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Mamablog-Redaktion am Freitag den 17. Mai 2013

Die Macht der Bindung

Eine Carte Blanche von Michael Miedaner*.

Natürlicher Bindungsinstinkt: Eltern müssen in ihrer Erziehung die Rolle der primären Bindungsperson wahrnehmen.(Flickr/Nico's Art)

Natürlicher Bindungsinstinkt: Eine tiefe Bindung zu einem Erwachsenen ist für die Entwicklung eines Kindes von zentraler Bedeutung. (Flickr/Nico's Art)

Vielen Eltern ist heute gar nicht mehr bewusst, wie unentbehrlich Zuwendung und Geborgenheit für die gesunde Entwicklung ihrer Kinder sind. Die moderne Bindungsforschung zeigt klar, wie wir unseren Kindern helfen können, sie selbst zu werden. Das Geheimnis elterlicher Erziehung besteht dabei nicht in erster Linie in dem, was die Eltern tun, sondern in dem, was sie für ihr Kind sind. Es ist paradox: Noch nie gab es ein dermassen grosses Angebot an Literatur über Kindererziehung, an Erziehungskursen, an Experten. Auch hatten wir noch nie im Schnitt so wenig Kinder zu erziehen. Zudem waren wir noch nie so engagiert mit unseren Kindern wie heute. Dennoch erleben wir eine Zeit, in der die Kindererziehung sehr schwierig geworden ist.

Offensichtlich scheint uns das natürliche Gefühl dafür abhanden gekommen zu sein. Wie konnte es so weit kommen? Kinder kommen mit einem ausgeprägten Bindungsinstinkt zur Welt, einem Drang, sich an jene Menschen zu binden und zu orientieren, von denen sie versorgt werden. Dies sind im Normalfall die Eltern. Die Kinder übernehmen zunächst die Werte ihrer Eltern und entwickeln erst auf dem Boden dieser Geborgenheit die Reife zu echter, selbstbewusster Eigenständigkeit. So funktioniert seit Menschengedenken das Heranreifen von Menschen und die Übermittlung kultureller Errungenschaften von Generation zu Generation. Der Säugling bindet sich an uns, indem er zum Beispiel unseren Finger fest umklammert oder später als Antwort auf unsere ausgebreiteten Arme ebenfalls die Ärmchen ausstreckt, um sich aufheben zu lassen.

Dies sind instinktive Verhaltensweisen, die seit Hunderttausenden von Jahren das Überleben sichern. Seit dem Beginn der Industrialisierung vor etwa 200 Jahren und noch stärker seit dem zweiten Weltkrieg haben sich die Lebensumstände in den Industrieländern so grundlegend verändert, dass die natürlichen Bindungshierarchien arg durcheinander geraten sind. Seit Tausenden von Jahren (und auch heute noch in traditionellen Gesellschaften) verliefen die Bindungen innerhalb einer Gesellschft vertikal, das heisst:  Das kulturelle Wissen wurde von einer zur nächsten Generation weitergegeben.

Wenn aber die verantwortlichen Erwachsenen, was heute immer öfter der Fall ist, die Rolle der primären Bindungsperson nicht mehr wahrnehmen, überträgt das Kind seinen Bindungsinstinkt woandershin so wie das frisch geschlüpfte Entenküken. Fehlt die Entenmutter, läuft es vertrauensvoll der Bäuerin, dem Hofhund oder einem Spielzeugauto hinterher. Es fühlt sich in Gegenwart seines Bindungsobjektes beruhigt und sicher, auch wenn es auf diese Weise weder schwimmen noch fliegen lernt.

Auch Kinder unterscheiden nicht, ob das Objekt, auf das sie ihren Bindungsinstinkt richten, überhaupt in der Lage und geeignet ist, für ihre gedeihliche Entwicklung zu sorgen. Und so beobachten wir seit geraumer Zeit wie diese Übermittlung von «oben» nach «unten» durch eine horizontale Orientierung und Wertevermittlung ersetzt wird. Die Kinder und Jugendlichen orientieren sich an ihresgleichen (Musik, Kleidung, Sprache) und die Werte der Erwachsenen verlieren zunehmend an Bedeutung.

