Familien im Vor-Ferienstress

Gabriela Braun am Freitag, den 3. Juli 2015
Endlich hat Mamas Stress ein Ende: Schüler freuen sich über den Schulferienstart. (Keystone/Martin Meissner)

Spätestens jetzt müssen die Vorbereitungen erledigt sein: Schüler freuen sich über den Schulferienstart. (Keystone/Martin Meissner)

Eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit. Die Uhr tickt, der Countdown läuft, es bleiben noch 8 Tage (und 6 Schultage) bis zur Abreise in die Ferien – und so vieles muss bis dahin gemacht werden. Ich habe eine To-do-Liste angelegt, die täglich länger wird, und zuoberst auf den Zettel hastig «Erledigungen!» hingekritzelt. Erledigungen, das Wort verwende ich höchstens, wenns um Rechnungen, die Steuern oder das Bestellen von Kontaktlinsen geht. Doch jetzt ist nicht «normalerweise», nein, ich befinde mich gerade mitten in einem kleinen Ausnahmezustand, wie immer kurz vor den langen Ferien. Das Wort mit dem Ausrufezeichen passt schon.

Das Wichtigste, die TGV-Tickets (- Zugtix kaufen!!), habe ich vor Tagen erleichtert durchgestrichen. Aber alles andere? Die vielen kleinen Dinge bei der Arbeit, des Alltags, der Familie? Wen will/soll/muss man vor den grossen Ferien noch anrufen oder gar kurz treffen, wem eine Mail schreiben?

  • Regenjacke, der Sohn braucht noch eine, seine ist seit Wochen unauffindbar.
  • Was alles benötigt er sonst noch fürs Sommerlager in den Bergen?
  • Wanderschuhe probieren, evtl. neue kaufen (meine passen ihm wohl auch nicht mehr).
  • Reiseführer
  • Post abbestellen
  • Nachbarn: Pflanzen giessen?
  • Eltern von Klassenkameraden (Kosten Abschiedsgeschenk, Kuchen?)

Natürlich gibt es vor dem allgemeinen Exodus auch zahlreiche Apéros und Sommerfeste, auf die ich mich alle freue (ich liebe Apéros und Feste), doch jetzt landen auch sie auf der Erledigungen-Liste:

  • Geburigeschenk X und Y?
  • Prosecco mitnehmen

Rührend, der Abschiedsabend an der Schule; lustig, das Abschlussturnier mit der Fussballmannschaft – und schön, die Einladungen von befreundeten Eltern zum Picknick am See. Obwohl, einiges ist terminlich schlicht unmöglich. Die Treffen sind schön und auch etwas emotional – und trotz den zahlreichen Terminen kriegen wir das doch alles irgendwie hin. Wobei kaum Raum bleibt, um all die Abschiede und Emotionen zu verarbeiten. Gerade in einer Zeit, in der bei den Kindern viel geschieht, sind wir Grossen mit all den Ferienvorbereitungen beschäftigt. Wie das wohl Familien mit mehreren Kindern schaffen, frage ich mich immer mal wieder.

Den hart erkämpften Ferienmodus geniessen. (AFP)

Endlich abtauchen: Im hart erkämpften Ferienmodus. (AFP)

Wir werden wohl zwei, drei Tage brauchen, bis wir im Ferienmodus sind und das Veranstaltungs-Halali und den Alltag hinter uns gelassen haben. Dann werden wir abtauchen, im doppelten Sinne. Um spätestens nach zwei Wochen wieder aufzutauchen. Das heisst, sich auf die Nachferienzeit zu freuen, den Familienalltag, die Arbeit, Schule, Freunde und Feiern. Nach der Ferienvorfreude die Alltagsvorfreude quasi.


