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Mamablog-Redaktion am Freitag den 24. Mai 2013

Es geht um Erziehung

Eine Carte Blanche von Liliane Minor*.

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Eine der vielen Migros-Aktionen für Kinder: Zwei Buben kleben Bildchen in ein Album, 13. Juli 2009. (Keystone/Laurent Gillieron)

Nur noch drei Tage, dann können viele Eltern aufatmen: Die jüngste Migros-Mania ist vorbei. Allen Nichteltern kurz erklärt, bedeutet eine Migros-Mania, dass es für jeden Einkauf ab 20 Franken ein Sammelding gibt. Aktuell sind es Kreisel.

Die Migros hält solche Aktionen für Kundenbindung, die Kinder finden es sowieso cool, Dinge zu sammeln und zu tauschen. Doch für viele Eltern ist es Stress pur. Sie klagen, die Migros manipuliere ihre Kinder. Sie jammern über Wutausbrüche des Nachwuchses, wenn Mami statt im Migros im Coop einkauft, wo es keine Kreisel gibt. Sie warten bange auf jene Mittwoche, an denen es pro Einkauf von über 60 Franken einen Joker-Kreisel gibt. Weil sie dann zweimal durch die Migros müssen, weil sie ja zwei Kinder haben und beide einen Joker wollen.

mbCBIllustrationWer Kinder hat, kann die Klagen ein Stück weit verstehen. Dass sich Eltern deswegen an den Konsumentenschutz wenden, irritiert trotzdem. Schliesslich täuscht die Migros niemanden mit ihrer Aktion. Die Regeln sind von Anfang an klar. Nur können manche Eltern damit nicht umgehen. Kurz: Hier geht es nicht um Konsumentenschutz. Es geht um Erziehung.

Jedes Kind muss früher oder später lernen, dass es nicht alles haben kann. Den meisten Eltern ist das bewusst. Nur scheinen viele den simplen Grundsatz zu vergessen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Man kann das eine abgedroschene Grossmutterweisheit nennen – falsch ist sie nicht.

Tatsache ist, dass die Wünsche mit den Kindern mitwachsen. Erst sind es Kreisel, später ists eine Barbie oder eine Rennbann, dann Spielkonsole und Smartphone, schliesslich das Auto. Tatsache ist ebenso, dass ein Kind, das früh mit einem gelegentlichen Nein zu leben gelernt hat, auch später eher eine Absage akzeptiert.

Besser, als die Verantwortung an den Konsumentenschutz zu delegieren, ist es, sich genau zu überlegen, welche Moden man als Eltern mitmachen will. Etwa Panini-Bildchen, dafür aber keine Kreisel. Oder: Kreisel ja, aber die Joker gibts nur abwechslungsweise. So gesehen kann man die Migros-Kreisel als eine Art Erziehungshilfe bezeichnen – auch wenn es nur darum geht, den Kindern zu sagen, warum man eben gerade nicht mitmacht.

minor150x150*Liliane Minor ist Redaktorin beim «Tages-Anzeiger». Sie hat zwei Kinder und wohnt im Zürcher Unterland.

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 23. Mai 2013

Zehn Dinge, die man tun sollte, bevor man Mutter wird

Ein Gastblog von Claudia Marinka*

Machen Sie die Nacht zum Tag, so lange sie noch können: Party in Laax, 27. Januar 2007. (Keystone/Martin Rütschi)

1. Sex nach dem Lustprinzip. Und nicht nach Terminkalender.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Mit Kindern im Haushalt sind die Zeiten des ausschweifenden Sexlebens passé. Zumindest in Anwesenheit der Kinder. Wenn Sie also ein Freund der überbordenden körperlichen Zweisamkeit sind, dann bitteschön. Jetzt können Sie noch. Womit wir gleich zu Punkt zwei weitergehen.

