Leben


Mamablog-Redaktion am Freitag den 27. Januar 2012

Kampf der Baby-Beule

Eine Carte Blanche von Meredith Nash*

jessica simpson

Drei Figuren, eine Frau (v. l.): Jessica Simpson als Schauspielerin «The Dukes of Hazzard» (2005), als Sängerin auf der Bühne 2009 und als Schwangere an einer Party am 6. Januar 2012. (Bilder: AFP, PD)

Wie bei den meisten weiblichen Stars machen die Medien auch Jessica Simpsons Promi-Status von ihrem Gewicht abhängig. Wurde die Sängerin 2005 für ihren heissen Körper, den sie bei ihrem Schauspieldebut in «Dukes of Hazzard» grosszügig in Szene setzte, noch ausgiebig gelobt, empörte sich die Klatschpresse knapp vier Jahre später an ihren zugelegten Pfunden. Von «Jumbo Jessica» war die Rede («US Weekly»), das «People»-Magazin titelte bitterbös und ironisch «Wow! Jessica Simpson debütiert mit neuen Kurven» und «OK!» liess die angegriffenen Sängerin zu Wort kommen («Ich bin nicht fett!»)

Simpsons Erfahrungen mit den Medien definiert in in vielerlei Hinsichten den gnadenlosen Soundtrack, der das moderne, weibliche Dasein ständig begleitet– iss weniger, treib mehr Sport, sei nicht fett!

Die Schwangerschaft war bisher die seltene Periode im Leben einer Frau, in der sie mit dem Trainieren und Kalorienzählen aufhören konnte. Doch wie haben sich die Zeiten geändert! So wird Jessica Simpson, die zurzeit zum ersten Mal schwanger ist, genauestens unter die Lupe genommen und als «fett» abgestempelt. Wilden Spekulationen zufolge soll die 31-Jährige bis zum Geburtstermin 30 Kilo zulegen, weil sie bisher angeblich schon 15 Kilo zugenommen haben soll — ausser sie schafft es, ihr Gewicht unter Kontrolle zu bekommen.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von Us Weekly, 2009.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von «Us Weekly», 2009.

Doch die neue Strenge gegenüber der Gewichtszunahme während der Schwangerschaft hat sich auch ausserhalb der Grenzen Hollywoods etabliert.  Eltern-Magazine sind voll mit Artikeln, die die besten Sportarten zur  Bauch-Bekämpfung anpreisen, am TV werden schwangerschaftskonforme Sit-ups präsentiert, genauso wie Diskussionen zu Marathonläufen im achten Schwangerschaftsmonat oder Tipps, wie man selber hungern kann, ohne dem Ungeborenen zu schaden.

Die Schwangerschaft ist zum «Ground Zero» der Fettleibigkeit mutiert. Man liest Schlagzeilen über schwangere Frauen, die ihre Föten auf  Fettleibigkeit programmieren, wenn sie eine Tafel Schokolade auch nur anschauen. Schwangere werden aufgefordert, täglich nur 200 bis 300 Kalorien zusätzlich zu sich zu nehmen und Geburtshelferinnen ermahnen sie, jeden einzelnen Bissen akribisch zu überdenken.

Früher wurde Frauen, die rauchten, tranken oder  Drogen konsumierten «fötaler Missbrauch» vorgeworfen. Heute hat ein Extrastück Kuchen das gleiche moralische Gewicht. Und die Frauen haben Angst. Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass eine von fünf  Schwangeren dachte, es sei eine gute Idee, Mahlzeiten zu überspringen. Alles nur, um dünn zu bleiben. Elternforen sind voller weiblicher Kommentare, die entweder selbstgefällig von ihren Siegen in der Baby-Beulen-Schlacht berichten – oder unter Tränen ihre Niederlagen eingestehen.

Einst sah eine gesunde Schwangerschaft drei Mahlzeiten pro Tag vor. Heute kommt auch nur ein Gramm über der 10-Kilo-Grenze einer krankhaften Fettleibigkeit gleich. So ist es nicht erstaunlich, dass schwangere Frauen immer häufiger Essstörungen entwickeln. Pregorexia (das krankhafte Kalorienzählen) ist das neueste Gesundheitsrisiko für die Mütter der nächsten Generation. Dicksein ist der neue Mutter-Alptraum und die Schwangerschaft sozusagen der Kriegszustand mit dem eigenen Körper.