Bei all dem Vor-Ferienstress ist maximale Entspannung gefragt. (Youtube/Knallerfrauen)

Der Sommer nervt

Andrea Fischer Schulthess am Donnerstag, den 2. Juli 2015
Sommer, Sonne, Sch...: Überfüllte Badis und Sehnsücht esind niht jedermanns Sache. (Keystone/Laurent Gillieron)

Sommer, Sonne, Sch…: Überfüllte Badis sind nicht jedermanns Sache. (Keystone/Laurent Gillieron)

Lange hatte ich geglaubt, ich sei ganz allein damit. Und fühlte mich entsprechend gestört. Wie ein Kind, das heimlich keine Schokolade mag und auch keine Teddybären, dabei ist doch beides soooo toll. Aber inzwischen weiss ich: Es gibt noch andere, die so ticken wie ich.

Ich mag nämlich den Sommer nicht. Und zwar nicht nur so ein bisschen. Ich finde ihn im besten Fall mühsam, im schlimmsten entsetzlich, das steht in linearem Verhältnis zur Anzahl der ununterbrochenen Sonnentage.

Früher war es einfach mein eigenes Problem, dass mir zu dieser Jahreszeit alles zu heiss, zu aufdringlich fidel und zu nackig und zu fiderallala war. There ain’t no cure for the summertime blues, eben. Genauso, wie ich nur mit mir allein ausmachen musste, dass die Ur-Sehnsucht, die der Sommer in mir weckt, hundertmal umfassender ist als alles, was ich ihr real hätte entgegenstellen können. Keine Verliebtheit, kein Ausbüchsen per Autostopp und auch keine sangriagetränkte Nacht am Strand konnte sie auch nur annähernd stillen. Sie wurde davon nur grösser, zu fast körperlichem Schmerz. Das war und ist mir zu anstrengend.

Aber was hat das mit Kindern zu tun? Sehr viel, glauben Sie mir. Denn seit ich Kinder habe, bin ich zwar grundsätzlich zufriedener, aber dafür wurde meine Abneigung gegenüber dem Sommer noch ärger. Vor allem, als sie noch klein waren.

Hier ein paar Gründe, warum so manchen von uns Müttern der Sommer gestohlen bleiben darf (jawohl, ich bin nicht allein, hab ich längst herausgefunden):

  • Die Sehnsucht nach dem gossen Irgendwas ist noch unstillbarer geworden. Denn die Tatsache, dass es dieses eine Leben ist, das wir führen, ist jetzt amtlich. Egal wie schön es ist, es ist einzig. Punkt.
  • Den ganzen Winter über freuen sich unsere Kinder darauf, wenn sie endlich einfach so aus dem Haus rennen können, ohne sich zuerst in Daunen, Kappe und Handschuhe zu zwängen, natürlich mit Reflektoren wegen der Winterdämmerung im Smog. Aber kaum kommt der Sommer, ist der Traum vorbei. Sonnencreme, Käppis, Trinkfläschli und Mückenschutz lösen die Winterausrüstung nahtlos ab. Nur leuchtet das den Kids sehr viel weniger ein, da das unmittelbar Nachvollziehbare fehlt (nix Handschuhe = kalte Hände). Kurz: Sie sind noch genervter über unsere mütterlichen Auflagen als im Winter.
  • Kinder wollen in die Badi. Ja, sie haben sogar das Recht darauf. Selbst an Sonntagen, wenn die ganze Welt nur noch ein einziges riesiges sonnencreme- und glaceverschmiertes Geschrei im grellen Licht ist. Und man null Chancen hat, seine beiden Kinder auch nur fünf Minuten am Stück im Auge zu behalten – geschweige denn, sie rufen zu hören. Unter der Woche kann man zwar schon ganz früh in die Badi pressieren und sich einen der raren Plätze unter dem Baum neben dem Planschbecken und fern der Wespen am Abfalleimer sichern und ihn mit Tüchern zu seinem Territorium erklären. Kaum ist all das geschafft, darf man sich dann gepflegt langweilen mit dem Schüfeli oder dem Schprützchänndli, den Bauch eingezogen, die Füsse im lauen Pipiwasser.
  • Teenies wollen immer noch in die Badi. Allein. Jetzt kommt die Phase des mütterlichen Bangens im abgedunkelten Daheim dicht am Ventilator. Was, wenn sie saufen? Oder ihnen so ein rücksichtsloser Koloss vom Sprungturm auf den Kopf springt und man in der Brühe von See ja nicht mal einen Elefanten wiederfände.
  • Mücken.

