Leben


Mamablog-Redaktion am Freitag den 14. Januar 2011

Die Schule als Instrument der Entmenschlichung

Ein Carte Blanche von Oskar Freysinger.

Die Lehrer werden heute lieber als Ingenieure der Seele verstanden, denn als Meister ihres Fachs. (Bild Keystone)e

«Die Lehrer werden heute lieber als Ingenieure der Seele verstanden, denn als Meister ihres Fachs»: Schulklasse. (Bild Keystone)

Der Hauptgrund dafür, dass die meisten Schulreformen der letzten Jahre (insbesondere in der Westschweiz) gescheitert sind, liegt meiner Ansicht nach in der völlig falschen Voraussetzung, die ihnen zugrunde liegt. Da wird die Pädagogik neuerdings als eine Art Naturwissenschaft betrachtet, die zwischenmenschlichen Beziehungen werden mathematisch-wissenschaftlich formuliert, Theoretiker der Pädagogie werden zu Ingenieuren der Seele, die den neuen Menschen «sozio-konstruktivistisch» heranzüchten sollen. Jede Subjektivität wird verpönt, die Lehrpersonen werden durch kollektiven Druck gefügig gemacht und wandeln sich zu entseelten Entertainern einer grassierenden inhaltlichen Leere. «Wissen» vermitteln ist suspekt geworden, es geht ja vorab um den «Aufbau der sozialen Kompetenzen» der Schüler, die wie Versuchsobjekte im Zentrum des Nichts stehen müssen, weil jeder Einfluss von Aussen die Entwicklung ihres im Aufbau befindlichen Wesens stören könnte. Da der Schüler sowieso schon alles in sich hat, wird der Lehrer zu einer Art Begleiter der kindlichen Selbstentdeckung, ein Seelen-Trainer, ein Coach.

Was er nicht mehr sein darf: ein Lehrer, ein Meister seines Fachs. Er ist auch kein leuchtendes Beispiel mehr, nein, er tanzt nur mehr als Schatten um die Irrlichter sich selbst entdeckender Schüler. Eine intellektuelle Nahrung vermitteln? Am Lernen wachsen, nach Erhebung streben? Gar Stein für Stein ein pyramidales Wissen aufbauen, sich einen intellektuellen Grundraster aneignen, um der Welt gewachsen zu sein? Igitt, wie elitär. Der Schüler soll sich gefälligst darin üben, sein Leben zu träumen und nicht etwa, seine Träume zu leben. In einem Zeitalter, wo die Informationen überall zur Verfügung stehen und konsumiert werden wie Fast Food, ist der Aufbau eines autonomen Wissens reine Zeitverschwendung. Google und Wikipedia geben auf einen Klick alles her, was man braucht.

Der Mensch soll kein Akteur seines Lebens mehr sein, kein Schöpfer, sondern ein Konsument, für den alles schon geschaffen wurde. Er braucht im Supermarkt des Vorgegebenen, Vorfabrizierten, nur die Hand auszustrecken. Wer soll da noch am langwierigen Lernen, am Kontakt mit Wissen und Kultur über sich selbst hinauswachsen? Der junge Mensch hockt nicht mehr auf den Schultern eines Riesen, er ist selber zu einem Riesen deklariert worden, der sich selbsttragend von Impuls zu Impuls zappt, ohne dass dies je ein System ergäbe, eine auf Werten aufgebaute Ordnung.

Es ist ja Chaos vorgeschrieben, permanente Revolution! Strukturen sind passé, die Welt soll nur mehr in ihrer Absurdität gefeiert werden. Dies im Namen der Freiheit, der Abwesenheit jeden Zwangs. Über Bord mit den Noten! Weg mit Disziplin und Arbeitsmoral, mit Verwurzelung! Schluss mit dem Einfluss der Eltern, dem natürlichen Hineinwachsen in eine Geschichte, eine Kultur, eine Identität!

