
«Es ist der Dialog, der einen Blog erst auszeichnet»: Nicole Althaus. Foto: Anne Gabriel-Jürgens
Ich bin jetzt eine Karrieremutter! Ob ich mich mit dem Kompositum identifizieren kann oder nicht, spielt keine Rolle. Ich habe Mails bekommen von Versicherungen, die plötzlich mein kostbares Leben vergolden wollen, weil ich seit diesem Monat eine Funktion erfülle mit einem «Chef» im Titel. Dass ich in der Familie auch vorher schon eine beträchtliche Lücke hinterlassen hätte, wäre ich gestorben, ist den Werbeverantwortlichen wohl entgangen. Aufzucht und Abwasch kommt in der Kalkulation der Versicherungsmathematiker eben nicht vor. Ich habe Mails bekommen von Weinhändlern, für die ich offenbar über Nacht zur Kennerin «ausgewählter Tropfen» mutiert bin. Vorher übrigens hat mein Mann die Weinhändlerpost gekriegt. Normale Mütter kaufen schliesslich Pampers nicht Burgunder.
Ausserdem habe ich natürlich auch Mails bekommen von Freunden, Kollegen und entfernten Bekannten. Aufmunternde Mails, Gratulationsmails und darunter eine beträchtliche Anzahl, in deren Zentrum die eine grosse Frage stand: Wie löst die Karrieremutti nun das Betreuungsproblem? Hast du dir das gut überlegt? Diese Mails kamen ausschliesslich von Frauen. Und so sehr ich mich dagegen wehrte, las ich zwischen den Zeilen auch: Was mutest du da deiner Familie zu? Ist es dir das wirklich wert?
Zugegeben: Es könnte auch bloss an meinem schlechten Gewissen liegen, das sich wie ein pawlowscher Reflex meldet, sobald ich mit dem unsäglichen Kompositum Karrieremutter im selben Satz vorkomme. Ich fühle mich in dieser Schublade noch so gar nicht heimisch, weil sie mich aus dem grossen Kreis der Mütter ausschliesst und auch im kleineren Kreis der Karrieristen noch als Aussenseiterin markiert. Karrieremütter sind Zwitter, welche die Natur irgendwie nicht vorgesehen hat. Auch nach 40 Jahren Emanzipation muss man offenbar noch mit dem verbalen Finger auf Menschen zeigen, die mit Uterus und Ambitionen geboren worden sind.
Bei anderen Menschen, die man gemeinhin nicht als «normal» bezeichnet, tut man sowas nicht. Oder nicht mehr. Wir geben uns in unserer politisch korrekten Gesellschaft wahnsinnig Mühe, niemandem sprachlich zu nahe zu treten: Lernbehinderte sind heute Förderschüler, Blinde sind visuell herausgefordert und um Behinderte nicht auf ihre Behinderung zu reduzieren, sprechen wir heute zu Recht von Menschen mit Behinderungen.
Bei den Frauen aber, da pfeifen wir auf political correctness. Die darf man nach Belieben etikettieren. Zuallererst markiert man die Frau, nachdem sie geheiratet hat mit Bindestrich oder einem Anhängselnamen. Dann reduziert man sie, sobald sie geboren hat, auf ihre Rolle als Mutter. Und wenn sie sich mit ausserhäuslicher Arbeit gegen diese Reduktion stemmt, wird sie zum Teilzeitmami oder gar zur Rabenmutter. Männer werden auch Väter. Aber haben Sie in einem Zeitungsartikel schon mal von berufstätigen Vätern gelesen? Nein, denn sie sind ebenso selbstverständlich wie Karriereväter es sind. Nicht umsonst sitzen in unserem Bundesrat zurzeit noch eine kinderlose Karrierefrau und zwei Karrieremütter, sowie – genau – vier Männer.
Das Kompositum Karrieremutter werde ich wohl noch einige Zeit mit mir rumtragen. So lange nämlich bis wir ganz selbstverständlich eine Frau in den Bundesrat wählen können, die noch Kinder zu betreuen hat und deren Mutterschaft so irrelevant ist für ihre zukünftige Aufgabe wie die dreifache Vaterschaft für Bundesrat Didier Burkhalter. Bis in der Teppichetage der Wirtschaft der Aufstieg auch für weibliche Menschen mit Kindern bewältigbar ist. (Was gemäss der neusten Headhunter-Befragung aus Grossbritannien noch ein Weilchen dauern könnte: Man empfiehlt Frauen, die wirklich Karriere machen wollen, auf Babys zu verzichten. ) So lange bis die Handynummern von Vätern in schulischen Notfällen so selbstverständlich gewählt werden wie die der Mütter.
