Leben


Nicole Althaus am Mittwoch den 15. April 2009

IVF: Lifestyle-Option oder Notwendigkeit?

USA GESELLSCHAFT NADYA SULEMAN

Gibt es das Recht auf ein Kind? Nach der sensationellen Achtlingsgeburt in den USA Ende Januar 2009 kam es in Kalifornien zu Protesten gegen die Reproduktionsmedizin. Wie konnte eine bereits sechsfache alleinstehende Mutter einen Arzt dazu bewegen, eine Fruchtbarkeitsbehandlung an ihr vorzunehmen?

Darf man eine künstliche Befruchtung (IVF) mit einer Brustvergrösserung vergleichen? Diese Frage wird in den Medien in Grossbritannien zur Zeit heftig diskutiert, weil eine Diskriminierungsklage vor dem Gericht in Kent hängig ist: Eingereicht wurde sie von Parminder Sahota, einer Beamtin im Amt für Immigration, die von ihrem Arbeitgeber suspendiert wurde, weil sie wegen einer IVF-Behandlung 12 Tage gefehlt hatte. Die 37-Jährige sagte bei der Anhörung aus, ihr Boss habe ihr vorgeworfen, nur noch darum besorgt zu sein, schwanger zu werden. Sahota geniesst in England den Status einer Heldin, seit sie einen Terroristen in einem Eurostar-Zug identifiziert hatte.

Gemäss «London Times» sehen die meisten britischen Arbeitgeber in der  künstlichen Befruchtung eine Lifestyle-Option und keine medizinische Notwendigkeit und kommen weiblichen Angestellten, die sich der Prozedur unterziehen, dementsprechend wenig entgegen. Zum Beweis zitiert die Zeitung mehrere Frauen, darunter eine  34-jährige Krankenschwester, die ihren Vorgesetzten um unbezahlten Urlaub für die Behandlung bat und mit den Worten abgespeist wurde: «Wir behandeln IVF wie eine Nasenkorrektur».

Eine unsensible Aussage in einer Zeit, in der Frauen immer später Mütter werden,  und Unfruchtbarkeit nicht zuletzt bei Männern ein «epidemisches» Ausmass annimmt, wie Reproduktiv-Mediziner behaupten. Und ein unbesonnener Vergleich, nachdem der Europäische Gerichtshof vor Jahresfrist zugunsten einer Österreicherin entschied, während einer IVF-Behandlung gälten für Frauen dieselben Arbeitsrechte wie bei einer Schwangerschaft.

In Grossbritannien sind heute 5 Prozent aller Babys, die geboren werden, im Reagenzglas gezeugt worden. In der Schweiz ist es bloss rund 1 Prozent, doch die Zahl der künstlichen Befruchtungen steigt auch hierzulande jährlich an. Im Jahr 2007 laut Bundesamt für Statistik um 17 Prozent. Auch in der Schweiz gilt die künstliche Befruchtung als Lifestyle-Option und nicht als medizinische Notwendigkeit: Krankenkassen jedenfalls müssen die Kosten für eine In-vitro-Fertilisation nicht tragen. Das hat das  Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG) vor drei Jahren entschieden, als eine Schweizerin ihre Kasse auf Erstattung der Medikamentenkosten verklagt hatte. In anderen Ländern, etwa in Belgien, sind die Kassen verpflichtet die Kosten für eine Fruchtbarkeitsbehandlung zu übernehmen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die neuen Technologien in der Fortpflanzungsmedizin ethische Fragen aufwerfen, die polarisieren: Ist Unfruchtbarkeit eine Krankheit oder bloss Schicksal? Ist die künstliche Befruchtung folglich eine medizinische Notwendigkeit, die beim Arbeitgeber unter Krankheit laufen soll, oder bloss eine Lifestyle-Behandlung? Und last but not least: Gibt es ein Recht auf ein Kind?

47 Kommentare zu „IVF: Lifestyle-Option oder Notwendigkeit?“

  1. Rafael sagt:

    Das Recht auf Kinder?

    Was ist mit all den Leuten, denen es nicht vergönnt ist, einen Partner zu finden?
    Dürfen die dann Kinder im Katalog aussuchen?

