Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 20. September 2011

Männer jagen, Frauen sammeln

Vergangene Woche publizierte die «Basler Zeitung» eine Interview mit der Genderforscherin Andrea Maihofer, geführt von «BaZ»-Chefredaktor Markus Somm und Andrea Fopp. Die gewagten Thesen der beiden Interviewer über das Geschlechterverhältnis haben diese Replik verdient. Das Interview steht online nicht zur Verfügung.

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Männliche Genderforscher müssen gemäss «BaZ» homosexuell sein: Andrea Maihofer im «BaZ»-Interview vom 14. September 2011.

Respekt, Herr Somm, Respekt. (Auch ihnen, Frau Fopp, aber da sie eine Frau sind, wende ich mich nur an Herrn Somm. Sie werden gleich erfahren, wieso). Als ich vergangenen Mittwoch beim Frühstück in der «Basler Zeitung» ihr Interview mit Genderforscherin Andrea Maihofer las, fiel mir beinahe der Nagellack in den Milchkaffee. Nicht nur, weil das Gespräch inhaltlich höchst aufschlussreich war, auch die journalistische Technik rang mir Bewunderung ab. Ich war begeistert. «Von dem kann ich noch etwas lernen!», rief ich. Und das war nicht gelogen.

Zunächst erfuhr ich, dass das Fach Gender-Studies an der Universität Basel sein zehnjähriges Bestehen feiert. Zu erwarten wäre also ein Gespräch über Geschlechterforschung gewesen. Aber Herr Somm scheint kein besonderer Freund dieser Wissenschaft zu sein. Ich kann das verstehen. Ich meine Genderforschung, da weiss doch kein Mensch, was das sein soll. Jedenfalls Herr Somm nicht. Nun, er hätte ja fragen können, dafür bietet ein Interview die perfekte Gelegenheit. Aber Herr Somm wählte den umgekehrten Weg. Er knallte der Genderforscherin ein paar schrille Thesen vor die mutmasslich lackierten Füsse und sie antwortete mit Fragezeichen.

Zum Beispiel sagte er: «Bei der Geschlechterforschung ist es doch wie bei den African Studies in den USA. Diese Wissenschaft wurde geschaffen, um eine Minderheit ruhigzustellen. Bei den Frauen ist es ähnlich. Jetzt haben sie ihren Sandkasten, da können sie spielen.» Oha, ich wusste gar nicht, dass die Frauen eine Minderheit sind – ehrlich gesagt dachte ich immer, wir stellten die Mehrheit. Aber wahrscheinlich meint er «minder» nicht im quantitativen sondern eher im qualitativen Sinn. So legt die folgende Passage nahe:
Somm: «Aber in der Physik gibt es ja keine Geschlechterforschung.»
Maihofer: «Doch, natürlich gibt es Physikerinnen, die etwa über die Auswirkungen der Geschlechterverhältnisse auf das physikalische Weltbild forschen.»
Er: «Aber das sind Frauen. Es gibt sicher kaum männliche Geschlechterforscher, und wenn, dann sind sie homosexuell.» (Ich möchte diese Gelegenheit schnell benutzen, um meine Freundin Anna zu grüssen und ihr sagen: Endlich wissen wir, warum Nick nie auf deine Avancen reagiert hat.)

Aber ich kann Herrn Somm verstehen. Ich hätte auch lieber etwas über Primatenforschung erfahren und warum wir unseren behaarten Cousins so ähnlich sind. Jedenfalls finden sich im Blätterwald Exemplare unserer Spezies, die sich auch sehr eindrücklich auf die Brust trommeln und dazu markerchütternd Laut geben können. So jedenfalls muss man Herrn Somms Interviewtechnik interpretieren. Haben Sie «King Kong» gesehen? Die Szene, als der Riesenaffe die Blondine dazu bringen will, für ihn zu tanzen und dann weigert sie sich, worauf er sie anbrüllt, dass es ihr die Locken flach föhnt? So ungefähr fühlte sich das an beim Lesen.

