Leben


Nicole Althaus am Donnerstag den 28. Mai 2009

Textile Zwangserotisierung

Der Kinderstring: Textil und Wort gehören auf den Index.

Der Kinderstring: Textil und Wort gehören auf den Index. Aber mal ganz abgesehen davon: Wem überhaupt gefällt dieser gruselige Fetzen?

Minijupe, ein tiefer Ausschnitt, Highheels: Die Art und Weise, wie junge Frauen oder Mädchen mit Mode ihren Körper ausstellen, sorgt immer wieder für rote Köpfe. Auch in diesem Blog: «Ich bin  nach wie vor geschockt, wenn ich 10-Jährige in Hot Pants, bauchfrei und auf hohen Absätzen mit Mutters gesamten Kosmetikartikeln im Gesicht herumstolzieren sehe», kommentiert Mira den zurzeit meistgelesenen Blogeintrag «Wenn die Kindheit schrumpft».  Rudolf Bieler relativiert: «Kinder wollen ausprobieren, wo die Grenzen sind und was ihnen passt. Dabei verkennen Sie leider oft ihre Wirkung auf das starke Geschlecht und kommen dadurch in Gefahr, missverstanden zu werden.»

Beide Kommentatoren haben wohl recht. Vergessen aber geht in der ganzen Diskussion um frühreife Mädchen oft, dass auch Kinder Konsumenten sind, also anziehen, was in den Kleiderläden verkauft wird. Und jeder, der sich in den Kinderabteilungen der grossen Modeketten mal umgeschaut hat, weiss: Nicht zuletzt die Mode macht aus kleinen Mädchen kleine Vamps.

Haben Sie in letzter Zeit mal versucht einen Rock in der Grösse 140 zu finden? Ich schon. Meine Tochter trägt im Sommer nämlich gern Röcke. Ein Kleidungsstück, das viele Generationen von Mädchen durch ihre Kindheit begleitet hat.  Nur: Für unsere Mädchen ist die Kindheit offenbar zu Ende, wenn sie aus der Kleidergrösse 128 hinausgewachsen sind – also mit ungefähr sieben oder acht. Ab Grösse 134 sind bereits Drittklässlerinnen reif für die «Young-Collection» und dort gibt es keine Kinderröcke mehr, sondern Fashion-Statements. Es gibt Minijupes, schulterfreie Hippie-Bustierkleidchen mit Quernaht für den richtigen Sitz des Busens, der vielleicht bald einmal spriessen wird. Wer günstig Sandalen kaufen will, findet oft nur solche mit Absätzen und fast überall werden zur Zeit Hängerchen feilgeboten, in denen sich ein Mädchen nicht bücken kann, ohne die Unterhose zu zeigen.

Apropos Unterwäsche: Die gibt es für meine Tochter auch nicht mehr. Ab Grösse 140 bietet der Modemarkt den Mädchen Dessous an: statt Unterhemden findet man in den Kinderabteilungen der grossen Modeketten Bustiers, manch eine Unterhose hat sich in ein Höschen verwandelt, reich an Spitze aber knapp an Stoff. Im Internet führen selbst anständige Versandhäuser wie Jacko-o den Kinderstring. Will Mutter ihrer Tochter den ersten Büstenhalter kaufen, geht sie am besten gleich in ein Wäschegeschäft für Erwachsene. Die Läden, die sich auf Teenager spezialisiert haben, verkaufen nämlich fast ausschliesslich wattierte Push-ups. Die gibt es dafür schon für Neunjährige.

Es ist schlimm genug, wenn erwachsene Frauen dem Modediktat nichts als die nächste Hungerkur entgegenzusetzen haben. Gefährlich aber ist es , wenn die textile Zwangserotisierung die  Kindheit unserer Töchter verkürzt. Eine Kindheit, die sowieso schon schrumpft.

64 Kommentare zu „Textile Zwangserotisierung“

  1. the man sagt:

    Ich gebs zu, ich stehe auf shoppen. Ich besuche gerne “Trendshops” und weiss ziemlich genau welche Marken angesagt sind und wie teuer die Stücke sind.
    Seit ein paar Jahren fällt mir auf, wie unglaublich teuer sich die Teens heute kleiden (ich spreche vorallem von den Jungs, da kenne ich mich aus, nehme an das ist bei den Mädchen nicht anders). Ich verdiene selber, könnte (oder will) mir aber einige der gängigen Outfits nicht leisten. Woher haben die das Geld? Wieviel geben Eltern für die Modewünsche ihrer Kinder aus? Hier im Blog wird’s wahrscheinlich mal wieder niemand gewesen sein… oder kauft ihr alle die Markenartikel für eure Kids “very original but veeeeery cheap!!!” auf ebay?:-)

