
Integration von Behinderten: In Basel längst Alltag in Schulen
Das Wochenende stand wieder einmal im Zeichen der Schule: In den Samstagszeitungen und der Sonntagspresse wurden gleich mehrere Baustellen besichtigt: Am Freitag kündigte die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) an, aus der vehementen Kritik gegen ihr Sonderpädagogik-Konzept Konsequenzen zu ziehen und das Tempo bei der schulische Integration von Sonderschülern zu drosseln. Am Samstag trat der Berufsverband der Schweizer Lehrer (LCH) vor die Presse und forderte höhere Löhne. Salärvergleiche zeigten gemäss einer Studie von PricewaterhouseCoopers, dass ein Primarlehrer nach sechs Jahren im Beruf bis zu 85 Prozent weniger verdiene als in einer vergleichbaren Position in der Finanzbranche. Und am Sonntag präsentierte die NZZ am Sonntag eine OECD-Studie, wonach die Förderung der schlechtesten Schüler für die wirtschaftliche Zukunft des Landes zentral sei. «Unser Bildungssystem ist im Grunde noch immer eine gigantische Sortiermaschine», kritisierte Bildungsforscher Andreas Schleicher im Interview die Schweizer Volksschule und monierte: «Im Bildungsbereich stehen wir etwa dort, wo die Medizin vor 100 Jahren war: Viel Ideologie, viel Tradition, sehr wenig Wissen. Und dann kommen Bildungspolitiker und stülpen eine Reform auf die andere. Das ist, als ob man irgendwelche Medikamente produziert und sagt, das wird schon nützen. Und die Medikamente dann dreissig Menschen ohne individuelle Diagnostik verabreicht.»
Wie wirkungslos die bis anhin verabreichten Medikamente tatsächlich waren, zeigt der Rückzieher von Regine Aeppli: Das Ergebnis der Vernehmlassung ist eine wahrhaft bittere Pille: Weder Lehrerschaft und Schulleitungen noch die Behindertenverbände, die sich einst für die schulische Integration stark machten, glaubten daran, dass Sonderschüler mit den heutigen Mitteln in Regelklassen angemessen gefördert werden können: Die Klassen sind zu gross, es fehlt an sonderpädagogisch ausgebildetem Personal und an der Bereitschaft der Lehrerinnen und Lehrer, noch mehr aufgebürdet zu bekommen. Denn in Zürich werden diese, anders als etwa in Basel, nur rund 9 Stunden pro Woche von Heilpädagogen entlastet. Der Rest der Woche muss die Lehrerschaft selber schauen, wie sie mit Behinderten und Hochbegabten auf dem selben Schulbank klarkommen.
«Integration ist auch eine Frage der persönlichen Einstellung, und die kann man kaum verordnen», sagte Aeppli am Freitag vor der Presse. Damit hat sie im Grundsatz sicher recht. Konkret aber scheiterte das Integrationskonzept weniger an der persönlichen Einstellung des Lehrkörpers, als vielmehr an der fragwürdigen Einstellung der Schulpolitiker: Ein Kanton, der wie Zürich seit 1999 einen Zuwachs von Sonderschulzuweisungen von 40 Prozent verzeichnet und dieses Problem so lösen will, dass der Kanton dabei 17 Millionen spart, macht ein klares Statement: Die Volksschule ist ein Sparschwein.
«Für einen Primarschüler wird pro Jahr rund 12′000 Franken ausgegeben, für eine Milchkuh 4000 Franken», rechnete der Basler Ökonomieprofessor Silvio Borner schon vor fünf Jahren vor und bezeichnet die Gleichung «3 Kühe = 1 Kind» als «grotesk». Solch groteske Volksschulgleichungen führen dann zu der nicht minder grotesken Tatsache, dass im Kanton Zürich die Zahl geistig behinderter Kinder so schnell steigt wie nirgendwo sonst. Die Sonderschulen jedenfalls platzen hier aus allen Nähten. Seit die Kleinklassen aufgelöst wurden, suchen immer mehr Eltern von Kindern mit Lern- oder Verhaltensproblemen einen Sonderschulplatz. Mit anderen Worten: Die schulische Integration führte im Kanton Zürich zu stärkerem Ausschluss. Das Gegenteil von dem, was man mit dem neuen Volksschulgesetz eigentlich erreichen wollte.
Es ist also durchaus vernünftig, das Sonderschulkonzept unter diesen Umständen zu begraben. Doch gelöst ist das Problem damit noch lange nicht. Die Schweizer Volksschule hat eine der grössten Ausschlussraten Europas und schneidet auch bei der Chancengleichheit schlecht ab. Sie schafft es nicht nur schlechter als andere Länder, schwächere Schüler in Regelklassen zu fördern, sie reproduziert via Schule auch die sozialen Klassen. Die Schule als Selektionsapparat mag im 19. Jahrhundert noch völlig gereicht haben, argumentiert Bildungsforscher Andreas Schleicher im NZZ-Interview, schliesslich sei es damals einfach darum gegangen, den Drittel herauszufiltern, der dann den anderen zwei Dritteln diktierte, wie sie arbeiten sollten. Heute sei das genau so veraltet wie ein Fliessband-Produktionsbetrieb des 19. Jahrhunderts.
