Die Auferstehung des Osterhasen

Andrea Fischer am Donnerstag, den 17. April 2014
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Für Kinder ist es in Ordnung, wenn sie erfahren, dass es den Osterhasen nicht gibt: Sie geniessen das Fest sowieso. Foto: Dominic Favre (Keystone)

Glauben Sie an den Osterhasen? Mal ganz, ganz, ganz ehrlich? Gar nicht so einfach, oder? Sicher, der Osterhase ist erfunden – für Tradition, Religion und für die Kinder. Eine nette Sache. Und sooo flauschig. So weit sind wir uns einig.

Aber Hand aufs Herz: Irgendwie ist er noch da, dieser Glaube, dass da ein Hase kommt und Zuckerbomben und Eier im Garten versteckt. Oder in der Abwaschmaschine oder im Wäschekorb. Zumindest bei mir. Und sei es nur, weil ich Spass daran habe.

Spätestens als Eltern kommen ja selbst die Bodenständigeren zurück zum Osterhasen und zum Christkind. Die einen aus Pflichtgefühl, die anderen aus Nostalgie und Leidenschaft. Ich gehöre definitiv zu Letzteren und finde, es gibt nicht viel Schöneres, als mit Kindern gemeinsam Pläne auszuhecken, Eier zu bemalen und den Osterhasen zu überlisten.

Dazu legen wir ihm immer eine Karotte, die mein Mann nachts heimlich anknabbert – und zwar möglichst nur mit der einen Ecke des Vorderzahns. Es soll echt wirken. Wir stäuben einen dünnen Film aus Mehl um die Karotten herum, damit man die Spuren des Hasen sehen kann. Dazu stippt mein Mann mit den Fingern und der Handkante Hasenspuren ins Mehl, bevor wir die Nestchen verstecken. Ich liebe den Moment, wenn wir dann am Ostersonntagmorgen gemeinsam dieses kleine Kunstwerk bestaunen.

Ich stehe also dazu: Wir betrügen unsere Kinder mit System. Als sie kleiner waren, haben wir das noch bar jeden schlechten Gewissens getan. Mit Beginn der Schule, dem Zeitalter der Aufklärung quasi, haben wir an Weihnachten und Ostern auf die grosse Entzauberung gewartet. Darauf, dass die Kinder wissen wollen, ob es das Christkind und den Osterhasen überhaupt gibt.

Wohl war uns dabei nicht. Sollten wir ihnen einfach sagen: «Sorry, ihr Lieben, wir haben das alles nur behauptet, um euch damit eine Freude zu machen, und weil wir selbst so grosse Kindsköpfe sind? Und überhaupt tun es ja alle...» Und was dann? Würden sie uns je wieder ein Wort glauben?

Ein wenig haben sich unsere Befürchtungen bewahrheitet – doch das währte nur kurz. Die Kinder haben gefragt und wir haben geantwortet. Wir haben ihnen zu erklären versucht, was wir selbst nicht erfassen: dass es vieles gibt, was wir nicht wissen. Und dass dieses Viele nicht sichtbar ist und auch nicht in Worten Platz hat, weil es dafür schlicht zu gross ist.

Aus diesem Grund müssten wir Eltern manchmal ein wenig nachhelfen und aus einer abstrakten Idee ein Geschöpf machen, das wir verstehen können. So wird aus einer Feier des Unfassbaren, sei dies Gott, Jahwe, Allah oder einfach die Natur, etwas Fassbares und Liebenswertes, auf das sich alle feierlich freuen.

Die Kinder blieben skeptisch. So was kann jeder behaupten, um die eigenen Flunkereien schönzureden. Sie mussten sich das Ganze erst mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, während wir den Ball flach hielten und abwarteten, wie es weitergehen würde.

Sie entschieden sich relativ rasch. Ohne grosse Worte darüber zu verlieren und ohne unsere Glaubwürdigkeit ganz infrage zu stellen – zumindest nicht wegen des Osterhasen. Sie gaben uns zu verstehen, dass wir einfach alles so weitermachen sollten, wie bis anhin. Mehl, Fussspuren, Karottenknabbern, Nestchen verstecken. Und wehe mir, wenn ich mal erwähnen will, dass wir das waren. So was tut man nicht. Mit Familientraditionen ist nicht zu spassen.

«Same procedure as every year» eben.

Und wie ist es bei Ihnen?

