Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 1. März 2011

Mütter in der Gefahrenzone

MAMABLOG-LARA-LOGAN

Reporterin Lara Logan am Tahrir Square, kurz vor dem Angriff. (Bild: CBS)

Seit Wochen sind die Ereignisse in Nordafrika das wichtigste Thema für wohl jede Redaktion weltweit, so auch an der Newsnetz-Redaktionssitzung vom vergangenen Donnerstag. Abgesehen vom Inhaltlichen war die Sitzung für mich ein kleines Ereignis: Nicht nur verlief sie angeregt und effizient, vor allem waren an diesem Tag die wichtigsten Ressorts wie Reporter, News, Produktion und Fotoredaktion von Frauen vertreten – zum ersten Mal. Vielleicht, sagte ich mir, sind heute ganz einfach die kompetentesten Mitarbeiter am Start. Zufälligerweise sind das Frauen, spielt ja eigentlich keine Rolle.

Am Tisch sass auch Chefreporterin Monica Fahmy, die ankündigte, sie werde am folgenden Tag nach Tunesien aufbrechen, um von der tunesisch-libyschen Grenze zu berichten. Später erkundigte ich mich bei ihr, wie sie die Lage einschätze. Und bald sprachen wir über Risiken und Verantwortungsgefühl. Denn Fahmy ist nicht nur unsere beste Reporterin, sie ist auch Mutter eines dreijährigen Kindes. Dies, so sagte sie mir, sei auch der Grund warum sie nicht längst in Tunesien sei, denn ihr Risikoverhalten habe sich im Vergleich zu früher schon verändert. Heute sei sie weniger spontan, organisiere im Voraus, versuche auf Nummer sicher zu gehen. Allerdings dürfe man sich auch nicht verrückt machen lassen. «Ich war als Reporterin schon in vielen Krisengebieten unterwegs. Das erste und einzige Mal, dass mir jemand eine Knarre an den Kopf hielt, war an der Zürcher Langstrasse.»

Ganz ausschliessen lassen sich Risiken allerdings nie, wie der Fall Lara Logan zeigt. Die Reporterin von «60 Minutes» wurde am Tag von Mubaraks Rücktritt während der nachfolgenden Freudenparty auf dem Tahrir Square von Schlägertrupps verprügelt und sexuell attackiert. Nur weil ein paar mutige Demonstrantinnen und Armeeleute ihr halfen, konnte Schlimmeres verhindert werden.

MAMABLOG-Lara-Logan

Starjournalistin Logan auf einem offiziellen Pressefoto von CBS News.

Doch kaum war Logan zu Hause, folgte eine weitere Tracht Prügel. Die Reaktion der Medien zeigte: Es spielt eben doch eine Rolle, ob es um eine Frau geht. «War es richtig, eine attraktive Blondine nach Ägypten zu schicken, um über die Revolte zu berichten?» fragte Liz Jones von der Dailymail. Wie die meisten Frauen, die mit Männer konkurrieren, habe auch Logan sich nie davor gescheut, von ihrem guten Aussehen zu profitieren. Jetzt, so insinuiert der Artikel, habe es ihr halt mal geschadet. Die konservative Kolumnistin Debbie Schlussel beeilte sich auf ihrem Blog festzuhalten, dass Logan ganz selber schuld sei. Sie hab schliesslich gewusst, worauf sie sich einlasse, als sie nach Kairo gereist sei. Hollywoodlife.com, sonst eher auf Brangelina & Co. spezialisiert, wollte wissen: «Die Frau ist Mutter zweier kleiner Kinder. Glauben Sie, sie ist wirklich mutig oder total unverantwortlich, dass sie sich einer so gefährlichen Situation aussetzt, wenn zu Hause Kinder darauf warten, dass sie heimkommt?»