Das Erschreckende an diesem Phänomen ist, dass die Sorgen über das Dicksein mit der Geburt nicht aufhören. Sobald das Baby da ist, fühlen sich Frauen gezwungen, die Spuren ihrer Schwangerschaft auszuradieren. Auch hier übernehmen Promi-Mütter eine Vorbild-Funktion. Jessica Simpson ist angeblich dermassen unzufrieden mit ihrer rasanten Gewichtszunahme, dass sie einen 3-Millionen-Dollar-Vertrag mit Weight Watchers unterschrieben hat, um nach der Geburt möglichst schnell «wieder auf die Beine zu kommen».

Die Frage, die wir uns stellen müssen: Warum verkörpern aufblühende Prominente das Idealbild einer Schwangerschaft – und deren Folgen -, wenn die meisten Frauen keine Chance haben, diesem Ideal zu entsprechen?

Meredtih Nash* Meredith Nash ist Soziologiedozentin an der Universität von Tasmanien, Australien. Sie bloggt regelmässig  im Rahmen des  «The Baby Bump Project». Ihr Buch, «Making Postmodern Mothers:  Pregnant Embodiment, Baby Bump and Body Image» wird im August 2012 veröffentlicht (Palgrave Macmillan Verlag).

Nina Merli am Donnerstag den 26. Januar 2012

Gebt uns ein Zeichen!

BRAZIL HAVAIANAS

Süss - aber auch fair und nachhaltig produziert? Babykleider. (Bild: Reuters)

Es kommt der Moment in der Schwangerschaft, in dem die werdende Mutter dem Nesttrieb verfällt und unter anderem das Babyzimmer hergerichtet haben möchte. Dazu gehört nebst Wäsche fürs Bettchen auch die erste Kleidergarnitur. Die Auswahl an schönem und weniger schönem «Babykram» ist immens, doch wer nach fair produzierter Ware Ausschau hält, stösst bald an seine Grenzen. Denn fair bedeutet nicht nur aus Bio-Baumwolle sowie einer nachhaltigen und umweltgerechten Textilproduktion, es bedeutet auch unter sozialen Bedingungen hergestellt. Keine Zwangsarbeit, dafür existenzsichernde Löhne, faire Arbeitszeiten und vor allem auch: keine Kinderarbeit. Und genau dieser Punkt ist in vielen Ländern immer noch nicht gewährleistet.

Nehmen wir das Beispiel Usbekistan. Der zentralasiatische Binnenstaat ist der drittgrösste Baumwollexporteur der Welt. Die Baumwolle bringt dem Land jährlich über eine Milliarde US-Dollar ein, wobei der Grossteil davon in die Staatskasse fliesst. Geerntet wird diese Baumwolle zu einem grossen Teil von Kindern – wobei die Ernte staatlich kontrolliert ist. Das heiss im Klartext: Jeden Herbst werden hunderttausende Kinder (die jüngsten sind knapp fünfjährig) von den Behörden statt in die Schule auf die Baumwollfelder geschickt, wo sie während drei Monaten bis zu elf Stunden am Stück schuften müssen – sieben Tage die Woche, und das oftmals ohne Entgelt.

Und woher weiss ich Endverbraucherin, dass keine usbekische Baumwolle für den süssen Babystrampler verwendet worden ist, den ich gerade aus dem Gestell gezückt habe? Denn obwohl sich letztes Jahr rund 60 Mode- und Textilkonzerne (darunter auch Puma, Adidas und Levi’s) entschieden haben, usbekische Baumwolle zu boykottieren, gelangt sie über verschiedene Zwischenhändler trotzdem auf den Markt.

Anfang Woche diskutierten in der ARD-Politsendung «Hart aber fair» (Thema: «Mein Kleid, dein Leid – wer zahlt den Preis für billige Mode?») verschiedene Experten über das Thema «Fair Fahsion». Schon bald kristallisierte sich aus dem Gespräch und vor allem aus den Zuschauerreaktionen heraus, dass viele Konsumenten durchaus bereit wären, mehr Geld für ihre Ware zu bezahlen – aber im Label-Dickicht keine klare Auskunft über das Produkt bekämen. So informiert mich zum Beispiel das Label «Organic Cotton» (etwa bei H&M), dass das Kleidungsstück aus Bio-Baumwolle hergestellt wurde. Doch erfahre ich auch, ob die in Bangladesh produzierte Ware auch umweltgerecht bearbeitet und eingefärbt wurde? Und ob die Näherin einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit erhalten hat? Nein.

