
Herbst – jetzt haben wir aber brutal Ferien.
Und die Erde dreht sich, und so ist es wieder Herbst geworden, und die Schulen haben geschlossen, und ich sitze mit meinem Mann und meiner Tochter und meinem Sohn im Haus am See, das einst mein Vater gekauft hat. Wir essen gebratene Eier mit Speck und draussen ist es kalt, drinnen warm und der Sohn sagt: Jetzt haben wir aber brutal Ferien.
Nun, ganz so brutal ist es nicht, aber auch nicht so, dass wir die Seele baumeln lassen könnten, dafür ist der Wind am See einfach zu stark, auch wenn man die Seele natürlich eher in der Zeit als im Wind baumeln lässt. Die Kinder bauen eine Hütte, wie ich das einst hier getan habe und sammeln Brombeeren. Wir Erwachsenen mähen den Rasen und schneiden die Hecke und denken darüber nach, wie die Ernte ausgefallen ist und wie der Winter werden wird.
Vorne am Ufer steht die Trauerweide, die wir damals nach dem Tod meines Vaters gepflanzt haben, sie ist zu einem stattlichen Baum herangewachsen, in dessen Zweigen der Seewind spielt wie im lang Haaren einer Frau. Abends sitze ich am Ofenfeuer, und ich lese Jonathan Franzens «Freiheit», in dem er die Unerbittlichkeit familiärer Verstrickungen, die banale Tragik eines gewöhnlichen Lebens nachzeichnet. Irgendwann verbringen die Protagonisten ebenfalls freie Tage an einem Haus am See: «Die ersten Arbeitsgeräusche eines anderen am frühen Morgen haben etwas gefahrvoll Trauriges an sich; es ist, als empfände die Stille Schmerz dabei, gestört zu werden», schreibt Franzen.
In meiner Familie verspürt niemand den Drang, frühmorgens mit der elektrischen Sense durch den Garten zu sausen und die Stille hat sich längstens angewöhnt, allmorgendlich rücksichtslos abgemurkst zu werden. Das soll keine Klage sein, im Mamablog werde zu viel gejammert, beklagte sich neulich jemand. Ich möchte eher meine Bewunderung für die Anpassungsfähigkeit der Stille ausdrücken. Weder beschwert sie sich über das Unausweichliche, noch stemmt sie sich dagegen. Und ich habe mich oft schon gefragt, warum das Thema Familie so negativ behaftet ist, wo es im Grossen und Ganzen doch eine grossartige Erfahrung ist.
Der Hund liegt eindeutig in diesem Grossen und Ganzen begraben. Denn es geht ja eben nicht nur um die kleinen Kümmernisse und Glücksmomente – eine Familie ist viel mehr als die Summe dieser Einzelereignisse. Es bedeutet, andere in sein eigenes Schicksal zu verstricken und in diesen Verstrickungen zu leben und die Verantwortung für alles übernehmen zu müssen. Selbst wenn man daran scheitert, wie die meisten. Irgendwann schaut man zurück und erkennt, wie die kleinen Bekümmernisse verschwinden oder sich verzahnen, um die grossen Lebenslinien zu formen.
In der Passage bei Franzen heisst es weiter: «Die erste Minute eines Arbeitstages lässt einen an all die Minuten denken, aus denen sich ein Tag zusammensetzt, und es ist nie gut, Minuten einzeln zu betrachten. Erst wenn andere Minuten sich zu dieser nackten, einsamen ersten Minute hinzugesellt haben, findet der Tag in seinem Tagsein einen sicheren Halt.»
Vielleicht ist es ähnlich mit der Elternschaft. Man erwacht im frühen Morgen eines neuen Lebens als Vater oder Mutter. Die Stille, die unterbrochen wird, der Wind, den man sät, wenn der Tag voranschreitet, die Stürme, die man erntet und die Seelen, die sich verheddern und wieder befreien. Vielleicht, wenn man Glück hat, genug Zeit verstrichen ist, findet man einen sicheren Halt darin.
Und die Erde dreht sich und es ist Herbst. Und wir packen uns alle warm ein und arbeiten noch ein bisschen im Garten.



Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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@ Hans Mustermann
Beides Herr Oberst, wenn Sie Lust haben, mal in das Haus zu gehen bitte schön, es hat ein schönes Badezimmer mit einer Duschkabine, in der Küche ist ein 2-Platten-Rechaud, auch Geschirr ist vorhanden, Möbel sind sonst keine da, da wäre ev. ein Schlafsack zu empfehlen, es sei denn Sie sind ein Fakir, da müssten Sie das Nagelbrett noch selbst mitschleppen.:-(. In Ungarn ist alles viel billiger als in der CH. Wenn der Euro eingeführt wird in Ungarn sieht es vermutlich anders aus. Geld und Macht regiert die Welt, traurig aber wahr
. Das eigene Selbst ist ev. eine Chance für einen Schritt nach vorn, bitte keine Missverständnisse, ich komme nicht aus der Esoterikecke, das einzige was ich gelernt habe, dass es feinriechende Räucherstäbchen gibt, riechen besser als das Weihwasser aus der RKK.
Ein wunderschöner Artikel, Michèle.
Im Schatten des rosa blühenden Apfelbaums.
Der Körper, die Rede und der Geist sind in vollkommener Einheit.
Ich schicke mein Herz zusammen mit dem Klang dieser Glocke.
Dass die zu Weckenden aufhorchen aus der Vergessenheit
und den Weg der Angst und des Leidens transzendieren.
A la sombra del manzano rosal.
El cuerpo, la palabra y la mente están en perfecta unidad.
Envío mi corazón junto con el sonido de esta campana.
Que quienes la escuchen despierten del olvido
y trasciendan el camino de la ansiedad y el sufrimiento.
Und so gleitet Michelles Essay über den Wasserspiegel wie der flache Stein.
Springt darüber und formt Wellen des Klangs im Teich.
So, wie die Glocke erklingt über den Ozean der Zeiten hinweg,
Die Wellen sich ausbreiten.
Immer weiter.
Bis ihre Resonanz mein Herz berührt
So unendlich sanft
So unendlich nah
So schön
Dass Tränen tropfen
Als Klänge meiner Freude
Zurück in die Stille des Teiches.
Schön gesagt, und äh— ja, unser Garten muss auch bald winterfest gemacht werden…
Schon wieder ist ein Jahr fast um.
Die Bäume wechseln die Farben,
die Tiere das Fell, die Menschen die Kleider.
Und seit anfangs September gibts wieder mein absolutes Lieblingsdessert
Da könnt ich jeden Tag kiloweise …
Aber ach, die Linie – aber ist nicht die vollkommenste Figur die Kreislinie
Danke für diesen wunderbaren Artikel, der mich berührt & inspiriert hat!
hmm…, haus am see, herbst, etwas philosophie und ein mamablog-thema – das ding muss in diesen thread:
youtube: george strait – chill of an early fall
Du kennst George Strait? … hmmm ya now I own a property not far from his ranch. I’ll be somewhere down in Texas, he sometimes sings. Ich vermute, Du warst mal in Texas.
die spannung steigt und steigt.
???????????
Uhm… dieses Trauerweide Bild kling mir bekannt vor. Das ist kein See, das ist den Seereihn Ufer zwischen Tägerwillen und Konstanz (TG) bei dem Wanderweg Richtung Tägerwillenbädli. Also… seit wann genau ist dein Vater tot so dass so gut gewachsen ist?
Morrongo