
Weihnachten kann zu denken geben: Frau mit Weihnachtsdekoration.
Verzeihen Sie, aber ich bin etwas im Stress. Ja, ich gehöre jetzt auch zu den bemitleidenswerten Opfer des vorweihnächtlichen Burnouts, denen die Puste schon auf der Zielgerade auszugehen droht, weil sie sich dem besonderen Stress dieser Jahreszeit nicht entziehen können. Zwischen den zahlreichen Weihnachtsessen, Empfängen und Apéros, der Organisation einer funktionierenden Kinderbetreuung, um selbige Termine wahrnehmen zu können, musste ich mich am Sonntag auch noch in die Depression des Sonntagverkaufs stürzen, weil ich sonst einfach nicht dazu komme, meine Geschenke zu besorgen.
Ja, ich gehöre jetzt auch zu den armen Irren, denen ich mich in der Arroganz der Jugend so unendlich überlegen fühlte. Wenn alle über Vorweihnachtsstress klagten, berichtete ich strahlend, wie gut es mir ging, weil ich mich uneingeschränkt darauf freute, mich mit der Familie um den Weihnachtsbaum zu versammeln, ein paar Lieder zu trällern und gut zu essen. Seit wir beschlossen hatten, uns keine Geschenke mehr zu machen, konnte ich mich befreit auf das Weihnachtsfest freuen, weil ich nicht im Vorfeld noch verzweifelt durch die Stadt hetzen musste um Dinge zu kaufen, von denen ich keine Ahnung hatte, ob sie dem Geschmack der Beschenkten auch treffen würden.
Doch dann kamen Kinder, ganz viele Kinder, die nun, wie wir damals auch, dem grossen Tag schon Wochen zuvor entgegenfiebern. Und damit ist es aus mit den beschaulichen Dezembertagen. Dafür habe ich, organisatorisch eigentlich völlig unbegabt, neue Fähigkeiten im vorweihnachtlichen Zeitmanagement entwickeln müssen. Zunächst gilt es, all die Wünsche der Neffen und Nichten aufzunehmen und auszusortieren, wer was schenkt, damit es keine Doubletten gibt. Alsdann gilt es, den eigenen Kindern die Weihnachtswünsche aus der Nase zu ziehen, weil die zahlreichen Tanten auch etwas schenken möchten. Dass meine Kinder die Angewohnheit haben, jede Woche mit einem anderen brennenden Wunsch anzutanzen, den ich dann wieder in die gut geölte familiäre Weihnachtsmaschinerie einspeisen darf, vereinfacht die Sache nicht unbedingt. Dazwischen gibt es Weihnachtssingen, Chlausenhöcks, Apéros und Dinners, wobei man sich überlegt, ob es nicht das Klügste wäre, den Dezember einfach im Dauerrausch zu verbringen.
Wie so oft eröffnen einem erst die eigenen Kinder, wie tief wir in dieser Gesellschaft verwurzelt sind, gegen die wir uns in der Arroganz der Jugend so hochmütig abzugrenzen beliebten. Warum soll Weihnachten als Versicherung des Wertes Familie nur über das Konzept Konsum funktionieren? So fragten wir uns und distanzierten uns von den kommerziellen Aspekt des Ganzen ab. Aber die Liebe zu unseren Kindern und die Erinnerung an unsere eigene Kindheit hat uns hinter diese Erkenntnis zurückgeworfen und so finden wir nichts dabei, wenn sie stundenlang Spielzeugkataloge durchblättern und unendliche Listen der Begehrlichkeiten aufstellen.
Irgendwie erinnert mich das alles an die fatale Lage, in der nicht nur der Westen, sondern der ganze Planet sich befindet. In den Sonntagszeitungen lese ich, wie hart die Krise uns alle treffen wird, dass wir an einer Zeitenwende stehen und das Klima auch bald schlapp machen wird, wenn wir uns nicht bald ändern, dass unsere Kinder es nie mehr so gut haben werden, wie wir selber, dass wir in jeder Hinsicht über unsere Verhältnisse leben. Und dann lege ich die Zeitung beiseite, um im Sonntagsverkauf einen neuen Tripp Trapp für den Neffen zu erstehen, obschon ich zwei zu Hause habe, die meine Kinder nicht mehr brauchen, aber einen gebrauchten Tripp Trapp zu verschenken geht ja nicht, also muss es ein neuer sein und die meinen verscherble ich dann auf Ricardo.
