Den sechsten Beitrag unserer Best-of-Sammlung, der von Michael Marti verfasste Artikel «Papa auf dem Damenklo», haben wir ausgewählt, weil darin so stimmig beschrieben ist, wie uns kleine Kinder immer wieder Stolpersteine in die gewohnten Wege legen. Stolpersteine, die zum Denkanstoss werden können.

«Gäll, Papa, Manne händ es Schnäbeli und Fraue es Müscheli»: Einblick in eine Damentoilette.
Mein Problem mag auf den ersten Blick gering erscheinen, aber bislang konnte mir keine Erziehungsfibel, kein Papi-Ratgeber Hilfe leisten. Es ist so: Uma, meine 3-jährige Tochter, muss wie alle Menschenkinder mitunter auswärts aufs Klo – selbstverständlich immer sehr dringend, natürlich nie allein, sondern stets in Begleitung.
Bekanntlich haben sich die Erwachsenen darauf geeinigt, dass Frauen die Damentoiletten aufsuchen, wohingegen Männer die Herrenklos benützen. Dass sich die Menschheit grossmehrheitlich an diese Regel hält, ist gut so – bloss: Was macht ein Vater, der seiner Tochter aufs WC begleiten muss? Welchen Weg hat er zu gehen? Durch die Tür des ihm als Mann nicht geheuren Frauen-Örtchens? Oder durch die des Herrenklos, das man eigentlich keiner Frau, schon gar nicht der eigenen Tochter empfehlen will?
Die Sache ist vertrackt. Überwinde ich meine Hemmungen und marschiere mit Uma entschlossen in Richtung Damen-Klosett, wo zwar sie hingehört, ich aber eigentlich nicht hinein darf, so öffnet sich garantiert in diesem Augenblick die Tür, nur damit mich ein Frauenaugenpaar anstarrt, entgeistert und empört zugleich. Aus unerfindlichen Gründen erblicken diese Frauenaugen stets mich zuerst, dann erst meine Tochter, sodass ich mich immer wieder dieser weiblichen Empörung auszusetzen habe, die meint, Opfer eines WC-Voyeurs geworden zu sein. Selbst wenn dieses Missverständnis nur Sekunden dauert – bis Uma durch die Tür tritt -, fühle ich mich nachher immer schlecht. Und das Schlimmste ist noch gar nicht vorbei.
Damentoiletten leiden an grässlicher Überbevölkerung, die Damen stauen sich geradezu vor den WC-Kabinen. So stehe ich dann dumm da, warte und warte, blicke zur Decke und halte mich an der Hand meiner Tochter fest, da sie allein meine Anwesenheit auf diesem zutiefst weiblichen Territorium legitimiert. Meine Uma ist ein aufgewecktes Kind, sie erfasst schnell eine Situation, zumal eine peinliche. Doch wenn sie dann drauflosplappert «gäll, Papa, Manne händ es Schnäbeli und Fraue es Müscheli», so fühle ich mich nicht unbedingt besser und all die Frauen glotzen nicht mehr nur mich sonderbar an, sondern jetzt auch mein geliebtes Kind. Dabei waren diese Frauen auch mal Mädchen. Die haben doch auch Väter.
Es ist die Hölle. Und spätestens wenn Uma, auf dem Toilettenring thronend, unvermittelt feststellt, dass es doch nicht so dringend war mit dem Bisi, dass überhaupt kein Bisi kommt, auch nicht kommen wird, dann wünsche ich, dass so etwas wie öffentliche Toiletten nie erfunden worden wäre.
Ja, auch das Herrenklo nicht. Denn nötige ich aus lauter Verzweiflung beim nächsten Mal meine Tochter zum Gang auf die Herrentoilette, dann sehe ich in jedem Mann, dem wir dort begegnen, einen Pädophilen. Und angesichts der Klo-Kritzeleien danke ich, der Atheist, dem lieben Gott dafür, dass Uma noch nicht lesen kann. Dafür guckt sie allerdings immer genau hin: Auf Männertoiletten bleibt ihr Auge geradezu zwanghaft am Pissoir hängen, das sie immer wieder von Neuem lange anstaunt. Ich weiss dann genau, was als Nächstes kommt. Uma sagt: «Gäll, Papa, Manne händ es Schnäbeli und Fraue es Müscheli.»
Nun gut, das lässt sich nicht bestreiten. Haben wir schliesslich eine Klo-Schüssel erreicht, beweist mir meine Tochter, dass sie einen weiteren kleinen Unterschied zwischen Mann und Frau bereits begriffen hat, einen hygienischen: «Uhh, Papa, so dräckig, das Manne-WC! Da sitz ich nid druf!»
