Wir fordern: Schluss mit Kameras in den Schulen!

Andrea Fischer Schulthess am Freitag, den 21. November 2014
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Wir wollen mitreden! Gruppenfoto der «Zürichind»-Redaktion im Quartierzentrum am Sihlquai. Foto: Adrian Ochsner (Zürichind/pd)

Die Stadt Zürich spart. Unter anderem bei der Kinder- und Jugendpartizipation, also beim Mitspracherecht. Und zwar auch in Fragen, welche die Kinder durchaus sehr direkt betreffen, wie etwa zu Schulen und Spielplätzen. Das, obwohl das Bedürfnis nach Mitsprache bei Kindern sehr gross ist und sie rege davon Gebrauch machen. Dies habe ich immer wieder persönlich erlebt, unter anderem als Redaktionsleiterin der Kinderzeitung «Flipflop», die nun eingestellt wird, wie auch beim Abschlussprojekt der Stelle Mega!phon anlässlich des gestrigen Tages der Kinderrechte.

Die Stelle für Kinder- und Jugendpartizipation Mega!phon, die per Ende Jahr aufgehoben wird (siehe Artikel), gab 25 Kindern nochmals die Chance, ihre Anliegen zu formulieren und festzuhalten. Kernthemen waren Aussenräume, Schulanlagen, Persönlichkeitsrechte/Privatsphäre und Wohnen. Diese trockenen Begriffe aus der Erwachsenensprache sind von den Kindern mit Leben gefüllt worden – und mit Wünschen und Forderungen. Zwei Tage lang wurde diskutiert, geforscht, gefragt, gebastelt, geschrieben, gezeichnet und fotografiert.

Das Extrakt dieser beiden Tage wird Mitte Dezember in einem von den Kindern geschriebenen und mitgestalteten Magazin («Zürichind») an die zuständigen Stellen verteilt – als Reminder daran, dass Kinder im städtischen Umfeld zunehmend durch Sicherheitskonzepte und Ängste der Erwachsenen eingeschränkt werden. Und auch als kleines, farbenfrohes Nachschlagewerk für alle Interessierten. (Das Magazin kann vorbestellt werden bei megaphon@zuerich.ch).

Hier jedenfalls die wichtigsten Forderungen der Kinder – einige sind durchaus auch als klare Botschaften an uns Eltern zu verstehen:

  1. Wir wollen keine Kameras in Schulen!
  2. Wir wollen nicht ungefragt fotografiert werden!
  3. Infos und Bilder von uns dürfen nicht ohne unsere Erlaubnis benutzt werden (z. B. auch nicht auf Facebook gestellt)!
  4. Wir wollen bei der Gestaltung unserer Zimmer und beim Bau von Siedlungen mitreden!
  5. Wir wollen mitreden bei unserer Freizeitgestaltung!
  6. Wir wollen mehr Platz!
  7. Wir wollen bei der Spielplatzgestaltung mitreden!
  8. Wir wollen mitreden bei der Planung von Schulhäusern und bei den Schulregeln!
  9. Wir wollen gemütlichere Schulen mit mehr Holz und Farben!

Höhepunkt des Anlasses war ein Podiumsgespräch, bei dem die Kinder ihre Anliegen direkt vortragen konnten. Zürcher Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung und Politik nahmen dazu Stellung und diskutierten die Forderungen und Fragen mit den Kindern. Anwesend waren Janis Willuweit (Spielplatzverantwortlicher von Grün Stadt Zürich), Claudia Kaufmann (Ombudsfrau der Stadt Zürich), Christine Seidler (Gemeinderätin SP), Monika Bachmann (Vertreterin der Liegenschaftenverwaltung), Ueli Lindt vom Amt für Hochbauten der Stadt Zürich, Pascal Kreuer (Leiter der Kinder- und Jugendpartizipation Mega!phon) sowie eine Vertreterin der Schulhausplanung der Stadt Zürich.

Immerhin hat Gemeinderätin Christine Seidler (SP) versprochen, das Fazit der Runde zu beherzigen und einen entsprechenden Vorstoss bei der Stadt zu lancieren. Die Mitsprache von Kindern soll nicht sang- und klanglos verschwinden. Auch Claudia Kaufmann, Ombudsfrau der Stadt Zürich, hat dazu ermutigt, diese sogar noch verstärkt zu institutionalisieren und explizit Kinder und Erwachsene darum gebeten, sich bei ihr zu melden, sollten wichtige Anliegen ungehört bleiben.