Der kanadische Entwicklungspsychologe und Bindungsforscher Gordon Neufeld hat aus den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und Verhaltensforschung die Umrisse der grundlegenden Gesetzmässigkeiten von Bindung extrahiert. Wir haben vergessen, wie wichtig es ist, dass wir den Kindern das Gefühl vermitteln, dass wir wissen, wo es lang geht. Dass wir diejenigen sind, die es beschützen und versorgen. Wenn wir diese Rolle nicht wahrnehmen, fällt das Kind in eine Bindungslücke. Panik und Alarm werden ausgelöst: «Ich kann hier nur überleben, wenn ich jemanden oder etwas habe, an dem ich mich orientieren kann.» Leider orientieren sich immer mehr Kinder in ihrer Not an Gleichaltrigen oder an elektronische Bindungstechnologien (Handy, Computerspiele, Facebook). Die Bindungslücke ist vorübergehend überbrückt, der Alarm lässt nach, eine innere Entspannung tritt an deren Stelle.

Doch das ist genau der Moment wo es anfängt schiefzulaufen! Laut Gordon Neufeld haben Verzerrungen und Störungen im Verhalten, Fühlen und Denken des Kindes ihren Ursprung fast immer in Störungen der Bindungsentwicklung. Die Resillienzforschung (die Resillienzforschung untersucht jene Faktoren, welche die Widerstandskraft von Individuen oder Systemen fördern) hat untersucht, welches der signifikanteste Einzelfaktor bei Jugendlichen ist, der sie davon abhält, verhaltensauffällig zu werden, exzessiv Drogen zu konsumieren, kriminell und gewalttätig zu werden. Es ist dies mindestens eine tiefe Bindung zu einem Anteil nehmenden, reifen Erwachsenen, (einem Elternteil, einem Lehrer oder der Grossmutter). Eine reife Person also, die dem Jugendlichen das Gefühl vermittelt: «Ich sorge mich um dich, du kannst dich auf mich verlassen, du darfst dich bei mir weich und verletzlich zeigen.»

Michael Miedaner*Michael Miedaner (51) ist Sekundarlehrer, Erwachsenenbildner und Neufeld-Kursleiter. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Basel.

Michael Marti am Donnerstag den 16. Mai 2013

Hausmitteilung

Liebe Mamablog-Leserinnen, liebe Mamablog-Leser

Wir stehen vor einem Wechsel im Mamablog-Team. Die bisherige Team-Chefin Nina Merli wechselt zur «Blick»-Gruppe, wo sie als Co-Leiterin Lifestyle arbeiten wird. Wir möchten ihr an dieser Stelle ganz herzlich gratulieren und wünschen ihr viel Erfolg in der neuen Aufgabe.

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Nina Merli (l.) wird als Chefin des Mamablogs von Gabriela Braun (r.) abgelöst.

Nina Merli führte das Mamablog-Team seit Januar 2011, sie hat in dieser Zeit den Blog geprägt und bereichert – als Schreiberin, aber auch als verantwortliche Planerin, die Schwerpunkt-Wochen organisierte, spannende Carte-Blanche-Schreiberinnen und -Schreiber gewinnen konnte oder neue Gefässe konzipierte. Kurzum: Nina Merli schuf die Voraussetzungen dafür, dass der Mamablog sich weiterentwickeln konnte und seine Stellung als reichweitenstärkster Blog der Schweiz behauptete.

Was mich persönlich an der Bloggerin Nina Merli immer wieder von neuem beeindruckte: Wie sie auf der einen Seite mit ausrecherchierten Postings die Mamablog-Community kompetent über relevante, aktuelle Themen informierte. Und ebenso souverän auf der anderen Seite mit charmanten, witzigen Beiträgen ihre Leserinnen und Leser bestens unterhielt (zum Beispiel hier!).  Für beides gebührt Nina Merli unser grosser Dank.

Unsere neue Mamablog-Chefin ist eine Frau, die Sie alle bereits kennenlernen konnten. Ab 1. Juli übernimmt Gabriela Braun das Team, sie schreibt seit 2011 regelmässig für den Blog, und wir freuen uns sehr, dass wir Sie für die Leitung gewinnen konnten.

Ich hoffe, Sie, geschätzte Userinnen und User, weiterhin so zahlreich im Mamablog begrüssen zu können. Denn erst alle gemeinsam, die Mamablog-Community und das Autorinnen-Team, machen diesen Blog weiterhin zu einem der spannendsten Projekte im Schweizer Online-Journalismus.

Ihr Michael Marti

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti ist Mitglied der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» und Mitgründer des Mamablogs.

Nina Merli am Donnerstag den 16. Mai 2013

Zeit für eine Veränderung

Heute erscheint leider Nina Merlis letzter Text. Wir danken ihr für ihr Engagement als Leiterin des Mamablogs. Nina, wir werden dich vermissen! Alles Gute! Die Redaktion.

nina.emma

Ein Geben und Nehmen: Mamabloggerin Merli mit ihrer wichtigsten Inspirations-Quelle.