2. Morgensex, so oft es geht.

Klingt selbstverständlich, ist es aber bald nicht mehr. Zumindest aus der Sichtweise von sexabstinenten Erwachsenen, die unfreiwillig sexabstinent leben. Sie werden schon Sex haben, aber morgens nicht. a) Weil Sie gerade stillen. b) Weil Sie gerade den Schoppen geben. c) Weil Sie jeden, der Sie um eine Minute Schlaf bringt, umbringen möchten. Insbesondere, wenn es sich dabei um den eigenen Mann handelt.

3. Ignorieren Sie fremde Kinder. Sie werden schon bald eine Überdosis Kids erhalten.

Auch wenn es Ihnen im ersten Moment schwer fallen wird: Finger weg von Kindern anderer Eltern. Jetzt können Sie noch. Mag der Bengel noch so süss sein, die Kleine auch noch so süsse Faxen machen.

4. Reisen Sie viel. Reisen Sie weit weg. Reisen Sie spontan.

Tun Sie es wirklich. Sie werden bald jeden Billig-Flug, jedes Club-Arrangement und jeden noch so kleinen Ausflug herbeisehnen. Ihnen wird das Augenwasser kommen, wenn Ihre kinderlosen Freunde zwei Wochen Fidschi buchen. Ganz spontan natürlich.

5. Machen Sie die Nacht zum Tag. Sie werden es bald nicht mehr freiwillig bis nach Mitternacht schaffen.

Sie sind ein totaler Nachtmensch? Sie stehen auch nach nur vier Stunden Schlaf locker auf der Matte? Sie brauchen höchstens zwei Kaffees, um startklar zu sein? Bald werden Sie einsehen, dass das mit dem Nachtmensch auf ausgelassene Partys zutrifft, nicht aber auf das Beruhigen von schreienden Kindern. Werfen Sie Ihre Kaffeemaschine weg. Es ist Zeit für das Luxusmodell. Bald werden Sie sich wünschen, Sie hätten vier Stunden Schlaf am Stück gehabt.

6. Gucken Sie in den Spiegel und freuen Sie sich. So entspannt werden Sie nie mehr aussehen.

Es ist die bittere Wahrheit. Darum: Rahmen Sie sich Ihr bestes Bild aus sonnigen Ferien fett ein. Zeigen Sie es allen Freunden, Bekannten, entfernten Bekannten, Fremden, Feinden. Kurzum: Jedem der Augen im Kopf hat. Am besten nehmen Sie die Komplimente gleich auf Band auf. Auch das werden Sie so nie mehr hören.

7. Fangen Sie an zu sparen. Im Ernst.

So spiessig es auch klingen mag – man kommt nicht mehr drum herum. Das Kindergeld wird nicht angerührt, die Geldzustüpfe der eigenen Eltern für die Enkel eben so wenig. Auch wenn es Sie noch so jucken mag.

8. Ziehen Sie High Heels an. Sie werden das Gefühl des Catwalks vermissen.

Natürlich kann man sich als coole Mutter in Pumps präsentieren. Man ist schliesslich wer, besser gesagt: war wer. Doch wer schon einmal mit Kinderwagen, schreiendem Baby und Einkaufstaschen durch die Stadt stöckelte, der wird sich eingestehen müssen: Es sieht zwar (im besten Fall) chic aus, taugt aber zu nix. Nicht mal für eine Anmache.

9. Geniessen Sie Ihre Unbedeutsamkeit. Bald schon werden Sie ein Vorbild sein.

Das heisst: Keine Fluchwörter, keine schlechte Laune, keine Streitereien vor den Kids, kein Herumhängen, kein Rauchen, kein schlechtes Benehmen, keine Schimpftiraden, keine Alkohol-Exzesse, kein Fast Food, keine Tafel Schokolade verdrücken.

