohnerzahl im Unterland, so ist das dort auch so. Chur ist also gegenüber gleich grossen Städten im Unterland nicht benachteiligt und mit etwas gutem Willen sollte es doch möglich sein, dort einen Kinderarzt zu finden.

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