Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 18. Januar 2011

Das Lustgefälle und die Sex-Ökonomie

MAMABLOG-SEX

Lieber Spielchen als die Ehe: In «Sex and the City» kann sich Carrie (Sarah Jessica Parker) lange nicht überwinden, ihren Mister Big (Chris Noth) zu heiraten.

Auch wenn die Neunzigerjahre längst vorbei sind, gibt es ab und zu diese «Sex and the City»-Momente. Oder vielleicht eher «Sex and the Province». Oder eben «Desperate Housewives». Ich sass mit Freundinnen zusammen in der Küche und wir sprachen über Sex. «Ich weiss nicht, wie mir das passieren konnte», sagte Freundin A. «Seit ich Mutter geworden bin, hat sich zwischen uns ein Lust-Gefälle aufgetan, das es so vorher nicht gab. Je mehr er mir auf der Pelle rückt, desto mehr ziehe ich mich zurück. Und wenn ich es ab und zu doch versuche, arbeitet er sich auf mir ab, während ich darüber nachdenke, was ich zum Essen kochen werde. Meine erogenste Zone ist im Moment der Abfalleimer – zumindest, wenn er ihn abends runterbringt.»

Freundin B, die Single ist und das auch ausgiebig zelebriert, grinste. «So funktioniert Sex-Ökonomie. Mit der Ehe hast du ein geschlossenes System. Die Frau kontrolliert das Angebot, und weil der Mann für ständige Nachfrage sorgt, kann sie den Preis dafür beliebig erhöhen. Am Schluss ist Sex ein Zahlungsmittel und das war noch nie besonders sexy. Jedenfalls nicht für die Frau.» «Das hat doch nichts mit der Ehe zu tun», warf ich ein. «Oder willst du behaupten, dass Single-Frauen immer aus rein sexueller Lust mit einem Mann ins Bett gehen? Es geht doch immer auch darum, sein Ego zu streicheln, jedenfalls gehört das sicher zu den erogenen Zonen der Frau.» Freundin B, Single und kein Kind von Traurigkeit ergänzte: «Das Ego und das Versprechen, seinen sozialen Status verbessern zu können. Das wäre dann das Lustgefälle mit umgekehrten Vorzeichen. Aber um ehrlich zu sein, bin ich schon froh, wenn ich einen Mann finde, mit dem der Sex besser ist, als wenn ich es mir selbst besorge.» Aber Freundin A war nicht in Stimmung für theoretische Diskussionen: «Aber soziales Gefälle war bei uns nie ein Thema. Ich bevorzuge Partner auf Augenhöhe und der Sex mit ihm war, bis wir Kinder hatten, auf jeden Fall besser als Selbstbefriedigung.» Damit schloss sie und die Vergangenheitsform hing dabei in der Luft wie der Rauch einer Zigarette.

Nachdem meine Freundinnen gegangen waren, dachte ich weiter darüber nach, während ich die Gläser spülte. Zum Beispiel, warum es in den meisten Ehen mit Kindern zu einem solchen Lust-Gefälle kommt. Haben Frauen grundsätzlich weniger Spass am Sex? Suchen sie aus anderen Gründen Sex als Männer? Befriedigt Mutterschaft das weibliche Ego so weit, dass Sexualität plötzlich weniger wichtig wird? Oder liegt es vielleicht daran, dass die weibliche Sexualität mit der Schwangerschaft plötzlich im Kostüm einer Walkuh daherkommt und es einem mit einem Säugling an der Brust schwer fällt, sie irgendwo im Trümmerfeld des eigenen Körpers wieder zu entdecken?

Wahrscheinlich lässt sich das so pauschal nicht beantworten. Sicher aber ist, dass es der Liebe nicht förderlich ist, wenn das Lust-Gefälle zur Sex-Ökonomie führt. Und das ist schade, denn Liebe ist eine erstaunliche Kraft. Sie treibt Menschen aus ihren Umlaufbahnen und lässt sie kollidieren, auf dass etwas Neues entstehe. Und wie das mit Planeten so ist, von der Ferne mögen sie unheimlich bezaubernd, schön und vollkommen wirken, aber wenn man näher heran kommt, erkennt man Reliefs, Berge, Täler, Abgründe. Und irgendwann stellt man fest, dass man dauernd damit beschäftigt ist, Brücken zu bauen. Dies gilt insbesondere dort, wo das Terrain besonders schlüpfrig ist, in der Sexualität zwischen Erwachsenen. Dennoch bin ich immer noch der vielleicht bescheuert postmodernen, aber zumindest neoromantischen Ansicht, dass Liebe die beste Basis ist für eine Familie. Auch wenn es bedeutet, dass man zuweilen so lange in Abgründe starren muss, bis sie auch in einen selber zurückstarren. Und das ist auf lange Sicht wenigstens fruchtbarer als Selbstbefriedigung.