Am 10. Dezember geht die Bildungsdebatte im Gemeinderat weiter – die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

 

Die Geheimsprache der Eltern

Gabriela Braun am Donnerstag, den 20. November 2014
Wir sind gleich da = Es geht noch ewig...: Stau am Gotthard. (Keystone/Urs Flueeler)

Wir sind gleich da = Es geht noch ewig...: Stau am Gotthardtunnel. (Keystone/Urs Flueeler)

Vor ein paar Wochen ging es hier um die Teenager-Geheimsprache. Es ging um Sätze, die Jugendliche sagen – und was sie wirklich bedeuten. Etwa, dass ein «vielleicht» ganz einfach Nein heisst. Oder ein «Hmmm» zugleich Ja/Nein/Vielleicht/Lass mich in Ruhe meinen kann.

Doch auch Eltern haben ihre Codes. Sie geben häufig Sätze von sich, die etwas anderes aussagen als sie eigentlich meinen. Man könnte es als schwindeln bezeichnen, die Sätze nüchtern als Lügen abtun, doch die meisten Mütter und Väter würden sie nie so nennen. Da man es ja bloss gut meint, für das Kind das Beste will – und man quasi im hehren Auftrag des Erziehers handelt.

Den einen oder anderen der folgenden 10 Sätze hat deshalb wohl jeder schon mal so oder ähnlich zu seinen Kindern gesagt – ohne ihn wörtlich zu meinen:

  • Mmm, ist das Essen fein! = Iss endlich das Gemüse.
  • Alle Spieler von Borussia Dortmund essen vor dem Match eine Birne! = Iss diese Frucht (wirkt angeblich immer).
  • Wir sind gleich da = Es geht noch ewig...
  • Tim, Emilia und Louisa müssen jetzt auch ins Bett = Keine Ahnung, wann alle anderen schlafen gehn, aber du gehörst jetzt ins Bett!
  • So. Ich zähle auf drei und dann geh ich = Komm endlich! (Und natürlich würde ich dich nie einfach so stehenlassen.)
  • Super Zeichnung! = Also für einen Blinden ohne Arme und Beine
  • Die Mutter deiner Freundin hat in einigen Dingen eine ganz andere Meinung als ich. Aber das ist ja das Schöne auf der Welt, dass wir alle so vielfältig sind = Blöde Kuh.
  • Deine Noten sind nicht so wichtig. Hauptsache, du hast dir Mühe gegeben = Unterschwellige Panik!
  • Klar, man kann auch Profi-Fussballer werden = Toll, wie du den Ball kickst, doch für eine Fussballerkarriere reicht es nicht.
  • Aber ja, Mami und Papi gehen auch bald zu Bett = Ha, wäre ja gelacht, jetzt fängt unser Leben erst an!

Liebeserklärung

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 19. November 2014

Ein Papablog von Nils Pickert*

Sie und ich, das ist noch immer der Plan: Catherine und Heathcliff in Sturmhöhen. (PD)

Sie und ich, das ist der Plan: Richard Armitage und Daniela Denby-Ashe in «North And South». (BBC)

Wenn man wie ich in einer Langzeitbeziehung lebt und auch noch gemeinsame Kinder hat, gehört man zu einer gefährdeten Spezies. Zumindest fühlt es sich so an. Jenseits des verflixten siebten Jahres geht so manchem befreundeten Paar die Luft aus und die Kinder fangen an, einen zu fragen, ob und wann man sich denn auch einmal trennen wird. Überall lauern Artikel, die davon berichten, wie unfassbar schwierig es ist, die Explosivität von sexuellen Begegnungen zu Anfang einer Beziehung mit der Intimität einer dauerhaften Partnerschaft zu verbinden. Der Wunsch nach beidem scheint jedenfalls bei den meisten Paaren vorhanden zu sein. Der Anspruch, ein Recht darauf zu haben, auch.

Und über den Running Gag der Beziehung, man sei ja nur noch wegen der Kinder zusammen, hat man zuletzt vor sehr langer Zeit gelacht. Inzwischen fragt man sich eher, wieso man ständig diese Behauptung aufstellt und dann wie bei diesen furchtbaren Frühstücksradiosendungen und Stefan Raab in sie hineinlacht, damit die Freunde wissen, dass sie gefälligst mitzulachen haben. Wahrscheinlich möchte man sich an ihren ungläubigen Mienen aus der eigenen Unsicherheit herausmogeln. Funktioniert aber nicht.