 

Und noch viele andere solche Sachen.

Nein, ich sags Ihnen, nichts schlägt das Gefühl, wenn der Herbst der Caliente-Hektik ein Ende setzt. Wenn die Tage kürzer werden und die Abende länger. Wenn ich wieder in Ruhe und ohne schiefe Seitenblicke sein kann, was ich bin: ein zufriedener Stubenhocker, der am liebsten auf dem Sofa liest oder was vor sich hin werkelt und sich ganz auf die schönste Zeit des Jahres freut: den Advent. Danke Schweizer Klima, dass du auch an Mütter wie mich denkst.

Würden Sie Ihre Kinder an die Expo mitnehmen?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 1. Juli 2015

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Die First Lady erklärt die Welt: Michelle Obama mit Schülern im italienischen Pavillon an der Weltausstellung in Mailand, 18. Juni 2015. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

Die First Lady erklärt die Welt: Michelle Obama mit Schülern im italienischen Pavillon an der Weltausstellung in Mailand, 18. Juni 2015. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

Letzte Woche besuchte ich die Expo 2015 in Mailand. Mit meinen Bürokollegen, nicht mit der Familie. Deshalb kann ich hier keinen Erfahrungsbericht über die Kindertauglichkeit der Weltausstellung zum Besten geben. Kollegin Kathi muss ja nicht mehr gewickelt werden und Kollege Dominik verträgt die Sonne auch ohne Hütchen ganz gut. Der Chef bekundet zwar noch Mühe mit dem Unterschied zwischen «Ich will» und «Ich möchte», aber richtig quengelig ist er nur noch während Mitarbeitergesprächen, nicht auf langen Ausflügen.

Ich muss das Thema also rein theoretisch angehen. Zwischen zwei Schnäp… also Multivitaminsäften fragte ich meinen Kollegen Andy, ob er mit seinen beiden Kindern die Expo besuchen würde. Als Antwort erhielt ich ein klares «Nein». Die Frage beschäftigte mich noch eine Weile. Und zwar so intensiv, dass ich die Steuererklärung erneut um ein Wochenende verschieben musste.

Suche den Unterschied zwischen Werbung und Realität: Volksmusikgruppe im Schweizer Pavillon. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Suche den Unterschied zwischen Werbung und Realität: Volksmusikgruppe im Schweizer Pavillon. Fotos: Christian Beutler (Keystone)

Irgendwann kommt doch jedes Kind ins Alter, in dem die Eltern ihm die Welt erklären müssen. Und wo könnte man das besser tun als an einer Weltausstellung, wo sich ein Land neben dem anderen bereitwillig präsentiert. Bonusargument: Sie tun das auch noch anhand eines wichtigen Themas, wie aktuell in Mailand «Feeding the Planet». Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Kind interessiert sich seit der Geburt fürs Thema Essen.

Langweilig dürfte es den Kindern auf jeden Fall nicht werden, denn die Expo ist auch ein riesiger Spielplatz, der alle Sinne anspricht. Im südkoreanischen Pavillon läuft eine Show auf zwei Flachbildschirmen, die von Roboterarmen durch die Luft gewirbelt werden. Brasilien hat in liebevoller Kleinarbeit aus Seilen ein riesiges Kletternetz gehäkelt, und im Schweizer Pavillon betreibt Hauptsponsor Nestlé einen Uterus-Simulator. Das ist zwar nur ein dunkler Raum, der etwas nach Nesquik riecht (und man zeige mir eine Gebärmutter, die 20 Personen fasst), aber bestimmt lässt der laut hörbare Herzschlag einige Kleinkinder in Erinnerungen schwelgen.

Die Chemie stimmt – auch für Kinder? Basler Ausstellung im Schweizer Pavillon. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Chemie stimmt – auch für Kinder? Basler Ausstellung in Mailand.