Heute nämlich gehört Bildung zu den wichtigsten Faktoren für wirtschaftliches Wachstum. Und der Bildungsmisserfolg jedes einzelnen Schülers, jeder einzelnen Schülerin bürdet gemäss der OECD-Studie der ganzen Gesellschaft hohe Kosten auf.
Höchste Zeit also, da zu investieren, wo Rendite zu erwarten ist: In die Primarschule. Bleibt die Frage: Warum ist die Separationsrate in Schweizer Schulen so gross? Ist der Lehrermangel mit höheren Löhnen zu beheben? Und an welchen Integrations-Modellen soll sich der Kanton Zürich orientieren?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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Was sind geistig behinderter Kinder?
Meines Erachtens sind mongolide Menschen geistig behindert, der Rest nicht, sonst müsste man den Menschen, die eine Sonderschule besucht haben auf Grund ihrer geistigen Behinderung im Erwachsenenalter einen Vormund stellen und somit ihnen auch das Stimm- und Wahlrecht aberkennen. Dem ist aber nicht so.
Oder darf man sich erlauben, Menschen, die nicht Matrizen-, Integral- und Potenzialrechen können ebenfalls als geistig behindert zu bezeichnen?
Jede und Jeder von uns hat ein unterschiedliches Spektrum von Stärken und Schwächen, wenn man hingeht und z.B. sich selbst als Masstab nimmt, dann können die Menschen mit mental weniger ausgeprägten Stärken nur eins: Trotz bestem Willen scheitern.
“seit 1999 einen Zuwachs von Sonderschulzuweisungen von 40 Prozent verzeichnet …im Kanton Zürich die Zahl geistig behinderter Kinder so schnell steigt wie nirgendwo sonst.”
Warum ist dies so? Gibt es wirklich mehr Schulkinder mit Störungen und Behinderungen oder hat unsere Gesellschaft einfach vermehrt das Bild von einem perfekten Menschen im Kopf, bzw. ist “elitärer” geworden und grenzt mental weniger begabte rascher aus?
Das wäre sehr bedenklich. Heisst es nicht Volksschule anstelle von Eliteschule?
“Die Schule als Selektionsapparat mag im 19. Jahrhundert noch völlig gereicht haben, argumentiert Bildungsforscher Andreas Schleicher im NZZ-Interview, schliesslich sei es damals einfach darum gegangen, den Drittel herauszufiltern, der dann den anderen zwei Dritteln diktierte, wie sie arbeiten sollten.”
Sorry, diese Sichtweise ist falsch. Menschen, die man früher durch das Bildungssystem heraus filterte wurden z.B. bei der ehemaligen BBC als Spezialisten eingesetzt. Führungspositionen hingegen vorzugsweise von “Praktikern” die sich weiter gebildet haben. Erst seit Anfang 90igern wurden die Praktiker durch Akademiker in Führungspositionen ersetzt.
“Heute sei das genau so veraltet wie ein Fliessband-Produktionsbetrieb des 19. Jahrhunderts.”
Ohne Fliessbandproduktion könnte man sich heute kein Natel, kein PC und kein Auto zu akzeptablen Preisen kaufen.
“Warum ist die Separationsrate in Schweizer Schulen so gross?”
Gesellschaftlicher Wandel, bzw. Wandel des Wertesystems?
“Ist der Lehrermangel mit höheren Löhnen zu beheben?”
Nur beschränkt. Man kann einen Beruf in Bezug auf Entlöhnung pro volle Stunde attraktiv machen, damit der Anreiz aus finanziellen Gründen den Beruf zu wechseln gering ist. Nur ab einem bestimmten Punkt wird die Entlöhnung nur noch interessant für habgierige Menschen. Man betrachte da mal die Lohnunterschiede zwischen Finanzsektor, IT, Architektur, Bau und Maschinenbau. Rein lohnmässig müssten alle IT-, Architektur-, Bau- und Maschinenbaustudenten sofort ihr Studium abbrechen und sich dem Finanzsektor widmen. Nur sie tun dies nicht, wieso? Für manche Menschen ist ihr Beruf ihre “Erfüllung” und wenn da neben bei jemand mit Geld winkt, dann lassen sie sich nicht vom Weg abbringen. Dem Lehrermangel kann man m.E. nur dann entgegen wirken, wenn der Beruf und die Ausbildung dazu vermehrt Männer-tauglich gemacht wird. Und das heisst nicht mehr Lohn oder Karrierechancen für Lehrer, sondern weniger Willkür in der Lehrerausbildung und in der Gesellschaft, zumal Männer i.d.R. nicht so ausgeprägte schauspielerische Fähigkeiten haben und sich auch nicht so sehr prostituieren lassen wie Frauen. Beispiele in denen Lehrer der gesellschaftlichen Willkür ausgeliefert sind gibt m.E. im RL genügend um die hier nochmals zu erwähnen.