Ja – so lange vielleicht, bis wir Karrieremütter uns mit dem Kompositum angefreundet und kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn wir die Geburtstagstorte gekauft statt gebacken haben und das Räbeschnitze in der Schule einmal an den Papa oder die Tante delegieren. Erst dann wohl wird «Karrieremutter» nicht mehr wie ein Schimpfwort klingen, sondern mehr wie etwas, das unsere Töchter einst ins Auge fassen könnten, zu werden. Auf dass sie sich bis dahin sämtlicher Komposita entledigt haben und einfach Frauen und Mütter bleiben dürfen!
Mit diesem Beitrag verabschiede ich mich vom Mamablog und möchte mich an dieser Stelle bei allen ganz herzlich bedanken, die zu seinem Erfolg beigetragen haben. Bei Newsnetz für den Mut, Neuland zu betreten und das Experiment zu wagen. Bei Michael Marti für die aufwendige Betreuung und exzellente Produktion des Mamablogs. Michèle Binswanger danke ich herzlich für die Co-Autorenschaft. Ohne ihre unverkennbare Stimme wäre der Blog weder zu stemmen gewesen, noch zu dem geworden, was er heute ist. Mein Dankeschön geht auch an alle schreibenden Papas und Carte-Blanche-Autorinnen und Autoren. Und last but not! least an sämtliche Kommentatoren, Leserinnen und Leser. Es ist der Dialog, der einen Blog erst auszeichnet!
Ich würde mich freuen, diesen Dialog mit Ihnen weiterzuführen auf dem Blog des Magazins «wir eltern», das ich leite. Und auf dem Online-Magazin «clack», das ich und einige Kolleginnen und Kollegen ins Leben gerufen haben. Schauen Sie vorbei! Wie heisst es doch so schön: Ein Mutter- oder Vaterherz hat Platz für mehrere Kinder. Dem Kopf ergeht es mit den Diskussionsanstössen auf Blogs und Sites nicht anders.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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Brava! Sie sprechen mir wieder einmal aus dem Herzen…. leider wohl hier das letzte Mal. Frauen wie Sie machen anderen Frauen wie mir Mut – und welches bessere Vorbild könnten ihre Töchter haben als solch eine Mutter? Alles Gute, ich zolle meinen Respekt zum Abschied hier!
Ich freue mich dass Sie die Leitung von wir eltern, das wir abonniert haben, übernehmen. Ich fand Ihre Beiträge immer spannend.
Schade finde ich nur dass Sie nicht konsequent die weibliche und männliche Form verwenden. Sprache bildet, wie Sie wissen, Bewusstsein. Und auch das ist ein Vermächtnis an unsere Töchter und Söhne!
So gibt es eben auch Kommentatorinnen, und zusammen mit Michèle Binswanger hatten Sie eine wundervolle Co-Autorinnenschaft (Sie sind ja beide Autorinnen!). Und so gäbe es noch einige Beispiele zu nennen im heutigen posting – ich lasse es dabei zu erwähnen dass es zum Glück inzwischen auch Versicherungsmathematikerinnen und Weinhändlerinnen gibt.
Ihnen wünsche ich bei Ihrer neuen Aufgabe eine wunderbare Zeit und freue mich wieder von Ihnen zu hören.
Auch wenn Sie prinzipiell recht haben: Oftmals ist es einfach nur mühsam, beide Formen zu gebrauchen und daher benutze ich auch oft die männliche “Urform”, auch wenn es um mich geht. Ich ziehe in dieser Frage die Englische Sprache der Deutschen vor, denn dort gibt es nur eine Form und die gilt für beide Geschlechter.
Es ist nicht nur mühsam, sondern macht den Text auch unverständlich. Allerdings bei der Co-Autorinnenschaft gebe ich Susanne recht.
Liebe Frau Althaus – Gratuliere von Herzen und danke für die vielen Inputs durch den Mamablog (gilt natürlich auch für Frau Binswanger
!
Alles Gute bei der weiteren beruflichen Tätigkeit.
“…die plötzlich mein kostbares Leben vergolden wollen, weil ich seit diesem Monat eine Funktion erfülle mit einem «Chef» im Titel.”
Das ist bedenklich; besitzen Frauen nicht den Titel “Chief of domestic facility”?
“Bei den Frauen aber, da pfeifen wir auf political correctness. Die darf man nach Belieben etikettieren.”
Beispiele?
“Man empfiehlt Frauen, die wirklich Karriere machen wollen, auf Babys zu verzichten.”
Die “geistige” Elite von heute ist offensichtlich psychisch krank …
“Nicht umsonst sitzen in unserem Bundesrat zurzeit noch eine kinderlose Karrierefrau und zwei Karrieremütter, sowie – genau – vier Männer.”
Weil bei sechs von sieben Bundsämter vorwiegend Männer die Direktbetroffenen sind wenn die Departamentsvorsteherin etwas entscheidet?