484 Kommentare zu „Das Lustgefälle und die Sex-Ökonomie“

  1. DonDon sagt:

    Darum – vögelt euch durchs Leben und lasst den Stuss mit “Heiraten, Kinder” — funktioniert eh nicht…

    Tauscht aus wer sich euch verweigert — nur Zeitverschwendung sich da noch gross damit aufzuhalten.
    Nur Sex zu “bekommen”, wenns ihr gerade in den Kram passt und es nicht mehr anders geht.. neeeeh!

    Wieso sollen wir uns unglücklich machen mit “sie kommt dann schon wieder, wenn sie Lust hat…” ?? (ich habe “sie” geschrieben — eine Frau kann dies durch “er” ersetzen).

    Vergesst es Leute — da könnt ihr warten, warten, warten, Gentleman sein und auch diskutieren — bis ihr umkippt — nützt nix..

    Für verheiratete Männer gibt es nur drei sauteure Möglichkeiten, dem zu entkommen:
    1. sich scheiden zu lassen — da drückst du ganz viel Kohle ab
    2. nebenbei eine Freundin zu haben und zu hoffen es fliegt nicht auf (dann kommt nämlich auch noch Punkt 1 dazu)
    3. mehrmals pro Woche ins Puff zu gehen (doof)

    Nîcht meine Welt — da nicht verheiratet…

    Ihr habt nur ein Leben — macht was draus!
    Etwas mit “Liebe” könnt ihr euch dann immer noch auf den Grabstein schreiben lassen ;-)

    und ja — ich habe diesen Horror mehrere Jahre mitgemacht …. never again…

    • Hansjürg sagt:

      Die Ehe ist eine Festung: Wer drin ist will raus, die draussen wollen rein – oder wie es Schopenhauer so schön sagte: Ob ihr verheiratet seid oder nicht, ihr werdet beides bereuen.

      • alpha pfeifer sagt:

        @dondon
        krasse meinung aber sicherlich nicht falsch. wenn die richtige partnerin kommt, siehts villeicht wieder anders aus. aber du kannst ja ohne probleme wieder den notschirm zücken wenn es nicht nach deinem gusto geht, so wie ich ;-)

  2. Franz Oettli sagt:

    Ich verstehe nicht, warum heute immer alle von Sex reden. Es macht sicher Freude aber das wichtigste ist es doch beileibe nicht. Wir mussten schauen, dass wir die Familie durchbringen und dass die Kinder richtig herauskommen! Heute denken sowieso alle zuerst an sich selber und das finde ich schade. Gerade ein schönes Familienleben ist doch etwas sehr schönes!

    • alpha pfeifer sagt:

      du hast sicher recht, den bei diesem thema gibt es eh kein richtig oder falsch.
      zukünftiges handeln wird durch vergangene erlebnisse gesteuert.
      wer die richtige frau hat, der will nicht mehr single sein, und wer halt pech mit der partnerwahl hatte, wird wohl eher single bleiben. oder relativ bald wieder den notschirm öffnen.

  3. sebastian sagt:

    jedes wort hab ich nicht gelesen, wage dennoch zu behaupten, dass hier scheinbar alle weiber darauf warten angesprungen zu werden. Man(n) soll sie verwoehnen, verfuehren, als sich frau fuehlen lassen etc. pp. Echt alternaiv, alles haben wollen aber nix tun dafuer. Wie waers wenn auch die europaeische, vor allem die schweizer frau auch wieder lernen wuerde wie man(n) verfuehrt, vor lauter emanzipationsselbtbefriedigungsbeschaeftigung scheint mir dieses laengst vergessen

    ps. nein ich habe/binweder mit fernost, ostblock, e-mail oder anderer auf raten partnerin ;-) .

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