
Stammzellen aus Nabelschnurblut können Leben retten: Neujahrsbaby 2007. (Bild: Keystone)
Ein Kollege fragte mich vor Kurzem, ob wir das Nabelschnurblut nach der Geburt als Stammzellen-Reserve tiefgefrieren lassen, «anscheinend ist das ja der neuste Trend.» Ich verneinte. Wieso sollte ich einen Stammzellenvorrat anlegen lassen, wenn es doch bisher absolut keinen Grund dafür gibt, bei meinem Kind mit einer schweren Erkrankung zu rechnen? Man mag das naiv oder kurzsichtig nennen, ich bezeichne es lieber als gesunden Optimismus.
Stammzellen werden von den privaten Zell-Banken, die sie gegen Bezahlung einlagern, als Wundermittel schlechthin angepriesen. Tatsächlich sind sie kleine Alleskönner: Ob Herzmuskulatur, Auge oder Haar, alles entsteht aus ihnen. Was jedoch keineswegs bedeutet, dass auch die aus der Nabelschnur extrahierten und anschliessend bei unter –197 Grad tiefgefrorenen Zellen sich in jedes Organ verwandeln können. Denn auch wenn Anbieter wie Cryo-Save und Swiss Stem Cell Bank ihren Service überschwänglich als «private Vorsorge» oder «biologische Lebensversicherung» anpreisen und wunderbare Zukunftsvisionen entwickeln, laut denen ganz bald etliche Krankheiten mit Nabelschnurblut-Stammzellen therapiert werden können, sehen die meisten Wissenschaftler die Sache etwas kritischer. Sie bezweifeln, dass man in naher Zukunft beliebige Gewebe und Organe aus solchen Stammzellen entwickeln könne. Frühestens in zehn Jahren sei mit ersten klinischen Versuchen zu rechnen. Kein Problem, mögen die Befürworter sagen, schliesslich bleiben die Stammzellen zwanzig Jahre lang eingefroren. Ob sie einen so langen Lagerungsprozess unbeschadet überstehen, ist indes noch nicht erwiesen.
Heute kommen Stammzellen bei Leukämie, Immun- und Stoffwechselerkrankungen zur Anwendung, wobei Leukämie nach wie vor als Hauptanwendungsgebiet gilt. Die Möglichkeit, dass ein Kind daran erkrankt, ist zum Glück klein. Die Chance, dass ihm seine eigenen Stammzellen dann helfen, leider noch viel kleiner. Meist entsteht die Krankheit nämlich bereits pränatal, sprich: Die entnommenen Zellen sind ebenfalls krankhaft verändert und deshalb unbrauchbar. Und selbst wenn der glückliche Fall eintritt, dass die Stammzellen unbeschädigt sind, darf man nicht vergessen, dass die Menge an Restblut in der Nabelschnur begrenzt ist. Sie reicht im Normalfall gerade zur Therapie eines 30 bis 40 Kilo schweren Kindes. Für einen erkrankten jungen Erwachsenen wäre die aus dem Blut gewonnene Stammzellen-Menge zu gering für eine erfolgreiche Behandlung.
Trotz all dieser Kritikpunkte floriert das Geschäft der privaten Stammzellen-Banken. Mittlerweile werden nicht mehr nur das Nabelschnurblut, sondern mancherorts auch die ganze Nabelschnur und Teile der Plazenta eingefroren. Und beim Anbieter Bio Eden können besonders besorgte Eltern sogar die Milchzähne ihrer Kinder einlagern lassen, da auch diese kleine Mengen an Stammzellen enthalten. Ob sie zu Therapiezwecken taugen, ist allerdings zum heutigen Zeitpunkt noch nicht klar, weshalb Experten das Milchzahn-Business als reine Geschäftemacherei bezeichnen.