Informationen kann man sich zum Beispiel auf der Homepage der «Erklärung von Bern» holen, wo eine Firmenliste aufzeigt, wer in welchem Mass fair herstellt. Und auch über andere Internet-Quellen kann man sich informieren, denn es gibt durchaus Marken, die sich bezüglich Fairness sehr stark engagieren. Doch wäre es nicht viel einfacher, wenn ein einheitliches Label Auskunft über die Textilien geben würde? Damit mit einem Blick auf die Etikette klar wäre, was man da in der Hand hält und ob man diese Art von Herstellung mit all ihren Konsequenzen unterstützen möchte oder nicht? Gebt uns doch bitte ein Zeichen!

Vorerst liegt es aber an uns Konsumenten, ein Zeichen zu geben, eine klare Durchsage zu machen. Wer will, kann dies auch tun. Rund fünfzig Schweizer Organisationen haben sich zusammengetan und letzten November die Kampagne «Recht ohne Grenzen» ins Leben gerufen. Diese Woche wurde eine an den Bundesrat gerichtete Petition lanciert, die klare geseztliche Grundlagen (Menschenrechte und Umwelt sollen weltweit respektiert werden) für Unternehmen mit Sitz in der Schweiz fordet, denn im Augenblick tragen die Firmen noch keine Verantwortung für ihre Filialen oder Zulieferer im Ausland – womit wir wieder bei der Kinderarbeit-Baumwolle aus Usbekistan wären. Wenn sich Unternehmen darum kümmern, dann nur aus Goodwill. Doch wie sagt man doch so schön: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

PS: Liebe Blog-Leser, wenn Sie gute Adressen für nachhaltig und fair produzierte Babykleider kennen, bitte melden! Zumindest eine Schwangere mit akutem Nesttrieb freut sich über jeden brauchbaren Tipp.

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 25. Januar 2012

Lachen, weinen, toben

Ein Papablog von Matto Kämpf.

Papablog

Müssen Kinder so viel weinen, weil sie auch so viel Freude haben? Ein Mädchen lacht Tränen. (Bild: Flickr/Robert Donovan)

Ich sitze in der Jamadu-Ecke des Coop-Restaurants. Mit Kindern ein verlockender Ort: Spielplatz, Selbstbedienung, Kinderstühlchen, Wickelmöglichkeit und Anonymität. Wenn das eigene Kind schreit, tun das gleichzeitig drei andere auch noch. In anspruchsvolleren Restaurants bedeutet die Furcht vor einem Schrei-Anfall stets Stress. Wenn sich jemand ein gutes Essen verabreichen will, soll man ihn nicht mit seinem Nachwuchs belästigen. Und wenn ich selber gut essen will, bleibe ich zu Hause, steige in meine Molekular-Küche hinunter und zaubere mit Pipette und Pinzette solange, bis der gasförmige Salat mit dem Bratwurst-Schaum fusioniert.

Deshalb jetzt also Jamadu. Kaum sind die Pommes Frites verschlungen, wirft sich das Kind ins Getümmel des Spielplatzes. Ich schnappe mir eine Zeitung und schaue ab und zu, wo es ist und was es tut. Schnell hat es Freunde gefunden und ein als Sitzgruppe gedachtes Krokodil wird durch die Gegend gezerrt. Das Kind strahlt. Manchmal verliere ich es aus dem Blick, dann taucht es unter einem Rutschbahn-Brontosaurier oder zwischen zwei Uhu-Sesseln wieder auf. Das Kind ist aufgedreht und quietscht vor Freude. So geht das eine gute Weile, bis ich plötzlich ein mir sehr vertrautes Weinen höre. Noch bevor ich aufgestanden bin, eilt es mir entgegen. Ich nehme es in die Arme, tröste und sage: «Willst du ein Güezi?» Das Weinen stoppt abrupt und ein begeistertes «Ja!» ertönt.

Diese Verdichtung der Emotionen bei Kindern ist faszinierend. Müssen sie so viel weinen, weil sie auch so viel Freude haben? Und besteht das Erwachsen-Werden und Erwachsen-Sein auch im Nivellieren dieser Emotionen, so dass man fortwährend in der Mitte von Freud und Leid hockt und sich langweilt? Wir versuchen, die Freude in geordnete Bahnen zu lenken und nicht zu überborden. Wenn wir uns ärgern, dann hauen wir nicht auf den Tisch, es verzieht sich höchstens ein kaum sichtbares Gesichtsmüskelchen. Wir schlucken leer und schreiben mit gebührendem zeitlichen Abstand am Tag darauf ein verklausuliertes, leicht verschnupftes E-Mail.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn die Erwachsenen mit diesen starken Gefühlen weiter leben würden. Paare in Restaurants würden entweder auf dem Tisch kopulieren oder sich Teller und Gläser an den Kopf werfen. In Büros würden sich die Geschäftspartner laufend jubilierend um den Hals fallen oder versuchen mit Schirmen abzustechen. Politikerinnen und Politiker würden im Überschwang die gesamten Staatseinkünfte an ärmere Länder verschenken und beim Streit über eine Anflugschneise zornentbrannt die Atombombe abwerfen.

