Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 12. Juli 2011

Mutters letztes Tabu

Für die Kinder bedeuten Sommerferien die grosse Freiheit - und für Eltern?

Für die Kinder bedeuten Sommerferien die grosse Freiheit - und für Eltern?

Mit grossem Pomp und Hurra haben die Sommerferien bei uns Einzug gehalten. Die ganzen Zeremonien, hier ein Abschiedsapéro mit Sirup und Gemüsedips, da ein Grillabend mit der Klasse und den Eltern, sind durchgestanden: Vor uns breiten sich die lang ersehnten Ferien aus! Endlich Zeit, abzuschalten und auszuspannen, die warmen Tage zu geniessen. Das ist Freiheit.

Zumindest für die Kinder. Für Eltern hingegen bietet auch diese Saison zahlreiche Gelegenheiten, sich mit den Zwängen der Elternschaft auseinanderzusetzen. Zunächst einmal gehört man als Familie notgedrungen zu den Hochsaisontouristen, also den Doofen, für die ich früher nur ein verständnisloses Kopfschütteln übrig hatte. Denn warum sollte man so blöd sein, genau dann Ferien zu machen, wenn es alle anderen auch tun? Und man dafür erst noch mehr bezahlen muss? Weil man nicht anders kann, Dummie. Weil man nur diese sechs Wochen Zeit hat beziehungsweise gerade mal zwei davon: Die restlichen vier Wochen ist man damit beschäftigt, neue Tagesstrukturen zu organisieren, mit welchen man die Kinder am Arbeitsleben vorbeijonglieren kann. Das bedeutet Tage zu Hause mit lustlosen Kindern, die Mama dies und Mama das wollen. Und statt an einem Strand zu sitzen und dem Meer zuzuschauen, stehe ich in der Brandung geschwisterlichen Streits.

Und auf welche Gedanken kommt man da? Neulich erzählte mir eine Freundin vom letzten Tabu beim Thema Mutterschaft. Anlass war eine Diskussion auf Mums.net. Dort schildert eine Frau mit einem zweijährigen Sohn, wie sehr sie ihr altes Leben vermisst und wie sehr sie es bereut, sich für Kinder entschieden zu haben. «Es fühlt sich so hohl an», schreibt sie. «Ich hasse es, im Park zu spielen, ich will eine Galerie besuchen. Ich hasse es, ‹Peppa Pig› zu schauen, ich will einen Roman lesen. Ich hasse Spielgruppen, ich will mit meinen Freunden zum Lunch. Ich liebe meinen Sohn, aber die Mutterschaft gibt mir das Gefühl, als würde ich aus dem Leben gedrängt. Kennt jemand anders auch solche Gefühle?»

Ich weiss nicht, ob das wirklich das letzte Tabu ist, aber ich weiss, dass Eltern, die Nachteile des Kinderhabens adressieren, heute auf grosse Resonanz stossen. Dafür spricht der Erfolg des Büchleins «Go the Fuck to Sleep», das zum Bestseller wurde, bevor es überhaupt erschienen war. Dafür spricht ja auch nicht zuletzt der Erfolg des Mamablogs. Und so sitze ich denn hier und frage mich angesichts der grossen Freiheit namens Sommerferien, die dank der familiären Zwänge nur noch eine klitzekleine Freiheit ist: Bereue ich es, dass ich Kinder habe?

Aber ich muss Sie enttäuschen. Ich kann dieses so genannte Tabu nicht brechen. Ich habe mich selbstverständlich schon gefragt, wo ich ohne Kinder stehen, wo ich leben, was ich tun würde – genauso, wie ich mich manchmal frage, ob ich als Ärztin nicht ein viel sinnvolleres Leben führen würde. Aber ist es nicht müssig, sich auszumalen, ob das Leben, gegen das man sich entschieden hat, das bessere gewesen wäre? Natürlich gäbe es gravierende Unterschiede. Ich würde zum Beispiel keine Nutella-Brötchen zum Frühstück essen, wie ich es während der Sommerferien tue – ein Zugeständnis an den süssen Zahn der Kinder. Stattdessen würde ich mich in einem charmanten Hotelzimmer in Südfrankreich Croissants widmen. Aber ganz ehrlich: Können es noch so luftige Croissants wirklich mit einem perfekten Nutella-Brötchen aufnehmen?

Und deshalb ein Hoch auf die Sommerferien! Denn trotz der strukturellen Zwänge bieten sie Gelegenheit, jene Menschen, die man am allermeisten liebt, ein bisschen näher kennenzulernen. Und wer könnte da je bereuen, dass er diese Menschen hervorgebracht hat?

229 Kommentare zu „Mutters letztes Tabu“

  1. Gaëlle sagt:

    Oh, ein Jahr lang keine Schoggi, kein Alkohol…wie unendlich köstlich ist dann wieder dieses erste Stückli, dieser erste Tropfen! Man fühlt sich auf Wolke 7. Mit Kindern muss man auf vieles verzichten. Und wenn ich es mir dann doch mal herausnehmen kann, mich aufzubrezeln und in eine schicke Bar zu gehen, dann komm ich mir so exklusiv vor wie Kate Winslet in Titanic, als sie vorne auf dem Bug stand und sich den Meerwind ins Gesicht blasen liess. Freiheit – so schön bist du wenn du begrenzt bist!!

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.