Leben


Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 9. November 2011

Der abgegebene Mann

Ikea Schweiz prüft derzeit die Einführung von Männer-Horten, in die Frauen ihre Partner während des Einkaufes abgeben können. Statt sich mit der Partnerin durch die Möbelausstelung zu quälen, könnten die Herren der Schöpfung sich dann an Spielkonsolen, Flipperautomaten und Töggelikästen vergnügen, auf Sofas Sportfernsehen schauen und dazu gratis Hotdogs verdrücken. Nach Kindergärten nun auch Männergärten? Handelt es sich da um den letzten Schritt zur Befreiung der Frau? Deutschland kennt bereits diese etwas spezielle Form der Männerbetreuung. Michael Marti besuchte für die «NZZ am Sonntag» in Hamburg einen so genannten Männergarten. Aus aktuellen Anlass veröffentlichen wir diesen Text hier nochmals als Papablog.

DEUTSCHLAND HAMBURG MAENNERGARTEN

Wo Frauen ihre quengelnden Männer abgeben: Männergarten samt Männergärtnerin in Hamburg, 2003.

Alex Stein, 33, Barbetreiber in Hamburg, hat gute Chancen, dereinst als männliche Alice Schwarzer in die Geschichte einzugehen. Der Mann weiss selber nicht mehr, wie ihm geschieht: Das schwedische Fernsehen steht vor der Tür, auch das dänische. Angemeldet hat sich ein Kamerateam von France 1. Aus Kamerun, Afrika, rief eine Radiostation an mit der Bitte um ein Interview. Und in der überregionalen Presse Deutschlands ist Stein selbstverständlich auch schon wortreich abgehandelt worden. Wenn sich mit einem Mal so viele Leute für einen interessieren, dann legt man sich mit Vorteil einen klug klingenden Satz zu – Stein sagt diesen: «Wenn ein Feminist jemand ist, der Frauen hilft: Ja, dann bin ich ein Feminist.»

Es ist erstaunlich, wie schlicht eine der Frauenwelt gewidmete Hilfeleistung sein kann: Zuerst platzierte Stein ein grosses Schild vor sein Lokal, ein Schild, dessen Text bei den Passanten sonderbare Heiterkeit auslöst. Dann stellte er in einen Nebenraum der Bar ein paar gemütliche Sessel, zwei Palmen, einen imposanten Fernseher. Und schliesslich breitete Stein auf niedrigen Tischchen umfangreiche «Männerliteratur» aus, wie er sie nennt: «Playboy», «Penthouse», «Maxim», «Men’s Health», Kataloge mit Unterhaltungselektronik und Walt-Disney-Taschenbücher. Das ist es schon. Männer wie Stein neigen zu schlichten Ideen.

Es ist Samstagnachmittag in Hamburg. Es ist der Nachmittag, an dem der HSV gegen Schalke antritt, und der Nachmittag, an dem Christoph Rothenberg, 33, und seine Freundin Andrea das Schild sehen, das Alex Stein vor seine «Nox Bar» gestellt hat. Da steht geschrieben: «Männergarten». Darunter: «Kennen Sie das Problem? Sie wollen shoppen – er aber stört nur. Geben Sie ihn hier ab.»

Wenig später lässt sich Rothenberg, selbständiger Rechtsanwalt, Spezialgebiet Strafrecht, widerstandslos ein Schildchen mit seinem Vornamen auf das Hemd kleben; Andrea zahlt, bevor sie in die Einkaufswelt enteilt, 10 Euro und erhält eine Quittung mit einer Nummer, die sie zum späteren Auslösen ihres Christophs berechtigt.

Traumatische Erfahrung

Christoph Rothenberg, Akademiker und Mittelständler, muss das Gefühl haben, seine Anwesenheit an diesem Ort sei erklärungsbedürftig, jedenfalls beginnt er zu erzählen. Er erzählt von einer Einkaufstour, die er mit Andrea unternommen hat und die am Ende etwa so gemütlich wie ein Marathon war. Einen Tag lang, einen ganzen Tag lang seien sie unterwegs gewesen, und bis Ladenschluss habe Andrea neun Paar Schuhe gekauft. Er eines.