Der moderne Mensch soll ein Nomade sein, ein Weltenbürger, ein Spiegel aller Einflüsse, eine Kreuzung auf der Strasse des Lebens, wo alles durchfährt und nichts hält. Damit er alles aufnehmen kann, ohne je eine Verantwortung zu übernehmen, muss er innerlich völlig leer sein. Nur so kann man ihn ungehindert mit dem Ramsch der modernen Konsumgesellschaft auffüllen und nach Bedarf wieder entleeren.

Was sollen noch Dauer und organischer Aufbau im Wirbel sich schnell abwechselnder fluktuierender Impulse? In der ewigen Gegenwart? Im Karussell flüchtiger Augenblicke? Der Mensch soll sich selber verloren gehen, damit man ihn besser kontrollieren kann. Der Preis dafür ist aber hoch: Die Schule verkommt zum Instrument einer unterschwelligen Entmenschlichung.

Der Mamablog dankt Oskar Freysinger für diesen Beitrag.

MAMABLOG-FREYSINGER-150-150Der Walliser Oskar Freysinger (50) ist SVP-Nationalrat, Gymnasiallehrer und Schriftsteller. Freysinger schaltet sich immer wieder in die Bildungsdiskussion ein. So jüngst mit seiner überraschenden Stellungnahme gegen den Lehrplan-Entwurf seiner eigenen Partei der SVP, die im Wahljahr 2011 die Bildungspolitik zum Wahlkampfthema macht.

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760 Kommentare zu „Die Schule als Instrument der Entmenschlichung“

  1. Orlando S. sagt:

    Schule ist doof!

    Ein Aspekt, der wie mir scheint verloren geht in dieser Diskussion, ist die Tatsache, dass man als Kind Schule gar nicht mag. Man MUSS dahin jeden Morgen, obwohl man viel lieber im Wald Schatzsuche spielen oder gemütlich das Barbie bürsten möchte (als Bub ersteres, als Mädchen n a t ü r l i c h zweiteres). Geschichten erzählt bekommen oder Versteckispielen ist extrem viel lustiger als Schule.

    Vieles ist elterliche und gesellschaftliche Projektion: dass Schule Spass machen müsse. Und es hat damit zu tun, dass wir glauben, vieles an Erziehung an die Institution Schule delegieren zu müssen. Und wir glauben daher (nach Erwachsenenlogik), dass wir leichter zum Ziel kommen, wenn wir Schule möglichst lustvoll und ohne Zwang die Kinder unseren Vorstellungen von jenem Schulkparadies zuführen zu müssen, das wir IM NACHHINEIN uns selber wünschten.

    Tatsache ist doch: wenn unsere veraltete und reaktionäre Schule in den Siebziger-/Achtzigerjahren dermassen schädlich war, dann müssten wir doch alle Krüppel sein, die in der Schule aber auch gar nichts gelernt haben, weil sie so streng und autoritär und unkreativ und schlecht war.

    Ist das so? Wenn wir über Lehrpläne und dergleichen nachdenken, denken wir 20 und mehr Jahre in die Zukunft. Wir können aber die ukunft nicht voraussagen. Wohl aber können wir die Vergangenheit analysieren und uns fragen: war denn alles so schlecht?

    Es ist unsere Urangst – Lord of the Flies! – dass Kinder, wenn sie nicht pausenlos unter unserer pädagogisch korrekten und “kindergerechten” Aufsicht und Kontrolle stehen, Schaden nehmen und verwildern. Kinder sind brutale Anarchisten, leben in den Tag hinein, sind böse untereinander und wir fürchten uns von Ihnen. Wir mögen uns erinnern, wie in diesem Zwangssystem Schule in der grossen Pause wilde Schlägereien und Fertigmachereien passierten und fragen uns bange, wie wir das damals überlebt haben, ohne Schaden zu nehmen.

    Haben wir Schaden genommen?

