
Wenn Kinder ihre Eltern ausspionieren – und umgekehrt. Wie viel Privatsphäre braucht es in einer Familie?
Bislang ging ich arglos davon aus, dass ich mit einer ordinären Familie unter einem Dach lebe. Aber etwas am Verhalten meiner Tochter in jüngster Zeit lässt mich vermuten, dass diese Annahme naiv ist und den abgründigeren Dimensionen unseres Verhältnisses nicht gerecht wird. Besagte Tochter entwickelt nämlich eine beunruhigende Neigung, aus dem Nichts zu materialisieren. Ich stehe etwa friedlich in der Küche und schäle Karotten und peng, steht sie plötzlich vor mir, so dass mein Herz sich für einen Moment aus dem Staub macht und ich es keuchend wieder in die Koppel holen muss. Aber ihr neuer Anschleichtick ist nur der Vorbote einer noch viel beunruhigenderen Entwicklung. Denn ihre Augen und Ohren sind plötzlich überall. Lese ich ein Buch, linst sie mir plötzlich über die Schulter, liest mit. Ebenso, wenn ich am Computer sitze und mich chattend mit meinem Mann unterhalte. Wenn ich ein SMS bekomme, will sie wissen, wer mir schreibt und warum. Und wenn wir später alle beim Essen sitzen und mein Mann und ich uns über unsere Freunde unterhalten, unterbricht sie plötzlich den Streit mit ihrem Bruder und fragt: «Wer hat wen verarscht? Wer trennt sich? Wer ist blöd?»
Der Spion, der mich liebte. Privatsphäre war in unserer Familie noch nie ein besonders umstrittenes Thema: Die Badezimmertüren sind immer unverschlossen, weil in unserer Wohnung die Schlüssel ohnehin nicht zu den Schlössern passen und so treiben sich die Kinder unbefangen auch in meinem Schlafzimmer und Büro herum, was sie dürfen, solange sie ihre Sachen wieder mitnehmen. Und bislang fand ich es zwar nervig, dass meine Kinder mit nicht auszutreibender Renitenz in meine Räume platzen, um sich beispielsweise nach dem Verbleib ihres Slimys oder ihres Sackmessers zu erkundigen – auch wenn ich da gerade arbeite oder schlafe – aber besonders beunruhigend fand ich das nicht. Schliesslich bin ich ihre Mama und soll für sie da sein. Aber langsam scheint sich meine Tochter für die Frau hinter der Mama zu interessieren. Und an diesen Gedanken muss ich mich erst gewöhnen.
Natürlich durchwühlte ich als Heranwachsende selber leidenschaftlich die Papierstapel auf dem Bürotisch meiner Eltern und spähte in ihre Schubladen und Wäscheschränke auf der Suche nach Spuren von Privatsphäre, vielleicht sogar schmutzigen Geheimnissen. Das war etwa so, als würde man sich einen Reisekatalog für dieses ferne Land ansehen, in das man bald aufzubrechen gedenkt: Erwachsensein. Aber dass ich für meine Kinder ein analoges Objekt des Interesses sein könnte, gefällt mir gar nicht.
Für die üblichen Paraphernalia gibt es territoriale Lösungen. Henry Millers Gesamtwerk habe ich vorsorglich schon mal in die oberen Etagen des Bücherregals geräumt und andere Objekte der Begierde lassen sich wegschliessen. Aber die grundsätzlichen Fragen bleiben: Wie viel Erwachsenen-Territorium gebe ich an meine Kinder frei? Und ab welchem Alter?
Kommt hinzu, dass Kinder, wenn sie sich der Pubertät nähern, selber ein Bedürfnis nach Privatsphäre entwickeln, die ihnen auch zugestanden werden soll. Aber in gewissen Belangen haben Eltern natürlich auch das Bedürfnis nach Kontrolle, möchten wissen, mit wem sich ihre Kinder treffen, was sie so treiben und wie sie sich im Internet bewegen. Und hier stellt sich dann die Frage: Wie weit dürfen Eltern ihren Kinder hinterher spionieren? Was geht sie etwas an und was eher nicht?