Dieser Tag war ein bitterer Tag für Rothenberg, ein Tag, der ihn erbarmungslos in die Erfahrung der Differenz stiess, wie es die Geschlechterforschung wohl nennen würde. Neun zu eins. Rothenberg sagte: Nie mehr.

Die Schlüsselerlebnisse der gut zwei Dutzend Männer, die sich seit Ende September, jeweils samstags ab 12 Uhr, im weltweit ersten Männergarten abgeben lassen, können also von geradezu traumatischer Qualität sein. Sie haben sich entschlossen, niemals mehr dumpf und platt einer einkaufenden Frau hinterherzudackeln, niemals mehr sich einer solchen Demütigung auszusetzen. Und sie sind ganz offenbar der Meinung: dass ein Mann im Männergarten eine weniger lächerliche Erscheinung ist als ein Mann im Samstagnachmittagsverkauf.

So auch Alexander Brocksieper, 33; der Global Risk Manager bei einer renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wurde von Freundin Manuela hinterlegt. Jetzt beschäftigt sich Brocksieper, ein sportlicher Typus in beiger Combat-Hose und beigem Sweater, mit Nicole. Nicole ist die auffaltbare 22-Jährige aus dem «Playboy». Brocksieper sagt, er schätze es, hier ganz Mann sein zu können. Zuhause würde ihm Manuela eine Nicole, ein «Playboy»-Heft nie erlauben.

«Können wir die Frauen überhaupt verstehen?», fragt Brocksieper und wendet sich Rothenberg zu, der vor dem grossen Fernseher sitzt.

Der Bildschirm zeigt einen weiten grünen Rasen.

«Hmm», antwortet Rothenberg, der Anwalt. «Niemand kann sie verstehen.»

«Niemand?», fragt Brocksieper, der Wirtschaftsprüfer, nochmals.

Im Fernseher pfeift der Schiedsrichter die Partie HSV – Schalke 04 an.

«Niemand», sagt Rothenberg. «Wir können die Frauen bloss mögen.»

Brocksieper spielt selber Fussball, Betriebssport-Liga. Die Sportwäsche wäscht er – Manuela den ganzen Rest. Brocksieper sagt, es gebe eben Unterschiede zwischen den Geschlechtern, biologisch bedingte. Der Mann sei für das Äussere zuständig: Finanzplanung, Auto, Technik im Allgemeinen. Die Frau für das Innere: Wohnung, Essen, oder eben Wäsche. Brocksieper weiss, dass seine Sicht der Dinge nicht originell ist – aber: «Nach den langen Jahren, in denen wir im Sitzen gepinkelt haben, darf man das jetzt sagen.»

DEUTSCHLAND HAMBURG MAENNERGARTEN

Für männergerechte Ernährung wird gesorgt: Die Jungs bei Bier und Buletten.

HSV-Stürmer Romeo lässt in der 29. Minute Schalke-Tormann Rost keine Chance, 1:0.

Hinter Rothenberg und Brocksieper reisst es Heiko Hinnrichs, 39, vom Sessel. Hinnrichs, Erziehungswissenschafter, ein Mann im grauen Lacoste-Pullover, hat eine Theorie, und die will er nun erzählen: Bleiben wir beim Fussball, führt Hinnrichs aus. Es gebe nämlich, wie unschwer zu beobachten sei, immer mehr Frauen auf den Rängen der Sportstadien, Fussball sei bei Frauen gross in Mode. Da werde den Männern doch der Spass verdorben, logisch!, die Männer flüchteten sich in den Männergarten. So weit Hinnrichs’ Theorie.