Dürfen Mütter mutig sein? Und wo liegt die Grenze zwischen Mut und Unverantwortlichkeit? Die meisten Menschen verändern ihr Risikoverhalten, wenn sie Kinder haben. Es gibt Paare, die fliegen in verschiedenen Flugzeugen in die Ferien, damit bei einem Unglücksfall wenigstens ein Elternteil überleben würde. So minimiert man Risiken. Leute, die beruflich oder auch privat gern das Risiko suchen, zum Beispiel Extremsportler oder eben Reporter, sprechen lieber von Risikokontrolle. Dabei gilt es, die Situation und sich selber genau zu analysieren, um die Risiken auf ein erträgliches Mass reduzieren. Das Mass ist allerdings nur so lange erträglich, bis etwas passiert. Und wehe, das Unglück passiert einer Mutter. Dann folgt sofort der reaktionäre Reflex.

Dieser besagt, dass Mütter gefälligst ihr Leben und ihre ganze Persönlichkeit dieser Rolle unterzuordnen haben. Und wehe, sie pflegt noch andere Leidenschaften, als ihren Kindern eine gute Mutter zu sein. Impliziert wird damit natürlich auch, dass Väter als Elternteil nicht genügen können. Im Fall Logan gab es ja einen Vater, der zu Hause zu den Kindern schaute. Trotzdem wurde Logan vom Opfer sofort zur Täterin gemacht, einfach weil sie es gewagt hatte, ihr Leben, ihre Berufung, ihre Passion nicht von der Mutterrolle tyrannisieren zu lassen.

Die Frage ist, wie weit diese Risikokontrolle das Leben einschränken soll, das man führen möchte. Oder anders gefragt: Wie viele Zugeständnisse verlangt die Elternrolle und wie viel persönliches Risiko verträgt sie?

Ja, Eltern haben die Verantwortung für ihre Kinder. Diese Verantwortung beinhaltet meiner Meinung nach auch, ihnen zu zeigen, dass es Dinge gibt, die einen grossen Einsatz wert sind. Selbst, wenn man gewisse Risiken eingehen muss.

Was meinen Sie? Wie weit muss man seine persönlichen Risiken einschränken, wenn man Kinder hat?

297 Kommentare zu „Mütter in der Gefahrenzone“

  1. Daniel Zollinger sagt:

    Schlussendlich ist doch einfach wichtig, wie der Bericht bei den Leuten angekommen ist. Da spielt es doch keine Rolle von wem der war.

  2. SwENSkE sagt:

    Die Kritik an Lara Logan impliziert, daß Mütter für Kinder wichtiger sind als Väter, denn schließlich werden ja keine Reporter-Väter angegangen, daß sie sich evtl. unverantwortlich verhalten würden, wenn sie aus Krisengebieten berichten.

    Das ist nicht nur Sexismus gegen Frauen, sondern auch – nur versteckt – Sexismus gegen Männer.

    • Cesc sagt:

      Es ist nichts anderes als das Bild einer veralteten und längst überholten, stumpfen Rollenverteilung, welches fortschrittlich denkende Individuen beider Geschlechter diskriminiert und daher endlich aus den Köpfen der Leute verschwinden muss. Punkt.

  3. Tante Jay sagt:

    Es gibt hierbei keine allgemeingültige Antwort. Vor allem steht es Außenstehenden nicht zu, darüber zu urteilen. Jeder muss das Risiko selbst einschätzen und mit den Konsequenzen leben.

    Wer bin ich, dass ich jemandem vorschreiben will, wie er zu leben hat. Wenn er die Konsequenzen dann spürt (im Fall Logan wars ziemlich krass), dann ist es zudem sehr billig, nur auf bestimmte Eigenschaften wie “Mutter von Kindern” abzustellen.

    Das Opfer ist nicht der Täter. Feierabend.

    Der Täter hat sie drangsaliert und das Opfer ist nicht selbst schuld an dem, was ihm widerfahren ist. Niemals.

    Wär schön, wenn das endlich in die Köpfe der Leute gehämmert werden würde.

  4. René Baron sagt:

    Im Endeffekt geht es hier ja nicht um den Journalismus an und für sich, sondern um die VERMARKTUNG desselben.
    Eine heisse, das Offensichtliche labernde Blondine vor Ort ist medienwirksamer als ein trockenes Telefoninterview mit einem Oppositionellen welcher vielleicht auch einmal eine Idee davon haben könnte, wie das alles jetzt weitergehen soll.
    Aber klar, Zuschauer wollen es nur brennen sehen, und bekommen mit dem Blondie ein Nummerngirl für eine Sequenz medienwirksam inszenierter Gewalt-Exzesse nicht repräsentativer Extremisten vorgeführt.
    Dass dies das Land – trotz allem medienemotional aufbereitetem Gejohle – mehr spaltet und dem Wiederaufbau mehr schadet als nützt – ist nicht unsere Sache – oder ?

