Leben


Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 14. Dezember 2011

Das Superhirn im Kinderzimmer

Ein Papablog von Alexander Marzahn.

SCHWEIZ STADT NATUR

Neugier, Wissensdurst und geistige Wachheit sind bei einem hochbegabten Kind einfach da: Ein Mädchen erforscht Kleinstlebewesen. (Bild: Keystone)

Kurz vor Ende des Schulsemesters spielen sich in Klassenzimmern seltsame Szenen ab. Da werden brave Eltern zu verbissenen Anwälten im Dienst ihres Nachwuchses. Dem Kind wird der Sprung ins oberste Leistungsniveau verwehrt? Undenkbar, auch wenn das Zeugnis eine klare Sprache spricht. Es gibt tausend Gründe, warum die Noten lügen, am Potenzial des Kinds jedenfalls liegt es nicht. Amy Chua, die Bestsellerautorin, die für die Karrierechancen ihrer Kinder über Erwachsenenleichen geht, hat den Takt vorgegeben: Erfolg ist, wenn man daran glaubt. Und dafür kämpft.

Viele Eltern wünschen sich ein Superhirn. Und noch mehr überschätzen die Fähigkeiten ihrer Kinder. In einer jüngeren Studie in den USA zeichneten gerade mal fünf Prozent der befragten Eltern ein realistisches Bild vom Entwicklungsstand ihrer Sprösslinge. 95 Prozent hielten ihr Kind für überdurchschnittlich begabt. Tatsächlich erreichen nur zwei bis drei Prozent aller Kinder einen IQ von 130 oder höher, was als Hochbegabung gilt.

Ja, unser Kind ist hochbegabt. Das klingt wie ein Geständnis, und schon die Tatsache, dass ich mir lange überlegt habe, ob ich dieses Thema aufnehmen will, zeigt, dass ein unverkrampfter Umgang mit dem Phänomen – ich hätte bald Problem geschrieben – nicht einfach ist. Hochbegabung hat den Beigeschmack von verlorener Kindheit, überehrgeizigen Eltern, krankhafter Geltungssucht. «Soso, ihr Kind ist also hochbegabt.» Man steht sofort unter Legitimationsdruck, muss sich unbequemen Fragen stellen. «In der Schweiz misstraut man allem, was über dem Durchschnitt liegt», sagt Béatrice Giovannoni vom Verein Förderung begabter Kinder (FBK).

Darum vorweg: Nein, es gab bei uns keine Sonderschicht beim Lesen lernen, keine pränatale Musiktherapie, weder Frühchinesisch noch Kinderkunstclub. Es gab nur viele Antworten auf viele Kinderfragen. Die Neugier, der Wissensdurst, die geistige Wachheit (korrelierend mit einem minimalen Schlafbedürfnis…) waren einfach da, und als das Kind vor Eintritt in den Kindergarten kleine Comics schrieb, über den tieferen Sinn von Märchen reflektierte oder intuitiv begriffen hatte, dass 1+3 stets das selbe «macht» wie 3+1, hiess es für uns handeln.

Denn längst ist bekannt, dass kleine grosse Geister in unserem Schulsystem sich nur schwer zurechtfinden, auch wenn die jüngsten Ansätze positiv zu werten sind. Doch während unterstützende Angebote für minder Begabte oder Behinderte längst etabliert sind, kennen viele Schulen für die Randgruppe der Superklugen kein adäquates Angebot. Mit teils fatalen Folgen: In rund 20 Prozent der Fälle, so eine Schätzung, treten früher oder später Probleme auf; fünf Prozent entwickeln starke Verhaltensauffälligkeiten bis hin zur totalen Verweigerung – statt Begabtenförderung wartet der Schulsozialdienst.

Die Abklärung machten wir, als das Kind viereinhalb Jahre alt war. Der Befund war eindeutig genug, dass wir mit Konzepten wie «Frühenglisch» oder «Privatschule mit Vorkindergartenangebot» bekannt gemacht wurden. Wir haben uns dagegen entschieden, teils aus finanziellen, teils aus ideellen, teils aus privaten Gründen. Zwei Jahre später – nach einem Kindergartenjahr hat nun die Primarschule begonnen – liest das Kind zwar bilderlose Bücher, schreibt Gedichte, hat kürzlich im Handumdrehen das Flöten- und das Schachspiel gelernt – und ist doch auch ein ganz normales Mädchen, das gern ins Freibad geht, mit Freundinnen spielt oder sich auf Spielplätzen austobt.

