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Pfadiherz versus Goldküsten-Neurosen

Gabriela Braun am Donnerstag den 12. April 2012

Mit diesem Beitrag heissen wir Gabriela Braun im Mamablog willkommen. Sie vertritt Nina Merli, die anfangs Woche ihren Mutterschaftsurlaub angetreten hat.

Geht doch: Kind allein im Wald. (Bild: Keystone)

Geht doch: Kind allein im Wald. (Bild: Keystone)

Ein Handy für Notfälle, ein Shuttledienst für den Mittagstisch und Kurse in Verteidung? Geht es um die «Sicherheit» meines Kindes, bin ich wohl retro. Es besitzt KEIN Notfallhandy. Es geht NICHT in einen Selbstverteidigungskurs. Und ich hole es meist NICHT bei Dunkelheit abends vom Hort ab, sondern lasse es alleine heim laufen. Der Hauptstrasse entlang oder durch die Waldlichtung beim Tobel.

Für ein neunjähriges Kind ganz normal, könnte man meinen. Doch da wo wir leben – in einem Dorf an der Zürcher Goldküste – führt dieses Verhalten schon mal zu Diskussionen. Hier können viele Eltern nicht genug auf Nummer sicher gehen. Sie chauffieren und eskortieren ihre Kids überallhin.

Die überängstliche Art irritierte mich das erste Mal vor bald fünf Jahren. Mein Sohn kam in den Kindergarten. Dieser befindet sich am Rand des Tobels. Was für ein wunderschöner Ort, war mein erster Gedanke. Welch ein Glück, darf er durch eine Waldlichtung und über Brücken, wenn er mit anderen Kindern den Hügel hoch zum Mittagstisch geht. Mein altes Pfadiherz schlug höher: Womöglich sehen sie während des zehnminütigen Spaziergangs den dort ansässigen Reiher?

Andere Eltern jedoch hatten völlig andere Assoziationen zum Ort: Natur = Gefahr! Was, wenn ihr Kind in den Bach fällt, von Schülern geplagt oder gar von einem Unbekannten mitgenommen wird? Zum Mittagstisch gelangten ihre Kids fortan per Sammeltaxi.

Mein Sohn lief als einziger. Das fand ich nicht sonderlich toll für ihn. Doch ich wollte mich dem Gruppendruck nicht beugen. Zu fremd war mir das ängstliche Denken der anderen – und ist es noch immer. Ich will meinem Kind doch Stärke und Vertrauen vermitteln, nicht Angst. Fürchte ich mich dauernd, färbt das irgendwann ab. Ängstliche Eltern machen ängstliche Kinder, davon bin ich überzeugt. Mein Sohn soll lernen, Gefahren selbst einzuschätzen und dabei auf sein Gefühl zu hören. Er soll durch die Waldlichtung beim Tobel gehen können, ohne Angst vor grossen Kindern zu haben oder irgendeinem «bösen Mann».

Um ihm Sicherheit zu geben, begleitete ich ihn ein paar Mal. Er zeigte mir seine «Zanetapfe»-Sammlung, und ich erklärte ihm, weshalb ich nicht will, dass er den gefrorenen Froschweiher betritt. Das war mir enorm wichtig und er verstand. Passiert ist zum Glück nichts – abgesehen von den paar nassen Stiefeln, die er aus dem Bächlein zog und einer Znünitasche, die im Tümpel landete. Nach einem Jahr ging er den Weg gemeinsam mit neuen Kindergartenkindern.

Aus diesen Gründen ist auch ein Notfallhandy bei uns kein Thema – also eines jener speziellen Telefone, die durch einen Tastendruck die gespeicherte Nummer wählen. Ich kann mir nicht vorstellen, wozu er es brauchen sollte – und will es auch gar nicht. Dann müsste ich mich ja damit befassen, dass es theoretisch möglich wäre, dass etwas ganz Schlimmes geschieht. Doch dagegen sträube ich mich. Nennen Sie mich von mir aus abergläubisch, blauäugig oder naiv.

gabi15x150Gabriela Braun ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp», freie Journalistin und Mutter eines neunjährigen Sohnes. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Erlenbach ZH.

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271 Kommentare zu „Pfadiherz versus Goldküsten-Neurosen“

  1. Erika B. sagt:

    Meine Tochter hatte einen 20-minütigen Kindergartenweg dem Rhein entlang, der um diese Zeit wenig frequentiert war und von der Polizei (die dafür genaue Normen hat) als leicht gefährlich eingestuft wurde. So holte ich sie eine Weile lang mit der Kleineren jeweils in der Hälfte ab, bis sich ihr später andere Kinder anschlossen und sie stolz alleine heimkam. Die Selbständigkeit zu unterstützen, finde ich oberstes Prinzip, und jeweils abzuwägen: Habe ICH Angst? Welches sind die realen Gefahren?

    • Auguste sagt:

      hmm…, genau so wirds gemacht. mögliche risiken so objektiv wie möglich abwägen und entsprechend vernünftige massnahmen treffen. vorsicht mit prinzipien: das beurteilen, ob etwas allenfalls gefährlich ist fürs kind oder nicht, sollte nicht von erziehungsgrundsätzen beeinflusst werden. das verfälscht das resultat.

