Der fünfte und letzte Beitrag unserer Best-of-Serie über die Festtage stammt aus der Feder von Michael Marti.

Kinder unserer Zeit (von oben nach unten): Kevin, Mia-Sophie, Seraphin Raziel Rodrigo, Yara-Faye, Milan Samuel, Lakesha Zoe Joana und Klara Marie (Bilder: baby-vornamen.de)
Eltern, so heisst es, wollen für ihre Kinder nur das Beste. Bloss, manchmal gehts trotzdem schief. Schon von allem Anfang an. Dann nämlich, wenn sich Mama und Papa den Kopf darüber zerbrechen, wie ihr Kind heissen soll – und dabei auf Namen kommen, die dem Kind eine Prüfung fürs Leben sind.
Kennen Sie das? Eine Geburtsanzeige flattert ins Haus, Sie lesen die Namen des neuen, so ganz unschuldigen Erdenbürgers, zum Beispiel Tula Lulu Josephine (ein Name allein reicht ja lange schon nicht mehr) und Sie denken sich dann: Mein Gott, wird dieses Kind, wird diese Tulalulujosephineabermitpeehaa, den Eltern je verzeihen können?
Und damit wären wir beim Kevinismus. Der Kevinismus ist eine Art Krankheit, eine Volkskrankheit gar. Kevinismus steht für die «Unfähigkeit vieler Eltern, ihrem Nachwuchs einen sozialverträglichen Namen zu geben». Und Kevinismus, das muss man wissen, führt bei den Erkrankten und vor allem bei deren Nachwuchs «zur sozialen Isolation». Auch wenn der Terminus erstmals auf einer satirischen Internetseite verwendet wurde, er machte schnell Karriere – weil er eben so treffend ein Phänomen beschreibt, das nicht nur wir Eltern alle kennen.
Die wichtigsten Symptome, die auf Kevinismus hinweisen, sind die folgenden:
- die favorisierten Namen sind ausnahmslos Doppel- oder Dreifachnamen
- mindestens einer der Vornamen endet auf -ia, beinhaltet ein y oder beginnt mit Ch oder J
- und die Namen zeigen eine ungewöhnliche Verwendung diakritischer Zeichen wie í, ë oder ŷ
Der Zufall wollte es, dass ich mich in diesen Tagen auf die neu gestaltete Website der «Schweizer Illustrierten» verirrte, um dort die endgültige Bestätigung dafür zu finden, dass es sich beim Kevinismus nicht um einen schlechten Witz handelt. In der Rubrik «Starcheck – Welcher Kindername ist am herzigsten», wo die Vornamen der Lendenfrüchte hiesiger Prominenter wie einer Sandra Studer oder eines Renzo Blumenthals aufgelistet sind, springt einem der pathologische Originalitätszwang in der heutigen Namensgebung geradezu ins Auge: Wir finden dort Noël, Niccolò, Elfèn, Enea, Alyssa, Nylas, Himalaya, Shenay, Cosmo und Moreno – und damit alle Symptome des Kevinismus mehrfach bestätigt.
Früher – also vor der Zeit von Alina, Anna, David, Elena, Jan, Lara, Laura, Lena, Leon, Leonie, Luca, Lukas, Nico, Nina, Noah, Sara, Simon und Tim – sollte und wollte der Vorname häufig ein Hinweis auf die Abstammung sein, auf eine Tradition. Der Vorname war eine Referenz an einen Vorfahren, womöglich an einen Taufpaten, an einen Heiligen oder an eine biblische Figur. Der Vorname sollte das Kind in ein grosses Ganzen einbetten, sei es in den religiösen Kosmos, sei es in die Geschichte der eigenen Familien.

Was er wohl zum Kevinismus zu sagen hätte? Kevin Costner auf einer Autogrammkarte.
Heute hingegen, da alles einzigartig, unique zu sein hat, ist oft gerade das Gegenteil der Fall: Der Vorname reisst seinen Träger aus jeglichem Kontext, eben weil er dermassen exotisch, so selten – oder auch nur ein Zungenbrecher ist. Es gehörte verboten, dass Eltern ihr Kind mit einem Namen strafen, den es ein Leben lang wird buchstabieren müssen: Shenay, heisse ich, ja Shenay. Samuelheinrichemilnordpolantonypsilon. So tönt das Schicksal eines Zeitgeistkindes.
Manchmal befällt einen das Gefühl, dass Eltern eben gerade am Anfang, in der Namenswahl, das Wichtigste vergessen: das Wohl des Kindes. Psychologen jedenfalls empfehlen mittlerweile werdenden Eltern, zeitlose Vornamen, nicht Trendnamen zu verwenden. Namen wie Alexander, Michael, Claudia. Oder Barbara.