“Und an welchen Integrations-Modellen soll sich der Kanton Zürich orientieren?”
Kleinklassen dürfen nicht zum gesellschaftlichen Auffangbecken werden wie mancherorts Einführungsklassen: Da gab/gibt es Gemeinden, wo man Kinder von vorwiegend finanzschwachen Eltern in Einführungsklassen fand. Nicht dass die Kinder irgend wie geistig behindert wären, sondern der Mechanismus eher darin zu finden war, dass die Kindergärtnerin, welche die Empfehlung abgab sehr mit finanzstarken Eltern sympathisierte. Desweitern hatte dies so groteske Züge, dass in geburtenschwanchen Jahrgängen immer “zufälliger Weise” genügend Kinder gefunden werden konnten um den gesetzlichen Minimalanzahl an Kinder zu haben und in geburtenreichen Jahrgängen diese Klassen als Auffangbecken dienten für die überzähligen Kinder, welche in den Normalklassen keinen Platz hatten.
Kleinklassen sollte es schon geben auch wenn nur ein Kind diese besucht und der Kanton muss Mindestkriterien festlegen, damit keine Kinder die gemobbt oder ausgegrenzt werden sich in Kleinklassen wieder finden. Ebenso sollte es möglich sein, dass wenn ein Kind sich eines Tages “öffnet” es ungehindert in eine “Normalklasse” übertreten kann. Ähnlich wie der Übertritt von der Sek in die Bez, einfach ohne den Verlust eines Schuljahres. Ich behaupte, dass dies bei vernünftigen Schulstandarts möglich ist.
Diejenigen die das Schwedenmodell haben möchten, wie hoch ist der Ausländeranteil in Schweden? 2 oder 3 % und die sind alle eher gebildet…….das geht bei uns einfach nicht ein System 1 zu 1 zuübernehmen.
Jedes Jahr besucht eine finnische Delegation Leher Schulen in Zürich und sind hoch überrascht wie wir das machen mit so einem hohen Anteil fremdsprachiger Kinder und die meisten aus Bildungsfernen Familien in Finnland ist der Ausländeranteil 2% !!!!
Die Ergebnisse der Pisa-Studien über Schweden spiegeln – wie überall auch – das Gesamtergebnis aller Schulen welche mitgemacht haben wieder. Auch im hochgelobten Schweden gibt es z.T. gravierende Unterschiede – z.B. die Metropole Malmö und gewisse Bezirke Stockholms welche im Vergleich zum Schwedischen Gesamtresultat um massiv schlechter abschneiden.
Bei Google wird man relativ schnell fündig – mehr will ich nicht dazu sagen…..
Eremit, mit dieser Aussage “Meines Erachtens sind mongolide Menschen geistig behindert, der Rest nicht, sonst müsste man den Menschen, die eine Sonderschule besucht haben auf Grund ihrer geistigen Behinderung im Erwachsenenalter einen Vormund stellen und somit ihnen auch das Stimm- und Wahlrecht aberkennen.” hat du dich leider gleich selber disqualifiziert!
es gibt sehr wohl Richtlinien, wer als geistig behindert gilt und wer nicht.
@Eremit:
Bitte verwenden Sie nicht das Wort “mongoloid”; es wird schon seit langem von den Bürgern der Mongolei und heutzutage auch von den betroffenen Behinderten mit gleichlautendem Namen als verletzend, herabsetzend und diskriminierend empfunden. Der richtige Ausdruck ist “Menschen mit Down-Syndrom” oder “Menschen mit Trisomie 21″.
Zur Definition von Behinderung gibt es hier einen ausführlichen Text:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geistige_Behinderung
Richard
http://www.insieme21.ch
Danke für den Hinweis und die Links.
Gemäss Wiki: “Der Begriff geistige Behinderung bezeichnet einen andauernden Zustand deutlich unterdurchschnittlicher kognitiver Fähigkeiten eines Menschen”
Dem entsprechend könnte man alle Schüler, die von der Schule eine 3.5 heim bringen als geistig Behindert bezeichnen?
Oder man nehme eine Gesellschaft bei der in den Schulen nur Mathematik unterrichtet wird, sollte man dass Kinder die an Dyskalkulie leiden als geistig Behindert bezeichnen? Und umgekehrt, man nehme eine Gesellschaft bei der in den Schulen nur Linguistik unterrichtet wird, sollte man dass Kinder die an Legasthenie leiden als geistig Behindert bezeichnen?
Wer legt die standardisierten Tests fest, welche über geistige Behinderung urteilen?
Wir sind unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen mentalen Stärken. Ich vermute, die Mehrheit wäre dem entsprechend in irgend einem Bereich geistig Behindert.
“Ist die Durchführung eines Intelligenztests … nicht möglich, werden andere Tests durchgeführt (zum Beispiel selbstständiges Essen und Trinken, … , selbstständiges Ankleiden)”
Das sind für mich im Augenblick die einzigen glaubwürdigen Kriterien für eine geistige Behinderung: Wer ohne körperliche Behinderung ab 5J(?) nicht selbständig essen, trinken und sich anziehen kann.