  2. Bertschinger sagt:

    Vielleicht habe ich ein sehr schlechtes Textverständnis, aber, SEIT WANN GEHT ES IN DIESEM ARTIKEL UM VELOHELME, bzw. weshalb dreht sich die ganze Diskussion um dieses Thema? Ich wohne selber in Erlenbach, eine sehr ruhige und idyllische Gemeinde. Die Frage die ich mir auf Grund des Artikels stelle ist, weshalb diese Angst, bzw. dieser Sicherheitswahn dieser meist wohlhabenderen Familien?

    • Richard Dietsch sagt:

      Weil der Velohlem ein gutes Beispiel dafür ist, dass wir uns gerne mit Gefahren beschäftigen, die keinen direkten Bezug zum realen Leben haben. Wir fürchten uns vor zuvielen Dingen… und bei anderen Dingen sind wir zu fahrlässig.

  3. Roman Rebitz sagt:

    Problematisch ist auch das viele “geschützte” einfach mehr Risiken eingehen, als sie ungeschützt eingehen würden.

  4. Valeria sagt:

    Der Pädagoge Janusz Korczak formulierte zu Beginn des letzten Jahrhunderts drei Grundrechte für Kinder. Das erste davon ist das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod, bzw. auf Risiko, welches den Tod zur Folge haben könnte. Ohne Risiko können Kinder aber keine Erfahrungen machen. Korczak schreibt:

    “…aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben.”

    • Brunhild Steiner sagt:

      finde ich ein bisschen sehr schwarz-weiss,
      und könnte ich als Erwachsene (mit Betreuungspflichten) dasselbe Recht einfordern?
      Denn man lernt doch nie wirklich aus?
      Wer weiss schon was zukünftige Lerneinheiten an pädagisch wertvollem Risiko beinhalten können?

      • Valeria sagt:

        Solche Aussagen würden ihre Wirkung verfehlen, wären sie nicht so schwarz-weiss…

        Bei jeder Autofahrt fordern Sie dieses Risiko für sich selber ein. Das Risiko, auf der Strasse zu sterben ist um einiges höher als die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind entführt und mit Hilfe eines Notfallhandys gerettet wird. Rein statistisch gesehen.

      • Katharina sagt:

        Valeria, off topic: ich habe in “Von dir oder von mir” noch eine Antwort hinterlassen.

  5. Beno sagt:

    @ Richard Dietsch

    Sie leiden wohl ein bisschen an Dyslexie …aber es sei so

    …zudem,… dass Velowege weniger Risiko bedeuten …brauchen wir auch nicht mehr zu diektifizieren.. :???:

    • Richard Dietsch sagt:

      Da Sie no matter what auch auf Velowegen ständig und immer einen Velohelm anhaben und weil sie Intelektuell nicht fähig sind zwischen Gefahrenpotential und Risiko zu unterscheiden werde ich meine Dyslexie nicht weiter kommentieren. Grundsätzlich empfehle ich Ihnen einen Integralhelm zu tragen, oder wenigsten so eine Art Slalomskihelm, denn Sie und Ihr Umfeld scheinen ständig auf die Fresse zu fallen…. oder sich davor zu fürchten. Mehr Velowege, weniger Risiken! VOLL und GANZ einverstanden! Wie viele km pendeln Sie pro Woche mit dem Velo? Ohne Sport/Ausflüge? Selber ca. 80 km. MfG

  6. Monsieur de Hummel sagt:

    Guter erster Artikel. Inhaltlich kann ich da zustimmen.

  7. Nathalie sagt:

    ……ja, das wäre natürlich schon furchtbar unangenehm, wenn man sich damit befassen müsste dass “es theoretisch möglich wäre, dass etwas ganz Schlimmes geschieht”……. dann schon viel lieber “sich dagegen sträuben”, sich nicht zuviele Gedanken machen und ganz sorglos und bequem durchs Leben gehen……

  8. Fiona sagt:

    Aber warum eigentlich ist es so wichtig dass Kinder sollten so selbständig sein? Fakt ist dass schnelle Verkehr, mobbing, gefärhliche Menschen und andere Riskios existieren, in die ganze Welt und auch in der Schweiz. Warum schützen wir nicht Kinder gegen unangenahme oder gefährliche Situations wenn wir können. ZB das Schulsystem könnte veränderen sodass Mittagtisch ist in die Schule und niemand muss allein laufen. Vielleicht es ist bequemer für das System wenn anstatt, Eltern glauben an die Mythos ein utopische Land und Superkinder, die können alle schaffen allein?

  9. Stee sagt:

    Als Jublanerin kann ich nur laut: JA! schreien.
    Lasst eure Kinder alleine nach Hause gehen, in Bäche fällen, sich die Knie aufschlagen und sich auch einmal prügeln.
    Das gehört zum Kind sein dazu und er graut mir, wenn ich daran denkt, was aus solchen “Zum Muttagestisch-gefahren-werden” Kindern mal werden soll.

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