Natürlich ist man auch ein bisschen stolz. Zugleich ist es nicht leicht, die richtige Balance zu halten. Hochbegabte Kinder sind oft mit sehr vielen Talenten gesegnet. Und irgendwann lässt der Stundenplan die Breitband-Selbstverwirklichung nicht mehr zu. Wo hilft man nach, was lässt man sein? Soll man mit frühem Spezialistentum «dafür sorgen, dass die ungewöhnlichen Talente zur Entfaltung kommen und der Gesellschaft nützen», wie es ein Netzwerk für Hochbegabten-Eltern in Deutschland formuliert? Oder lieber das Spektrum offen und den Dingen freien Lauf lassen – und womöglich bereits einige Wege verbauen?

Das Kind ist lernwillig, begeisterungsfähig, formbar. Ich behaupte kühn: Mit dem entsprechenden elterlichen Schub stünde der glänzenden Karriere als Musiker, Schachgrossmeister, Forscher oder Schriftsteller wohl nichts im Wege. Doch was wäre der Preis? Letztlich steht man vor der Frage, wie weit die Erziehungs-Berechtigung tatsächlich geht – und was denn eigentlich Kindheit sein soll: Aufzucht? Lebensschule? Unbeschwerte Zeit? Oder eben doch die Initialzündung für ein Berufsleben auf der Überholspur?

Umgekehrt steht man in der Verantwortung: Wenn man manche Begabung einfach in sich Ruhen lässt, wenn man den Nachmittag lieber im Wald als mit der Theatergruppe verbringt, sich für den lustigen Schwimmkurs und gegen das Frühenglisch entscheidet – macht man sich irgendwann Vorwürfe? Wird man gar vom Kind selbst irgendwann zur Rede gestellt? Wir wissen nur: Die entscheidenden Jahre stehen noch bevor. Und irgendwann haben sich diese Fragen von selbst erledigt. Weil wir zum Kinderglück vielleicht gar nicht so viel beitragen können, wie wir uns selbst gern einreden.

Alexander Marzahn ist ehemaliger Redaktor, Kommunikationsberater und freier Autor.

533 Kommentare zu „Das Superhirn im Kinderzimmer“

  1. Christian Duerig sagt:

    @ Katharina
    Mit Einstein möchte ich abschliessen: “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.”
    Merry X-mas and a happy New Year.
    Crigs

    • alien sagt:

      Das ist ein gescheites Zitat. Es gilt aber auch für Sie, CD.

      • Christian Duerig sagt:

        @ alien
        Es gilt sogar für Einstein.
        Wir sind heute in der Postmoderne (nach 1927 Solvay Konferenz). Heute kennen wir sogar das Free Will Theorem.
        Mit iTunes U können Sie den 6 stündigen Beweis miterleben. Viel Spass mit Conway. Crigs

  2. Christian Duerig sagt:

    @ alien
    Denken Sie über den Limes von log x nach, wenn x gegen 0 strebt. Finden Sie nun die Lösung zu Limes x⋄ log x , wenn x gegen Null strebt ?
    Plötzlich staunen Sie. Was nun ?
    Lesen Sie vorsichtig die Frage.
    Finden Sie nun die Antwort ?

    • Christian Duerig sagt:

      @ alien
      Ich helfe Ihnen gerne, das Brett vor dem Kopfe zu entfernen. Crigs
      Nebenbei: Das hat mit Dummheit nichts zu tun. Sie sind blockiert: Sie sind überrascht. Beruhigen Sie sich. Falls Sie richtig Denken, dann finden Sie die Lösung. Sie ist äusserst einfach und klar !

      • Christian Duerig sagt:

        @ alien
        Was ist Hans nun wirklich ?
        Ich helfe Ihnen auch hier, das Brett vor dem Kopf zu entfernen. Crigs

      • Christian Duerig sagt:

        @ alien
        Die meisten Menschen verstehen unter “Hans ist nicht grösser als Fritz” , dass Hans kleiner als Fritz sein muss. Das ist aber falsch: Hans ist kleiner als oder gleichgross wie Fritz.
        Fazit: Die meisten Menschen können nicht richtig negieren. Wer das nicht im Kindergarten oder in der Grundschule lernt, der strauchelt später in der Mathe. Aussagenlogik ist ein Grundstein zum Erkennen und Verstehen.
        Herr alien, Sie sind entlassen. Kehren Sie zurück zu……Ich bin überrascht ETH-Ingenieur alien, ein Aussenirdischer getroffen zu haben. Sein Name und dieser Blog beweisen es. Crigs

    • Christian Duerig sagt:

      @ alien
      Damit der Limes existiert, müssen der linksseitige und der rechtsseitige Limes beide existieren und zudem übereinstimmen. Logarithmen sind nur für positive Zahlen definiert, also gilt: Lim log x für x gegen 0 existiert nicht.
      Ihre Antwort war total daneben, aber das interessierte Sie ja nicht. Sie bildeten sich ein, die richtige Antwort zu kennen, wo sie gewurstelt haben.
      (Sogar ein Maturand kann das verstehen)
      Herr alien, Sie als ETH-Ingenieur, können Sie den rechtsseitigen Lim log x f0r x gegen 0 bestimmen ?