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Wie wahr. Ich sitze gerade an meinem Arbeitsplatz, vor mir mein Mamablog-Ordner, wo ich Notizen, Zeitungsartikel, Pressemitteilungen, allerlei Studien- und sonstiges Infomaterial abgelegt habe. Zur späteren Verwendung. Doch heute ist mein letzter Mamablog-Arbeitstag und der Zeitpunkt «spätere Verwendung» ist zu einem sehr konkreten und definitiven «Jetzt!» mutiert.

Seit Beginn meiner Schwangerschaft vor über eineinhalb Jahren habe ich hier Texte verfasst, die im weitesten Sinn unter den Begriff Mutterschaft fallen. Manche Beiträge waren aus meinem eigenen Leben gegriffen, wobei meine Tochter mir als wichtigste Inspirationsquelle diente – obwohl sie mich manchmal um meinen kostbaren Schlaf brachte und somit meine Gehirnleistung auf Sparflammen-Modus stellte. Die meisten Ideen stammten aber aus Begegnungen mit anderen, zum Teil mir völlig unbekannten Müttern, die sich als begeisterte Mamablog-Leserinnen herausstellten und mir mit ihren offenen und ehrlichen Schilderungen viele intime Einblicke in ihr Leben boten. Da war auch diese italienische Künstlerin, die lange in Damaskus gelebt hatte und mir ein Interview mit einer syrischen Mutter, die seit Monaten mit ihren Kindern auf der Flucht war, organisieren wollte. Ein Gespräch, das leider nicht zustande kam, weil die Mutter aus Angst vor Repressionen am Ende ihre Schicksalsgeschichte doch lieber für sich behielt.

Und heute sitze ich da, mit diesem Sammelsurium an Ideen und Gesprächsnotizen und bereue es, dass ich so vieles nicht schon früher veröffentlicht habe! Da war zum Beispiel dieser Artikel in der«Zeit» über eine dänische Schule, die den gesamten Stoff mittels Rollenspielen vermittelt. So erklärt etwa der Mathematik-Lehrer seiner Klasse das Gesetz der Auftriebskraft, in dem er – in ein weisses Gewand gehüllt – in die Rolle des Archimedes schlüpft. Der Nutzen dieser aussergewöhnlichen Lernmethode liegt laut dem Schulleiter Mads Lunau darin, dass die Rollenspiel-Methode viel näher am Arbeitsalltag sei als das klassische Unterrichtssystem. An herkömmlichen Schulen würden Schüler nur lernen, dass ein Lehrer sie anhand ihrer Leistungen bewertet, während einem hier vor allem Motivation für die Sache vermittelt werde. Tönt spannend, dachte ich, aber ob das tatsächlich funktioniert?

Oder da ist der E-Mail-Ausdruck eines Kollegen, der mir einen Link zu einem Artikel schickte, der der Frage nachging, wieso Schüler aus disziplinarischen Massnahmen vom Unterricht dispensiert würden – wo doch das Fernbleiben der Schule genau das Ziel von verhaltensauffälligen Schülern sei. Ausserdem führe die Suspendierung, zumindest für die Betroffenen, zu keinerlei Verbesserung, im Gegenteil. Auch dieses Thema müsste mal besprochen werden. Am besten mit einer Carte Jeune aus der Sicht eines suspendierten Schülers und eine Woche darauf aus der Perspektive seines Lehrers. Oder wie wärs mit einer Vertiefung der Idee einer Mutter, die in der «Huffington Post» einen iPhone-Vertrag zwischen ihr (als Besitzerin) und ihrem Sohn (als Benutzer) veröffentlicht hat. Ein Ansatz, der bei Teenager-Eltern mit Sicherheit eine Überlegung wert sein könnte. Wobei auch die im «Atlantic» besprochene These über den Vorteil von mehreren Ehemännern Diskussionspotenzial hat.