Ein kurzweiligere Welt wäre das alleweil, eventuell auch eine ausgelöschte.

Foto-Matto KämpfMatto Kämpf lebt als Autor, Filmer und Theatermacher in Bern. Er schreibt die Kolumne «Rabenvater» im Berner «Bund» («Ich sehe mich nicht mehr als Lonesome Cowboy on the never ending road to nowhere (oder so ähnlich). Nein, jetzt bin ich der Mann, der die Windeln schneller wechselt als sein Schatten.») Die Kolumnen sind als Buch im Verlag «Der gesunde Menschenversand» erschienen.

Andrea Fischer am Dienstag den 24. Januar 2012

Der innere Kompass

Mamablog

Irgendwann sind bei Mädchen weder rosa Kleider noch Pferde angesagt: Mädchen auf einem rosa bekleideten Ross. (Bild: What We Keep)

Rihanna, Katy Perry und Bruno Mars – seit Monaten leben sie mit uns unter einem Dach. Sie kriechen unsere Wände hoch und schrauben sich in unser Gehör. Über ihre Lovestories, Auszeichnungen und Verfehlungen weiss ich ebenso Bescheid, wie über Selena Gomez’ Garderobe. Hüterin dieser neuen, zweidimensionalen Mitbewohner mit dem schillernden Leben ist unsere Tochter.

Fasziniert beobachte ich, wie sie seit bald elf Jahren unbeirrt jeden Entwicklungsschritt tut, der einem als Eltern prophezeit wird. Stetig und entschlossen. Die rosa Tüllwolken, die Glitzerschals und Bambikleidchen, mit denen sie in die Krippe geschwebt ist, bewehrt mit Lacktäschchen und Stoffschäfchen, waren für sie eine ernste Angelegenheit. Ebenso, wie der Entscheid ein paar Jahre später, die Stapel von rosa T-Shirts bitte zu verschenken. Weil fortan dunkelbaue, rote oder grüne angezogen würden, Hauptsache keine pinkfarbenen. Später kamen – ja genau – die Pferde. So führten wir eine Zeit lang ein regelrechtes Gestüt aus Pferdebettwäsche, Pferdepostern, Pferde-Pullis und Pferderadiergummis. Kurzfristig war ich so geübt im Pferdezeichnen, dass man die Tiere tatsächlich als solche erkannte. Ich überwand sogar mein Misstrauen und hielt tapfer nach dem Reitkurs meine flache Hand unter zarte Pferdenüstern. War schön.

Plötzlich dreht sich alles nur noch um Pop-Stars: Katy Perry. (Bild: Keystone)

Im Moment sind Jeans, Turnschuhe und eben die gängigen Stars angesagt. Und wie bei jedem Schritt, den meine Tochter bis jetzt getan hat, fühlt es sich völlig natürlich an, dass ein neues Zeitalter angebrochen ist – auch wenn mir jeweils vorgängig etwas mulmig war bei der Vorstellung. Immer wieder muss ich an jene Frau denken, die mit ihrer etwa zehnjährigen Tochter im Bus sass, mein damals knapp zweijähriges Mädchen anlächelte und sagte: «Ach geniessen Sie es, solange sie noch so herzig sind. Das geht ja so schnell vorbei.» Mir tat ihre Tochter leid und vor allem fragte ich mich, ob ich auch eines Tages enttäuscht sein würde darüber, dass mein Mädchen langsam gross wird. Grundlos, wie ich längst gemerkt habe.

