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Stressfaktor Frühförderung

Mamablog-Redaktion am Freitag den 23. März 2012

Eine Carte Blanche von Nathalie Diserens Dubach*

DEU Familie Kinder Betreuung

Wer definiert, ob das Verhalten von Kleinkindern der Norm entspricht? – Kinder bauen einen Turm. (Keystone)

Ich versuchte meinem Sohn zuliebe ruhig zu bleiben – aber es fiel mir schwer. Mein 15-monatiger Bub sass auf dem Schragen, nur mit der Windel bekleidet und weinte jämmerlich, er merkte wahrscheinlich, dass bald etwas Schmerzvolles auf ihn zukommen würde. Ich war innerlich auf Hundertachtzig beim Anblick der riesigen Spritze für den Bluttest. Daher war ich perplex als der Kinderarzt mich aufforderte, ihm meine Hand zugeben, so fest wie möglich zuzudrücken und loszulassen, um bei mir eine allfällige Muskelkrankheit festzustellen, die sich notabene nach 38 Jahren noch nie bemerkbar gemacht hatte. Vielleicht würde ja diese vererbbare Krankheit den enormen Rückstand im geistigen und motorischen Bereich bei meinem nicht mal 2-jährigen Sohn erklären.

Mein Gefühl sagt mir, dass mein Sohn einfach ein Spätzünder ist. Einer, der sich sehr lange nur mit einem Gegenstand beschäftigen kann und dabei in seine Welt versinkt, während andere Kinder sich mehr bewegen und demnach andere Erfahrungen im Raum machen. Dass jene Kinder, die etwas schneller machen als andere, auch längerfristig die erfolgreicheren oder glücklicheren sind, bleibt noch zu beweisen. Seit ich unsere Leidensgeschichte mit der «Krankheit der Langsamkeit» verbreite, könnte ich ein Buch schreiben über die untypische Entwicklung des Menschen, denn jeder, der die Geschichte meines Sohnes hört, hat selber eine Geschichte zu diesem Thema auf Lager: «Meine Schwester lief erst mit 30 Monaten, mein Neffe redete erst mit 3, meine Kleine liess das Krabbeln aus, mein Freund sass als Baby nur rum.»

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Kinder entwickeln sich nicht gleich schnell: Ein Baby betrachtet einen Rubik-Würfel.

Für mich heisst das: Es gibt das Normale einfach nicht und das ist o. k. so. Kinder werden schon von Geburt an in Schemata gepresst und ihre Leistungen werden schon als Babys bewertet. Beim Kinderarzt kam es mir vor, als wolle er sich gegen alle Eventualitäten absichern, aus Angst, man könnte ihn beschuldigen, nicht alles untersucht zu haben. Man kann aber nicht alles untersuchen – wer will schon die Kindheit im Spital bei Untersuchungen verbringen?

Ich vermisse eine gewisse Gelassenheit bei jenen, die mit Kindern beruflich zu tun haben, Ärzte, Physiotherapeuten, Heilpädagogen und Krippenpersonal. Stattdessen begegne ich nur Hilflosigkeit und Panik gegenüber Phänomenen, die nicht ins Muster passen.

Schon ein Jahr gehe ich mit unserem Sohn einmal pro Woche in die Physiotherapie und in die Frühförderung. Dort spielt unser Sohn unter professioneller Anleitung das Gleiche wie zu Hause. Ich war von Anfang an skeptisch, doch ausprobieren wollte ich es doch. Nachdem ich Zuhause schon tausende Türme gebaut hatte und es meinen Sohn «nur» Spass machte, sie zu zerstören, kam Zweifel in mir auf, ob er anfangen würde, Türme zu bauen, nur weil die Pädagogin es ihm nochmals hundert Mal zeigte.

Die grössten Fortschritte machte unser Sohn im letzten Monat, als die Therapien wegen Krankheit und Ferien ausfielen. Ein Zufall? Diesen Sommer wird man uns auf jeden Fall mit anderen Kindern draussen finden und nicht in stickigen Therapiezimmern.

nathaliediserens150x150*Die 38-jährige Ethnologin und Künstlerin Nathalie Diserens Dubach arbeitet in Zürich. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.

Lesen Sie im nächsten Mamablog den Beitrag von Jeanette Kuster zum Thema «Fördern oder überfordern?». Sie besuchte die Zürcher Kita Artergut, die seit vier Jahren auf frühkindliche Förderung setzt - und ging der Frage nach, was das in der Kita-Praxis überhaupt bedeutet.


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313 Kommentare zu „Stressfaktor Frühförderung“

  1. Nathalie sagt:

    Therapie nicht gleich Frühförderung! Und auch nicht per se überflüssig, wenn’s auch eine Grauzone geben mag. Hab bei meinem ersten Kind sehr früh (mit 2 Monaten) festgestellt, dass es ein Problem gab, und musste dazu noch nicht mal Vergleiche mit andern hinzuziehen, weil es einfach offensichtlich war. Diagnose: Schiefhals, und dank der frühen Intervention hab ich ihm Schmerzen und Folgeschäden erspart!

  2. Nathalie sagt:

    Anderes Beispiel: mein Cousin hat nach ein paar Monaten festgestellt, dass sein Sohn sich motorisch nicht entwickelt. Er wurde untersucht und es wurde eine geburtsbedingte leichte Behinderung gefunden. Dank sofortiger Therapie hat er bereits nach ein paar Monaten aufgeholt und muss nun keine Langzeitbeeinträchtigungen befürchten. Manche “Korrekturen” lassen sich ganz früh nämlich ganz einfach machen, später aber gar nicht mehr, und der Person erwachsen mitunter schwerwiegende Nachteile, die hätten vermieden werden können.

  3. ben sagt:

    äääääm sch…s auf gymi und so was….war auch nie im gymi…hab nich mal die schule abgeschlossen uuuuuuund jetz??? (hat mich im berufsleben noch nie jemand danach gefragt) mir geht es blendend..hab einen super jop verdiene genug für mein kind und frau so waht….musste früher selber zum psychologen was ich nur als störend empfunden habe…haben mich auch nicht wirklich verstanden….normen,schemas,alles bulshitt…verdammt wir sind menschen und sollten leben und nicht leben um in irgend welche normen gezwängt zu werden..unsere gesellschaft ist nur noch zum kotzen……

    • alien sagt:

      Naja, Du hast Recht, nur sieht man schon, wofür ein Schulabschluss gut sein kann, nämlich damit man die Rechtschreibung etwas im Griff hat.

      Ein Tipp aber: Benutz Firefox und installier das Rechtschreibcheckaddon, so gehen Sachen wie “jetz”, “jop” und “bulshitt” nicht einfach so durch… Dank diesem passieren mir auch kaum Flechtigkeitsfühler mehr.

      • Katharina sagt:

        Umgekehrt fragt sich frau schon, wozu ein ETH Abschluss gut sein soll,wenn im Endeffekt dann so was simples wie Java Script damit gebüffelt wird.

      • alien sagt:

        Naja, Büffeln ist nicht wirklich nötig, aber ich halte es schon für ganz nützlich zu wissen, dass JavaScript ein Gebastel sondergleichen ist. Dart wird es schwer haben, aber ich hoffe schon, dass man in 10 Jahren mehr von Dart als von JavaScript redet.

  4. Petter sagt:

    Sehr guter Beitrag. Meine Kindergärtnerin wollte mich anno dazumals in die Kleinklasse stecken, da ich sehr viel geschlafen habe. Meine Mutter konnte sie trotz riesigem Widerstand davon überzeugen, dass ich noch ein Jahr in den Kindergarten soll.
    14 Jahre später grüsste ich die Kindergärtnerin und sagte ihr, dass ich an der ETH wäre. Ihr Gesichtsausdruck war Gold wert!

  5. Mam sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel!!! Hat mich sehr berührt, da ich die gleiche Situation habe Meine Tochter ist 15 Monate alt und kann weder laufen noch krabeln. Seit Monaten werden wir vom Neurolog über Kinderspital zur Physio geschickt. Und jetzt wird uns noch die Frühförderung aufgedrückt. Bis heute wurde nichts gefunden. Der Druck von Ärzten und Therapeuten ist enorm. Als Eltern ist man zum Teil überfordert. Wahrscheinlich ist es schon so, dass heute alles und alle in ein Schema passen muss.

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