Jetzt ist Schluss mit lustig

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 16. April 2014

Ein Papablog von Mahmud Tschannen*

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Es gibt vieles, das interessanter ist als die berufliche Zukunft: Profiskater Stacy Peralta in den 70ern, zu sehen im Dokumentarfilm «Dogtown and Z-Boys». (Foto: Agi Orsi Productions)

Mein Sohn ist zurzeit in der 2. Sek. Für alle Uneingeweihten: Es ist die Zeit, in der Sekschüler mit ihrer beruflichen Zukunft konfrontiert werden und auf die Frage «Was willst du mal werden?» nicht mehr einfach mit grossen leuchtenden Augen und einem Lächeln antworten: «Astronaut!», «Bauer!» oder «Weiss nicht!». Ersteres wird jetzt realistisch eingeschätzt und Letzteres ist keine Option mehr. Eine Antwort muss her. Irgendeine.

Plötzlich spielen die Noten für die zukünftige Berufswahl eine entscheidende Rolle. Der Satz «Dann machst du es halt das nächste Mal besser» versagt seinen Dienst als Phrase, die ich einsetzen kann, um mein Kind nach einem nicht allzu tollen Zeugnis zu trösten und anzuspornen. Jetzt, zum ersten Mal im Leben meines Sohnes, wird es ernst – auf eine erwachsene Art und Weise.

Denn gleichzeitig mit dem steigenden Druck, sich mit seiner Zukunft zu beschäftigen und Entscheidungen zu fällen, die seine weitere Ausbildung betreffen, verändert sich mein Kind. (Das formuliere ich jetzt als geoutete männliche Gluggere bewusst so. Ich klammere mich an sein Kindsein. So lange es geht. Basta.) Aber das ist vielleicht genau der Punkt: Mein Sohn fängt an, zu denken und zu empfinden wie ein Erwachsener.

Auf Druck reagiert er nicht mehr kindlich mit einem Ausbruch oder mit regressivem Verhalten. Er heult nicht mehr, er flippt nicht aus und kommt dann nicht mehr anschliessend zu mir, um zu kuscheln. Nein, er denkt mal nach. Sein Blick richtet sich nach innen. Er will nicht darüber reden. Er verdrängt die ganze Angelegenheit. Und geht lieber mit seinen Freunden skaten oder gamen.

Kurzum: Er legt ein Verhalten an den Tag, das mich sehr an mich selbst in dem Alter erinnert. Meine Lösung damals: Ich habe nach der 2. Sek die Gymiprüfung gemacht und so die Entscheidung über meine Zukunft um fünf Jahre verschoben. Das kann mein Sohn nicht. Er will nicht ans Gymnasium. Das bedeutet, dass er sich jetzt mit seiner Berufswahl auseinandersetzen muss.

Seine Lage hat etwas Absurdes: Ich habe den Eindruck, dass er erst seit kurzem die Welt anfängt als junger Erwachsener wahrzunehmen. Unsere Gespräche werden immer vielschichtiger. Wenn ich mit ihm rede, muss ich mir nicht mehr überlegen «Wie formuliere ich das, damit es für jemanden in seinem Alter verständlich ist?» Ich knalle ihm die ganze Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt an den Kopf.

Und er bekommt dann, wie gesagt, diesen nach innen gerichteten Blick. Einen Blick, den ich nur zu gut kenne: Synapsen schalten wie wild, Zusammenhänge werden erkannt, aber auch die Tatsache, dass nicht alles so einfach ist, wie es vorher schien. Plötzlich rotiert das Hirn eines Pubertierenden, eines jungen Erwachsenen. Dinge, die vorher nicht hinterfragt wurden, werden von neuem angeschaut. Und eigene Schlüsse werden gezogen. Immer und immer wieder.

Es ist wie ein Erwachen oder eine Art Geburt. Und genau in dieser Zeit, wo mein Sohn verwundert die Welt frisch wahrnimmt, muss er sich überlegen, welche Rolle er in ihr einnehmen möchte. Wie gesagt: Ich find es absurd.

Ich habe beschlossen, ihm Zeit zu lassen. Er hat bereits eine Schnupperlehre als Polymechaniker hinter sich und plant, in einem Spital zu schnuppern. Hochbauzeichner findet er auch noch interessant. Oder doch eine kaufmännische Lehre? Egal, vielleicht macht er nach der 3. Sek doch die Gymiprüfung.

Oder etwas ganz anderes.

memyselfandi*Mahmud Tschannen wohnt mit seinem Sohn in Zürich.