Und ich schau mir all die Menschen an in ihren teuren Autos und teuren Kleidern, mit ihren schönen neuen Telefonen am Ohr – und ich weiss, dass all diese Konsumgüter weiter Ressourcen weggefressen haben und dass bei Herstellung und Vertrieb zu viel CO2 in die Atmosphäre gelangt ist, dass das also irgendwie falsch ist, wenn man davon ausgeht, dass wir nachhaltiger leben sollten. Aber richtig, wenn man die Wirtschaft fragt, dann will die ja immer weiter wachsen und ist also froh, wenn fröhlich weiter konsumiert wird. Und selbst wenn wir Nutzniesser der Industrienationen uns dazu durchringen könnten, mit etwas weniger Luxus zu leben, werden die Menschen in den Schwellenländern ähnlich denken, wenn sie sich auch endlich etwas leisten können? Oder werden sie sich wie unsere Kinder keinen Deut um moralische und umwelttechnische Bedenken scheren, weil sie von der Freude am Konsum einfach überwältigt sind. Und wer könnte es ihnen verdenken? Und wann werde ich eigentlich das Kinderzimmer ausräumen, um Platz für all die neuen Geschenke zu schaffen?
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Ich wäre nur schon froh, wenn jemand in mir ein Lichtlein anzünden und die düsteren Gedanken und Zukunftssorgen vertreiben würde.



Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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Hm, wisst Ihr, warum gerade ich zum Thema Depression nichts schrieb heute? Geht mir zu nah.
medis nicht gepoppt?
aber vielleicht tu ich dir da unrecht, mir ist gerade etwas in den sinn gekommen wegen eines deiner Angehörigen..sorry.
Mein Kleiner hat vor kurzem ganz traurig gefragt, was wir denn jetzt machen an Weihnachten, die letzten Jahre hat er seine kranke Mutter besucht im Spital und hat zusammen mit dem Vater Guetzli gebacken und dieses Jahr, hat er nur noch zwei Grabsteine, die er besuchen kann. Ich habe ihm gesagt, dass wir dieses Jahr nicht richtig feiern werden, wir werden still sein und daran denken, wie es war, als die Oma oben noch lebte und als seine Eltern noch lebten. Dann werden wir alle zusammen sitzen und fein essen und uns freuen, dass wir trotzdem nicht alleine sind.
Laura, es braucht Sie, um uns Frivole wieder auf den Boden zu holen. Danke dafür. Und was soll man Ihrem Kleinen wünschen: bei allem Unglück hat er Sie und das ist ein kleiner Lichtblick. Sie haben meinen grossen Respekt.
Darf ich bei der Gelegenheit darauf hinweisen, dass es erstaunlich viele Menschen gibt, die Weihnachten mit anderen teilen, die weniger haben – sie hängen es in der Regel bloss nicht an die grosse Glocke. Das sind wohl die, die einen wirklichen Sinn in Weihnachten erkennen können.
Laura TI, was für ein Blödsinn veranstalten Sie da mit dem Kind? Weihnachten ist ein Feiertag und kein “supi, ich kann mich und alle in meinem Umfeld kasteien-Tag”. Ich bitte Sie, nicht richtig feiern und still sein? Haben Sie eine Ahnung, was Sie dem Kind eigentlich antun? Oder sind Sie tatsächlich ein Verfechter dieser pseudo-masochistischen, christilich-devoten Haltung, dass das Weihnachtsfest ein Fest der Busse und Frömmlichkeit ist?
Das sollte natürlich christlich-devoten heissen …
Nein Weihnachten ist ein Fest der Liebe, des Zusammenseins, der Hoffnung und der Freude, dass wir auf eine Erlösung hoffen dürfen. Weihnachten ist für mich kein Fest des Stresses, des Konsums um des Konsums willen und des kollektiven Überhäufen mit unnützem Zeug. Was dieses Kind braucht sind keine Kunsumgüter, dieses Kind braucht ein neues Fundament, es braucht Liebe und es braucht Zeit um den Verlust zu verarbeiten, es braucht Sicherheit und Nähe. Es wird nicht mit einem Haufen Plastik-Blödsinn ruhig gestellt und möglichst ignoriert, damit ich mich ruhig vollfressen und – saufen kann daneben.
Brava. Laura, Du bist eine Inspiration.
