
Sind Kinder von Natur aus rassistisch?
Haben Sie gewusst, dass Bildungprogramme am Fernsehen aus Kindern gewieftere Bullys machen? Dass ethnisch gemischte Schulklassen Rassismus in keiner Weise zu verhindern helfen? Oder dass sogenannt pädagogisch wertvolle Kinderbücher etwa über Geschwisterbeziehungen den ewigen Streit im Kinderzimmer nicht schlichten sondern eher verschärfen? Nein? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Und das erklärt auch, warum das Buch «NurtureShock: Why everything we think about raising our kids is wrong» kaum auf dem Markt, zum Bestseller avanciert ist. Die beiden Autoren Po Bronson und Ashley Merryman stellen gängige Erziehungsweisheiten auf den Kopf, entlarven Sie als erwachsenes Wunschdenken und haben damit einen erheblichen Medienrummel ausgelöst.
Die Idee zum Buch entstand, als Journalist Po Bronson 2002 auf eine Reihe von Studien der Stanford Universität stiess, welche aufzeigten, dass Studenten, die täglich mehrmals für ihre Intelligenz und Schulleistungen gelobt wurden, darauf mit Motivationsproblemen und Risikoscheuheit reagierten. Er fragte sich, ob er seine Kinder wohl auch zu oft und falsch lobe, nahm sich Besserung vor und entdeckte dabei Folgendes: «Meinem Sohn fehlte das häufige Lob überhaupt nicht, aber mir fehlte das Loben. Ich realisierte, dass ich via Lob nicht erzog sondern kommunizierte: Ich teilte dem Kind meine Liebe mit. Ich entkoppelte das Lob von seiner erzieherischen Funktion und missbrauchte es, um mich als guter Vater zu fühlen.» Daraufhin habe er nach weiteren Erziehungsmythen gesucht und geschockt feststellen müssen, dass Erziehungsratgeber, Präventionsprogramme und die gutgemeinte Pädagogik Kinderprobleme oft mit einer Medizin für Erwachsene lösten.
Die beiden Autoren haben sich für das Buch durch 200′000 Seiten wissenschaftliche Arbeiten geackert und die grössten Erziehungsirrtümer aufgelistet. Es soll demnächst in einer Übersetzung auf den deutschsprachigen Markt kommen. Hier die interessantesten Erkenntnisse schon mal vorweg:
- Präventionsprogramme in Schulen zeigen oft nicht die gewünschte oder gar keine Wirkung: Eine Studie über den Wirkungsgrad eines der teuersten und langfristigsten amerikanischen Anti-Drogen-Programms in Highschools bewies, dass die Prävention überhaupt keine Langzeitwirkung zeitigte. Teenager schlucken Drogen unter anderem, um sich gegen Autoritäten aufzulehnen - etwa gegen die Autorität, von der die Prävention kommt.
- Freud liegt falsch, Shakespeare richtig: Geschwister streiten sich nicht um die elterliche Aufmerksamkeit, sondern schlicht und ergreifend um Dinge. Weder der Altersabstand noch das Geschlecht hat einen grossen Einfluss auf den Streitpegel im Kinderzimmer, sondern einzig und allein, ob das ältere Kind gern und gut mit Gleichaltrigen gespielt hat, bevor das Geschwister geboren wurde.
- Kinderbücher, die Bullying und Mobbing im Kindergarten thematisieren, scheitern an ihrer didaktischen Vorlage. Die Kinder tendieren dazu, die gezeigten Mobbing-Strategien zu imitieren und nicht die Rezepte dagegen.
- Die Annahme Kinder seien «farbenblind» und würden Kameraden anderer Ethnien und aus anderen Kulturen automatisch akzeptieren, wenn man sie nur gemeinsam in Schulklassen erzieht – ist nichts als Wunschdenken. Ebenso wenig stimmt laut Studien, dass Kinder keine Vorurteile gegen Andersartige entwickeln, wenn man sie nur möglichst multikulturell grosszieht. Im Gegenteil: Kinder haben eine inhärente Tendenz sich von andersartigen Kameraden zu distanzieren, weil sie durch Abgrenzung die eigene Identität suchen. Integration allein sei also keine wirkungsvolle Rassismusprävention. Wer Rassismus vermeiden will, müsse, so die Autoren, Kultur-, Religions- und ethnische Unterschiede möglichst früh herausstreichen und schon mit Dreijährigen darüber reden.
- Gelegentliches Lügen und Schummeln ist kein Zeichen mangelnden Anstandes sondern ein Zeichen von emotionaler und sozialer Intelligenz.
- Krach mit dem Teenager ist gesund: Eltern sollten dem Frieden zuliebe Auseinandersetzungen nicht meiden. Denn Auseinandersetzungen geben den Teens ein Gefühl der Selbständigkeit und sind eine willkommene Gelegenheit, den Eltern die Wahrheit zu sagen.
- Jede verlorene Stunde Schlaf verschlechtert die Leistungskapazität von Schulkindern (siehe Blog von letzter Woche). Ein Förderungskurs weniger zugunsten einer Stunde Schlaf mehr, ist billiger und wirkungsvoller.
Sind Sie jetzt geschockt? Oder überraschen Sie die neuen Erkenntnisse gar nicht so sehr?






Nicole Althaus ist Autorin und freie Journalistin in Zürich. Seit beinahe zehn Jahren betreibt Nicole Althaus Feldforschung in der eigenen Familie: Die Autorin ist verheiratet und Mutter zweier Mädchen im Alter von 10 und 6 Jahren.
Michèle Binswanger hat Philosophie und Germanistik studiert, war als Künstlerin und Kletterin tätig und ist heute Redakteurin bei Tagesanzeiger/Newsnetz. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter (8) und ihrem Sohn (5) in Basel. 











































