Einigermassen geduldige und wissbegierige Kinder können an der Weltausstellung also viel erleben und lernen. Natürlich nicht ohne ihre Eltern, denn die müssen auf vielen Ebenen übersetzen. Zuerst einmal vom Italienischen oder Englischen in eine altersgerechte Muttersprache. Aber auch inhaltlich: Die Eltern sollten Hintergründe liefern und mindestens die älteren Kinder anregen, das Gesehene eigenständig und kritisch zu hinterfragen.

Selbstkritik ist an der Expo nebst Indien nämlich die grosse Abwesende. Auch 2015 funktioniert die Ausstellung noch als klassische Leistungsschau. Jedes Land erklärt, mit seinen Innovationen könne man die Probleme dieser Welt lösen. Schliesslich hat Israel damals die Bewässerung erfunden, Russland die Pflanzenzucht, der Iran die Kräuter, die Schweiz das Wasser und Frankreich die Qualität. Da muss man als Eltern eingreifen und sagen: «So nicht, liebe Marketingfuzzis! Nicht mit meinen Kindern!» Das Eigenlob schreit danach, dem Kind endlich mal den Unterschied zwischen Werbung und Realität zu vermitteln. Positiver Nebeneffekt: Es übersteht künftig auch die Werbeblöcke auf Kika unbeschädigt.

Schaufenster für Gross und Klein: Kugelbahn von Schweiz Tourismus.

Schaufenster für Gross und Klein: Kugelbahn von Schweiz Tourismus.

Erklärungsbedürftig ist an der Expo leider auch das zur Schau gestellte Frauenbild. In drei von vier Pavillons räkeln sich leicht bekleidete Damen in High Heels. Teilweise ohne jegliche Zusatzfunktion. Als wäre man versehentlich in eine Aufzeichnung des italienischen Fernsehens gestolpert. Oder in den Autosalon, nur dass sich die Damen hier statt am Audi halt an Russland reiben. Die Präsentation von weiblichen (und vereinzelt auch männlichen) Körpern als Schaufensterdekoration passt nicht in die Welt, in der mein Kind aufwachsen soll. Aber sie ist wie der Hunger und das Übergewicht halt auch eine Realität, die nach elterlicher Erklärung schreit. Ganz kleine Kinder kann man ja vorerst damit abspeisen, dass die vielen Brüste ebenfalls zum Thema Ernährung gehören. Und immerhin: Einige Länder wie Slowenien und die Schweiz sind vorbildliche Ausnahmen.

Mich überzeugt dieses ganze Potenzial für tagelangen Anschauungsunterricht. Findet mal wieder eine Weltausstellung in vertretbarer Reisedistanz statt, werde ich sie mit meinem Kind besuchen. Bestimmt hört es mir dann ununterbrochen zu, nickt beeindruckt und wird durch meine Erklärungen ein besserer Mensch. Ich naiver Jungvater. Andy wird schon wissen, warum er mit seinen Kindern die Expo meidet.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

Kate stösst chinesische Mütter vor den Kopf

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 30. Juni 2015

Ein Gastbeitrag von Christa Wüthrich*

Keine Schonzeit: Herzogin Kate trägt ihre Tochter Charlotte nur Stunden nach der Geburt in die Öffentlichkeit. Foto: John Stillwell (Reuters)

Keine Schonzeit: Herzogin Kate zeigt sich wenige Stunden nach der Geburt ihrer Tochter Charlotte am 2. Mai 2015 der Öffentlichkeit. Foto: John Stillwell (Reuters)

Li Wang hat gerade ihre Tochter auf die Welt gebracht. Das kleine Wesen hat einen bronzenen Teint, wirkt ein wenig kränklich, und das dünne Ärmlein ist von einem Hautausschlag bedeckt. Die Diagnose ist schnell gestellt. Lis Vorliebe für Meeresfrüchte hat zum Hautausschlag geführt. Kränklich ist das Neugeborene nur, weil die werdende Mutter zu viel Wassermelone gegessen hat. Und der Konsum an Kaffee und Sojasauce während der Schwangerschaft hat wohl die Haut des Babys dunkler gefärbt. Ach, hätte die werdende Mutter doch nur mehr Milch getrunken!

