Leben


Michael Marti am Donnerstag den 7. Juli 2011

Wir Kinder der Aufklärung

MAMABLOG-SEX-MITTELALTER

In einem Jungbrunnen vergnügen sich Männer und Frauen miteinander in der Öffentlichkeit: Ausschnitt aus einem Fresko im Castello della Manta, Piemont (14. Jahrhundert).

Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Am Montag konnten Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der Terminus Sexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust sagt. Am Dienstag hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet. Und gestern lasen Sie den vergnüglichen Gastbeitrag von Julia Sweeney über Frösche und Analsex.

Wir schreiben, es ist bekannt, ein Kleist-Jubiläumsjahr, und ich lese wieder einmal die Lebensgeschichte meines Lieblingsdramatikers; diesmal in Form der sehr empfehlenswerten Biografie des «Frankfurter Rundschau»-Journalisten Peter Michalzik.

Heinrich von Kleist (1777 bis 1811) war, bevor er sich zum Dichter wandelte, ein Kindersoldat: Mit 14 Jahren trat er in die Armee ein, ins preussische Garderegiment; und mit 14 schon nahm er an der Belagerung von Mainz teil, sah er das Gemetzel der preussisch-französischen Schlachten. Dabei war der kleine Kleist keineswegs der jüngste unter den preussischen Killer-Knaben: Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz etwa, der später der grosse Kriegstheoretiker («Vom Kriege») werden sollte, ging bereits mit elf Jahren zum Militär. Auch er kämpfte 1793 bei der Tausende von Toten fordernden Rückeroberung von Mainz – im offenbar nicht so zarten Alter von zwölf.

Weshalb ich das alles erzähle?

Sexualität ist zwar in der Sache nicht dasselbe wie Krieg – aber es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass früher der Sex genauso wie das Töten und das Sterben den Kindern viel plastischer und drastischer vor Augen geführt wurde, als es heute geschieht. Wenn in unsren Tagen, beispielsweise in der Politik, von der angeblich so verrohenden Wirkung von Brutalo-Filmen auf Jugendliche gewarnt wird, dann oft so, als wären früher Kinder und Jugendliche in einem Paradies der Friedfertigkeit herangewachsen. Und wenn, beispielsweise in der aktuellen Sexual-Pädagogik, der schädliche Einfluss einer allgegenwärtigen und stetig verfügbaren Pornografie auf Minderjährige beklagt wird, dann zuweilen in einem Ton, als hätten Kinder und Jugendliche sich einst in einem sexlosen Reservat bewegt, in einem Laufgitter der Keuschheit.

Dabei: Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur waren bis vor ein paar Hundert Jahren Zwölfjährige alt genug, um in den Krieg zu ziehen. Im Mittelalter galt man generell als viel früher erwachsen – und somit geschlechtsreif. Mädchen waren mit 12 Jahren heiratsfähig, Jungen mit 14. Vor allem in adligen Kreisen wurde die Ehe schon in diesem Alter praktiziert – und gültig war sie erst nach vollzogenem Beischlaf. Was uns heute unvorstellbar ist, war damals normal.

Kinder waren bis ungefähr zum siebten Lebensjahr von ihren Eltern abhängig, danach wurden sie als eigenständige Mitglieder der Erwachsenengesellschaft anerkannt, schreibt der berühmte französische Sozialhistoriker Philippe Aries in seiner «Geschichte der Kindheit». Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter begann für die Menschen im Mittelalter viel früher als heute – eben weil Kindheit nicht einfach eine biologische Phase beschreibt, sondern immer auch ein soziales Konstrukt, eine Konvention ist. Die Kindheit, wie wir sie meinen, der erste Lebensabschnitt als möglichst beschützte Entwicklungsphase, gibt es erst seit dem Zeitalter der Aufklärung; das ist bekannt.

Wenn man heute also über Pornografie diskutiert oder über die richtige und altersgemässe Aufklärung (wie wir das hier im Mamablog ja immer wieder tun), dann mag es ganz interessant sein, sich zu vergegenwärtigen, dass früher so etwas wie sexuelle Privatsphäre kaum vorkam. Bei den damaligen Wohnverhältnissen gab es keine Rückzugsmöglichkeiten, so dass Kinder ihren Eltern zwangsläufig beim Sex zuhören, wenn nicht zusehen mussten. Es ist anzunehmen, dass solche Kinder viel früher aufgeklärt waren als heutige. Und schon viel mehr Sexszenen gesehen hatten, reale, nicht solche auf dem Handy.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich wünsche mir mitnichten zwölfjährige Kindersoldaten zurück. Ich bin nicht für Ehen zwischen Teenies. Oder gleich für die Abschaffung der Kindheit und ihres gesellschaftlichen Schutzes. Was ich sagen will, ist vielmehr: Der Blick in die Vergangenheit ermöglicht manchmal etwas mehr Gelassenheit in der Gegenwart – namentlich in Erziehungsfragen.

Was meinen Sie? Sind Sie einverstanden?