  2. Nicole Althaus sagt:

    @Marcel
    Ich behaupte nicht, dass der Kindertanga die häufigst anzutreffende Unterhose für Mädchen ist, aber ich ärgere mich nun seit gut zwei Jahren – exakt seit meine Ältere aus der 128 rausgewachsen ist – über die Tatsache, dass man den Mädchen einfach das vorsetzt, was man den Erwachsenen verkauft : Frauenmode en miniature. Auf der H&M- website rechtfertigt man die meiner Meinung nach zu weit ins Kinderalter gerutschte Young Collection etwa so: Mädchen ab 8 orientierten sich eben modisch an Teenagern. Mädchen mit 8 haben gerade mal flüssig lesen gelernt, sie sollten doch auf einen Baum klettern können, ohne dass ständig das T-Shirt verrutscht oder die Skinny-Jeans zwickt. Vor kurzem noch war auf jedem Shirt im H&M ein Totenkopf drauf – ja das ist Rock’n'Roll und ich hab überhaupt nichts dagegen – aber meine Tochter steht noch immer auf Blümchen und Rössli. Die Kleider in ihrer Grösse sind ihr einen Schritt voraus und zwingen sie auf textilem Weg in eine Pubertät, von der sie ganz offensichtlich geistig und körperlich noch weit entfernt ist.

  3. Mira sagt:

    ich kann bei kinderkleidern nicht mitreden, hab aber ebenfalls im h+m schon babykleider gesehen, welche, in entsprechender grösse, auch locker von einer jungen frau getragen werden könnten. ich hab mich dann auch gefragt, ob das wirklich nötig sei… gekauft habe ich dann süsse babykleider, welche es auch gab.

  4. Laura sagt:

    Die Auswahl ist doch so gross, da sollte man doch etwas finden können, was passt. Die einen wollen halt schon früh sexy rüberkommen, die andern wollen das nie. Ich frage mich, weshalb man sich darüber aufregt. Keiner wird gezwungen sich Miniröcke und Hotpants auch zu kaufen, ebenso wenig, wie man gezwungen wird hochgeschlossen oder halt mit “Blüemli- oder Rösslimotiv” rumzulaufen. Ich vermisse die Toleranz in diesem Blog.

  5. Barbara sagt:

    Schon klar, kaufen muss man die Sachen nicht, ich finde es aber schon sehr bedenklich dass sich unsere Gesellschaft überhaupt in die Richtung entwickelt und wir Erwachsenen den Kindern immer mehr ihre Kindheit stehlen. Dagegen muss man sich wehren! Meine Nichten können zum Glück noch Röcke tragen, hergestellt aus bunten Baumwollstoffen von der Grossmutter. Sie dürfen die Farbe oder den Stoff wählen und dann wird genäht. Aber stimmt, im Laden findet sich nichts mehr!
    Kinder sind auch einfach noch zu jung und unerfahren um anzuschätzen, was sie auslösen können wenn sie so halb bekleidet rumlaufen. Das macht mir Angst, sexueller Missbrauch ist schon jetzt genug verbreitet, wir müssen nicht mithelfen indem wir Kinder halbnackt rumlaufen lassen.

  6. josh sagt:

    …Ihr Blog ist einfach nur gut!
    Vielen Dank dafür!

  7. Elisabeth sagt:

    Schlimm finde ich, wenn auch sogenannte Grossverteiler (die verteilen ja übrigens nicht, sondern verkaufen) bei diesem Trent mitmachen. Wollte kürzlich einen Mädchen-BH beim Migros (Kinderkleiderabteilung) kaufen etwa in der grösse 164. Das was die Mädels halt brauchen bevor sie dann auf A70 wechseln oder so.
    Bei Migros gab es nur gepolsterte BHs- und zwar ab Grösse 140! Man stelle sich das mal vor: Gepolsterte BHs für Mädchen so ab 10 Jahren!
    Auch bei Coop: BH in Grösse 164 mit Bügel!

    Manor ist da eine löbliche Ausnahme, die verkaufen BH s mit verschiedenen Stufen (Step 1 so Top-mässig, Step 2 dann eben eher schon BH-mässig)

  8. Elisabeth sagt:

    @Laura: Ich frage mich, ob Sie in den letzten Monaten mal Kinderkleidung einkaufen waren.
    Es gibt kaum mehr “normale” Kleider in den grössen 134 bis 170. Es gibt kaum mehr längere T Shirts, alle sind sehr kurz und figurbetont. Sucht man nach einem längeren dezenten Rock muss man fats schon auf Wolle-Seide-Birkenstock-Läden ausweichen.Schade….

  9. Aschi sagt:

    @Nicole Althaus sagt: “Ich behaupte nicht, dass der Kindertanga die häufigst anzutreffende Unterhose für Mädchen ist, aber ich ärgere mich nun seit gut zwei Jahren – exakt seit meine Ältere aus der 128 rausgewachsen ist – über die Tatsache, dass man den Mädchen einfach das vorsetzt, was man den Erwachsenen verkauft : Frauenmode en miniature.”
    Nun, der gute Absatz dieser ‘Kindertangas” geht vor allem auf das Konto von kleingewachsenen erwachsenen Frauen. Ich glaube nicht, dass Tangas Grösse 140 hauptsächlich von 8-jährigen Mädchen getragen werden. Würde die Grösse XXXS heissen und in der Frauenabteilung verkauft werden, dann wäre das wahrscheinlich die bessere Lösung als Wäsche für kleine Frauen als Kindergrösse zu führen.

