Leben


Michèle Binswanger am Donnerstag den 12. August 2010

Warum Kinder sich langweilen sollten

Erinnern Sie sich an die gute, alte Langeweile? Oder unterhalten Sie sich lieber zu Tode?

Erinnern Sie sich an die gute, alte Langeweile? Oder unterhalten Sie sich lieber zu Tode?

Eigentlich wollte ich ja ein Plädoyer für die Langeweile schreiben. Eines, das natürlich möglichst gelesen werden, also nicht langweilig sein sollte, aber ich höre Sie schon: Waaaas? Wir sollen uns hier mit Langeweile herumplagen, wo doch Kinder da draussen ihre Eltern verprügeln, wir also wichtige Themen zu besprechen hätten? Ja, meine lieben Leserinnen und Leser, ab und zu ein bisschen Langeweile kann nicht schaden. Sagt jedenfalls mein Mann. Und damit ist nicht der abgeklärte Ennui derer gemeint, die schon alles gesehen, gelesen, gehört haben. Sondern die gute, alte Langeweile – erinnern Sie sich? Wenn man im Kinderzimmer sitzt und nicht so recht weiss, was kommen wird, was gehen soll, wenn die unmittelbare Zukunft sich vor einem erstreckt wie eine Wüste. In der es niemanden gibt, ausser sich selbst. Ein Gefühl, dessen adäquater körperlicher Ausdruck ein tiefer Seufzer ist.

Für Erwachsene mit Job und Kindern und mannigfaltigen Interessen ist diese Langeweile irgendwie nicht mehr im Angebot. Ich bin auch nicht mal sicher, ob sie für Kinder der heutigen Zeit noch zu haben ist. Schliesslich sind wir alle dabei, uns zu Tode zu informieren, kommunizieren und unterhalten – ich nehme mich da nicht aus. Und ergo kann ich es meinen Kindern nicht verübeln, wenn auch sie zuweilen die Haltung pflegen: her mit den Freunden, rein mit dem Film, rein mit dem Zucker, und wo ist die nächste Action?

Mein Mann hingegen ist ein grosser Fan der Langeweile. Er meint, sie sei aller Kreativität Anfang. Und dass Kinder sich öfters langweilen sollten, weil sie dann auf sich selbst zurückgeworfen werden, so dass die eigene Phantasie für Unterhaltung sorgen muss. Dass Eltern sich nicht dauernd als Unterhaltungsmedium ihrer Kinder aufspielen, sie aber umgekehrt auch nicht anderen Unterhaltungsmedien überantworten sollen, um ihrem eigenen Vergnügen nachzujagen. Denn natürlich ist Langeweile anstrengend, besonders diejenige der eigenen Kinder, die ihre Eltern dann mit Vorliebe als Klagemauer missbrauchen. Es wäre so viel einfacher, sie vor dem Fernseher ruhig zu stellen, als dauernd Kanal Teflon einzuschalten, wenn sie mit ihren Ansprüchen angetrabt kommen. Aber wer einmal beobachtet hat, wie Kinder sich nach dem Konsum von Filmen mit leerem Zombieblick der Realität ihres eigenen Daseins zuwenden, nicht wissend, was mit sich und den andern anfangen ausser Streit, der weiss, dass diese Art von Langeweile nicht die richtige sein kann – von wegen Kindern, die dann auf ihre Eltern losgehen.

Was bleibt? Die Hausarbeit. Denn auch wenn ich persönlich mich lieber in Blogs und mit meiner Arbeit vergnüge als gelangweilte Kinder abzuwehren, ist Hausarbeit das beste Mittel, sich gegen deren Langeweile zu wappnen. Und so renne ich, um meinen Kindern eine Dosis Ödnis reloaded zu gönnen, jeweils mit dem Staubsauger durch die Wohnung und poliere das Klavier. Auch langweilig, aber wenn sich später die Tochter dran setzt, um zu üben, bin ich zufrieden. Und noch später, wenn die Kinder ihre Kreativität in Eigenregie entfaltet haben und deshalb gut gelaunt sind, kann man etwas zusammen unternehmen, das hoffentlich für niemanden langweilig ist.

So, ich hoffe, ich habe sie mit meinem Text nicht allzu sehr angeödet. Und wenn doch, ist es auch nicht so schlimm  sie können sich ja selbst was einfallen lassen.