Trotzdem war es wirklich interessant. Wozu auch fragen, wenn man die Antwort ohnehin schon weiss? Cleverer Schachzug. Und so erfuhren wir weiter von Herrn Somm: «Die Arbeitsteilung hat sich viel weniger verändert, als wir denken. Seit Menschengedenken haben wir die Arbeit rational aufgeteilt: Männer jagten, Frauen sammelten. Das gilt noch heute: Frauen kochen und arbeiten Teilzeit, Männer bringen die Brötchen heim.»

Wenn er da nun aber mal nicht einen Punkt getroffen hat. Ich bin dafür das perfekte Beispiel. Dieser Blog hätte eigentlich schon am Freitag erscheinen können, wenn ich als Trägerin des doppelten X-Chromosoms nicht Sklavin eines biologischen Programms wäre. Sobald ich meinen Teilzeit-Job erledigt habe, eile ich nach Hause, um mir die Nägel zu machen und zu kochen. Das tun Frauen schon seit Menschengedenken, weiss ich jetzt.

So sagt Herr Somm: «Männer wollen gar nicht Teilzeit arbeiten. Sie entscheiden sich im Gegensatz zu den Frauen im Zweifelsfall immer für den Beruf – das liegt am biologischen Unterschied.» Ach so, mir geht ein Licht auf. Wenn es am biologischen Unterschied liegt, dass die meisten Männer Vollzeit arbeiten, dann muss es irgendwie mit dem Penis zu tun haben. Ob die im Büro ein spezielles Penis-Treatment kriegen? Dies würde zumindest erklären, warum nicht mehr Väter sich für ein Teilzeit-Pensum einsetzen. Obschon es auch Stimmen gibt, die sagen, das primäre männliche Geschlechtsmerkmal sei gar nicht der Penis, sondern der Monatslohn (™ Gabriel Vetter). Na umso besser.

448 Kommentare zu „Männer jagen, Frauen sammeln“

  1. William Sinclair sagt:

    Liebe Frau Binswanger
    ich verstehe Ihre Aufregung über die journalistische Art und Weise von Hr. Sommer, aber letzlich sollten Sie eigentlich wissen, dass unser Handeln, Denken und Fühlen (in dieser Reihenfolge) von uns Menschen tatsächlich der evolutionsbiologisch-genetischen Entwicklung untersteht. Männer sind Männer und Frauen sind Frauen, trotz aller Aufklärung, Raisonnement und Ratio. Die Primaten sind uns auch im Wesen nicht so unähnlich; Unterschied: wir Leben mit dem Bewusstsein das wir sind, also sind wir, und bringen damit uns und unsere Welt immer mal wieder an den Rand des Abgrunds

  2. William Sinclair sagt:

    Right you are! Der Rest stimmt doch hoffentlich? :)

  3. Gwondrig sagt:

    …. ist doch immer wieder schön, wie ein selbstgefälliger Cheferdaktor, von Blochers Gnaden, die biologischen Verhältnisse erklären will…. er hat eben auch ein Weltbild, das leider in den 50er stecken geblieben oder ausgetrocknet ist. So lassen wir ihn doch in dem Glauben, könnte ja noch schlimmes passieren, falls er tatsächlich mit Denken beginnt ;-)

  4. Marlies sagt:

    wow, habe gar nicht gewusst dass es noch solche Neanderthaler gibt- Herr Somm sollte einmal klinisch studiert werden. Er glaubt bestimmt auch dass man Frauen barfuss und schwanger an den herd ketten sollte-.

  5. Hans Meyer sagt:

    Ich habe Herr Somm in einer Talk-Sendung der BAZ am Fernsehen gesehen. Ich bin erschrocken über das tiefe intellektuelle Niveau von ihm. Konnte mir bisher nicht vorstellen, dass man(n) so eine Zeitung führen kann. Beim Blick könnte ich ihn mir eventuell noch vorstellen. Arme BAZ! Denke die Zeitung wird untergehen.

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