Wie bei den Muslimen

Hinnrichs ist mit seinem Hund hier, auch dieser ein Männchen, ein Schäfer mit Namen Don Carlos. Freundin Michaela arbeitet heute Samstag, deshalb ist Hinnrichs, der Erziehungswissenschafter, ein hinlänglicher Beweis dafür, dass Männer auch freiwillig den Männergarten aufsuchen, nicht nur dann, wenn sie von Frauen hingeführt werden. Hinnrichs hält noch fest: Seine Michaela arbeite meistens dann, wenn er frei habe, und umgekehrt. Aber er müsse gestehen: «Das geht ganz gut.» Probleme habe es erst einmal gegeben – als Michaela für lange Zeit krank und stets zu Hause war.

Es sieht so aus, als könnten sich Männer wie Rothenberg, Brocksieper, Hinnrichs sagen: Ein Anfang ist gemacht. Der Männergarten weist den Weg zu einer einfacheren und damit glücklicheren Welt. Einer Welt, in der Frauen und Männer nicht gemeinsam tun müssen, was sie nur gemeinsam unglücklich macht.

Rothenberg: «Es gibt Paare, die fahren getrennt ins Wochenende.»

Brocksieper: «Oder in den Urlaub gar. Es ist spannender, wenn Frauen und Männer ein eigenes Leben haben.»

Hinnrichs: «Ja, so wie in der islamischen Welt.»

Doch selbst an einen so märchenhaften Ort wie einem Männergarten geht es nicht ganz ohne die Frau. Irgendjemand muss das Bier herbeitragen, irgendjemand Teller und Besteck abräumen, irgendjemand muss die Tische wischen. Deshalb ist Bianca da.

Bianca trägt nicht etwa einen Tschador, sondern ein knappes schwarzes T-Shirt, auf dessen Rückseite «Männergärtnerin» steht. Bianca ist 18 und hat ein blitzendes Piercing im Zahnfleisch stecken, was die meisten Männer, auch die sehr viel älteren, aufregend finden. Eigentlich ist Bianca ausgebildete sozialpädagogische Assistentin, nicht Serviceangestellte, das bedeutet: Sollte ein Mann nicht damit zurechtkommen, wie ein Mantel, Schirm oder Hut abgegeben zu werden, sollte ein Mann allenfalls zu weinen beginnen, dann wird sich Bianca fachgerecht um ihn kümmern.

Tatsächlich gebe es schwierige, sensible Männer, sagt Bianca: Männer, die, kaum deponiert, verloren in einer Ecke kleben, um sich durch Donald Ducks gesammelte Abenteuer zu blättern. Es ist Biancas Ehrgeiz, diese Männer mit den anderen zusammenzuführen. «Dann spielen alle eine Runde Skat. Dann sind alle glücklich.»

Der HSV kassiert in der 90. Spielminute, in der letzten Spielminute!, den 2:2-Ausgleich durch Schalke.

Das Duo Hinnrichs / Don Carlos hat sich bereits vor dem enttäuschenden Ausgang der Partie aus dem Staub gemacht. Rothenberg und Brocksieper schlägt das Resultat sichtlich auf die Stimmung. Sie greifen zum Handy – etwa so, wie wenn man im Spital nach der Krankenschwester klingelt -, Rothenberg und Brocksieper rufen, ist zu vermuten, Andrea und Manuela an, zwei dieser Wesen, die man nicht verstehen, höchstens mögen kann. Und dann, von einem Moment auf den anderen, sind Rothenberg und Brocksieper verschwunden. Grusslos.

Man vergisst ja, welche Dinge sich draussen in der Welt abspielen, während im Männergarten ganz ruhig und träg der Nachmittag vergeht: Frauen wie Andrea, Manuela und Michaela reissen Löcher in die Regale der Geschäfte, als zöge ein Taifun vorbei.