Die ersten drei Lebensjahre sind entscheidend

Gabriela Braun am Dienstag, den 15. April 2014

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Bindung ist das Wichtigste. Mutter mit ihrem elf Monate alten Sohn auf einem Spielplatz. (Keystone, Ken Ruinard)

Die Qualität der Bindung zwischen Eltern und Kind ist zentral für das Leben eines Menschen. Fühlt sich ein Kind während den ersten drei Lebensjahren aufgehoben, geliebt und akzeptiert, hat es - gemäss sogennanten Bindungsforschern – danach im Leben einfacher. Es kann sich in andere Menschen hineinversetzen, hat eine gute Sprachentwicklung, kann sich besser konzentrieren – und wird insgesamt in seinen Beziehungen ein glücklicherer Mensch. Doch das ist nicht alles. Gemäss Studienergebnissen sind  solche Kinder insgesamt gesünder, weil in der Regel weniger gestresst.

Eine frühe Kindheit mit unsicherer Bindung und belastenden Erfahrungen andererseits kann gravierende Auswirkungen haben: Von Herz-Kreislaufbeschwerden im Erwachsenenalter ist die Rede, von Rheuma, Asthma, ja gar Krebs.

Weshalb das so ist, auf welchen Untersuchungen diese Erkenntnisse basieren, und was die Definition einer guten – respektive schlechten – Bindung ist: Diesen Fragen widmet sich die Zeitschrift «Psychologie Heute» in ihrer aktuellen Ausgabe. «Unsere Kindheit – Wie sie die seelische und körperliche Gesundheit beeinflusst», lautet die Titelgeschichte. Im Zentrum steht dabei die Bindung zum Kind. Gemäss Forschern ist es letztlich die Qualität der frühen Bindung, die den Grundstein bildet für ein sicheres und gesundes Leben.

Doch was bedeutet das konkret? Und sind sich die meisten Eltern der Wichtigkeit einer frühen Bindung – auch bonding genannt - nicht schon längst bewusst? Der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch glaubt nein. Er schätzt, ein Viertel der Kinder in Deutschland seien sogenannt «unsicher-vermeidend» gebunden. Diese Art Bindung entsteht, wenn die Bezugspersonen die Signale Ihres Kindes in Bezug auf Schutz und Sicherheit eher zurückweisen. Sie vermitteln dem Kind damit, dass es mit Stress allein zurechtkommen solle. Das Kind bremst dadurch sein Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung, bliebt innerlich aber gestresst. «Vielen Eltern ist die Feinfühligkeit für die Signale eines Kindes abhanden gekommen», sagt Brisch. Eine gute Bindung jedoch sei genauso lebenswichtig wie etwa Schlaf, Bewegung oder das Stillen von Hunger und Durst. «Bindung ist die emotionale Nahrung, die uns am Leben erhält.»

Eine Bindung muss ein Kind nicht ausschliesslich mit den Eltern haben. Weitere wichtige Bezugspersonen können Grosseltern, eine Krippenerzieherin oder Tagesmutter sein. Elementar dabei ist, dass diese Menschen verläßlich sind, feinfühlig – sowie liebevoll auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren. All dies kann gemäss Experten nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Angst, man verwöhne ein Kleinkind emotional zu sehr, ist gemäss Psychologen unbegründet.

Kümmern wir Eltern uns also um unsere Kinder und geben ihnen, was sie in den ersten Jahren vor allem brauchen: Elternliebe. Mischt man dies mit einer guten Portion Menschenverstand sowie einem Schuss Intuition und Reflexion, ist man gewiss nicht auf dem Holzweg. Mögliche Zusammenhänge, die zwischen frühkindlicher Bindung und Krankheit bestehen, schiebt man allerdings am Besten von sich. Solche Gedanken verunsichern und machen Angst. Ob das für ein Gedeihen einer guten Bindung förderlich ist, sei dahingestellt.

Was ist Ihre Meinung, liebe Leserinnen und Leser? Was ist in den ersten Lebensjahren eines Kindes besonders wichtig?