    • A.Tschannen sagt:

      Es geht hier ja nicht nur um Fernsehen und Journalismus. Auch wenn man als Journalistin einen gut informierten Artikel schreiben will ist es besser wenn man vorort ist und informationen aus erster Hand bekommt. Das hat mit Vermarktung nichts zu tun.

  5. bugsierer sagt:

    gute fragen, aber mich stört die reine frauensicht. ok, mamablog, schon klar ;-) aber all die reporter sind ja auch väter.

    andré marty (berichtete für sf aus kairo) hat kürzlich in einem interview erwähnt, dass seriöse medienhäuser bevorzugt leute an die “front” schicken, die eltern sind, weil sich diese verantwortungsvoller verhalten als draufgängerische singels. find ich gut.

  6. A.Tschannen sagt:

    Anderseits war mir mein Leben nie so lieb gewesen wie nach der Geburt meiner Kinder…. Habe auch eine super Chance im Lebanon Krieg nach Beirut zu fahren um einen Artikel zu schreiben für meine Tochter aufgegeben und bereue es auch nicht. Ich musste ja keine Kinder haben! Das heisst aber nicht dass ich es verurteile wenn Journalistinnen mit Kinder solche Risiken auf sich nehmen. Das muss schon jeder für sich entscheiden. Und wie oben erwaehnt, gibt es ja auch die Vaeter…

  7. Dave sagt:

    Weder Mutter noch Vater eines Kindes sollten sich in derart gefährliche Situationen begeben, sondern nur ungebundene Personen. Und wenn man auf diesen Beruf nicht verzichten kann, sollte man erwachsen genug sein, auf Kinder zu verzichten. Man kann nicht alles haben.

  8. Talon sagt:

    “Dieser besagt, dass Mütter gefälligst ihr Leben und ihre ganze Persönlichkeit dieser Rolle unterzuordnen haben. Und wehe, sie pflegt noch andere Leidenschaften, als ihren Kindern eine gute Mutter zu sein. Impliziert wird damit natürlich auch, dass Väter als Elternteil nicht genügen können. Im Fall Logan gab es ja einen Vater, der zu Hause zu den Kindern schaute. Trotzdem wurde Logan vom Opfer sofort zur Täterin gemacht, einfach weil sie es gewagt hatte, ihr Leben, ihre Berufung, ihre Passion nicht von der Mutterrolle tyrannisieren zu lassen.”

    Hale ich für die falsche Schlussfolgerung. Es beinhaltet eher die Männerabwertung, wenn ein Mann stirbt oder Opfer eines Anschlags wird, interessiert es niemand. Ganz legendär ja die Nachrichtenmeldung “Bei einem Anschlag kamen 100 Menschen ums Leben, darunter Frauen und Kinder.” Es wird also suggeriert, das das Leben einer Frau mehr wert ist, als das Leben eines Mannes.

    Deutlich wird es hier:”Doch kaum war Logan zu Hause, folgte eine weitere Tracht Prügel. Die Reaktion der Medien zeigte: Es spielt eben doch eine Rolle, ob es um eine Frau geht. «War es richtig, eine attraktive Blondine nach Ägypten zu schicken, um über die Revolte zu berichten?» fragte Liz Jones von der Dailymail. ” Die ungestellte Frage ist nämlich, wäre es nicht besser gewesen, einen Mann in solche Gefährlichen Situationen zu schicken? Wenn diesem etwas passiert, ist es nicht so schlimm.

    Es ist also nur die andere Seite der Medaille Männerabwertung und keinesfalls ein Machtinstrument, um Frauen zu etwas zu zwingen, das ist nur Beiwerk.

  9. E.H. Roth sagt:

    ja die Liz und das grosse Ego. Eigentlich ist es doch egal ob Mann oder Frau. Das Risiko hat Lizi jedenfalls selber abschätzen müssen und sie hat für sich entschieden. Ist ihre eigene Verwantwortung.

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