Was soll mit der Nabelschnur nach der Geburt geschehen? Bild eines ungeborenen Babys.
Neben dem ganzen Hype um die private Stammzellen-Vorsorge geht die Variante der Nabelschnurblut-Spende völlig unter. Denn ja, auch die gibt es in der Schweiz – und sie macht deutlich mehr Sinn. Bei einer Spende wird das wertvolle Gut in einer öffentlichen, nicht-gewinnorientierten Nabelschnurblut-Bank tiefgefroren und steht in der Folge Patienten weltweit zur Verfügung. Die Spenderstammzellen werden mit Erfolg angewendet: Da sie noch «jung» sind, also noch kein ausgeprägtes Immunsystem aufweisen, werden sie vom Empfänger seltener abgestossen als aus dem Knochenmark eines Erwachsenen entnommene Zellen. Und im Gegensatz zur herkömmlichen Knochenmark-Methode können die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut ohne grossen Aufwand und vor allem ohne Schmerzen und Risiko für den Spender beschafft werden.
«Ich kann also mit einer für mich völlig unproblematischen Nabelschnurblut-Spende möglicherweise jemandem das Leben retten und muss dafür nichts weiter tun, als den Ärzten die Einwilligung zur Entnahme zu geben? Grossartig», dachte ich mir, als ich bei meiner Recherche davon las, und wollte das sofort in die Wege leiten. Doch so einfach ist das hierzulande gar nicht, denn bisher listet die Stiftung Blutstammzellen Schweiz SBSC gerade einmal fünf Schweizer Kliniken auf, die die Entnahme durchführen. Und sie alle liegen so weit entfernt von meinem Zuhause, dass ich mein Kind womöglich schon auf dem Weg dorthin gebären würde.
Laut einer Infobroschüre des Zürcher Universitätsspitals existiert in der Schweiz aus finanziellen Gründen kein flächendeckendes Spendewesen: «Eine einzelne Nabelschnurblutspende kostet zwischen 2000 und 3000 Franken. Trotz grosser Anstrengung der Experten waren bislang die Kantone nicht bereit, jährlich einen namhaften Betrag für ein öffentliches Nabelschnurbanking bereitzustellen.» Man könne daher in den meisten öffentlichen Kliniken kein Nabelschnurrestblut spenden, «auch wenn das sehr sinnvoll wäre». Gehe es hingegen um private oder gezielte familiäre Nabelschnurblutspenden, so das Universitätsspital weiter, werde man von den meisten Kliniken unterstützt.
Das Ganze klingt wie ein schlechter Witz. Nicht nur, dass die diversen privaten Anbieter es mit ihren breit gestreuten Werbeversprechen schaffen, unzählige Eltern zu einem gut gemeinten, aber letztlich egoistischen Akt zu bewegen, nämlich die Stammzellen für sich ganz privat einfrieren zu lassen – damit sie in den allermeisten Fällen jahrzehntelang vor sich hin kühlen und irgendwann vernichtet werden. Nein, auch wenn man zufälligerweise doch noch von der Möglichkeit der Spende erfährt und diese tätigen möchte, dann kann man das vielerorts gar nicht tun, weil unsere Politiker das Geld dafür reut.
Würden all diejenigen, die sich heute für eine private Bank entscheiden und dafür ohne mit der Wimper zu zucken 3000 bis 5000 Franken hinblättern, stattdessen nur einen Bruchteil dieses Geldes gemeinsam mit dem Nabelschnurblut der öffentlichen Stammzell-Bank spenden, würden sie nicht nur den aktuell Betroffenen einen Gefallen tun. Sie würden gewissermassen auch für sich selber und ihre Kinder vorsorgen, da die öffentliche, weltweit vernetzte Stammzell-Bank stärker wachsen und eine immer breitere Auswahl an Stammzellen bieten würde, die im Falle eines Falles auch ihnen helfen könnte. Und zwar mit einer deutlich grösseren Chance auf Heilung als sie ihnen ihr Ego-Stammzell-Konto auf der privaten Zell-Bank bietet.
Natürlich ist dieser Gedanke nicht mehr als eine schöne Illusion. Trotzdem hoffe ich, dass sich einige werdende Eltern nach dem Lesen dieses Beitrags über eine Nabelschnurblut-Spende informieren. Und diejenigen, welche bereits mit einer privaten Stammzell-Bank liebäugeln, ihre Entscheidung noch einmal überdenken und ihr Nabelschnurblut wenn möglich doch spenden. Sie sind deswegen keine schlechteren Eltern, weil sie angeblich nicht das Beste für ihren Nachwuchs tun. Sie sind vielmehr vernünftige Menschen, die sich nicht von Werbeversprechen blenden lassen. Menschen, die das Solidaritätsprinzip im Gesundheitswesen hochhalten. Gerade in der Weihnachtszeit sollten sich dafür doch einige Herzen erwärmen lassen, oder?



Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
auf Facebook



























































































Einige ergänzende wissenschaftliche Informationen zum Artikel:
1) US-Forscher Hal Broxmeyer hat kürzlich nachgewiesen, dass Nabelschnurblut-Stammzellen auch nach 23,5 Jahren Kälteschlaf gut einsetzbar sind. Längere Erfahrungen hat noch niemand, weil das Verfahren erst Ende der 80-er Jahre entdeckt wurde.
2) Gegenwärtig (www.netcord.eu) wird bereits jedes zweite Nabelschnurblut bei Erwachsenen eingesetzt. Früher gingen Ärzte davon aus, dass die Menge an Stammzellen im Nabelschnurblut nur für Kinder reicht. Das gilt so nicht mehr.
Hier kann man sich eintragen, um Blutstammzellen zu spenden. Man bekommt ein Set zugeschickt mit Wattestäbchen, die man dann mit der Speichelprobe zurückschickt. Sehr einfach! Auch Nabelschnurblut kann hier gespendet werden.
http://www.sbsc.ch
Wo ist mein Post?
Also nochmal, hier kann man sie spenden, die Blutstammzellen, d.h. sich erst mal registrieren lassen, auch für Nabelschnurblut:
http://www.sbsc.ch
Die Sache ist mit sicherheit sehr kontrovers – zumal es sich ja bisher um private dienstleister handelt. Hier habe ich einen dieser Nabelschnurblut Dienstleister aufgespürt – es hört sich alles sehr seriös an – was haltet ihr von der Geschichte? Es gibt wohl die Möglichkeit dieses Blut für wenig Geld beim Kappen der Nabelschnur zu entnehmen , aber wieviel kostet die Aufbewahreung – und wie lange wird es aufbewahrt – und vor alllem für wen ?