Alterslimite für Mütter

Mamablog-Redaktion am Sonntag, den 13. April 2014

Ein Gastbeitrag von Claudia Marinka*

Madonna Rocco Guy

Fünf Tage vor ihrem 42. Geburtstag gebar sie ihr zweites leibliches Kind: Madonna mit Sohn Rocco und dessen Vater Guy Ritchie an Roccos Taufe im Dezember 2000. (Foto: Reuters)

«Lieber spät als nie!» – Den Leitspruch nehmen sich viele Frauen zu Herzen und gründen noch mit 40+ eine Familie. Das Thema der älteren Mütter hat die Deutsche Journalistin Susanne Fischer in ihrem Buch «Ansichten einer späten Mutter» aufgegriffen. Darin erzählt sie ihre sehr persönliche Geschichte, angereichert mit Zahlen und Fakten. Sie selber war über Jahre hinweg mit einem Mann zusammen, dachte zweitweise ans Kinderkriegen, doch irgendwie hatten sie dann den Moment verpasst. «Wir sind, mit anderen Worten, ein typisches junges Akademikerpaar, young urban professionals, die sich bereitwillig einlassen auf die Anforderungen der modernen Arbeitswelt und mit dem Gefühl leben, für alles noch ganz viel Zeit zu haben», schreibt Fischer.

Das Paar trennte sich. Mit Ende 30 lernt Susanne Fischer den Vater ihrer beiden Kinder kennen. Diese bekommt sie mit 43 und 45 Jahren. Sie schreibt: «Junge Mütter, späte Mütter, Kinderlose: Tatsache ist, dass man den ‹perfekten Zeitpunkt› zum Kinderkriegen nur schwer oder auch gar nicht findet.»

Fischers Buch ist ein verhaltenes Pamphlet für Spätgebärende. Jedoch muss auch sie eingestehen: «Sehr viel älter würde ich nicht sein wollen, schon weil ich meine Kinder gern so lange wie möglich begleiten möchte. Je später es wird, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, die Kinder bis weit in deren Erwachsenenleben hinein zu begleiten.»

Im Alter wie Susanne Fischer Mutter zu werden ist schon reichlich spät, wie ich finde. Doch wo ist die Alterslimite dafür? Mit 40? 45? 50? Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau mit 47 noch auf natürlichem Weg schwanger wird, geht laut Ärzten gegen null. Das muss allerdings nicht das Ende der Familienträume bedeuten - Reproduktionsmedizin und Eizellspende sei Dank. Nicht selten werden deshalb Frauen Mütter, die eigentlich von Natur aus mitten in der Menopause wären.

Das ist irritierend. Ich bin der Meinung, allerspätestens mit 45 Jahren sollte eine Frau ihren Kinderwunsch begraben – und zwar aus mehren Gründen: Denken wir nur an das arme Kind, das bei der Einschulung von seiner über 50-jährigen Mutter begleitet wird oder mit 20 eine 70-jährige Mutter hat. Klar, auch eine 40-jährige Mutter kann sterben, jeder kann sofort sterben, eine Garantie gibt es nicht. Doch je älter die Frau bei der Geburt, desto wahrscheinlicher ist die Tatsache, dass sich das Kind früher als andere um das Elternteil kümmern muss. Hinzu kommen die gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind, die kann man nicht einfach ignorieren. Heute wird den Frauen nahegelegt, dass eine Schwangerschaft mit 40 oder sogar 45 absolut problemlos möglich sei. Das ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen: Bei Frauen ab 35 wird die Geburt häufiger eingeleitet, eine Periduralanästhesie (PDA) vorgenommen oder eine Entbindung per Geburtszange oder Saugglocke vorgenommen. Es ist auch erwiesen, dass die Zahl der Kaiserschnitte mit dem Alter der Mutter zunimmt.

Unsere biologische Uhr ist nicht grundlos eine biologische Uhr. Sie zeigt uns, wann gewisse Tatsachen für den Körper und das Leben vorgesehen sind. Widersetzt man sich dem, empfinde ich das Erfüllen dieses persönlichen Wunsches als egoistisch. Unsere moderne Individual-Gesellschaft propagiert die Überzeugung, immer zu jederzeit alles haben zu können. Doch der Mensch soll nicht alles bestimmen können. Das Leben ist kein Businessplan, nicht alles ist steuerbar. Und das ist gut so.

marinka* Claudia Marinka arbeitet als freie Journalistin mit Schwerpunkt Gesellschaftsfragen und hat bei verschiedenen Medien in den Ressorts Nachrichten, Gesellschaft und People gearbeitet. Die zweifache Mutter lebt mit Tochter, Sohn und Mann in der Nähe von Zürich.

Und weshalb kriege ich kein Bankkonto?