      • Christian Duerig sagt:

        @ alien
        Wenn x rechtsseitig gegen 0 strebt, strebt log x gegen -∞.
        Lim x ⋄ log x darf nicht als lim x ⋄ lim log x geschrieben werden, wenn x gegen Null strebt. ( 0⋄ -∞ ist nicht definiert )
        Benutzen Sie aber die nützlich Definition des Limes nach Weierstrass, dann können Sie feststellen, dass folgendes gilt:
        Lim x ⋄ log x = 0 wenn x rechtsseitig nach 0 strebt.
        Versuchen Sie das zu überprüfen. Sie können es auf Ihrer Reise tun und dabei etwas lernen.
        Viel Spass mit dem richtigen Denken.
        PS Ein wissenschaftlicher Taschenrechner zeigt Ihnen das gleiche Resultat an, ohne denken zu können. Crigs

  3. Christian Duerig sagt:

    @ alien
    Ich habe mir angewöhnt, nicht über Dinge zu sprechen, bevor ich sie aussagenlogisch überprüft habe. Einstein tat das Gleiche. Trotzdem kann man scheitern, wenn neue Beobachtungen nicht einbezogen werden. Als Heisenberg den Matrizenkalkül in die Physik einführte, konnte niemand den smoking gun erkennen. Heisenberg war selber überrascht über die Entdeckungen. Er wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Wieso kommen plötzlich Hermite’sch Matrizen so zum Tragen ? Falls ich Sie neugierig machen konnte, dann folgen Sie Leonard Susskind at Stanford via iTunes U. Es gibt hier 11 Vorlesungen.

  4. Christian Duerig sagt:

    @ alien & friends
    LEKTÜRE FÜR REISENDE
    Der Reisende, ab und zu einen Blick aus dem fahrenden Zugfenster werfend, ab und zu aus dem Flugzeug einen Blick auf die darunter vorbeiziehende Welt gönnend und ab und zu Brosamen in erste Gespräche streuend, dieser Reisende ist schlicht einfältig und blöd. Frägt man ihn, wie er beim Schwanenpaar das Männchen vom Weibchen unterscheiden kann, antwortet er mit grösster Zuversicht: “Das ist sehr einfach. Man streut ihnen Brosamen vor. Wenn er zu pickt, ist es das Männchen. Wenn sie zu pickt, ist es das Weibchen.” Er bildet sich sogar ein, etwss Gutes zu tun

    • alien sagt:

      Nein, dieser Reisende ist NICHT blöd. Er ist ganz einfach ein Mitmensch. Einer ohne Meinung vielleicht, aber ein Mitmensch.

      • Christian Duerig sagt:

        @ alien
        Mitmensch sein verlangt von uns das Allerbeste. Einfach Mitmensch sein, verlangt von uns fast gar nichts, höchstens Zeitverschwendung. Dies versuche ich unter allen Umständen zu verhindern. Ich weiss, dass ich Sie, Herr alien neugierig gemacht habe. Ich danke Ihnen, dass Sie sich wieder gemeldet haben. Sie sind vermulich doch kein Alien. Crigs
        PS: Mit crigs@mac.com können Sie mich via Internet erreichen. Ich bin gerne bereit; Ihnen mehr über Logik zu erkären, als es der dtv-Atlas zur Mathematik tut. Er ist oft sehr schwer verständlich und fehlerhaft. Trotzdem der beste Atlas.

  5. Christian Duerig sagt:

    @ Freunde
    Lernen Sie die Aussagenlogik kennen. Bemühen Sie sich, die Prädikatenlogik in den Griff zu bekommen. Nun haben Sie das notwendige Rüstzeug, die Strukturen des richtigen Schliessen zu verstehen.
    Mit der QM müssen Sie lernen, vieles zu verwerfen und sich nur auf die Beobachtungen zu stützen. Sie lernen Begriffe wie: Supperposition, Dirac Notation, Korrelation, Hermite’sche Matrizen, usf. “Truth can often be stranger than any fiction.” Viel Erfolg und Spass. Hochbegabte haben in sicher. Crigs

  6. Christian Duerig sagt:

    @ Friends
    A man’s real possession is his memory. In nothing else is he rich,
    in nothing else is he poor.
    —Alexander Smith

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