Eine Langzeitbeziehung zu führen, ist also alles andere als einfach. Nicht nur, dass der Alltag einen auffrisst – inzwischen verkörpert man selbst den Alltag. Helmut Kohls Kanzlerschaft? Jahrtausendwende? Reichstagsverhüllung? Alles schon gemeinsam erlebt. Manche Dinge sind mittlerweile sogar zu lange her. Über den ersten gemeinsamen Sex herrscht beispielsweise Uneinigkeit, wo er stattgefunden hat. Die Sicherheit darüber, dass er überhaupt stattgefunden hat, grenzt an ein Wunder. Und Wunder sollte man nicht leichtfertig abtun. Daher erscheint es mir nach 18 Jahren, 3 Kindern, 6 Wohnungen, diversen Frisuren, Körperformen, Einkommenssituationen und überwundenen Krisen allerhöchste Zeit für eine (erneute) Liebeserklärung.

Geliebtes Wesen

1. Ich danke dir dafür, dass ich mit dir an meiner Seite nicht der Versuchung erliegen kann, meine eigene Biografie vor mir und neuen Bekanntschaften aufzuhübschen. Jeder Impuls, mich nachträglich beliebter, erfolgreicher und machtvoller zu erinnern, als ich in Wirklichkeit gewesen bin, verpufft durch deine schiere Existenz. So hat mich unter anderem ein blosses Augenrollen von dir zu zahlreichen Gelegenheiten, bei denen ich damit prahlen wollte, was für ein unfassbar cooler Typ ich früher war, wieder ganz kleinlaut werden lassen. Immerhin warst du damals ja dabei (siehe Helmut Kohls Kanzlerschaft). Weil du an meiner Seite bist, widerstehe ich der Verlockung, Freunde und Familie als Zeugen meines Scheiterns, meiner Kleinlichkeiten und meiner Schwäche zu eliminieren, um mich irgendwo in den Augen von irgendwem neu zu erschwindeln (In your face, midlife crisis!).

2. Ich liebe dich für jeden einzelnen unserer kleinen Insider: Der Wein mit der Pille ist im Becher mit dem Fächer?

Der Becher mit dem Fächer: Szene aus «Der Hofnarr». (Youtube)

Fertig ist fertig: Szene aus «Rosanne». (Youtube)

Weisselt, ihr Jungfrauen, weisselt? Milchtütenmassaker?
Darüber denke ich mit dir morgen nach – auf Tara! Jeder gemeinsame Witz, jede Referenz, die nur wir verstehen, ist Nahrung für unsere Beziehungsseele. Da man auf die mittlere bis lange Distanz zu verhungern droht und Beziehungen erschreckenderweise oft die Tendenz haben, von alleine schlechter zu werden, ist jedes uns eigene Verstehen ein Schlag gegen das grassierende Beziehungsmissverständnis. Dass Dinge kaputtgehen und Menschen verletzt werden, lässt sich nicht verhindern. Die Frage ist, was man anschliessend daraus macht.

3. Du bist die beste Mutter, die ich mir für meine Kinder nur wünschen kann. Eigentlich noch besser. Ohne dich wären die nicht so cool. Denn seien wir ehrlich: Ich bin ein Schisser. Ein Sorgenvater, ein Panikschieber, ein «Ich guck mal nach, ob das Baby noch atmet»-Typ. Ohne dich wären die Kinder nie auf Bäume geklettert und würden uns zum Frühstück kein Rührei machen. Alles viel zu gefährlich. Zumindest in meiner Welt. In deiner ist das alles möglich.

4. Ich freu mich darauf, mit dir erwachsen zu werden … irgendwann. Du machst das nämlich ganz wunderbar, mit Selbstbewusstsein und ohne die Fähigkeit zu verlieren, über dich selbst lachen zu können. Dann sind wir jetzt halt spiessig. Dann schauen wir eben «Kulturzeit» und hören Deutschlandradio. Dann haben wir nun auch viel zu verlieren. Bei dir sieht das nach Spass aus. Wenn ich dir dabei so zusehe, traue ich mich ja vielleicht auch.

5. Sex? Ach ja, der alte Elefant im Beziehungsporzellanladen. Manchmal trompetet er uns erschreckend laut in die Ohren: Ich bin wichtig! Macht etwas mit mir! Was ist bloss los mit euch!
Halt dein Maul, Rüsseltier!!! Sie und ich, das ist immer noch der Plan. Gerne auch im Bett. Oder im Badezimmer. Oder im Auto auf dem Weg nach … aber das gehört hier jetzt wohl nicht her.

Bleibt nur noch eine Frage zu klären, Geliebte. Willst du weiterhin mit mir gehen? Kreuz bitte an:

( ) ja
( ) nein
( ) vielleicht

pickert150x150*Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.