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 11. April 2014

Ein Gastbeitrag von Christa Wüthrich*

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Geld ausgeben darf sie - unabhängig sein nicht: Frau auf einem Markt in Singapur. Foto: Reuters

Mustafa ist der Grösste. Wenn es hart auf hart kommt, vertraue ich ihm. Dann, wenn morgens um zwei Uhr dringendst eine frische Windel, ein Aspirin oder ein handgeknüpfter Gebetsteppich zur Stelle sein sollte. Mustafas Türen stehen immer offen. Er fragt nicht, er hats, für den, der zahlt.

Mustafa ist ein riesiges Einkaufszentrum in Singapur (24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche geöffnet) und steht symbolisch für den Rund-um-die-Uhr-Konsum im asiatischen Zwergstaat. Böse Zungen behaupten sogar, Singapur sei gar kein Land, sondern eine riesige Ansammlung von Shoppingzentren mit einem eigenen Flughafen. Die Hauptshoppingadern pulsieren rund um die Uhr. Ich lebe seit September mit meiner Familie mittendrin – und ich muss gestehen: Ich liebe die singapurische Shoppingmentalität! Die Zeiten, als ich mich mit Kind und Kegel und Dutzenden anderen Einkaufenden genervt zwischen den Regalen durchzwängte, sind vorbei. Eingekauft wird abends, wenn die Kinder schlafen. Und ich bin dabei genauso tief entspannt wie die Kleinen in ihrem Bett.

Der Konsumlust – zu unchristlichen Zeiten und sündhaft teuren Preisen – verfalle auch ich gelegentlich. Für was sonst gibt es Mustafa und Co.? Bevor ich jedoch überhaupt Geld ausgab, versuchte ich ein eigenes Bankkonto zu eröffnen. Bis heute erfolglos. Denn auf meiner offiziellen singapurischen Identitätskarte steht «Dependant’s Pass». Das heisst, dass ich keinen Arbeitgeber in Singapur habe und nur als kindermitbringendes Anhängsel meines berufstätigen Mannes im Land geduldet werde und darum kein Anrecht auf ein Bankkonto habe. Oder wie es der beflissene Bankangestellte erklärte: «Sie haben keinen Arbeitgeber in Singapur. Sie bekommen hier keinen Lohn ausbezahlt. Wofür brauchen Sie ein Konto?»

Ich erklärte, dass ein eigenes Konto mehr als nur reine Formsache sei. Ein Stück Unabhängigkeit, Eigenständigkeit: ja sogar Teil eines Lebensgefühls. Denn trotz aller Liebe zu meinem Mann: Wir haben nie fusioniert. Es gibt immer noch mein Konto, meine Freunde, meinen Job. Zwar gehöre ich mit meinem bescheidenen Freelance-Journalistengehalt nicht zu den Gutbetuchten im Land. Singapur hat laut dem neusten «Global Wealth Report» der Unternehmensberatung Boston Consulting Group weltweit die höchste Millionärsdichte. Rund jeder siebte Haushalt des Fünfmillionenstaates besitzt mehr als eine Million US-Dollar. Trotzdem wäre es angebracht, ein eigenes Bankkonto zu besitzen. Und mit dieser Meinung bin ich nicht alleine.

Laut Recherchen der «Süddeutschen Zeitung» plant die EU ein europaweites Recht auf ein Bankkonto. Denn wer über kein Konto verfügt, wird automatisch isoliert; wirtschaftlich und sozial. Mit dem neuen Gesetzespaket wäre in Europa der Besitz eines Bankkontos ein Menschenrecht. Doch ich bin nicht in Europa und von Menschenrechten zeigt sich Singapur kaum beeindruckt. Todesstrafe und Prügelstrafe sind gesetzlich verankert. Ein Bankkontorecht wirkt mit Blick auf den Galgen lächerlich. Doch was möchte mir ein Staat sagen, wenn er mich rund um die Uhr shoppen lässt, mir jedoch nicht erlaubt, ein eigenes Bankkonto zu eröffnen? Genau: Wer nichts verdient, hats nicht verdient und ausgegeben wird das Geld ja sowieso. Denn Mustafa und seine Kollegen sind die besten Freunde Tausender Frauen. Egal, wem das Bankkonto gehört.

Wüthrich*Christa Wüthrich war als Lehrerin, Journalistin und IKRK-Delegierte rund um den Globus unterwegs. Heute arbeitet sie als freie Journalistin für verschiedene Printmedien. Sie ist Mutter zweier Kinder.

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