    Was ist denn – seien wir ehrlich – aus Kindersicht das Ziel von Schule. Sozialkompetenz? Wasndas?
    Schulkinder sind doch glücklich, wenn sie mit Fleiss und Ehrgeiz etwas erreichen, wenn sie konkrete und praktische Fähigkeiten (wie – ach wie schnöde – Lesen, Rechnen, Schreiben, Englisch und etwas Naturkunde, dazu meinetwegen etwas Turnen) und Zusammenhänge kennenlernen können und wenn sie – ja, auch das gehört dazu – manchmal ein wenig gezwungen werden müssen.

    Ich weiss nicht wie es Ihnen geht, aber den wahren Wert dessen, was man in der Schule GELERNT hat, lernt man doch erst viel später schätzen. Und man besinnt sich zurück, wie man als Klasse die überforderte Deutschlehrerin fertiggemacht hat, obwohl man doch dank ihr z.B. den Zugang zu guter Literatur gefunden hat.

    Trotzdem wir im der pädagogischen Steinzeit zur Schule gegangen sind, sind wir doch gar nicht so schlecht “herausgekommen”, oder irre ich mich? Und selbst wenn ich meiner Grossmutter zuhöre, beschreibt sie ihre Schulzeit – die wohl um eiige Härtegrade strenger und “altmodischer” war – nicht etwa als Matyrium, sondern als schöne, lehhreiche Zeit. Als solide und nachhaltige Vorbereitung auf ein Leben in eigener Verantwortung!

  2. Das Einhorn sagt:

    Ich grüsse Euch aus dem Märchenland wünsche Euch allen süsse Träume ;)

  3. Orlando S. sagt:

    hm, vor 2 Stunden hatte ich ein grosses Epos auf die Schule und auf Kinder geschrieben und abgeschickt, fast eine Carte Blanche im Taschenformat. Wahrscheinlich will sich die Chefetage zuerst selber ausgiebig an meinem schönen Text ergötzen, bevor sie auch den Pöbel daran teilhaben lässt?

  4. Eremit sagt:

    Erstaunlich, dass sogar der unterhaltsame SVP-Politiker sich hier äusert.

    Der Wandel der Gesellschaft vom Schöpfer hin zum Konsument wurde m.E. gut beschrieben. Schade dass in dem Artikel nicht auf den Lehrplan 21 eingegangen wurde mit der Bevorzugung der sprachlich begabten Schülerinnen und der Diskriminierung der sprachlich unbegabten Schüler.

    Wie bei einem anderen Thema bereits erwäht müssen Schulen mit den Lehrern das Ziel haben haben den Schülern/innen logische, “rationalistisches” Wissen zu vermitteln. Sobald Schulen beginnen in einer Mulitkult-Gesellschaft politische Ideologien wie z.B. Marxismus oder Kapitalismus zu vermitteln werden die Schulen rasch zu einem Schlachtfeld der Ideologie. Auf der Strecke bleibt dass das sachliche rationale Wissen und die Zukunft der Kinder liegen. Dabei sollten aber gerade die Schulen mit dem bereits erwähnten Ziel dies eigentlich vermeiden und Wissens- und Fähigkeitserfolge der Kinder aufzeigen können. Den entsprechen müssten Schulen und Lehrer durch faire Rahmenbedingungen sicherstellen, dass der/die einzelne Schüler/in nicht durch Mitschüler/innen und z.B. Gruppendruck daran gehindert werden das eigene Wissen und die Fähigkeiten zu erweitern. Google und Wikipedia wiederspiegel leider nicht immer die Realität und ersetzen daher den eigenen Wissenszuwachs nicht. Ein Mausklick und das ganze Wissen ist weg. Wieviele Kinder können einen anspruchsvolle Rechen- oder Physikaufgabe mittels Google und Wikipedia richtig lösen? Und wieviele Kinder kriegen es hin nur durch Google und Wikipedia das eigene schulische Wissen zu erweitern? Die Zukunft als Wissensgesellschaft steht auf dem Spiel.

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