Und dann war da dieses Projekt, dass vor einigen Monaten von drei Müttern ins Leben gerufen wurde (und deren Pressemappe ich auch zur «späteren Verwendung» abgelegt habe). Die Zürcherinnen Claudia Scivoli Biafori, Gal Müller Proietto und Stephanie Berz haben ein Web-Radio gegründet, dass Kinder zwischen drei und zwölf Jahren unterhalten soll. Radiolino heisst das gemeinsame Baby. Statt Spongebob am Bildschirm gibts Märchen, Detektivgeschichten, Kinderlieder oder Minidisco. Und wenn die Kinder im Bett sind und die Eltern endlich ihre wohlverdiente Ruhe haben, ist auch am Radio fertig lustig: Dann kommt Happy Hour – ausgesuchte Musik für die Grossen. Auf der Website gibt es ausserdem Basteltipps, Informationen über Kinderbetreuungsprogramme oder Hinweise auf spezielle Kinderaktivitäten in verschiedenen Schweizer Städten.

Ausserdem wollte ich die besten Secondhand-Geschäfte für Kinderkleider zusammentragen, nachhaltig produzierte Kindermöbel vorstellen und auch die liebevollen «Love Notes» einer Mutter erwähnen, die ihren Kindern positive Botschaften in den Schulthek packt, um sie auf diesem Weg zu bestärken und ihnen zu zeigen, dass sie sie lieb hat. Lauter Projekte, die voller Herzblut sind und allemal wert hier im Mamablog genannt zu werden. Darum: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich werde meinen kostbaren Mamablog-Ordner meiner Nachfolgerin vererben, damit sie daraus aus dem vollen Schöpfen kann – und wer weiss, vielleicht werde ich ja den einen oder anderen Beitrag als Gastautorin auch selber schreiben können.

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 15. Mai 2013

Der Partykönig (Teil II)

Ein Papablog von Maurice Thiriet.

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Die Kindergeburtstagspartys in Seebach werden immer aufwändiger: Clown Koko bezaubert die Kinder. (Foto: Maurice Thiriet)

Kürzlich wurde an dieser Stelle der Neonatologe aus dem vierten Stock zum König der Seebacher Kindergeburtstagsfeiern ausgerufen. Seine Stockwerknachbarn, die Griechen, kamen in «Der Partykönig Teil I» nur am Rande vor. Sie beschwerten sich und kündigten an, den Partykönig zu stürzen.

Vergangenen Samstag fand die entsprechende Veranstaltung statt. Feiern die Griechen üblicherweise unter sich, weil andere Leute die Ausmasse griechischer Feste nicht verstehen können, waren dieses Mal auch der Neonatologe und der Berichterstatter samt Anhang eingeladen. Damit die mal sehen konnten. Sie sahen das Folgende:

Statt des kleinen Siedlungspavillons mieteten die Griechen den Festsaal des Gemeinschaftszentrums mit Bühne, Sound- und Lichtanlage. Statt 20 bis 30 Gästen luden sie 80 bis 100. Statt einer Tischbombe gab es eine Stunde Clown, live. Eigentlich hätten es zwei sein sollen, aber einer sagte kurzfristig ab. Statt einer Torte gab es zwei Torten, wovon eine ausreichte, um alle Gäste zu bedienen und allein der Kindertisch war an der Griechenparty so gross wie an herkömmlichen Partys alle Tische zusammen. Statt keines Sicherheitsdienstes war die Securitas engagiert. Und zwei Nannies, die die Kinder beschäftigten, wenn das nicht gerade der Clown tat.

Um den Umfang des Anlasses zu rechtfertigen, griffen die Griechen zu einem simplen Trick. Sie behaupteten, ihre beiden Kinder hätten am gleichen Tag Geburtstag und die Feier sei für beide Kinder gleichzeitig.

Der Neonatologe begriff in dem Moment, dass er als Partykönig abgelöst werden würde, als er den Festsaal des Gemeinschaftszentrums betrat und das Ausmass der Geburtstagstafel sah. Er liess sich nichts anmerken. Er schöpfte sich Pulpo-Salat, wie alle anderen. Er bedankte sich wie alle anderen, wenn man ihm unaufgefordert eine grosse Flasche Bier hinstellte oder griechischen Weisswein nachschenkte. Und er verfolgte wie alle anderen die Show von Kiko-Clown.

Aber wer ihn gut kennt, sah, dass es in ihm arbeitete. Er machte einen Plan zur Rückeroberung des Partykönig-Titels.

Kurz bevor er nach Hause ging, macht er einen Fehler und verriet mir seinen Plan: «Das nächste Mal bestelle ich die Feuerwehr. Grossbrandalarm. Zwei volle Löschzüge Berufsfeuerwehr und das Pikett Glattal. Nehmt das, Griechen!»