Kinderfabriken bevorzugt

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 18. November 2014

Ein Gastbeitrag von Monika Zech*

KINDERTAGESSTAETTE, KITA

Wieso gibt es in Zürich Subventionen nur für Kitas mit mehreren Gruppen? Mittagessen in einer Kindertagesstätte. Foto: Matthias Rietschel (AP, Keystone)

Was unterscheidet ein Kind von einem Kalb? Logisch, ein Kind ist ein Mensch und ein Kalb ist ein Tier. Und im Gegensatz zu dem armen Kälbchen wird das Kindchen nicht gefressen. Also, was soll diese Frage?! Nun, während man bei den Nutztieren endlich zum Schluss gekommen ist, dass die Massenhaltung dem Tierwohl nicht eben förderlich ist, scheint diese Einsicht bei der Haltung der Kinder nicht überall vorhanden zu sein. Stichwort Subventionen. Mit der jüngsten Agrarreform wurden auch die Bedingungen für die staatlichen Beiträge an die Landwirtschaft geändert: Heute bekommt nicht mehr der Bauer am meisten Zuschüsse aus der Staatskasse, der die grösste Viehherde hat, sondern derjenige, der in Sachen Ökologie und Nachhaltigkeit die Nase vorn hat. Vereinfacht kann man also sagen: Tierfabriken sind pfui, Kleinbetriebe hui.

Anders handhabt das die Stadt Zürich bei den Kindertagesstätten, kurz Kitas genannt. Ob die Stadt ein bisschen was dranzahlt an die Kosten für den Kitaplatz, dafür ist in erster Linie das Einkommen der Eltern ausschlaggebend. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Ebenso wenig dagegen, dass die Eltern den Beitrag erhalten und nicht die Kita. Wer aber glaubt, dass damit die Eltern die Betreuungseinrichtung für ihr Kind auch frei wählen können, irrt.

Dazu das Beispiel einer privaten Kita in Zürich, die vor vier Jahren von zwei Frauen gegründet wurde. Diplomierte Kleinkindererzieherin die eine, Kindermaltherapeutin die andere. Die beiden Frauen haben nicht nur viel Geld in ihr Unternehmen gesteckt, sondern auch viel Herzblut. Ihr eigener Lohn ist klein, weil sie Wert legen auf professionelles Betreuungspersonal und auf eine anständige Bezahlung desselben. Selbstverständlich haben sie ein pädagogisches, von der Krippenaufsicht für gut befundenes Konzept vorzuweisen. Sie dürfen Lehrlinge ausbilden und tun das auch. Die Eltern sind offenbar sehr zufrieden mit dieser Kita, denn die allermeisten Anmeldungen gehen ein wegen Mund-zu-Mund-Propaganda.

Leider kommt es aber immer wieder vor, dass die beiden Betreiberinnen Eltern abweisen müssen. Nicht etwa, weil sie keinen Platz mehr hätten, sondern weil sie keine subventionierten Plätze anbieten können. Grund: Die Kita ist mit nur einer Gruppe zu klein. Gemäss den Bestimmungen des Sozialamts der Stadt Zürich gelten Kitas mit nur einer Gruppe als nicht wirtschaftlich. Auch wenn sie alle anderen Vorgaben erfüllen, die für eine gute Betreuung ihrer Schützlinge wirklich relevant sind – die Eltern erhalten für einen Platz in einer solchen Kita keinen Rappen aus der Staatskasse. Für wirtschaftlich professionell und damit subventionswürdig erachtet die Zürcher Behörde, anders als jene in Basel und Bern, nur Kitas mit mehreren Gruppen. Um vom Kind auf das Kalb zurückzukommen: Schön, dass wenigstens beim Kälbchen die Massenhaltung ein Auslaufmodell ist.

Monika*Monika Zech war von 2005 bis 2010 Chefredaktorin bei «Wir Eltern». Heute arbeitet sie als freie Journalistin sowie als Redaktorin bei der «Tierwelt». Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Grossmutter von drei Enkelkindern und aufgewachsen mit neun Geschwistern.

Darf man sein Kind alleine zu Hause lassen?

Jeanette Kuster am Sonntag, den 16. November 2014
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Die Ansichten darüber, ab welchem Alter Kinder unbeaufsichtigt daheimbleiben können, gehen weit auseinander. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Darf man ein sechs Jahre altes Kind alleine zu Hause lassen? In England wird über diese Frage gerade heftig diskutiert, seit die «Sunday Times» von einer Mutter berichtet hat, die ihren sechsjährigen Sohn für eine knappe Stunde unbeaufsichtigt gelassen und dafür eine polizeiliche Verwarnung samt Eintrag ins Strafregister bekommen hat.