In China und in den von der chinesischen Kultur dominierten Ländern sind Schwangere und frischgebackene Mütter unzähligen Mythen ausgesetzt. Das Wohl des ungeborenen Babys scheint auf dem Teller der Mutter zu liegen. Die heutige Generation an gut ausgebildeten chinesischen Müttern ist sich der «Mythenhaftigkeit» dieser Ernährungsratschläge bewusst. Trotzdem werden sie immer noch befolgt. «Auf gewisse Nahrungsmittel zu verzichten, war einfacher, als mich dauernd gegenüber meinen Eltern und Schwiegereltern zu rechtfertigen», erklärt mir eine chinesischstämmige Mutter zweier kleiner Jungen.

Wirklich herausfordernd sei die Zeit nach der Geburt gewesen, gesteht die junge Frau. Dann beginnt «zuo yuezi», was übersetzt so viel wie «einen Monat lang sitzen» bedeutet. In diesen ersten dreissig Tagen nach der Geburt bleibt die Wöchnerin zu Hause. Sie darf weder duschen noch Zähne putzen, weder sich körperlich betätigen noch Besuch empfangen. Ein strikte Diät wird eingehalten: keine frischen Früchte oder rohes Gemüse, kein kaltes Wasser, keinen Kaffee, dafür Schweinefusssuppe mit Erdnüssen oder gegartem Fischschwanz mit Papaya.

Kate, frisch frisiert und auf mutigen Sohlen. Foto: Suzanne Plunkett (Reuters)

Kate, frisch frisiert und auf mutigen Absätzen. Foto: Suzanne Plunkett (Reuters)

Einen Monat ungeduscht im Pyjama und Wollsocken rumzusitzen und nur Eintöpfe essen: Was hat das für einen Sinn? Laut chinesischer Medizin befindet sich die Mutter durch Geburt und Blutverlust in einer «kalten Phase» und muss bedeckt (kein Kontakt mit Wasser oder Wind) und abgeschottet von der Aussenwelt umsorgt werden. Die Chinesen sind überzeugt, dass es diese absolute Pause braucht, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Einen Monat lang auf die Welt verzichten, um sich auf das eigene kleine Universum zu konzentrieren. Die Betreuung des Säuglings und der Wöchnerin übernimmt dabei Mutter oder Schwiegermutter. Wo die Familie nicht verfügbar ist, wird eine Art «Wochenbett-Amme» angestellt, die sich um Mutter, Baby und Küche kümmert. Wer es sich leisten kann, checkt in ein spezialisiertes Zentrum für Wöchnerinnen ein, wo Mutter und Kind im Luxusambiente umsorgt werden.

Das totale Time-out nach der Geburt ist Teil der chinesischen Kultur. Auf der chinesischen Amazon-Seite gibt es dafür eine eigene Sektion mit Kochbüchern und Ratgebern. Dass diese Schonzeit im Westen ignoriert wird, stösst auf Erstaunen und Unverständnis. Als sich Herzogin Kate nur wenige Stunden nach der Geburt mit Baby in der Öffentlichkeit zeigte – ohne Wollsocken und fettigem Haar, sondern mit High Heels und Föhnfrisur –, zeigte sich die chinesische Welt schockiert. «Brauchen westliche Mütter nach der Entbindung keine Erholungszeit?», wurde im taiwanesischen Fernsehen gefragt. «Westliche Frauen investieren kaum Ruhezeit in die Phase nach der Geburt», erklärte ein chinesischer Mediziner. Das habe jedoch seinen Preis. «Sie werden schneller krank und früher alt.» Wenn Kate das gewusst hätte!

Wüthrich*Christa Wüthrich war als Lehrerin, Journalistin und IKRK-Delegierte rund um den Globus unterwegs. Heute arbeitet sie als freie Journalistin für verschiedene Printmedien. Sie ist Mutter dreier Kinder.

Machen nur Kinder unser Leben vollkommen?