Klar, wenn ich mich bei unseren Freunden mit den grösseren Kindern umsehe, um zu schauen, welche Station auf dem Pilgerweg zur erwachsenen Tochter als nächste kommt, habe ich Respekt vor dem, was mich erwartet. Wenn sie den Fahrplan einhält, werden das Diskussionen um immer grössere Freiheiten sein, und zwar nicht zwingend friedliche. Ganz zu schweigen von Liebeskummer und Weltschmerz, den man als Mutter gern wegtrösten würde, aber kaum kann. Den Blick zurück in meine eigene Pubertät versuche ich dabei möglichst zu vermeiden. Zwar ist das Rauchen, bei uns noch ein Must, vermutlich weniger ein Thema. Aber auf halsbrecherische Experimente mit der eigenen Wirkung auf Jungs, nächtliches Ausbüxsen und andere Dinge, die mir jetzt noch nicht mal in den Sinn kommen wollen, wird unsere Tochter vermutlich nicht verzichten.

Trotzdem bleibt es dabei: Ich freue mich auch auf die nächsten Stufen, darauf, zu erleben, wie ein innerer Kompass sie von einem Entwicklungsschritt zum nächsten führt. Und wenn ich mir mal wieder zu sehr auf Vorrat Sorgen mache, hilft mir Herr Tur Tur. Der Scheinriese aus Jim Knopf wirkt von weitem gigantisch. Aber je näher er kommt, desto kleiner wird er. Und wenn er endlich vor einem steht, ist er ganz normal.

Jeanette Kuster am Sonntag den 22. Januar 2012

Keiner zu klein, ein Model zu sein

Worauf müssen Eltern achten, deren Kinder modeln? Mamablog hat Andrea Roth gefragt, die mit ihrem Sohn an ein Kindercasting gegangen ist.

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Angehendes Kindermodel? Andrea Roths Sohn am Casting.

Mitte Januar hat in Villars-sur-Ollon das laut Organisatoren «grösste Kindercasting der Schweiz» stattgefunden: 600 potenzielle Nachwuchsmodels zwischen 0 und 12 Jahren liessen sich professionell ablichten und hoffen nun gemeinsam mit ihren Eltern, am Ende zu den zehn Auserwählten zu gehören, die im Frühjahr/Sommer 2012  in der Zeitschrift «Babybook Enfant» die aktuelle Kinder-Designermode präsentieren dürfen. Mit dabei war auch Andrea Roth aus Kaiseraugst mit ihrem achtjährigen Sohn. Weshalb und was sie sich vom Casting erwartet, erzählte sie dem Mamablog nach dem grossen Tag.

Was war Ihre Motivation, beim Kindercasting mitzumachen?
Andrea Roth: Wir sind sehr spontan dort gelandet: Eine Freundin hatte mich am Mittwoch Abend via Facebook angefragt, ob mein Sohn teilnehmen möchte. Er ist eben schon einmal bei einem professionellen Fotoshooting vor der Kamera gestanden – da mein Mann und ich beide in der Kommunikationsbranche arbeiten, hat sich das irgendwann so ergeben. Der Kleine wollte mitmachen, und so sind wir am Freitag losgefahren Richtung Welschland.

Sie haben die Entscheidung also Ihrem Kind überlassen?
Ja, mir war ganz wichtig, dass er selber dabei sein wollte. Als wir kürzlich ein Werbeplakat mit einem Kind darauf gesehen haben, sagte er mir, dass er gerne wieder einmal so etwas machen würde. Da kam das Kindercasting gerade richtig.

Das klingt alles sehr entspannt, aber die Hoffnung auf den Sieg ist bei einem solchen Anlass doch zwangsläufig im Hinterkopf.
Bei mir persönlich überhaupt nicht. Klar wäre es toll, wenn er zu den zehn Gewinnern gehören würde, und natürlich wären wir stolz. Aber als Marketingfachfrau weiss ich, dass bei solchen Castings ein festes Konzept besteht – will heissen, man weiss im Voraus, welchen Typ Kind man sucht. Diejenigen, die ins Konzept passen, gewinnen, die anderen fliegen raus. Ich habe meinem Sohn deshalb klargemacht, dass ein Ausscheiden keineswegs bedeuten würde, dass er versagt hat oder nicht gut aussieht. Man muss das dem Kind deutlich sagen, damit es nicht deprimiert ist nach einem Negativbescheid.

Wie haben Sie Ihren Sohn sonst noch auf das Casting vorbereitet?
Wir haben keine Posen geübt oder so etwas. Aber ich habe ihm erklärt, dass er sich gut fühlen und locker bleiben soll, weil er dann auf den Fotos automatisch eine bessere Ausstrahlung hat. Und für alle Fälle habe ich noch Make-up eingepackt.

