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Schuften, bis die Wehen kommen

Mamablog-Redaktion am Freitag den 17. Februar 2012

Eine Carte Blanche von Gabriela Braun*

SCHWEIZ ARBEIT SCHWANGERSCHAFT

Bis zum bitteren Ende: In der Schweiz muss eine Frau bis zum Geburtstermin arbeiten - ausser sie lässt sich krank schreiben. (Keystone)

Sie sieht vor lauter Bauch die Füsse nicht mehr. Langes Sitzen wird zur Qual, ewiges Stehen sowieso. Das Kind drückt auf die Blase, der Rücken schmerzt. Die Rede ist von einer Frau, die sich im letzten Drittel der Schwangerschaft befindet. Die Beschwerden nehmen zu, die Nervosität vor der Geburt steigt.

Klar, dass die Frau in dieser Zeit zur Arbeit geht: Denn sie ist ja nicht krank. Bloss schwanger. Sie arbeitet weiter, wie schon die Jahre zuvor. Tipptopp und gewissenhaft. Das Arbeitspensum leicht reduziert vielleicht.

Doch wann hört sie ganz damit auf? In der Schweiz gilt: Dann, wenn sie der Arzt zu hundert Prozent krank schreibt. Das ist häufig etwa zwei Wochen vor dem Geburtstermin. Vorausgesetzt, die werdende Mutter und ihr Baby sind gesund. Sonst ist es auch schon früher. So hat es sich bei den Arztinnen und Ärzten eingespielt. Eine offzielle Frist jedoch gibt es nicht.

Das ist erstaunlich. Denn Stress schadet nachweislich dem Ungeborenen. Forschungen zeigen: Ein Fötus wird im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst. Je ruhiger die werdende Mutter den Übergang der Schwangerschaft zur Geburt und der Zeit danach angehen kann, desto gesünder ist das für sie und ihr Baby. Es vermindert seelische Krankheiten im Wochenbett. Eine ruhige Zeit ohne allzuviel Stress ist vor der Geburt deshalb wichtig.

Hochschwangere in Deutschland und Österreich dürfen darum sechs, respektive acht Wochen vor dem errechneten Geburtstermin nicht mehr arbeiten. Sie befinden sich fortan im Mutterschutz. Ob diese allgemeine Regelung für alle Frauen gut ist, sei dahingestellt. Ein Vorteil aber hat sie. Die Schwangere in Deutschland muss sich niemandem erklären. Es ist für jede und jeden sonnenklar: Die Frau mit dem grossen Bauch darf nicht mehr.

In der Schweiz aber läuft das so: Jene Schwangere, die vor lauter Beschwerden und Bürostress bereits vier Wochen vor Geburt nicht mehr arbeiten will oder kann, braucht sich häufig zu rechtfertigen. «Was, du hörst schon auf?», heisst es von überall her. Und dann kommt garantiert die Story einer Bekannten, «die doch tatsächlich bis einen Tag vor der Geburt gearbeitet hat!»

Aus Angst, vor anderen als Memme dazustehen – und wohl aus übermässigem Pflichtgefühl – sparen sich einige Frauen deshalb ihre Ferien auf. Für den Fall, dass sie dem Arbeitsdruck und Tempo im Job nicht mehr gewachsen sein sollten, vom Arzt aber noch kein Zeugnis erhalten haben. So geschehen bei einer Bekannten, einer leitenden Angestellten im Marketing einer Bank. Sie konnte nicht mehr, der Arzt aber sagte, «doch, doch». Also nahm sie vier Wochen vor dem Geburtstermin ihre Ferien, um daheim erschöpft im Bett zu liegen. Das Arztzeugnis erhielt sie drei Wochen später.

Hinzu kommt: Viele Schwangere befinden sich kurz vor Geburt noch in Verhandlung mit dem Arbeitgeber. Ob der Job nach dem Mutterschaftsurlaub auch mit weniger Stellenprozent bewilligt wird, ist nicht entschieden. Der Druck auf die Angestellte ist gross. Das ist nicht eben vorteilhaft. Weder für die werdende Mutter, noch für das ungeborene Kind. Denn das soll ja, wie Studien besagen, viel vom Stress der Mutter mitbekommen.

Gaby_carte_blanche* Gabriela Braun ist Redaktorin der Konsumentenzeitschrift «Gesundheitstipp». Sie lebt mit ihrer Familie in Erlenbach ZH.

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844 Kommentare zu „Schuften, bis die Wehen kommen“

  1. Rena Haug sagt:

    TEIL 2
    …Baby endlich da war. Ich verstehe Frauen, die wirklich gesundheitlich Probleme bekommen, wenn sie reduzieren oder nicht mehr arbeiten, das Ungeborene geht wirklich vor. Aber sonst. Ich wäre zu Hause auf die Langeweile-Krise gekommen, obwohl ich viele Hobbys hatte und noch immer habe. Aber eben, ich habe gerne gearbeitet und mich jeden Morgen gefreut ins Büro zu meinen Kollegen zu kommen, wenn auch etwas gemütlicher als vorher – gestört hats gar niemanden, alle freuten sich mit mir auf die Geburt.
    Jedem das seine, denke ich…

  2. Rena Haug sagt:

    TEIL 3

    Ach ja, und kleiner Nachtrag noch: Nur weil ich schwanger bin, muss ich ja das Gesundheits-/Krankenkassensystem nicht zusätzlich zu den üblichen Kosten auch noch “ausnutzen”, wenn ich mich selbst doch total gesund fühle. Es soll für diejenigen da sein, die es in dieser (oder auch anderen) Situationen wirklich brauchen. Und solche Problemschwangerschaften gibt es genug. Ich bin/war einfach dankbar, dass es mir und meinem (ungeborenen) Kind gut ging und drücke allen anderen werdenden Müttern die Daumen, dass es auch ihnen so gehen wird!

  3. Stefan Schmid sagt:

    Habe eben diesen Blog gelesen und keine Ahnung was schon diskutiert wurde.
    Aber ich habe mal einen ganz einfachen, pragmatischen Ansatz: Könnten nicht werdende Mütter, sofern der Arzt kein Zeugnis gibt oder sie einfach sich in Ruhe vorbereiten möchten, eifach den Mutterschaftsurlaub vorziehen?
    Die Mutter könnte also (ohne Arztzeugnis) zwei Wochen vor und zwölf Wochen nach der Geburt beziehen. Absolut Kostenneutral und deshalb wahrscheinlich schnell realisierbar.
    Vielleicht hat dieser Vorschlag auch Tücken, z.B. dass die Ärzte die Frauen einfach nicht mehr krankschreiben?

  4. kurt vanossi sagt:

    Die Erklärung ist einfach, übrigens dieselbe warum wir auf extra Ferienwochen an der Urne verzichten: wir sind staatspolitisch so gedrillt, dass wir das Brottosozialprodukt und den Bankkontostand über die Gesundheit und insbesondere die Gesundheit von Ungeborenen stellen. Abgesehen vom Bankkontostand unterscheidet uns somit nichts von Nordkorea.

  5. Schwanger sagt:

    Eines wurde mir in diesem Artikel nicht klar. Wenn ich nun den Schwangerschaftsurlaub vorziehen möchte, darf ich das ? (Ohne Krankschreibung, Ferien einziehen – sondern in Absprache mit dem Arbeitgeber). Konsequenterweise würde sich dieser nach hinten verkürzen.

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