Laura TI, das Eine hat ja nichts mit dem Anderen zu tun. Zuerst schreiben Sie etwas von “wir werden ganz still sein und daran denken, wie es war, als die Oma oben noch lebte und als seine Eltern noch lebten” und jetzt geht es plötzlich um den Konsum und den Stress und blablup und dass das Kind mit eben diesen Konsumgütern ruhig gestellt oder ignoriert werden soll.
Wenn Sie schon “traurig” gefragt werden, was man denn jetzt an Weihnachten zu tun gedenke, halten Sie das von Ihnen beschriebene Szenario wirklich für richtig?
Wie auch immer, geht mich ja nichts an.
ja, ich halte es für richtig, das Kind entscheiden zu lassen, wenn es still sein möchte, dann sind wir still, wenn es traurig sein möchte, dann darf es das sein, es darf aber auch spüren, dass wir da sind, dass wir es ernst nehmen und dass es ein wichtiger Teil in unserem Gefüge geworden ist und das mach ich mit Taten und nicht mit Konsum. Es ist meistens für alle Beteiligten kein schönes Weihnachten, das erste Mal ohne eine geliebte Person, ich hoffe, Sie haben das noch nie selber erleben müssen.
Zitat Laura TI: [B]Ich[/B] habe ihm gesagt, dass wir dieses Jahr nicht richtig feiern werden, wir werden still sein und daran denken, wie es war, als die Oma oben noch lebte und als seine Eltern noch lebten. Zitat Laura TI Ende.
Wer entscheidet jetzt genau?
Doch, habe ich selbst auch schon erlebt, drückt durchaus etwas auf die Stimmung und dennoch überwiegen die schönen Momente. Also?
Laura, auch wenn wir schon viele Sträusse ausgefochten haben und oft nicht gleicher Meinung sind, möchte ich dir doch sagen, dass ich überzeugt bin, dass du eine ganz grossartige, liebevolle Mama bist. Deine Kinder haben grosses Glück, gerade auch die neu hinzu Gekommenen. Chapeau!
Danke Pippi, tut gut das zu lesen.
Blackball ich glaube, wir haben unterschiedliche Auffassungen von Feiern. Zu meiner Feier braucht es Menschen, es braucht Offenheit und Herzlichkeit und Respekt vor dem anderen. Es braucht keine laute Musik, keine aufgesetzte Fröhlichkeit und kein geheucheltes Interesse und vor allem, es braucht keine Geschenke. Und wenn mein Junge sagt, dass er nicht fröhlich sein möchte, weil es ihn nicht richtig dünkt, dann lass ich das so stehen und zwinge ihn nicht zu etwas anderem. Wenn er dann trotzdem fröhlich und zufrieden ist, dann hab ich meinen Job richtig gemacht
Laura TI, lassen Sie uns die Diskussion hier beenden. Wir verstehen uns anscheinden nicht, anders kann ich es mir nicht erklären. Ich wünsche Ihnen eine schöne Weihnachtszeit.
am allerbesten fand ich dieses jahr die lehrplanvollzugsbeamte, die offensichtlich mal wieder der meinung war, wir eltern könnten doch auch EINMAL etwas für unsere kinder machen, und uns haargenau 10 tage zeit einräumt im advent, um etwas persönliches, selbstgebasteltes (!!!) für den adventskalender DER LEHRERIN!!! beizutragen. es sei eine überraschung für die kinder. bereits angemeldet. we wird denn kinder enttäuschen wollen. ich fasse es nicht. danke liebe lehrerin, uns ist sonst nämlich nur langweilig im advent
Auch wenns zynisch ist: Am besten dran sind jene, die kein Geld haben, um diese widerliche Konsumorgie mitzumachen. Mich hat mal Mitte Dezember ein Bekannter angerufen, Familienvater mit 3 Kindern, der für den Rest des Monats noch ganze 60 Franken hatte. Das alljährliche Gejammer, man müsse Weihnachten feiern wegen der Kinder, macht mich seither nur noch zornig. – Niemand muss! Jeder kann ja oder nein sagen! Und jetzt komme mir bitte niemand mit psychosophisch-philopathischen Sprüchen über erzieherisch wertvolle Rituale, kulturellen Kitt, glänzende Kinderäuglein, oh je die Schwiegermutter usw.
Danke der Artikel trifft meines Erachtens den Nagel auf den Kopf…