Sie haben Ihren Sohn geschminkt?
Er hat eine Hausstauballergie und hatte nach der Nacht im Hotel prompt gerötete Augen. Die Rötung unterhalb der Augen habe ich dann mit etwas Make-up abgedeckt. Sonst hätte er natürlich kein Make-up benötigt, ausser etwas Puder vielleicht, den braucht man halt meistens für ein Profi-Shooting.

Muss ein Kind besonders selbstbewusst sein, um sich so locker vor einen fremden Fotografen hinstellen zu können?
Ich denke, es ist eher umgekehrt: Das Shooting verleiht dem Kind mehr Selbstbewusstsein. Es braucht ja einiges, sich vor die Kamera hinzustellen und zu posieren – das geschafft zu haben, tut dem Ego gut.

Der Weg dorthin ist aber oft gepflastert von Nervosität und Angst.
An diesem Casting ging das eigentliche Shooting so zackig über die Bühne, dass mein Sohn gar keine Zeit hatte, nervös zu werden. Das Problem war eher die Warterei vor dem Fotoshooting, die für ihn langweilig war.

Wurden Sie vor Ort von der Konkurrenz eingehend gemustert?
Sicher hatte es ein, zwei sehr verbissene Eltern, die jedes andere Kind ganz genau beobachtet haben. Aber sonst war die Situation entspannt. Die vielen Babys und Kleinkinder waren richtig herzig.

Hätten Sie Ihren Sohn im Babyalter schon an ein solches Casting gebracht?
Wenn ich gemerkt hätte, dass es machbar ist, ja. Mein Sohn hat immer gerne in die Kamera gelächelt. Natürlich kann die Stimmung bei den ganz Kleinen sehr schnell kippen, wenn der Lärmpegel so hoch ist und man so lange warten muss. Aber solange man das Baby zu nichts zwingt, ist so ein Casting meiner Meinung nach kein Problem.

Ist Ihr Umfeld Kindercastings gegenüber ebenso positiv eingestellt wie Sie?
Die Reaktionen auf das aktuelle Casting waren bisher durchwegs gut. Aber einige unserer Freunde werden das Ganze vermutlich kritisch sehen. Ich bin auch schon einmal gefragt worden, ob ich mir bei solchen Kinder-Shootings keine Sorgen mache wegen Pädophilen.

Inwiefern?
Wegen bestimmter Sujets. Wenn man in einer Anzeige zum Beispiel ein Baby sieht, das nur eine Windel trägt, dann ist das in meinen Augen etwas ganz Natürliches, so ein Foto würde ich auch zulassen und sicher keine Mutter dafür verurteilen. Ob ein Pädophiler in dieses Bild etwas Anderes hineinprojiziert, soweit will und kann ich gar nicht denken. Natürlich macht man sich als Mutter generell Gedanken über diese Themen, aber am Ende gibt es überall solche kranken Leute – die gehen auch ins Schwimmbad, soll ich meinen Sohn deshalb etwa nicht mehr da hingehen lassen? Nein, ich will mein Leben und das meines Kindes nicht einschränken wegen solcher Menschen, indem ich die ganze Zeit nur noch darüber nachdenke, was theoretisch alles passieren könnte.

Ein konkreteres Problem stellen womöglich die Mitschüler Ihres Sohnes dar: Haben Sie keine Angst, dass er wegen solcher Fotoshootings gehänselt wird?
Als er seiner Klasse vom Casting erzählt hat, haben Mitschüler und Lehrer positiv reagiert. Aber bestimmt wären Negativreaktionen vorprogrammiert, wenn er wirklich im Heft erscheinen würde. In diesem Alter ist es normal, dass einige Kinder eifersüchtig werden, wenn ein anderer mehr Aufmerksamkeit bekommt als sie selber.

Wie helfen Sie Ihrem Sohn, mit solchen möglichen Konsequenzen umzugehen?
Ich sage ihm, dass er noch lange kein Star ist, nur weil er in einem Magazin oder Katalog abgebildet ist. Natürlich dürfte er stolz sein auf seine Leistung, aber ich möchte nicht, dass er eingebildet wird und denkt, er sei der Beste und Schönste. Es ist immens wichtig, dass man als Vater oder Mutter ein Kind nicht einfach an ein Casting schickt und es mit dieser Erfahrung alleine lässt. Man muss es auf diesem Weg intensiv begleiten, damit es den ganzen Zauber nüchtern sehen kann. Generell versuche ich, meinen Sohn zu einem selbstbewussten, aber nicht arroganten Menschen zu erziehen – und ich hoffe, das gelingt mir auch.