Dann gibt es nur noch eine Lösung: den Gang aufs Frauen-WC. Verstehen Sie mich jetzt, liebe Mamablog-Leserinnen?
Michael Marti, 44, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.
(Erstpublikation am Donnerstag, den 23. Juli 2009)



Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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Alle sind heute tolerant, unverkrampft und gleichberechtigt. Nur ich, Grossvater (auch schon mal als ‘dirty old man’ oder ’schon wieder so einer’ tituliert), bin in den letzten 15 Jahren zunehmend vorsichtiger und verklemmter geworden.
Bei meinen Enkeln bin ich inzwischen so feige, dass ich diese am liebsten in weiblicher Begleitung zur öffentlichen (Damen-) Toilette abschiebe. Leider geht das nicht immer.
Wenn ich alleine mit den Kindern bin, gehe ich immer zuerst auf’s Männer-WC. Erst wenn Wickeln angesagt ist und dort kein Wickeltisch ist, eben zum Damen-WC; mit gesenktem Blick und Herzklopfen.
Dabei kommt folgendes Prozedere zum Zug, das ich in Ausnahmesituationen (!) unter wüsten Beschimpfungen, mit nach Worten ringenden Erklärungsversuchen, Beschwichtigungen und den Beteuerungen der verängstigten Kinder, dass ich wirklich ihr Vati/Grosspapi/Onkel bin, gelernt habe. Normalerweise ernte ich beim Damen WC Besuch mit Wickelkind ein mildes Lächeln. Die seltene, aber schrille Drohung mit dem Handy (”ich rufe gleich die Polizei”) kontere ich inzwischen mit “nur zu, ich werde trotzdem wickeln”.
Männer-WC: Kind ohne Hand hinter mir her, damit ich die Türklinke mit einem Papier anfassen kann (Hygiene) und das Kind sichtbar freiwillig mit mir kommt (zeigt: nicht offensichtlich Kinder-Schänder). Dann zielstrebig entweder zum Wickeln (siehe unten bei Frauen-WC), Pissoir (Buben) oder zur Kabine (Mädchen oder grosse Geschäfte der Buben). In der Kabine gilt: Türe zu, aber nicht abschliessen (Bademeister, Hauswart, Sittenwächter, … auch hier zeigen, dass offensichtlich kein Sex-Grüsel am Werk) , meine Beine sichtbar von draussen (in der Hoffnung, dass mir kein Sehschwacher die Klinke in den Rücken rammt). Bübchen beim Pissoir hochheben und ihn immer selbst zielen lassen (alles andere ist nicht notwendig und äusserst verdächtig in der heutigen Zeit! Vorher ermahnt, wird der stolze kleine Pinkler höchstens in der Badewanne Feuerwehrmann spielen darf, aber nicht hier beim Pissoir!). In der Kabine bei Mädchen und Knaben immer Klobrillenrand mit Papier abwischen und mit (neuem) Papier auslegen. Die ’schönen’ Zeichnungen an der Wand und die von Erwachsenen als peinlich empfundenen Kinderkommentare sind für das spätere Aufklärungsgespräch ein guter Einstieg – da können dann auch die Eltern der Kinder zuhören.
Frauen-WC: Kind vor mir herschieben (nicht offensichtlich Frauen-Vergewaltiger) dann loslassen (wegen dem Sex-Grüsel-Verdacht – Kind scheint freiwillig mitzukommen) und ab auf den Wickeltisch. Türklinken, Wasserhahn immer nur mit alter Papierserviette etc. anfassen. Dann Wickeltisch mit Papierunterlage für die nackten Stellen. Übliches Wickel-Procedere. Beim Herausgehen Türklinke, Wasserhahn nur mit Papier anfassen (vielleicht ist dem Vorgänger-Windelwechsler das Papier beim Wischen gerissen oder er hat sowieso ‘vergessen’, sich die Hände zu waschen; klar, Frauen passiert das nie).
Grosspapi, 61 Jahre (überempfindlicher Bakterien/Viren-Phobiker)
Ich weiss, dass die Welt grössere Probleme hat als Männer auf dem Damen-Klo, aber diese Katastrophen sind ja glücklicherweise so weit weg …
Selbstbewusstsein ist auch etwas, das wir unseren Kindern vorleben – mir ist jedenfalls die hygienische Situation einer Toilette immer viel wichtiger als das Symbol auf der Tür. Ich gehe dorthin wo’s Platz hat… Soll mich anstarren wer will, Holdrio! (Honi soit qui mal y pense)
hmm… im kino wo ich arbeite sind die männer-wc’s viel schneller geputzt und sauberer, als die damenklos.