Was meinen Sie? Schützen Sie Ihre Privatsphäre gegenüber ihren Kindern und wenn ja, wie? Und wie viel Privatsphäre gestehen Sie Ihren Kindern zu?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
auf Facebook





















In dem Augenblick, in dem ich das Bedürfnis verspüre, irgendwelche Bücher vor meinen Kindern wegzusperren, habe ich etwas falsch gemacht – egal welchen Autor oder welches Thema es betrifft. Im Gegenteil, dass einst meine Kinder sich durch meine gesamte Bibliothek durchlesen gehört zu meinen Traumszenarien.
dito
@Tomas:
“egal welchen Autor oder welches Thema es betrifft”,
auch egal welches Alter das Kind hat wenn es beginnt sich die Bücher rauszuziehen und zu lesen?
Ich denke da braucht es schon Abwägen, vermutlich kann man nicht mal alle eigenen Kinder “gleich” behandeln, die einen vertragen den Krimi oder das Sachbuch über irgendwelche düstern Geschehnisse auf desem Planeten, die andern haben danach Albträume. Allzu leichtfertig wär ich da nicht.
Aber spannendes Thema, kommt mir manchmal wie eine Kliffwanderung vor.
Besonders halt auch das Einführen “in die Abgründe”, all die Katastrophenmeldungen usw usw die wir meistens einigergemassen gelassen zur Kenntnis nehmen, aber bei gewissen Kindern dann ganz dramatische Dimensionen annehmen können. Das find ich wirklich nicht einfach.
Ich habe selber alles gelesen was ich in der Bibliothek fand, den Henry Müller wie Embryologie, Gynekologie und Anatomie die meine Mutter beim Medizinstudium gebraucht hatte, den Malaparte wie den de Sade, den Ovidius genauso wie Vonnegut. Manche Bücher haben mich beim ersten Mal nicht so gepackt und ich habe sie für mich erst später gewonnen, manche haben Fragen aufgeworfen und ich war froh, dass ich sie offen diskutieren konnte.
Und genau so werde ich auch die Neugier meiner Kinder handhaben, bzw. genau so behandle ich das Thema schon jetzt. Wenn mein Sohn – typischerweise vor dem Einschlafen – sich in einen Notizblock alle möglichen Fragen notiert, die er mir am nächsten Morgen stellen will, habe ich meine Freude daran, egal was er fragt.
Ja Tomas, dass meine Kinder sich eines Tages durch meine Bibliothek lesen, wünsche ich mir auch.
Was aber Henry Miller betrifft, so hoffe ich doch, dass dieser Tag nicht in ihrem zwölften Lebensjahr liegt.
Als ich das erste Mal “Sexus” las war ich 14. Meine Mutter fragte: Bist du dafür nicht noch etwas jung? Und ich dachte: Meint sie das ernst?
dann ist ja gut dass bei Ihnen kein Kamasutra im Bücherregal steht
Ansonsten: echt toller Artikel!
Dachte eher an “im Westen nichts Neues”.
Und ja, ein weiterer guter Artikel.
Guter Artikel! Mir stellt sich allerdings die Frage, ob die Neugierde, Spannendes oder vielleicht auch Schmutziges bei jenen Menschen zu finden, die uns am nächsten sind, nicht allgemein ein menschliches Phänomen ist. Ich ertappe mich immer wieder, dass ich mich für Dinge meiner Partnerin interessiere, die mich eigentlich nichts angehen resp über deren Existenz ich eigentlich nur wissen sollte, wenn sie mir freiwillig anvertraut werden. Trotzdem muss ich mich gelegentlich zusammenreissen, dass ich meinen moralischen Grundsätzen treu bleibe und ganz einfach Vertrauen habe. Und die Redewendung: “was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss resp führt nicht zu unnötiger Unruhe und MIssverständnissen” hat durchaus seine Berechtigung.
Leider stimmt das schöne Sprichwort nicht ganz, es sollte vielmehr heissen: Wovon ich rein gar nichts weiss, macht mich nicht heiss. Sobald aber auch nur die geringste Vermutung da ist, dass da “etwas” sein könnte, so ist das wohl das allerinteressanteste, was es gibt.
Genau und Jungs tun es auch. Meine Bücher werden durchforstet. Telefonier ich steht er bestimmt neben mir etc.