Fast klingt es so, als wollten Sie sich für Ihre Karriere entschuldigen. Vor wem eigentlich? Völlig überflüssog in einer Zeit in der Karrieremütter doch inzwischenvöllig normal und akzeptiert sind. Heute muss man sich als Mutter (nur) eines Kindes, die bis zur Geburt auf dem Karrierepfad und seither “nur noch zu Hause” ist ständig fragen lassen, “und wann arbeitest Du endlich wieder”, oder “und was machst Du sonst so”, oder ” ah, Du bist NUR zu Hause”, oder “wann gibst Du den KLeinen endlich ab”?
Ja genau. Man kann es nie richtig machen. Ob 100% Mami oder berufstätig. Vielleicht die Teilzeit angestellte haben es etwas besser, aber wer versucht hat weiss, wie schwierig (amnchmal unmöglich) es ist, eine solche STelle zu finden.
“Berufstätig” und “Männer” – ich wage zu prophezeien, dass das Adjektiv erst dann natürlicherweise in einem Atemzug mit dem Nomen gesprochen werden wird, wenn der Film “Pretty Man” zu einem Welterfolg geworden ist. Darin geht es um einen jungen Mann (gespielt von Richard Gere), welcher als Prostituierter auf einem Strassenstrich von einer erfolgreichen Unternehmerin (Julia Roberts) im deren SUV mitgenommen wird. Nicht ganz geplant hat die Unternehmerin romantischen Sex mit dem Prostituierten. Während die erfolgreiche Unternehmerin (die ihr Geld nicht immer seidenrein verdient hat) sich in den Prostituierten verliebt und ihm viele Geschenke macht (neues iPad, Anzug von Jil Sander, individuell massgeschneidertes Rennfahrrad), hüpft dieser munter in das eine oder andere Fettnäpfchen der für ihn neuen High Society-Umgebung. Und so weiter, und so fort.
Bis dieser Film nicht Realität geworden ist, und bis Frauen aufhören, in erster Linie statushöhere Männer zu heiraten, werden wir wohl auch nicht auf den Begriff “Karrierefrau” und “berufstätige Mutter” verzichten können. Und werden Frauen höchstwahrscheinlich weiterhin weniger verdienen als Männer.
und männer hören auf jüngere und attraktivere frauen zu bevorzugen ; )
Das geht schon allen wegen der Bedeutung des Worts “attraktiv” nicht. Denn wie sonst soll er sich angezogen fühlen?
Jetzt können wir beginnen zu diskutieren wer wen weshalb als attraktiv empfindet. Dann wirds interessant…
Der Film dürfte schon daran scheitern, dass Richard Gere beim besten Willen keinen jungen Mann mehr spielen kann. Julia Roberts hingegen kommt noch hin. Aber das Ganze gibt es eh schon längst live, zB Madonne mit Jesus.
Wann und wo bezw. in welcher Funktion fängt die Karriere an oder heisst so? “Normale” Tätigkeiten sind wohl nicht gefragt, werden aber von der Mehrzahl ausgeübt. Mutter / Vater sein oder auch nicht, muss gegeneinander ausgespielt werden. Es gibt noch vieles andere Erstrebenswerte als Status, Karriere, “Macht”, Geld. Man google: Der Marionettenstaat ( Wer in der Schuld ist, ist nicht frei ). Es sind etliche Seiten (Probekapitel) des Buches zu lesen…
Herzliche Gratulation der Karrieremutter! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Spass bei der Arbeit – und Sie werden die Zeit mit Ihren Kindern umso mehr geniessen!
Selber bin ich seit Juli diejenige, welche erwerbstätig ist und mein Mann ist Hausmann. Dies ist ein Gewinn für die ganze Familie: die Kinder lernen den Vater von einer ganz anderne Seite her kennen, mein Mann blüht auf, weil der nebst der Hausarbeit auch viel Zeit hat für sich (unsere Kinder sind beide bereits in der Schule) und ich geniesse es, nicht immer organisieren zu müssen, fein zu essen und den Haushalt in guten Händen zu wissen. Ich habe absolut kein schlechtes Gewissen und bei uns ist es normal, dass der Vater die Kinder zum Spezialunterricht begleitet, ins Training fährt und den Zahnarztbesuch plant. Und wenn ich ganz ehrlich bin: so perfekt wie zur Zeit war unser Haushalt noch nie!
Ich hoffe, dass wir mit unserem Familienmodell nicht nur selber positive Erfahrungen sammeln, sondern auch andern aufzeigen können, dass es auch so klappen kann. Und ebenso möchte ich dazu beitragen, dass Karrieremütter mit der Zeit etwas weniger als Exotinnen angesehen werden als dies leider immer noch der Fall ist.
Vielen Dank Frau Althaus. Ich mochte Ihre Beitrgäe in der Regel gerne. Sie haben einen tollen Schreibstil. Für die Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute.