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Quoten auf Kosten der Kinder

Nina Merli am Donnerstag den 15. März 2012
Nimmt Kindercastingshows hoch: Abigail Breslin wird in «Little Miss Sunshine» vom hässlichen Entlein zur Stripperin. (Screenshot: Youtube)

Nimmt Kindercastingshows hoch: Abigail Breslin wird in «Little Miss Sunshine» vom hässlichen Entlein zur Stripperin. (Screenshot: Youtube)

Bitte nicht! Vorgestern gab der deutsche Privatsender RTL bekannt, dass eine Kinderversion von «Deutschland sucht den Superstar» geplant ist. Ab sofort können sich 4- bis 14-jährige «begabte Kids» – beziehungsweise ihre publicitygeilen Eltern – auf der Website von «DSDS» bewerben.

«RTL macht Träume wahr! Und jetzt gehen auch die Träume der ganz jungen «DSDS»-Fans in Erfüllung. Einmal auf der grossen Superstarbühne stehen, vor einem Millionenpublikum singen und ein Star werden.»

Heisst es da. Und Dieter Bohlen, der Chef-Juror der Castingshow, freut sich: «Dass wir jetzt «DSDS Kids» machen, ist der Hammer.» Logisch, denn die Quoten von «DSDS» befinden sich gerade im Sinkflug. Also musste man sich jetzt schnell was einfallen lassen. Und mit Kindern lässt sich leicht Kasse machen. Aber die Kinder sollen ja vom ganzen Rummel auch etwas haben, darum singen die «jungen Talente um ein attraktives Preisgeld und ein Ausbildungs-Stipendium für die Zukunft». Ja so, dann ist ja alles in Ordnung. Die Kids investieren in ihre Zukunft, die Eltern dürfen ihre 15 Minuten Ruhm erleben und die Zuschauer sich den Schrott ohne schlechtes Gewissen reinziehen, denn es ist ja für einen guten Zweck.

Jetzt lässt ihn RTL auch noch auf Kinder los: Superstar-Sucher Dieter Bohlen. (rtl.de)

Jetzt lässt ihn RTL auch noch auf Kinder los: Superstar-Sucher Dieter Bohlen. (Rtl.de)

Das Ganze erinnert mich an die schrecklichen Schönheitswettbewerbe für Kinder in den USA, wo Eltern, mehrheitlich Mütter, ihre Töchter auftakeln und von einem Beauty-Contest zum nächsten jagen, wo sie dann vorgeführt und blossgestellt werden. Was sollte an einem «DSDS» für Kinder anders sein? Und wie werden die Kinder oder auch Teenager damit umgehen, wenn Dieter Bohlen sie mit der ihm so eigenen Sensibilität («Wenn das Wetter so wäre wie deine Stimme, dann würde es Scheisse regnen») von der Bühne fegt? Oder glauben Sie etwa, dass Bohlen in der Kinderversion voll auf Weichspülerkurs geht und die Kinder mit Samthandschuhen anfasst? Häme ist doch fester Bestandteil dieser Freak-Show – ein Grund, weshalb ich schon «DSDS» für Erwachsene nie schauen konnte.

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Ein Kind kann nur enttäuscht werden: Die 13-jährige Rachel Crowe bricht auf der Bühne weinend zusammen als sie bei der britischen Castingshow «X Factor» ausscheidet. (Bild: Screenshot Fox)

Aber sogar wenn man Bohlen einen Maulkorb verpasst und voll auf den Jöh-Effekt setzt, die Kinder lobt und ihnen ein gutes Gefühl gibt, werden sie einen Schaden davon tragen. Wer schon mal mit Kindern Karten, ein Brettspiel oder sonst etwas gespielt hat, weiss, wie schlecht die Knirpse verlieren können. Und wer einem Kind verspricht, dass es «ein Star» werden kann, wird es nur enttäuschen. Oder fällt hier jemandem spontan auch nur ein Name eines «DSDS»-Siegers ein? Hat auch nur einer der acht Gewinner den Durchbruch geschafft? Nein. Kein einziger. Selbst wenn ein Kind zum Star avancieren sollte: Beispiele wie Macaulay Culkin, Britney Spears oder Michael Jackson zeigen, dass man Kinder, wenn man ihnen Gutes tun will, möglichst weit weg vom Scheinwerferlicht halten sollte.

Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren hat einmal gesagt: «Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird wie in der Kindheit. Wir Grossen sollten uns daran erinnern, wie das war.» Genau, vor allem, wenn wir im Begriff sind, unsere Kinder Dieter Bohlen vor die Füsse zu werfen.

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100 Kommentare zu „Quoten auf Kosten der Kinder“

  1. Walter Scharnagl sagt:

    Die Leute sind selber schuld, wenn sie sich von Bohlen vorführen lassen.

    • Linus Luchs sagt:

      Die Leute schon, aber nicht die Kinder. Die Kinder werden missbraucht, von quotengeilen Medien und mediengeilen Eltern.

  2. Nadita sagt:

    Was haben den bitte die Kommentare von Frau Reiffi mit dem Artikel zu Kindern im Showgeschäft zu tun?
    Und Zu Walter Scharnagl: Ja, wenn sich Leute selbst dem Bohlen vor die Füsse werfen, dann sind sie selber Schuld!
    Aber Kinder können sich das nicht aussuchen wenn Ihre Eltern sowas zu lassen!!
    Also Frau Mehrli, gut gesagt: Ein Bohlen will ich so oder so nicht sehen. Aber mit Kindern… Bitte bitte schon grad gar nicht. Das sollte man verbieten – den Kindern zuliebe.

    Nadita

    • Erika B. sagt:

      Ja, genau.
      Vielleicht sind “die Leute” selber schuld, aber sicher nicht die Kinder.
      In den Medien wird i.S. Schutz der Persönlichkeit ständig über die Stränge gehauen. Wo bleiben denn hier ethische Standards?

  3. fufi sagt:

    Also, ich weiss nicht recht, was uns Frau Nina M. damit sagen will.
    Will sie damit vielleicht sogar eine Diskussion initiieren?

    Denn die einten lesen diesen Blog ja gar nicht und die anderen finden’s eh daneben.
    Ganz abgesehen vom ersten D in DSDS-Kids.
    Anyway!

    Ein Aufruf zum kollektiv-versöhnlichen Schulterklopfen:
    “Wir sind ja alle so gut!”
    Und wenn sich s’Männdli nicht querstellt, kriegt sogar es noch einen feministisch generierten Schulterklopf ab!

    WOW!

    :roll:

  4. Katharina sagt:

    “Das Ganze erinnert mich an die schrecklichen Schönheitswettbewerbe für Kinder in den USA, wo Eltern, mehrheitlich Mütter, ihre Töchter auftakeln und von einem Beauty-Contest zum nächsten jagen, wo sie dann vorgeführt und blossgestellt werden.”

    Daraus ergaben sich einige Anklagen wegen child abuse. Richtig so.

  5. Apropos Kindercastings: Ich hätte ein Familienticket zum Verlosen für eine total ungefährliche Zirkus-Musik-Casting-Show…. !
    http://www.dieangelones.ch/2012/03/zirkus-sucht-band-ein-casting-der-etwas-anderen-art/

  6. Huebi sagt:

    Na ja, soweit sind wir halt… mit Kindern wird immer mehr Business gemacht.. Die in der Schweiz ja so geliebte MIGROS machts vor… die Kinder werden mit Sammelaktionen gelockt, damit sie später en positives Gefühl zur Migros haben und zu “Migros-Kinder” werden…. Die TV Sender haben schon lange gemerkt, dass sie bei Kindern mehr Quote erreichen können. Da hilft nur eines – Abschalten!

  7. A. Meyer sagt:

    Bohlen ist das allerletzte. Wegsperren!

  8. Franz Oettli sagt:

    Es besteht heutzutage die Tendenz zur Selbstdarstellung. Warum eigentlich? Viel mehr ist ja wahrscheinlich nicht dahinter, die Menschen haben sich ja nicht weiterentwickelt.

  9. Madeleine Ludwig sagt:

    BRAVO für diesen sinnvollen Artikel; hoffentlich LESEN ihn viele ERGEIZIGE Eltern und überlegen sich vordem es zu spät ist…

  10. Reto Burgener sagt:

    Hab den Artikel verspätet gelesen. Find ihn aber gut! Mit Kinder wird Geschäfte gemacht, mal sorgen sie für Einschaltquoten, dann wieder für fette Spenden, für politische Zwecke, dann wieder ganz direkt als Kaufgruppe. Sie sind ebenso wenig in einer fairen, heilen Welt wie wir alle!

  11. Ihr Mütter, ihr Väter, sagt einfach NEIN, wenn Dieter Bohlen eure Kinder auf seine Bühne stellen will.
    Ihr Großmütter, ihr Großväter, sagt einfach NEIN, wenn RTL auf Kosten eurer Enkelkinder Millionen verdienen will. Macht einen Strich durch diese Rechnung!
    Lasst es nicht zu dass eure Kinder von einem Poptitan missbraucht werden!
    Lasst es nicht zu, dass eure Kinder für ihre Niedlichkeit beklatscht werden! Lasst es nicht zu, dass eure Kinder zu Zirkuspferdchen gemacht werden! Beschützt eure Kinder! Verkauft sie nicht! Lasst ihnen ihre Kindheit! Seid behutsam und weise! Ihr Mütter, ihr Väter, ihr Großmütter, Großväter, Onkel und Tanten, ihr Lehrer, ihr Erzieher sagt einfach NEIN.

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