  2. Peter sagt:

    @ Guido
    wenn man den verlauf der evolution betrachtet ist der faktor welcher ein so (intelligentes) wesen wie den menschen hervorgebracht hat die konsequente elimination der schwächen. und genau da pfuschen wir jetzt rein indem wir das wohl des individuums über das wohl der ganzen rasse stellen. heute kann ein mensch, welcher unter “natürlichen” bedingungen bereits als kind gestorben wäre, gross werden und sein schwaches genmaterial weitergeben. schon heute sind degenerations-, immunschwäche- und allergiekrankheiten auf dem vormarsch. da müsste man mal über ethik welche heute ist und der ethik welche in die zukunft denkt, nachgedacht werden.

  3. gargamel sagt:

    @peter
    gefährliches terrain, auf dem sie sich hier bewegen… eugenik lässt grüssen.

    und wer bestimmt denn, was “schwaches genmaterial” und somit “unwertes leben” ist? bzw. steven hawkins z.b. hätt’s in der höhlenmenschenkolonie mit seinem genmaterial wohl nicht weit geschafft…

    andererseits passt der beitrag auch wunderbar hier rein: ist dann das mit allen erdenklichen technischen hilfsmitteln herbeigezwungene kind nicht perfekt, so wird’s dann natürlich auch gleich abgetrieben (meine frau ist hebamme, ich kenne einige solche geschichten).

  4. gargamel sagt:

    nachtrag: ausserdem haben ideologien, die das wohl der “rasse” über das wohl des individuums stellten praktisch immer direkt in die katastrophe geführt…

  5. Emanzo sagt:

    @ Peter und gargamel:

    Aus saeckularer Sicht muss jedes Kind, welches nach dem Geburtsvorgang (oder der Zuspaetabtreibung!) atmet, zumindest ohne Maschinen am Leben erhalten werden. Es darf weder beim Recht auf Leben, noch beim Recht auf Ehe und Familie die geringsten Kompromisse geben. Zumal solche Experimente (wie die selektive schweizerische Neoapartheid”familien”politik beweist) sehr schnell nur noch der Maximierung des Raepplispalts dienstbar gemacht werden! Zuspaetabgetriebene sollten durch noch nicht korrupte RMI zwangsobduziert werden und die Verantwortlichen bei Mord durch Unteralssen zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden!

    Der religioese Schutz des Ungeborenen ist zwar idealistisch, aber wenn dann die Zwangsgeborenen (mit Duldung auch durch den Klerus) in die Verdingkindsklaverei abgegeben werden, wo sie neuerdings auch sexuell ausgebeutet werden duerfen, der Menschenwuerde weit abtraeglicher!

  6. Ralph sagt:

    In jungen Jahren das Leben in allen Variationen geniessen, das Geld wird in aller Welt mit Reisen und Lebenslust verprasst; allfaelllige Folgen der Lust- und Liebesgenuesse mit allen moeglichen Mitteln verhuetet. Und dann ploetzlich im Alter von 35 oder mehr Jahren leidet man seelisch unter dem unsaeglichen Kinderwunsch; das Leben ohne eigene Kinder hat keinen Sinn mehr…….
    Das soll noch einer verstehen! – Man denke an die Folgen von Nachtleben, Alkohol, Drogen, Aufputschmitteln, unverstaendlichem Lebenswandel: dann soll die KK zahlen. Ist doch logisch, man ist ja krank.

  7. Sebastian sagt:

    Eine künstliche Befruchtung als Lifestyle-Option zu bezeichnen verletzt meiner Meinung nach massiv die Würde einer Frau, die sich zutiefst ein Kind wünscht – zumindestens nach meinem Rechtsempfinden
    Überhaut – die hier aufflammende Diskussion über “Selektion” oder “schwaches Genmaterial” bzw. “Rechtsfolgen und Kosten” zu sprechen – mir fehlen die Worte.
    Wer die Kostenübernahme für künstliche Befruchtungen anzweifelt, der möge bitte in die Augen der neugeborenen “schwachen Kinder” schauen. Vielleicht fällt dann einigen hier auf, dass diese ja unter Umständen auch das staatliche System von Steureinnahmen und Ausgaben aufrecht erhalten.
    Wer die Kostenübernahme einer solchen Befruchtung ablehnt, der möge bitte bei seinem nächsten Skiurlaub vorab eine Sonderrisikozahlung tätigen, denn warum sollte ich das sportliche Risioko anderer tragen ? Oder kann es sein das diese Risiken bereits in Versicherungsbeiträgen einkalkuliert sind ? Aha. leider nur am falschen Ende der Kette.

    Ich wünsche allen kinderlosen, die den Mut hatten sich hier mit Worten entgegenzustemmen viel Glück bei Ihrer weiteren Planung.

    Sebastian

    Kassel, Deutschland

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