Logo

Nur noch ein Zeugnis?

Andrea Fischer Schulthess am Dienstag den 17. April 2012

Zeugnisse gehören zum Schülerleben: Primarschüler mit Zeugnisordner (in Dresden). (Keystone)

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen bei Ihrem Lieblingsitaliener und bestellen wie immer die Spaghetti mit der hausgemachten Tomatensosse. Als der Teller kommt, hat es darauf nur halb so viele Teigwaren wie sonst und nur einen winzigen Klecks Sosse. Sie wundern sich und fragen den Kellner, ob er versehentlich eine Kinderportion gebracht habe. Mit einem bedauernden Lächeln erklärt er, dass man eben leider sparen müsse. Der Restaurant-Betrieb sei mittlerweile so zeitaufwändig geworden mit dem ganzen neuen Buchhaltungssystem, der Renovation und den vielen Teamsitzungen. Darum habe man beschlossen, nur noch halbe Portionen zu servieren und so wertvolle Kochzeit zu sparen, eins für zwei, sozusagen.

Vermutlich wären Sie vor den Kopf gestossen und entrüstet. Schliesslich scheint es völlig unsinnig, ausgerechnet dort zu sparen, wo der Sinn und Zweck der Sache liegt. In diesem Fall also beim Essen. Die Story ist an den Haaren herbeigezerrt. So was macht schlicht keinen Sinn. Aber genau so sinnlos kam es mir vor, als ich gelesen habe, dass es laut Beschluss des Bildungsrates fortan im Kanton Zürich nur noch ein Zeugnis gebe für Primarschüler bis und mit 5. Klasse, statt wie bis anhin zwei. Und zwar in der Zeitung, nicht in einem Informationsschreiben der Schule. Der Grund: Die Lehrer müssten entlastet werden.

Daran gibt es nichts auszusetzen. Lehrer müssen tatsächlich mit immer dickeren Pflichtenheften und grösseren Herausforderungen fertig werden. Hauptgrund sind die Verbürokratisierung der Schule und die oft kaum lösbaren Situationen infolge übersteigerter Integrationsanforderungen, die niemandem mehr gerecht werden. Ich habe also grossen Respekt vor dem Lehrerberuf und dem Engagement und Herzblut, mit dem ihn viele Lehrerinnen und Lehrer ausüben. Entlastung ist in der Tat angebracht. Die Frage ist nur, wo.

Wir sind in der glücklichen Lage, dass unsere Kinder von wirklich fähigen und liebevollen Lehrinnen unterrichtet werden. Auch privat kenne ich relativ viele Lehrer und bekomme kleine Einblicke in ihren Alltag. Was sie laut ihren Angaben weit mehr belastet als der Unterricht, immerhin der eigentliche Grund für ihre Berufswahl, sind die ewigen Kommissionen, Leitbilder, Sitzungen und Diskussionen um so unerhebliche Dinge wie die Wandfarbe von Schulzimmern. Das alles macht mürbe. Dass in diesem Wust von Aufgaben nun ausgerechnet beim Kerngeschäft, den Kindern, gespart wird, kann ich schlicht nicht nachvollziehen.

Laut Wikipedia wird das Zeugnis als eine zusammenfassende, urkundliche Beurteilung des Leistungsstandes eines Schülers definiert. Klingt feierlich und das ist es auch. Zumindest für die Kinder, die ich kenne. Da wird schon Wochen vorher diskutiert, wie das Zeugnis ausfallen könnte. Am Abend vor der Zeugnisausgabe ist grosse Aufregung angesagt und danach stolze Erleichterung oder halt Ernüchterung und Vorsätze. Natürlich kann man ganz grundsätzlich dagegen halten, dass Zeugnisse eben ein Zeugnis seien für die Leistungsorientiertheit unserer Gesellschaft und dass Zahlen der Individualität eines Kindes nie gerecht werden können. Diese Sicht hat sicher auch etwas für sich, wenn ich sie auch nicht teile. Täte ich das, würde ich meine Kinder in die Rudolf-Steiner-Schule schicken. Tue ich aber nicht.

Ich wollte wissen, ob ich mit meinem Befremden in dieser Sache völlig neben den Schuhen stehe und habe eine ganze Reihe von Kindern gefragt. Die Empörung war gross. Sie fanden einhellig, Zeugnisse seien doch megawichtig und überhaupt, warum keiner sie gefragt hätte. Und irgendwie kommt mir der Vergleich mit dem Restaurant dann doch nicht mehr so abstrus vor. Auf jeden Fall nicht abstruser, als der Entscheid des Bildungsrates.

« Zur Übersicht

176 Kommentare zu „Nur noch ein Zeugnis?“

  1. Noten-keine Noten, eines oder zwei Zeugnisse; darum geht es doch gar nicht. Jede(r) hat seine eigene Meinung oder Empfehlung. Was nicht geht, ist doch, dass eine einzige Meinung jetzt “flächendeckend” über alle Schulen gestülpt wird! Wir brauchen a u t o n o m e Schulen, weil es nicht eine einzige Wahrheit gibt und die Bedürfnisse immer mehr divergieren-von allen an der Schule Beteiligten. Wehren wri uns gegen die unwürdige Bevormundung der Lehrer, Eltern und Kinder! elternlobby.ch: Ja zur freien Schulwahl.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Publireportage

Weihnachtszeit – Alles ist Liebe!

Zum Kinostart der romantischen Komödie ALLES IST LIEBE kuschlige Preise zu gewinnen.

Publireportage

Pampers und UNICEF 2014

Viele bunte Handabdrücke für einen guten Zweck.

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Die neuen digitalen Abos

Unbeschränkten Zugriff auf den Tages-Anzeiger. Jetzt testen ab CHF 1.-.

Vergleich

Krankenkassen Prämien

In wenigen Sekunden Prämien berechnen und sparen.

Werbung

Werbung

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Vergleichsdienst

Günstiger in die Ferien!

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Weiterbildung

Der richtige Flow

Man kann sich nicht konzentrieren und Lust hat man auch nicht. Was tun?