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 44, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnet und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

437 Kommentare zu „Der abgegebene Mann“

  1. Marcel Zufferey sagt:

    Neulich gingen wir in einen angesagten Szeneladen, um einen Kleidergutschein für meine Tochter einzulösen. Im Prinzip war lediglich ein neues Paar Sneakers geplant. Dachte ich zumindest. Doch das ganze Warensortiment schien eine geradezu magische Anziehungskraft auf meine beiden Frauen auszuüben. Also ging ich halt für ein Stündlein in die Züribar. Ich finde diese Abgabestellen eine wirklich gute Idee. Mit einer guten Bücher- und DVD-Auswahl, Snacks, TV und so. Die Animierdam.. äh, Sozialpädagogin müsste natürlich schampar gut aussehen und sympathisch sein. Dann würde ich sogar länger bleiben!

  2. Massimo sagt:

    Die Animirdamen müssten schampar gut aussehen und sympathisch sein… und was hättest du davon? Naja, wegen solchen Männern wie dich, werden wir alle in den gleichen Topf geworfen.

    • alien sagt:

      Das mit dem gleichen Topf befürchte ich auch, aber weniger in Bezug auf Zufferey, der will ja nur zeuseln, mehr wegen Gabi und Konsorten. Wobei, wer hier leidlich regelmässig mitliest, merkt schon, dass die Männer nicht alle gleich sind, far from.

    • marie sagt:

      nö, finde den post von m. zufferey ehrlich, amüsant und ich verstehe das ganz gut. ich gehe auch in meine lieblingsbar, wiel u.a. die beiden barkeeper nett, sympathisch und attraktiv sind.

    • Marcel Zufferey sagt:

      Naja, Massimo, wegen solchen Männern wie mich geht die Welt schon nicht unter, keine Sorge. Vieleicht hätte ich noch schreiben müssen, dass ich mit so schampar gut aussehenden Fraun’ immer nur reden und reden und reden und reden will- was denn sonst? Sie etwa nicht?

  3. Erich sagt:

    ikea täte besser daran, die Männer nicht in Männer-Horten zu verbannen: I.d.R. braucht es nach dem Kauf jemand, der versteht, wie man das Ding zusammenbastelt…

  4. Adrian sagt:

    Kleider sind offensichtlich für Frauen wichtig.
    Früher haben sie darum gesponnen, gewoben, geschneidert, genäht, gestrickt, gestopft und gestickt .
    Heute können sie nur noch shoppen, shoppen, shoppen …

  5. Rahel sagt:

    Hm, weiter so!!!!!! Würde sicher auch in Schuh- und Kleiderläden grossen Anklang finden :-)

  6. Franz Oettli sagt:

    Ja also das wäre nichts für mich. Wenn schon, dann in einen richtigen Männerklub, wo man auch eine Zigarre geniessen könnte und seine Ruhe hätte. Animierdamen brauche ich nicht. Es gibt schon lustige Sachen heutzutage.

    • heidi reiff sagt:

      Es gibt ja viele Männerclubs, wo man dann richtig über die bösen Emanzen schimpfen kann, wo ist das Problem, diese Fumuarstrategie geht mir total auf den Wecker, ich rauche einfach zu Hause, wo ist das Problem ? Ich hab ja ein Fenster zum lüften, rauchen ist tödlich, so werden wir manipuliert mit Schreckensbildern, so ein Bullshit…..

  7. Katharina sagt:

    hmmmm. scheint schon früher so gewesen sein:

    http://www.youtube.com/watch?v=WpBqYcGqaaw

  8. Anh Toan sagt:

    Den Hort gibt es schon lange, er heisst Mediamarkt!

  9. Gaëlle sagt:

    Hm, sogar feministische Männer haben einfach mehr Humor als Frauen.

    • Karl Müller sagt:

      @Gaelle: Was wollen Sie mit diesem Spruch bewirken? Abgsehen davon glaube ich nicht, dass feministische Männer mehr Humor haben als Frauen. Die Feministen, die ich kenne, haben weder Humor noch Gerechtigkeitssinn. Die haben nur ein Bedürfnis von Mama in den Arm genommen werden. Aber es gibt sicher auch andere. Dafür erlebe ich einige Frauen sehr humorvoll. Sie nicht?

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