89 Kommentare zu „Warum Kinder sich langweilen sollten“

  1. Max Felske sagt:

    Ich denke, dass Sie das falsche Wort gewählt haben.: Langeweile statt Faulsein. In unserer Geschichte waren es die Faulen, die uns vorwärtsbrachten. Der erste nahm einen scharfen Stein, weil ihm das Abbeissen des Fleisches vom erlegten Tier zu anstrengend war. Und hier beginnt eine Spirale der Erfindungen, die das Leben angenehmer machten. Erfinder waren immer die Faulen…Ich habe nie verstanden, warum all die Forscher ringsum der Evolution des Menschen diesen Aspekt nicht erforscht haben. Faulheit ist schöpferisch.

  2. Eremit sagt:

    Der Titel wirkt irgend wie “warum Frauen sich langweilen sollten” und “warum Männer sich langweilen sollten”.

    “Mein Mann hingegen ist ein grosser Fan der Langeweile. Er meint, sie sei aller Kreativität Anfang. Und dass Kinder sich öfters langweilen sollten, weil sie dann auf sich selbst zurückgeworfen werden, so dass die eigene Phantasie für Unterhaltung sorgen muss.”
    Wenn das Kind wie der Vater(?) ein kongnitvier Mensch ist oder es in den ersten drei Lebensjahren gelernt hat sich selbst zu beschäftigen, dann mag dies m.E. zutreffen. Es gibt leider Kinder die in ihrer Langweile beginnen ein destruktives Verhalten an den Tag zu legen. Zur Strafe Dauerreligionsunterricht mit “was ist gut, was ist schlecht” für solche Kinder?

  3. Vogel sagt:

    Gratuliere! Das Beste, was ich je im Mamablog gelesen habe, ganz im Ernst.

  4. Daniel Lützelschwab sagt:

    Für mich ist es eine grosse Energiequelle und Freiheit, nichts geplant zu haben. Vielfach ist das gar nicht so einfach auszuhalten. Dieser Zustand der scheinbaren Leere hilft mir oftmals Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Wie spannend ist es, sich selbst zu beobachten wohin die Gedanken gleiten. Meistens auf der Suche nach Ablenkung vor sich selbst. Wieso nur? Vielen Dank für Ihren tollen Bericht!

  5. sabine sagt:

    Prima Text, danke! Das mit der Faulheit könnte ich aber auch noch unterstreichen.

    Unser Nachbarjunge (4) ist ein typisches TV-Kind, dass nicht wirklich spielen kann. Und unsere 4-jährige Tochter “langweilt” sich jetzt grad in ihrer Mittagspause und erklärt deshalb den Puppen und den Plüschtieren die Welt:).

    Weiter so!

    • Auguste sagt:

      hmm…, wer nachrichtensprecherin werden will, muss früh mit üben anfangen. aber auch um eine richtig gute “chouch-potato” und virtuoser zapper zu werden, kann man nicht früh genug anfangen, sabine. uns wenn man sich’s genau überlegt, kommt die eine nicht ohne den andern aus und umgekehrt.

  6. wushu sagt:

    Ich zwinge unsere Jungs 9 und 6 auch regelmässig “langweilige” Pausen einzuschalten. Anfangs lehnen sie sich gegen meinen Vorschlag auf, finden gemein, dass sie nicht länger fernsehen oder Nintendo spielen dürfen. Aber es verhält sich genau so wie im Text beschrieben. Nach einem kurzen Ärgernis beginnen die Kinder einzeln oder zusammen zu spielen, malen oder basteln was und sind nach so einer heilsamen Zeit des Eintauchen in die eigene Welt die angenehmsten und sozialverträglichsten Familienmitglieder.

  7. Rainer sagt:

    Ich mag mich mit meinen 60 Jahren sehr gut daran erinnern wie ich mich oft als Kind gelangweilt habe. Zuerst war das eine fast unerträgliche Spannung, beinahe schmerzhaft. Wenn ich diesen Zustand eine gewisse Zeit ausgehalten hatte, begann ich mich darin zu schicken, dass nichts Spannendes kommen würde und ich schickte mich dahinein. Dann aber tauchen wundersame Erfahrungen auf: Im Strassenrand, wo ich hockte, da gab es doch tatsächlich unter meinen Füssen zwischen den granitenen Bsetzisteinen Sand und im Sand – noch kleiner als die Sandkörner – winzige knallrote Pünktchen, die wie auf einer Autobahn zielbewusst Rinne rauf oder runter krabbelten! Das war so faszinierend, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Langeweile kann man umpolen in Kontemplation und das geht fast überall.