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 44, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

208 Kommentare zu „Wir Kinder der Aufklärung“

  1. Oliver Retsan sagt:

    Was leider bei der Thematik weitgehend fehlt, sind selbstkritische Statements von Männern zum Thema Pornographie. Meines Wissens hat bisher nur Peter Redvoort mit “Pornos machen traurig” versucht, dieses Tabuthema literarisch zu durchbrechen.

    O.Retsan

  2. Alain Burky sagt:

    Tucholsky hat die menschliche Sexualitaet einmal mit einem Ritt ueber den Bodensee bei duennem Eis verglichen.
    Um Kinder unkompliziert und trotzdem zurueckhaltend daran heranzufuehren,
    wuerde ich Ferien auf dem Bauernhof empfehlen …

  3. Fritz Hochhuth sagt:

    Der Vergleich zu früher hinkt. Da Internet- und Videospiele die Gewalt des Krieges sowohl verharmlosen, wie auch glorifizieren, hinterlassen sie keinen realistisch abschreckenden Eindruck davon. Ähnlich ist es auch mit der Pornografie. Sie verkitscht, ästhetisiert und verdinglich die Sexualität und verfremdet sie somit. Abstrakt perfekte Sexobjekte betreiben Sport- und Hochleistungs-Ficken. Das schürt falsche Erwartungen und ist darum schädlich fürs real Zwischenmenschliche. Darum sind all diese “Internet-Lebens-Erfahrungen” nur verwirrende eskapistische Hirnwichserei und somit eher schädlich.

    • Rima sagt:

      Dem stimme ich zu. Immerhin haben diese Kinder die Sache lilve gesehen oder gehört und nicht von 3. Hand zu recht gestylt. Ob die Menschen aber Sex im öffenlichen Raum hatten wie auf dem Bild vorgegauckelt wird, wage ich zu bezweifeln. Könnte auch künst. Freiheit sein. Und weiter, wie gut oder wie schlecht sich diese Erfahrungen der Kinder auf deren Leben ausgewirkt hat, wissen wir auch nicht. Und weil wir alles an die nächste Generation weitergeben, war es wahrsch. nicht bensonder positiv, wie Resultat heute zeigt. Oder sehe ich da was falsch?

  4. xyxyxy sagt:

    @putzig
    sie leben vielleicht im Cyberspace – ich lebe in der Schweiz. Habe noch nie einen Krieg miterlebt, noch eine öffentliche Folter, noch eine Vergewaltigung in der Gassenkneipe. Alte und Invalide werden gepflegt, jeder hat die Chance etwas aus seinem Leben zu machen, auch Menschen aus armem Haus, es gibt keine Klassengesellschaft. Es ist nicht die Norm dass 12jährige zum Frühstück Bier trinken – also ich weiss nicht, in welcher Realität sie zu hause sind.

    • Globetrotterin sagt:

      Ich frage mich, in welcher Schweiz Sie leben. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung in unserem Land. Wussten Sie, dass alleine in Zürich die Polizei TÄGLICH 100 x wegen sog. “häuslicher” (lies: männlicher) Gewalt ausrücken muss? Es gibt keine Klassengesellschaft? – Glauben Sie mir, es gibt sie! Auch wenn sie tabuisiert und totgeschwiegen wird. 12-jährige trinken vielleicht kein Bier zum Frühstück. Schon mal was von “Koma-Saufen” gehört?

      • Sportpapi sagt:

        Weder ist häusliche Gewalt per se männlich, noch gleich eine Vergewaltigung. Also: wie viele der 100 täglichen Fälle führen zu einer Verhaftung bzw. Anklage oder sogar Verurteilung? Wie häufig wegen Vergewaltigung? Ich sehe es wie xyxyxy: wir leben – zum Glück – in einer schönen Welt (bzw. in einem schönen Land).

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Sportpapi: es ist halt auch immer eine Frage des Fokus,
        die einen konzentrieren sich auf die Gemeinsamkeiten mit dunkleren Zeiten,
        die anderen auf all das was uns glücklicherweise davon unterscheidet…

      • Globetrotterin sagt:

        @Sportpappi
        Fragen Sie doch mal bei der Polizei nach, wie viele Frauen täglich ihre Männer spitalreif schlagen. Und wenn – leider – die wenigsten Fälle zu Verhaftung, Anklage oder Verurteilung führen, dann hat das mit (meiner Ansicht nach falschen) Pietät der Frauen zu tun. Was Frauen bei einer Vergewaltigungs-Anzeige blüht, wurde uns im Kalchelmann-Prozess mal wieder überdeutlich vor Augen geführt.

      • Globetrotterin sagt:

        Und, wenn wir schon dabei sind: Wie viele Nonnen haben denn schon Kinder missbraucht?

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Globetrotterin: mit dem Hinweis auf die Nonnen begegen Sie sich aber auf sehr dünnes Eis…
        wissen Sie nicht was in ua irischen, von Nonnen geführten Einrichtungen,
        und von Nonnen begangene übelste Misshandlungen vor ein paar Jahrzehnten aktuell war?
        Über eine solche Einrichtung gab es einen Spielfilm.