Erstpublikation am 26. Januar 2010.
Michael Marti, 43, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.



Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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In der Primarschule waren wir 26 Schüleri/innen, darunter 3 Andrea, 2 Andreas und 2 Andrè. Von den Lehrern wurden diese jeweils mit ihrem Nachnamen angesprochen damit es keine Verwechslunen geben konnte.
Mein Grosser hat einen irischen und der Kleine einen holländischen Vornamen. Beide hört man in der Schweiz selten vor allem den von meinem Kleinen; davon gibt es in der Schweiz kaum eine Hand voll.
Ein witziger Beitrag der Serie.
Da werden Kinder bestraft bevor sie etwas angestellt haben wie z.B. das Model Summer Rayne Oakes (altdeusch: Sommer Regen Unterholz).
Eltern tun bei der Namensgebung gut daran nicht nur an sich zu denken und was ihnen selbst gefällt, sondern auch das Kindeswohl ist zu bedenken:
http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/kevin_ist_nicht_lehrers_liebling_1.3588402.html
http://www.kinderforschung.uni-oldenburg.de/36968.html
Summer ist hier ein verbreiteter vorname. Rayne. hat uebrigens nichts mit regen zu tun.
das ganze thema ist eigentlich ein problem des bullying. dass leute wegen einem ‘gspaessigen’ namen dann gefoppt werden.
davon redete in dieser neuauflage und auch im originalthread niemand.
Tja, hin und wieder reizt es mich schon, über jemanden mit einem komischen Namen mich lustig zu machen. Ich unterdrücke diesen Drang stets, weil für seinen Namen ja niemand etwas kann.
Sag mal, willst Du mich verarschen? Du weisst ganz genau dass Bullying ein manchmal fatales Problem sein kann. Es gibt viele grunede fuer die namneswahl, und einige sind kulturell, bzw Familientradition. Hier las ich dann stuss wegen Multikulti.
Wie in der verlinkten Studie der TU Chemnitz zu lesen ist, geht es darum, dass menschen aus einem vornamen schlussfolgerungen ziehen, wie es dort heisst. Aber eigentlich handelt es sich um Vorurteile. statt ueber vorurteile zu reflektieren , lesse ich hier ein paar hundert beitraege ueber vorurteilsneutrale vornamen. sprich, es sollen gewisse namen vermieden werden, da sind dann wohl arabische, tuerkische und slawische gemeint.
Bullying
Die Ursache des Problems bei bullying ist m.E. nicht das Opfer, das kann für seinen Namen oder sein Aussehen i.d.R. nichts dafür, sondern das gesellschaftliche Umfeld bei den in der Kindheit die Erziehung misslang bzw. nicht existierte. Oder wozu sollte man wohl Kinder erziehen?
Komisch, da schreien immer alle nach Veränderung und man muss doch mit der Zeit gehen. Wenn aber neue Namen ins Spiel kommen, da ist’s dann fertig lustig mit Multikulti….. Sorry, kann ich nicht ernst nehmen.
Ja, was ist eigentlich dieses “mammab” für ein komischer Vornamen? Sicher irgendwas Arabisches. Schudder.
Ich zweifle daran, dass der Journalist mit seinen Befürchtungen richtig liegt. Seine Vorbehalte gegenüber seltenen Namen mochten vor 30 Jahren berechtigt sein, als die meisten Schulgspänli Alexander, Michael, Claudia oder Barbara hiessen und jemand mit einem unbekannten Namen zum Rahmen herausfiel. In einigen Jahren aber, wenn die heute geborenen Noël, Niccolò und Shenay zur Schule gehen werden, wird es völlig normal sein, einen ausgefallenen Namen zu tragen, und eher die Michis und Barbaras werden unter ihrem bis dann altmodischen Namen leiden. Vor 30 Jahren war es auf jeden Fall nicht sehr cool, Seppli oder Margritli, also wie die eigenen Grosseltern, zu heissen. Vergessen hat der Journalist auch einige kulturelle und demografische Entwicklungen: Der immer grösser werdende Ausländeranteil an unseren Schulen wird dazu beitragen, dass es normal werden wird, seinen Namen zu buchstabieren. Die Religion rückt zudem vielerorts in den Hintergrund, und ein Kind braucht heute nicht mehr unbedingt einen christlichen Namen, um sich eingebettet in seine Kultur zu fühlen. Auch nicht-christtliche Namen können von der Familie erzählen: Vielleicht berichtet ja Keikos Name von einem Japanaufenthalt ihrer Eltern, oder Shiraz’ Mutter hat Orientalistik studiert?