  8. Michael sagt:

    Wir waren zwei Wochen mit einem 6- und einem 11 Jährigem in Island. Bewusst überhaupt keine elektronische Spielgeräte mitgenommen, und das (Not) Handy vor den Kindern versteckt. Vor der Reise waren wir unsicher über deren Zufriedenheit. Unglaublich jedoch welche spannenden Geschichten mit einem Pack Kopierpapier und ein Set Chugis entstanden sind, Investition: 10 Fr. Im Auto, im Ferienhaus. Kunstwerke. Auch wir bestätigen: Langeweile macht Kreativ.

  9. Thomas1 sagt:

    Ebenfalls ein kleiner Tatsachen-Bestätigungsbericht: wir haben über einige Jahre stets 3-4 Wochen auf einer Alp verbracht, mit dabei die beiden Kinder (anfangs nur einer, den anderen gab’s noch gar nicht :-) . Das Muster Jahr für Jahr das gleiche: die ersten 1-2 Tage lag unser Sohn uns immer wieder in den Ohren, es sei ihm langweilig. Da wir zum Mitanpacken auf der Alp waren, konnten wir ihm nicht weiterhelfen. Plötzlich war der Junge (bzw. später beide) wie vom Erdboden verschluckt und stets beschäftigt: Kugelbahnen auf dem Hang bauen, Schubkarren-Rennen machen, mit den jungen Geissen herumtollen, sich beim Holzen versuchen, Beeren sammeln, Melkschemel-Balancieren, nicht-den-Boden-berühren so weiter und so fort. Man hat sie kaum mehr aus dem Spielen heraus- und ins Bett bringen können. Meine Lehre daraus war: Langeweile ist nichts anderes, als das (notwendige) Stadium vor der guten Idee. Eine Art von Not, die erfinderisch macht.

  10. Toto sagt:

    Also ich halte es mit Kurt Marti: “… in einer Welt, die vor Tüchtigkeit zu Grunde geht…”. In einer Gesellschaft, die “raffe schaffe Häusle baue” auf ihre Fahnen geschrieben hat, gilt ja direkt als suspekt wer zugibt, dass er sich ab und an langweilt – und das auch noch geniesst. Wahrscheinlich sind wir Langeweiler nach den Arbeitslosen, den Minarett-Bauern, den Sozialschmarotzern und den IV-Betrügern die nächste Zielgruppe für den helvetischen Volkszorn. Weit haben wir es gebracht mit unserer Tüchtigkeit!

  11. Toto sagt:

    Als Ergänzung: Was mich bei vielen Beiträgen so befremdet ist, dass Langeweile nur als Vorstufe zur nächsten grossen Aktivität begriffen wird. Nur dann – und wirklich nur dann! – wird Langeweile akzeptiert. Mir kommt das so vor wie wenn einer 2 Wochen Power-Diät macht um dann wieder hemmungslos zu fressen und dabei noch stolz ist auf sich. Mit Langeweile, die etwas im Leben verändern kann, hat das meines Erachtens nichts zu tun. So viel für heute. Ich setz mich jetzt wieder auf die Terrasse mit nichts als meiner Langeweile und geniesse den Sonnenuntergang. Er ist schön langweilig – jeden Abend der selbe.

  12. Hermann sagt:

    Bei uns gibt es seid einem Jahr kein Fernsehen mehr (schmiss die Satellitenschuessel vom Dach). Die Kinder (3 und 8) haben spielen gelernt und wir Erwachsene reden miteinander und lesen Zeitung und Buecher. Der Mechanismus Langeweile = Fernseher einschalten ist weg. Nachrichten gibts ab Internet wenns sein muss (und nach unserer Wahl).