        Und kennen Sie wirklich keine Menschen die unter mütterlicher Misshandlung gelitten haben?
        Soweit dass sie im Erwachsenenalter fachliche Hilfe zum Überleben brauchten?
        Oder sind die Täterinnen da in Ihren Augen ihrerseits nur Opfer und können eigentlich gar nichts dafür?

      • Globetrotterin sagt:

        Da haben Sie recht, Brunhild. Das mit den Nonnen nehme ich zurück. Ich habe nur in die jüngste Vergangenheit geblickt und dabei die etwas weiter zurück liegenden Tatsachen vergessen. Auch wenn mir das wohl niemand glaubt: Ich hatte einen tollen Vater und eine ziemlich böse Mutter. Auch das gibt’s. Aber physische Gewalt ist nun mal männlich besetzt. Da brauchen wir nur jeden Tag die Zeitung aufzuschlagen. Die Ausnahmen bestätigen höchstens die Regel.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Globetrotterin: Sie haben Ihre Geschichte mal hier drin angetönt und ich war beeindruckt über das was Sie über Ihren Vater schrieben (und es hat mich natürlich gefreut!),
        ich gewichte die verschiedenen Möglichkeiten zur Misshandlung nicht so unterschiedlich, selbstverständlich kann körperliche Gewalt zu Schwerstbehinderung bis Tod führen und muss unterbunden werden.
        Aber seelische Gewalt schafft es auch locker Kinder zu Krüppeln zu machen und mir es wichtig dass dieser Aspekt nicht unter den Tisch fällt- zudem sie viel schwerer erfassbar ist

      • Brunhild Steiner sagt:

        2/ oft für das Opfer auch erst später als ausgeübte Gewalt erkennbar- dann wenn sich der betroffene Mensch mit seinen Mustern und Verhaltensweisen (welche er/sie als ungünstig oder destruktiv erlebt) beginnt auseinanderzusetzen.
        Gewalt ist Gewalt, Männer mögen mehr auf die körperlich ausgeführte spezialisiert sein,
        Frauen auf die psychisch ausgeübte,
        zerstörerisch ist Beides, zum Thema gemacht werden muss Beides,
        das eine gegenüber dem anderen ausspielen oder verharmlosen oder sich nur auf die eine Seite fokussieren
        bringt kein Opfer weiter, und zwar auf beiden Seiten nicht.

  5. Roland Ruckstuhl sagt:

    Natürlich war man im Mittelalter früher Geschlechtsreif und Heiratete auch früher. Man starb auch früher. Viel Früher! Man kann das nicht mehr vergleichen. Das meiste war früher (Mittelalter, Industrialisierung) viel Schlimmer. Wir haben gelernt und uns verbessert. Man muss aber immer wieder darum kämpfen, dass es so bleibt. Demokratie und Kinderschutz sind keine Selbstverständlichkeit. Das vergessen wir nur allzu gerne. Rückfälle sind leider immer noch viel zu oft zu beobachten.

  6. Bruno Manser sagt:

    wieso sagt man immer das dunkle mittelalter, wenn du mit 30 garantiert tot bist, musst du sehr früh an die reproduktion denken, früher waren kinder keine kinder sondern kleiner erwachsene, wenn jemand was beweisen will, dann kann er alles beweisen, wenn alles relativ ist, ist alles relativ richtig

    • Globetrotterin sagt:

      So ein Unsinn! Es gibt. u.a. archäologische Nachweise, dass Menschen in der Gegend des heutigen Europa bereits im 6. Jahrhundert älter als 60 Jahre geworden sind.

    • Harry Hurry sagt:

      Es IST ja auch alles relativ richtig, wobei “relativ richtig” ein Kontinuum ist, das von 0 bis 1 geht.

  7. heidi reiff sagt:

    In der Stadt Basel gibt es Ansprechstellen auch für geschlagene Männer, eine Gassenküche für Menschen, die sich einfach aus was für Gründen auch immer nicht zurechtfinden. Zum Glück gibt es noch wenige Menschen, die das Herz auf dem richtigen Platz haben ohne Geldgierabsichten und Spekulationen, im Himmel auf Platz 20 zu Landen (im späteren Leben). Wir sind einfach niemandem Rechenschaft schulidig, einfach angewiesen als hilflose Kinder auf Nahrung und Begleitung, das ist einfach die 1. Station nach der Abnabelung, kein Mensch kommt als Fertigprodukt auf die Welt, das Leben ist eine Baustelle.

    • Globetrotterin sagt:

      Das Problem dabei ist, dass Fertigprodukte am Ende mit sehr vielen Schadstoffen belastet sind. Dabei kommt mir der folgende Satz in den Sinn: “Werde wer Du warst, bevor Du wurdest, wer Du bist.”

  8. Katharina sagt:

    Mittelater – so verklaert und idyllisch wie diese szene einer feuerhinrichtung:

    http://www.youtube.com/watch?v=kt-jpKMTjBU&feature=BFa&list=ULpdRQQ2TdDFs&index=5

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