Das, was Frau Binswanger beschreibt, nennt sich kindliche Neugier. Kinder wollen die Erwachsenen verstehen! Da geht Kindsverständnis vor Privatsphärenbedürfnis!
Nur beim Sport im Bett zwischen Mama und Papa (hoffe auf Win-Win-Situation
) ist Schluss. Da müssen sie aber die Türe abschliessen!
Ich denke, die meisten Eltern haben ein relativ gesundes Frühwarnsystem, was den Kleinen noch zugemutet werden kann. Es ist – egal ob verwandt oder nicht – sowieso immer eine Gratwanderung, was man wem von sich nun anvertraut, nie kann man sich sicher sein, dass der andere, und sei es das eigene Kind oder die Partnerin – das Erfahrene gegen einen verwendet.
Natürlich sollte man nicht gerade mit der sechsjährigen Tochter erotische oder Brutalo-Filme schauen, aber ich würde entsprechende Literatur nicht gesondert wegstellen oder -schliessen, denn verbotene Früchte sind ja die süsstesten. FAlsch wäre es mE., der Tochter einfach zu sagen, das SMS uw. gehe sie nichts an, das seien “Erwachsenen-Dinge”, da sei sie ja noch viel zu jung.
Besser wärs, eine Art “Quid pro Quo” einzuführen: Wenn der Junge seine Privatsphäre will, soll er die gleiche bei seinen Eltern respektieren. Und da Vati nicht an Töchterchens Hanna Montana-Zeugs geht, hat sie nichts in seiner Mutzenbacher-Sammlung verloren usw.
Die “Verbotenen Früchte” der Anais Nin oder ihr “Verborgenes Delta der Venus” wurden links liegengelassen, aber die “Sexuellen Phantasien der Frauen/Männer” wurden durchaus beachtet. Aber wohl nicht allzu früh, weil es keine Bildchen hat. Brutalo- und Pornos gibt es in meinem Haushalt sowieso keine, also musste ich auch nichts wegschliessen.
Was Brutalosfilme betrifft gehe ich mit Ihnen völlig einig, das finde ich schädlich für Kinder, ich habe meine Kinder frei erzogen, die sind längst erwachsen. Aufklärung finde ich zentral für Kinder . Meine Enkelinnen 10 und 12 Jahre alt haben viel Spass am Zeichnen, Basteln oder Spielen draussen mit ihren Gspänli, finde ich super.
Und auch noch als Erwachsene habe ich die Neugier noch nicht besiegt – und mir die genannten Bücher gleich bestellt:)
Die Frage, die ich mir stelle, ist die: wieviel von dem was zu Hause aufgeschnappt wird, wird ungefiltert oder fehlinterpretiert nach draussen getragen. Die meisten Kinder prahlen doch gerne ein wenig mit prickelndem Wissen oder mit Geheimnissen.
Wenn Kinder den Begriff “Intimsphäre” verstanden haben und einigermassen damit umgehen können, ist recht viel Offenheit möglich und -aus meiner Sicht- auch erwünscht.
Liebe Frau Binswanger,
Ihre Überlegungen sind aus meiner Sicht ganz wichtig. Ich kenne hinsichtlich dieses Problems zwar nur die Kind-Perspektive, aber gerade aus dieser heraus kann ich Ihnen bestätigen, dass die Neugier oft mehr wissen will, als wir verarbeiten können. Gerade die Geheimnisse der Eltern sind manchmal heikles Terrain, weil das Kind ja gleichzeitig mit dem Interesse an der Erwachsenenwelt latent das Bedürfnis hat, sich ein Stück von Mama und Papa abzulösen. Meine Eltern hatten zum Beispiel auch noch während meiner Pubertät den Tick, den Weg zwischen Schlaf- und Badezimmer nackt zurückzulegen, was mich zunächst interessierte, im Endeffekt aber ziemlich unangenehm berührte.
Zudem finde ich es gut, dass auch Sie als Mutter / Vater dieses Bedürfnis nach Ablösung empfinden. Meine Mutter hatte keinerlei Bedürfnisse nach Abgrenzung, und ich glaube, dass sie deswegen zuviel gelitten hat. Denn zum Schmerz hinzu kam bei ihr noch die Tatsache, dass sie nichts Eigenes hatte, nichts Privates, auf das sie sich hätte zurückziehen können. Nun hat sie es zum Glück nachgeholt und noch ein Studium gemacht.