Jeanette Kuster am Montag, den 29. Juni 2015
sexandthecity_mamablog

Sie scheinen ganz zufrieden ohne Kinder: Szene aus «Sex and the City». (Bild: HBO.com)

Unterhalte ich mich mit anderen Müttern, ist die Chance gross, dass das Gespräch irgendwann auf die Kinder kommt. Schliesslich beschäftigt einen der Nachwuchs – zumindest gedanklich – tagein, tagaus, und man hat damit schnell ein Thema gefunden, zu dem beide etwas zu sagen haben. Plaudere ich hingegen mit Kinderlosen, achte ich bisweilen bewusst darauf, sie nicht mit Anekdoten aus dem Leben meiner Kleinen zuzutexten. Umso erstaunter war ich, als ich vor kurzem bei einem Essen umringt von (noch) kinderlosen Endzwanzigern war und genau diese das Gespräch irgendwann aufs Thema Kinder lenkten.

Es fing damit an, dass eine Frau sich beklagte, seit ihrer Heirat würde das gesamte Umfeld erwarten, dass sie nun eher früher als später schwanger werde. Die anderen nickten sofort zustimmend und ergänzten, dasselbe widerfahre einem, wenn man in ihrem Alter mit dem Partner in eine grössere Wohnung ziehe. Von allen Seiten diese Erwartungshaltung, dabei würden sie doch noch gar nicht über Kinder nachdenken!

Und doch taten sie es an diesem Abend. So begann meine Tischnachbarin mir, der Kinder-Expertin der Runde sozusagen, zu erzählen, wie etliche ihrer Freundinnen sich auf das Kinderhaben versteifen würden. «Die wünschen sich nichts mehr als ein Baby, damit ihr Leben endlich vollkommen ist.»

Ich stutzte und erwiderte, dass es meiner Ansicht nach nicht die Aufgabe des Kindes sei, das Leben der Eltern zu vervollkommnen. Und dachte kurz zurück, ob ich damals, vor der Geburt meines ersten Kindes, auch solche Erwartungen gehabt hatte?

Doch das hatte ich nicht. Ich erwartete keine heile Welt und seliges Dauerlächeln zu dritt, sondern bei allem Glück auch ganz viel Stress. Besonders zu Beginn der Schwangerschaft fragte ich mich, wie ich damit würde umgehen können, fortan ununterbrochen für ein kleines Wesen da sein zu müssen. «Dürfen, nicht müssen!», mögen Sie einwenden, und natürlich haben Sie recht. Aber man geht als Eltern (zugegebenermassen freiwillig) eine Verpflichtung ein, und diese Pflicht ist nun mal mit «müssen» verknüpft, weil man sie eben nicht je nach Lust und Laune wieder ablegen kann.

Je näher die Geburt kam, desto entspannter schaute ich dem Mamasein entgegen. Aber zu denken, mein Leben würde durch das Kind perfekt, auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Vielleicht deshalb, weil ich schon vorher zufrieden war damit.

Heute hingegen ist es in der Tat so, dass mein Leben unvollkommen wäre ohne meine Kinder. Weil sie da sind, zu mir gehören, ich mir die Welt ohne sie nicht mehr vorstellen könnte. Dennoch mache ich sie nicht für mein persönliches Glück verantwortlich. Wenn schon, ist es umgekehrt: Ich fühle mich bis zu einem gewissen Grad für ihr Glück (mit-)verantwortlich. Ich soll und darf mithelfen, ihr Leben während der ersten Jahre möglichst vollkommen zu gestalten.

Von Erwachsenen hingegen erwarte ich, dass sie für ihr eigenes Glück besorgt sind. Natürlich kann einen der Partner, vielleicht auch die beste Freundin oder eben das eigene Kind glücklich machen. Aber es ist nicht ihre primäre Aufgabe. Und wer sein Leben als unvollkommen empfindet, wird vermutlich auch durch die Geburt des eigenen Kindes nicht plötzlich zum erfülltesten Menschen auf Erden. Dies zu erwarten, ist meiner Meinung nach nicht fair dem Kind gegenüber.

Wie sehen Sie das?

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