Ereignet hat sich der Vorfall bereits vor acht Jahren. Erzählt hat die Frau die Geschichte jetzt, weil sie aktuell dafür kämpft, den Eintrag endlich aus dem Strafregister entfernen zu lassen. Schliesslich sei ihrem Kind damals nichts passiert. Tatsächlich wurde die Polizei alleine deshalb auf den Vorgang aufmerksam, weil jemand an der Tür geklingelt, den Jungen alleine vorgefunden und das Verfehlen der Mutter gemeldet hatte.

Ein Gesetz, das englischen Eltern vorschreiben würde, ab welchem Alter sie ihre Kinder alleine zu Hause lassen dürfen, gibt es zwar nicht. Aber Mütter und Väter können rechtlich verfolgt werden, wenn sie ihr Kind «unbeaufsichtigt lassen und dabei in Kauf nehmen, dass es unnötig leidet oder sich verletzt». Viel zu schwammig formuliert, findet nun der Liberaldemokrat John Hemming, und fordert die Regierung auf, klare Regeln zu erlassen. «Ich habe meine Tochter, als sie zehn war, alleine mit dem Zug von Birmingham nach Devon fahren lassen. Sie musste nicht umsteigen und wurde am Endbahnhof abgeholt. War das akzeptabel?», fragt er. Um solche Fragen beantworten zu können, brauche es eine Debatte und eindeutige Gesetze.

Einfach dürfte diese Diskussion nicht werden. Denn bei dem Thema gehen die Meinungen extrem auseinander, wie ich vor kurzem selber erfahren habe. Es war der erste Schultag nach den Herbstferien und ich begleitete meine Tochter aus unserer Wohnsiedlung hinaus, bevor ich mich ins Büro verabschiedete. Das Nachbarsmädchen lief mit seiner Oma neben uns, und nach ein paar Metern fragte diese mich ganz nebenbei, ob mein Sohn noch im Bettchen liege und schlafe. Ich schaute sie leicht verwirrt an und verneinte, der sei schon in die Kita gegangen mit dem Papa. Ausserdem würde ich ihn ganz sicher nicht alleine zu Hause lassen. Worauf die ältere Frau sagte: «Stimmt, er ist vielleicht schon etwas zu gross dafür.»

Ich war perplex. Da sagte mir jemand in vollem Ernst, dass man ein Baby ruhig mal eine halbe Stunde oder länger alleine zu Hause lassen könne. Für mich absolut unvorstellbar. Das musste eine Generationensache sein, dachte ich mir. Bis ich die Geschichte wenig später einer befreundeten jungen Mutter erzählte und diese mir – ohne übermässig überrascht zu sein – sagte, dass sie einige gleichaltrige Mütter kenne, die ihre Babys alleine zu Hause liessen, während sie die Grossen in den Kindergarten begleiten.

So viel also zu meiner «Das war früher mal so»-Theorie. Offenbar haben im Gegensatz zu mir viele kein Problem damit, ihr Baby alleine zu lassen. Das Kind schläft ja und kann sich noch nicht fortbewegen, folglich auch nichts Gefährliches anstellen. Bloss: Was ist, wenn es aufwacht? Und schreit und schreit, ohne gehört zu werden?

Und wie sieht es bei älteren Kindern aus: Ab welchem Alter kann man ein Kind mit gutem Gewissen über längere Zeit alleine zu Hause lassen? Die englische National Society for the Prevention of Cruelty to Children empfiehlt, dies erst bei Zwölfjährigen zu tun. Das scheint mir sehr vorsichtig formuliert, wobei ich bei dieser Altersgruppe noch nicht wirklich mitreden kann. Klar ist für mich jedoch, dass ich meine Fünfjährige nicht unbeaufsichtigt in der Wohnung lasse. Beziehungsweise maximal für fünf Minuten, während ich mal eben schnell in den Keller oder zum Briefkasten gehe.

Alleine draussen spielen darf sie hingegen schon. Warum? Weil sie von dort jederzeit zu mir nach Hause kommen kann, also selbst bestimmt, wann sie wieder in ihren sicheren Hafen zurückkehren will. Würde ich weggehen und sie zurücklassen, könnte sie das nicht tun und wäre ganz auf sich gestellt, bis ich wieder auftauchen würde. Und dafür ist sie definitiv noch zu jung.

Was ist Ihre Meinung dazu? Darf man Babys und Kleinkinder mal eben eine Stunde alleine zu Hause lassen? Oder sind erst Zwölfjährige reif genug, um auf sich selber aufzupassen?


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