Nicht zuletzt soll man dem Kind schliesslich auch das Recht auf Privatsphäre vermitteln – was am einfachsten geht, wenn man selber eine pflegt.
Vielen Dank für Ihren tollen Artikel!
Toller Artikel. Ich hoffe, dass die Kinder ihre Neugier möglichst lange behalten. Interesse ist eine wichtige Eigenschaft, die einem im Leben weiterbringt. Wenn es zu weit geht, die Tochter direkt ansprechen und ihr den Missgefallen zeigen. So macht sie gleich noch Erfahrungen im Sozialverhalten. Akzeptieren würde ich diese Aufdringlichkeit nicht – auch wenn sie in einem Jahr wieder vorüber sein wird.
“Aber dass ich für meine Kinder ein analoges Objekt des Interesses sein könnte, gefällt mir gar nicht.”
Warum nicht? Das Kind lernt so durchs abschauen, kopierten wie man sich als Erwachsener verhält. Gut, nicht alle Kindern lernen auf die selbe Art.
Des weiteren erkennt es auch so die Stärken und Schwächen der Eltern. Somanches Kind geht dann hin und nutzt dieses Wissen um für sich einen Vorteil heraus zu schlagen gegenüber einem Geschwister (siehe Thema “Hackordnung” und warum es verwerflich ist). So z.B. wenn die Schwester A, nennen wir sie mal Anna, der Schwester B, nennen wir sie mal Beate, eins auswischen will: Beim gemeinsamen Einkauf der Familie sieht Beate Joguhrts, die sie gerne verspeisen würde, und fragt die Mutter ob sie nicht welche in den Einkaufswagen legen darf. Die Mutter sagt nein. Ein paar Schritte und Augenblicke weiter sieht Anna Käse. Anna mag zwar kein Käse und weis dass er auch nicht auf der Einkaufliste ist. Nur, die Mutter mag Käse. Um die destruktive Hackordnung aufrecht zu erhalten geht Anna hin und fragt die Mutter ob sie nicht Käse in den Einkaufswagen legen darf. Die Mutter sagt dann oftmals(?) zum verdruss von Beate ja.
Dieses analysieren der Eltern durch die Kinder legt dann an den Tag, ob die Lebensphilisophie der Eltern eine robuste, edle ist oder nicht.
“Was meinen Sie?”
Die Entwicklung des Kindes gefällt mir. Es ist ein weiterer Schritt Richtung Erwachsensein.
“Und wie viel Privatsphäre gestehen Sie Ihren Kindern zu?”
Wenn man Kinder hätte maximal soviele Freiheiten und Privatsphäre wie man sich selbst zugesteht. D.h. wenn man sich selbst gestattet jemanden zu treffen und dies bewusst vor den Kindern verheimlicht, dann haben die Kinder m.E. auch das Recht andere Menschen zu treffen ohne das Wissen der Eltern. Und umgekehrt: Wenn man von den Kindern verlangt, dass sie einem mitteilen mit wem sie sich treffen, dann sollten sie auch wissen dürfen mit wem man sich trifft als Erwachsener, wenn sie fragen.
Ebenso ist es mit Idealen wie z.B. die Wahrheit und Gerechtigkeit: Wenn man von den Kindern erwartet, dass sie zu einem ehrlich und untereinander gerecht sind, dann muss man selbst zu ihnen ehrlich und gerecht sein.
Es gibt leider viele Eltern die fluchen und ihren Kindern hingegen verbieten sie das Fluchen. Glaubwürdigkeit?
Dito beim Anklopfen vor dem betreten des Zimmers. Sobald ein Kind verlangt, dass man anklopf bevor man das Zimmer betritt oder die Türe abschliesst, darf man dies auch vom Kind erwarten bei den elterlichen Zimmer.
Gut, es gibt Themen, wie z.B. die Fortpflanzung, Gewalt, die man m.E. den Kindern frühestens dann “frei” geben darf, wenn sie die Konsequenten ihres Tuns und des Tuns anderer bewusst sind. Angeblich ist das mit 14 Jahren der Fall. Wenn man Politik, Gesellschaft und Wirtschaft betrachtet, dann scheint dies bei somanchen erst mit 50ig oder 80ig zu zutreffen.