Unser Jüngster ist der nächste, der Geburtstag hat.

mauriceMaurice Thiriet ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Andrea Fischer am Dienstag den 14. Mai 2013

Meh Dräck

Mamablog_Dreck

Man kann es mit der Reinlichkeit auch übertreiben: Ein Mädchen erfreut sich am Matsch. (Foto: Flickr/au_tiger01)

Die Leute schauen eben halt schon ganz genau, besonders wenn man so viele hat. Das sagte mir mal eine Bekannte, Journalistin und Mutter von acht Kindern, die in einem Dorf wohnt und sich ein Bein ausreisst, dass ihre Kids immer tip top und sauber gekleidet sind. Ihre Überzeugung: Wenn man viele Kinder hat und dann noch arbeitet, lauern die anderen Mütter wie Aasgeier auf Zeichen dafür, dass man es eben doch nicht im Griff hat mit der Hygiene und so.

Und wie ist es, wenn man nur zwei Kinder hat? Nicht wahnsinnig anders, wenn ich es mir überlege. Obwohl ich sicher bin, dass mir niemand auflauert, um zu prüfen, wie ich es mit der Sauberkeit meiner Kinder halte. Ausser eben ich selber.

Solange man mit anderen Eltern zusammen ist, die in etwa gleich viele und gleich alte Kinder haben, sind ja alle ganz entspannt. Aber wehe, man ist mal bei kinderfreien Menschen in stilvoller Umgebung eingeladen und realisiert, dass das Kind ein grün verkrustetes Nasenloch hat. Und Trauerränder unter den Nägeln und einen Zahnpasta Fleck gleich neben dem Spaghetti Fleck auf dem T-Shirt. Plötzlich ist da dieses fiese Schmuddelgefühl.

Also plagt man das Kind mit einem Taschentuch, rubbelt an seinem Shirt rum, schwätzt ihm einen Pulli auf. Der, Mist!, leider auch einen Fettfleck hat, welcher trotz VergissFleckenVertrauPink nicht ausgeht in der Wäsche. Seufz. Wie macht die Frau in der Werbung das bloss, wenn sie den Grauschleier von ihrem Leben zieht dank einem Waschmittel? Und wie hiess das Zeug schon wieder? Her damit!

Aber was ist am ganz normalen Alltagsdreck eigentlich so schlimm? Jetzt sind meine Kinder doch grösser und achten selber auf ihr Äusseres, pflegen Haare und Nasenlöcher anstandslos. Und trotzdem: Meine innere Sauberfrau sieht rot, wenn mein Sohn morgens aus dem Haus schlüpfen will, bevor ich etwas zu seiner versifften Trainerhose sagen konnte. Er hasst die Sauberfrau. Und er hat recht. Schliesslich macht eine neue Hose heute einfach keinen Sinn. Heute ist doch Fussball in der Pause. Und heute ist essen angesagt. Und Klettern. Und Werken. Lohnt sich echt nicht.

Trotzdem bestehe ich darauf und frage mich, warum eigentlich. Meinen Sohn macht es nicht glücklicher und gesünder schon gar nicht. Dass ein gerütteltes Mass an Bazillen und Co gut sind als Training der Immunabwehr und als Schutz gegen Allergien, Asthma und allenfalls sogar gegen Typ-I-Diabetes, zeigen und untermauern immer neue Studien seit Jahren. Die keimfreie Kinderhaltung macht keinen Sinn, auch wenn das offenbar noch nicht immer nicht angekommen ist in der öffentlichen Wahrnehmung und Desinfektionsmittel zum Schutz der Kinder boomen.

Aber darum geht es auch gar nicht. Flecken sieht man eben im Gegensatz zu Keimen. Und Rotz auch. Und sie sind eine Sichtbarwerdung der Tatsache, vermeintlich oder nicht, dass wir als Mütter es nicht im Griff haben. Weil wir arbeiten. Oder zu viele Kinder machen oder sonst unfähige Egoisten sind. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist nur, dass irgendetwas in uns den Blödsinn offenbar glaubt. Ein Gehirnwäschemittel für uns Mütter wäre daher vermutlich eine weit gesündere Lösung des Problems, als die Entwicklung immer ausgeklügelterer automatischer Seifendispenser mit Keimfrei-Garantie.

Und hier noch der Tipp der Woche von Sauberfrau Frau F:

Wenn Kinder ihre dreckigen Kleider nicht in die Wäsche geben wollen, hilft es, sie zu bitten, alle Kleider im Zimmer aufzuräumen. Plötzlich wandert blitzartig der halbe Schrank in die Wäsche, ob dreckig oder nicht.