    • Thomas sagt:

      Lieber Hermann
      Diese Massnahme mag nützlich und recht sein, um die Kinder gegen die heute allgegenwärtige Reizüberflutung durch die Massenmedien zu schützen. Hast Du Dir jedoch auch um die sozialen Auswirkungen für die Kinder Gedanken gemacht? Kinder und Jugendliche reden heutzutage halt oft über die letzte witzige gesehene Sendung, eine neue gefundene interessante Seite im Internet, das letzte gespielte Videospiel; das kann ich selbst beobachten. Da werden Kinder ohne jeglichen Zugang zu solchen Medien schnell benachteiligt und stehen gelassen. Ich kenne Eltern, die ihren Kindern sagen: “Dann beginnst Du halt selbst ein Gespräch über etwas das Du kennst und/oder suchst Dir Freunde, welche über dasselbe reden!” Ersterer ist auf jeden Fall ein wichtiger Ratschlag, nützt jedoch nichts, wenn allgemeines Gesprächsthema unter gleichaltrigen Freunden des Kindes wieder auf neuere Medien etc. wechselt; Letzere Aussage strotzt vor Blindheit und Desinteresse gegenüber den sozialen Problemen des Kindes.
      Das Setzen von klaren Regeln erscheint mit sehr viel wertvoller, denn es trainiert sinnvollen Umgang mit heutigen Medien. “Probleme” konnte man noch nie Lösen indem man sie vom Tisch wischt. Und wenn Du sagst, dass die Kinder spielen und Ihr ein Buch lest – was tut Ihr denn so miteinander, als Familie (was allen gefällt? Dazu können Ausflüge à la “Du kommst jetzt auch mit, das ist ein Familienausflug!” nicht gezählt werden)?
      Bei Kindern mit 3 und 8 sehe ich in Deiner Massnahme keine Probleme. Sie werden jedoch sehr schnell älter … und dann hast Du wohl schneller wieder einen Fernseher im Haus als Dir lieb ist, wenn Du nicht im Dauergejammer Deiner Kinder versinken willst ;-)

      • Thomas1 sagt:

        @ ich finde das Sezten von Regeln auch sinnvoll. Aber was machst du nun, wenn die anderen Kinder viel, viel mehr schauen und selber zu Hause keine Regeln kennen und einfach alles schauen? Das gibt’s ja nicht selten. Auch da wären dann deine Kinder am Gespräch nicht beteiligt. Oder nach deiner Logik müssten sie dann ebenfalls mitziehen und alles schauen, weill sie sonst sozial isolier wären?
        Aber vielleicht zur Beruhigung: ich bin ebenfalls ohne Fernseher aufgewachsen und ja, das gab es immer wieder mal, dass ich nicht mitreden konnte. Aber trotzdem war ich bei der Gruppe dabei und hab’ einfach zugehört, wenn es um TV-Berichterstattung ging (was nicht soooo viel gesehen ist.) Die anderen haben dann irgendwie coole Szenen nachgespielt oder Witze nacherzählt oder wahnsinnige Szenen beschrieben, so dass ich bestens unterhalten wurde. Klar hab’ ich mir da oft gewünscht, ich könnte mitreden. Aber sozial ausgeschlossen war ich deswegen keineswegs. Wahrschenilich war’ ich für die anderen sogar ein dankbarer Zuhörer, der die Pointen nicht alle schon wusste :-)

  13. Philippe sagt:

    Langeweile heisst “lange weilen” – ergo ein absolut positiver Daseinsmoment. Unsere Jungs 14 und 11 dürfen dies manchmal auch erleben. Wir haben TV, Computer und zudem haben sie auch noch diese teuflischen Dinger wie iPods und sogar Spielbuben (Gameboys). Aber sie spielen auch ganz normal und sehr real mit handfesten Dingern die keinen Strom brauchen und nicht piepsen, machen Musik, treiben Sport, lesen etc. Wunderkinder? Keineswegs, aber es gibt Regeln und Erklärungen weshalb und warum die Freizeit nicht nur am Bildschirm oder mit sonstigem elektronischen Zeug verbracht wird. Das muss nicht stur sein aber einleuchtend und konsequent. Manchmal gibts Widerstand, aber den gibt’s auch wenn sie mal draussen sind und ich zum Essen rufe. Kurzum, Langeweile gibt’s nicht, nur Aktionspausen – und diese dürfen sie gerne aushalten – ich auch.

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