Möglich, liebe Coco. Trotzdem: Ist es für einen Menschen förderlich zu wissen, dass er/sie so heisst, weil Mama vor der Geburt einen Trip durch Japan gemacht hat? Vielleicht hatte sie ja ein Jahr später einen JRR Tolkien-Spleen und nannte den Bruder Gandalf oder Frodo? Und vielleicht heisst Shiraz nicht so, weil Mama Orientalistik studiert, sondern zu tief ins Glas geguckt hat…
Ja, das kann gut sein! Wir haben nämlich unseren Sohn Julien getauft, weil wir Bordeaux lieben. Christliche Namen sind nur eine mögliche Tradition und irgendwo genauso zufällig wie eine Orientalistik- oder Tolkien-Vorliebe der Eltern. Ich kenne Kinder, die einen afrikanischen Namen tragen, weil sie in Afrika während eines Afrika-Aufenthalts ihrer Eltern zur Welt gekommen sind, und andere, die zum 2. Namen heissen wie ihre Grossmutter. Beides erzählt etwas über die Familiengeschichte und kann dazu beitragen, dass sich das Kind in seine Familie und Herkunft eingebettet fühlt. Dafür muss man nicht gezwungenermassen Michael oder Claudia heissen.
Früher in der Schule war es für uns Kinder immer ein schönes Erlebnis, wenn uns ein Lehrer aus einem Namenbuch die Bedeutung unserer Vornamen erzählt hat. Wir hatten Spass dabei und es gab jedem ein Gefühl von Stolz. Ein einziges Mädchen in der Klasse war davon immer ausgeschlossen, weil ihre einfallsreichen Eltern sie Semira getauft haben…
Ein Name ist für ein ganzes Leben und als Eltern hat man da eine grosse Verantwortung. Mein Partner und ich haben lange gesucht bis wir den, für uns, richtigen Namen für unseren Sohn gefunden haben. Da er halb Süd Koreaner halb Schweizer ist, war uns klar, dass der Name auch dazu passen sollte. Die Bedeutung des Namens war mir persönlich auch sehr wichtig. Unser Sohn wurde Nalu (polynesisch, Bedeutung “Welle” “tiefgründig”) getauft. Da ich teilweise auf einem Segelboot aufgewachsen bin, war dieser Name einfach perfekt. Recht kann man es so oder so nie allen machen.
Was jedoch ein hawaiianischer Vorname mit Korea oder der Schweiz zu tun hat ist mir schleierhaft.
Auch Semira hat eine Bedeutung, warum der Lehrer das nicht herausgefunden hat ist mir ein Rätsel. Soviel ich weiss, ist Semira ein arabischer Name der sehr wohl eine Bedeutung hat, keine negative!
Grundsätzlich finde ich exotische Namen toll! Was war ich in der Schule stolz auf meinen Namen. Es gab weit und breit kein Mädchen, das gleich hiess wie ich, da ich einen sehr alten und ein bisschen aus der Mode gekommenen kurdischen Namen habe (Fatma ist mein zweiter Name). Aber natürlich bringen solche “fremden” Namen auch teilweise Probleme mit sich: In Briefen werde ich eigentlich immer mit “Herr” angeschrieben, da mein Name in diesen Breitegraden auch als Männername durchgeht. Stelle ich mich Leuten mit meinen Namen vor, dann haben meist die älteren Leute Probleme damit, meinen Namen richtig auszusprechen, da sie ihn noch nie gehört haben.
Mittlerweile habe ich mich aber an diese Umstände gewöhnt und kann eigentlich sehr locker damit umgehen. Glücklicherweise wurde ich auch nie wegen meinem Namen gehänselt. Trozdem finde ich, sollten sich Eltern sehr gut überlegen, wie sie ihr Kind nennen möchten. Und so blöd wie es auch klingen mag, man muss sich auch ein bisschen an die Umgebung anpassen mit der Namensgebung. Ich kannte ein Mädchen, das hiess Gül. Gül bedeutet Rose auf türkisch und ist an und für sich ein sehr schöner Mädchenname, nur in der Schweiz denkt man bei diesem Wort wohl eher an “Gülle” als an “Rose”.
Meine Eltern haben extra einen Namen für mich ausgesucht, den man so liest wie er geschrieben wird, der keine allzugrossen Möglichkeit zur Verhunzung des Namens bietet, der kurz ist und der keine Buchstaben beinhaltet, die nicht im hiesigen Alphabet vorkommen. Mit Beachtung dieser Kriterien gaben mir meine Eltern einen Namen, mit dem sie auf unsere türkische Herkunft verweisen konnten und der gleichzeitig eine sehr schöne Bedeutung hat.
Also ich denke, bei dem ganzen Streben nach Individualität sollte man auch unbedingt die möglichen Konsequenzen eines exotischen Namens beachten.
Fatma als verhunzungsresistenter Vorname mag in der Schweiz funktionieren, in englischsprachigen Ländern weniger…