  10. Yves sagt:

    Einfach widerlich! Ein weiteres Beispiel dafür, wie dekadent unsere Gesellschaft bereits geworden ist.

  11. Y. Estraven sagt:

    Bei soviel schlagfertiger Betroffenheit (”auf den Index setzen”) sollte man vielleicht einfach dahergehen, seine Kinder so erziehen, dass das eben nicht toll finden. Und eine Zeitlang taten sie das eben, auch wenn jetzt schon wieder Jahre her ist.

  12. Jacqueline sagt:

    Und wie bitte schön sollen Eltern ihre Kinder erziehen, dass sie solche Kleider nicht toll finden?
    Für Tipps und Tricks bin ich äusserst empfänglich und dankbar!

  13. Bea sagt:

    Schlimm genug, dass hier über solchem Mist gedacht und geschrieben werden muss. Dieses Zeugs ist nicht nur unpraktisch, bringt dem Kind nichts und kostet viel zu viel (meist auch mindere Qualität). Also: Lasst den Schrott liegen und kauft was Vernünftiges!

  14. alex sagt:

    Die Kaufentscheidungen treffen immer noch Eltern, oder? Es muss wohl doch welche geben die den mist kaufen, sonst wurde es inzwischen von den Regalen verschwunden sein.
    Seit dem meine Tochter 116 überschritten hat, kaufe ich die Oberteile 2 Grössen zu gross. Die superkurzen Röcke kann man im Sommer mit Leggins “entschärfen”, bei Hosen weicht man halt auf die bequemen Jungenmodelle aus. Ich habe schon sorgen was ich machen soll wenn sie die 140 überschreitet…

  15. Harry Berger sagt:

    Ich habe auch Mühe mit der Expansion der Modebranche in die Kinderwelt. Da ist der Kapitalismus echt krank! Der Titel trifft es wirklich sehr gut.

  16. Katharina sagt:

    @alex: die tochter ist 116 jahre alt?

  17. Petra sagt:

    @Katharina: Kleidergrösser 116 vermute ich mal.

    Schlimmer Trend. Und das Schlimmste: wenn man nicht selbst nähen kann, kann man nur noch auf äusserst teure Sonderläden ausweisen, die irgendwie wohl Handarbeit für die Marktlücke herstellen, weil die Ketten und Labels NICHTS mehr anderes anbieten. “Normale” Kinderkleidung scheint inzwischen zur Marktlücke geworden zu sein… :-( (

  18. das leben ist so krass sagt:

    es ist schon erstaunlich, dass obwohl sich immer wieder gruppen gegen den schwachsinn, der verkauft wird, formieren, es überhaupt keinen erfolg zeitigt. man resigniert irgendwann mal. man müsste bei den designern und den wiederverkäufern ansetzen. (kann nicht sein, dass man ne ganze gesellschaft richtung hollywood formiert)

    der witz ist, dann geht man stundenlang shoppen (dabei sollten wir ja mit dem fortschritt zeit einsparen können, und nicht umgekehrt) und kommt doch mit nichts gescheitem nach hause. vieles von der stange. was im laden a verkauft wird, findet man auch in den läden b, c und d. es sei denn man hat supergeld und kann sich selber was gescheites nähen lassen.

  19. jeanette sagt:

    Da bekomme ich direkt Lust eine eigene Kinderkleidungscollektion aufzustellen,bzw. ein Geschäft mit solider einfacher, aber gut sitzender Kinderkleidung zu eröffnen.. Wer möchte mitmachen? Schneidererfahrung wünschenswert.
    e-mail: ji.wiede@yahoo.de

  20. Ian Sobiesky sagt:

    Die Durch-Sexualisierung der gesamten gesellschaft sowie die Trenneung von Sex und Fortpflanzung sind zwei der tragenden Grundpfeiler zur errichtung der Neuen Weltordnung. Die Konzepte stammen nicht erst aus der Nachkriegszeit und werden seit ihrer ersten Formulierung knallhart durchgesetzt.
    Ich prophezeie heute schon eine Promotion der Sodomie udn anderer heute tabuisierter Sexualpraktiken in naher Zukunft.
    Die Herde der schwarzen Schafe laesst sich durch nichts besser kontrollieren und eindaemmen als durch das berühmte ehemaligen Brot und Spiel, welches heute auf die drei bekannte “F” reduziert wurde.
    Vergewaltigung wird heute mir deutlich geringeren Strafen belegt als Steierhinterziehung.
    Die Medien orchestrieren diesen Weg in die sexualisierte Gesellschaft mit beifallhaschenden Artikeln und Sendungen von früh bis spät.
    So greift sich die NWO Stück für Stück unsree Freiheit und die unserer Kinder.

    Bin gespannt, ob diese Hintergünde hier überhaupt veröffentlicht werden.
    Der Angriff auf das eigene kuschelige Wolkenkuckucksheim ist innerhalb unsreers Systems der Meinungsfreiheit nämlich gar nicht erwünscht und wird von den meisten Blogbetreibern deshalb aus eigenem Interesse unterdrückt.

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