Leben


Michèle Binswanger am Donnerstag den 22. Dezember 2011

Wie man richtig Schluss macht

«Manchmal schau ich dich an und dann denke ich daran, dass ein Tag kommt, an dem ich von dir geh ...»

«... und dann denke ich daran, dass ein Tag kommt, an dem ich von dir geh ...»

Dies ist meine letzte Kolumne als Leiterin des Mamablogs. Ja, es ist aus. Ich mache Schluss, mit dem Blog und damit in gewisser Weise auch mit Ihnen, meine hochverehrten Leserinnen und Lesern. Denn Sie waren von Anfang an ein wichtiger Teil dieses Blogs.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich Schluss mache, aber ich weiss immer noch nicht so richtig, wie das geht. Man kann wahrscheinlich nicht «richtig» Schluss machen, besonders wenn die Gründe für die Trennung nicht auf der Hand liegen. Eigentlich sind wir doch ganz gut miteinander ausgekommen. Natürlich hatten wir unsere Differenzen, aber das gehört zu einer lebendigen Beziehung.

Ja, es war eine schöne Zeit mit Ihnen, Sie waren ein wundervolles Publikum. Nun, nicht immer. Manchmal konnten Sie ganz schön nerven, aber ich gehe davon aus, dass es Ihnen mit mir auch so ging. Ein geschätzter Kommentierer hier im Blog schrieb mir jüngst, die Tiefe meiner Themen sei grade richtig, in der Breite gäbe es noch Spielraum. Ich nehme an, er meinte damit, dass ich zu sehr auf Genderthemen fixiert war. Und auf Sex. Das kann eine Beziehung natürlich belasten, besonders wenn sie so einseitig ist, wie bei uns, mein liebes Publikum. Es blieb Ihnen ja nichts anderes übrig, als einfach mitzumachen, selbst wenn sie mit der schmollenden Verweigerung kokettierten. Aber das ist ja nicht der Grund, warum wir uns trennen müssen.

Ich war nicht immer respektvoll, ich habe Sie oft provoziert und herausgefordert, aber Sie haben auch zurückgegeben. Nehmen Sie diesen Blog. Vielleicht haben Sie sich zugeschaltet, weil Sie etwas Nützliches erwartet haben, eine praktische Anleitung, wie man eine Beziehung richtig beendet. Und nun sind Sie enttäuscht, weil ich auch keine Patentlösung auf Lager habe. Aber war dies nicht immer das Reizvolle an diesem Blog? Die verschiedenen Meinungen, die Auseinandersetzung? Ich habe mich über Ihr Lob und Ihre Komplimente immer sehr gefreut. Und manchmal habe ich auf Ihre Kritik empfindlich reagiert, war frustriert, wenn Sie meine Argumente aus dem Zusammenhang rissen oder absichtlich falsch verstanden. Und trotzdem habe ich den Widerspruch nicht weniger geschätzt als den Zuspruch. Denn Widerspruch regt zum Weiterdenken an, dazu, seine Argumente nochmals zu überdenken, sich selbst zu hinterfragen. Und deshalb möchte ich Ihnen insbesondere auch für Ihren Widerspruch danken.

Manchmal konnten wir unsere Differenzen ausräumen, oft nicht, aber auch darin zeigt sich die Reife einer Beziehung, nämlich akzeptieren zu können, dass man sich nicht in jedem Punkt einig sein muss.

Vielleicht fragen Sie sich: Gibt es einen anderen? Will sie vielleicht für einen anderen schreiben? Wenn es einen gäbe, würde ich vielleicht nicht nein sagen. Aber das war nicht der Grund, warum ich mich von Ihnen trenne. Was dann, fragen Sie? Nun, ich hätte mich hier in dieser Beziehung gemütlich zur Ruhe setzen können. Aber dazu bin ich noch nicht bereit. Stattdessen haben ich mich entschlossen, die ganzen Erfahrungen, die ich hier im Blog gemacht habe, zusammen mit Nicole Althaus in einem Buch zu verdichten. Und mich dann in neue Themengebiete aufzumachen.

Bei meiner Entscheidung habe ich auch an Sie gedacht, mein liebes Publikum. Sie haben Abwechslung verdient, andere, jüngere, frische Bloggerinnen, die hier über ihre eigenen Erfahrungen schreiben. Ihnen möchte ich den Platz freiräumen.

Aber wir müssen uns nicht für immer trennen. Wir müssen nicht unbedingt Freunde bleiben, aber ich schlage eine offene Beziehung vor. Sie können mich weiterhin auf Newsnet lesen und ich werde weiterhin verfolgen, was im Mamablog so geht. Und damit möchte ich mich nun verabschieden. Ich danke Ihnen für das Interesse, die Unterstützung und den Widerspruch.

Binswanger_MachoMamas_P03_DEF.inddMichèle Binswanger, Nicole Althaus: «Macho-Mamas – Warum Mütter im Job mehr wollen sollen», Nagel & Kimche, 176 Seiten. Erscheint am 19. April 2012

154 Kommentare zu „Wie man richtig Schluss macht“

  1. Monsieur de Hummel sagt:

    Viel Glück Frau Binswanger
    Die Gender-Thematik ist zwar nicht so mein Geschmack, aber dafür haben sie etwas Sex in den grauen Tagi-Alltag gebracht. Hoffentlich findet sich eine würdige Nachfolgerin.

  2. Eremit sagt:

    Schade dass sie den Blog verlassen Frau Binswanger. Die sehr leicht lesbaren Texte, welche das Lesen zu einem Genuss machten, und die Klarstellung von Witzen werden hier wohl zukünftig fehlen. Aber vor allen die Philosophin, welche durch einfache Fragen zum Nachdenken über die Welt anregte, wird man hier wohl vermissen.
    Alles Gute für die Zukunft und frohe Weihnachen.

  3. Katharina sagt:

    Eigentlich ist ja klar, weshalb der Sängerknabe als Bild für diesen Artikel gewählt wurde. Es geht um das Wort Publikum.

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.