10. Schnöden Sie nicht zu sehr über Eltern mit Kleinkindern. Bald schon werden Sie kritisiert – gnadenlos.

Was habe ich alles immer besser gewusst! «Also ich würde dem Kleinen sofort eine Knallen!», oder «Dem fehlt doch eine harte Hand!», und «Bei meinen Kindern würde ich viel konsequenter durchgreifen!». Erkennen Sie sich? Halten Sie den Mund.

marinka*Claudia Marinka ist Journalistin mit Schwerpunkt Gesellschaftsfragen. Die zweifache Mutter hat zuletzt beim «Der Sonntag» gearbeitet und verfolgt jetzt eigene Projekte. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich.

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 22. Mai 2013

Der Tarnkappen-Chauvinist

Ein Papablog von Réda El Arbi.

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Weiche Schale ist heute angesagt: Ashton Kutcher im Film «New Year's Eve» (2011). Foto: New Line Cinema

In den 70ern erkannte man einen Macho schon am Äusseren: Harte Schale, weicher Kern. Heute sind sie aussen matschig wie Apfelmus, dafür innen hart wie Kruppstahl.

Sie sind meist gut verdienender Mittelstand, oft kreativ, urban, wählen häufig links oder wirtschaftsliberal. Sie verkünden wortreich Gleichberechtigung und geben vor, sich starke Partnerinnen zu wünschen. Der neue, urbane Macho ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu erkennen. Er gibt sich einfühlsam, verständnisvoll und aufgeschlossen. Er zeigt Gefühle, oder das, was er dafür hält, hört zu und weint manchmal. Meist aber aus Selbstmitleid. Und er trägt mit Vorliebe längere Haare, um seine feminine Seite zu unterstreichen.

Ich erkenne ihn, wenn er in Männerrunden sitzt, chauvnistischen Scheiss von sich gibt und seine Maske fallen lässt. Er will, dass seine Frau gebildet ist und eigene Projekte hat. Er will, dass sie einen guten Job hat, irgendwas, mit dem man vor Freunden angeben kann. Er gibt mit ihrer Ausbildung an, fährt ihr aber in Gesellschaft trotzdem über den Mund (rein ironisch natürlich), wenn sie anderer Ansicht ist und auch Argumente dafür hat. Er liebt ihren guten Job, hasst es aber insgeheim, wenn sie erfolgreicher ist oder mehr verdient.

Er unterstützt ihre Karriere, bis dann Kinder kommen. Dann unterstützt er seine Liebste in der Sichtweise, dass nur eine Mutter in den ersten Jahren eine adäquate Betreuung für die Kleinen ist. So schiebt er ihr Mutterschaft als einen Ersatz für Selbstwertgefühl unter und muss in seinem Leben nichts ändern. Plötzlich ist die Familie eine so wichtige Entscheidung, dass man (sie) auch Opfer dafür bringen muss. Und überhaupt, er verdient ja genug. Sie muss ihre Projekte nicht für den Lebensunterhalt weiterführen. Sie kann das ja nebenbei weitermachen, als Hobby sozusagen …

Es sind die Typen, die weinen, wenn sie beim Fremdgehen erwischt werden. Die sich als Opfer ihrer Natur bemitleiden und schon mit der letzten Träne nach neuen Opfern schielen. Es sind die Typen, die Dalai Lama zitieren, während sie ihre eigenen Projekte in gehetzter Egomanie durchpeitschen und über die Bedürfnisse von Familie und Partnerin hinwegtrampeln.

Natürlich sind sie offen. Offen für alles. Sie träumen von einem Dreier mit ihrer Freundin. Solange die Dritte eine Frau ist, die sie selbst auswählen – und nicht etwa ein Mann. So offen sind sie dann doch nicht.

Und wenn sie selbst betrogen werden schlagen sie zu. Um dann wieder zu weinen.

Soweit, so bekannt. Warum nur präsentieren wirklich kluge, selbstständige Frauen solche Idioten voller Stolz ihrem Freundeskreis. Früher hiess es «Harte Schale, weicher Kern». Inzwischen ist die Mogelpackung wieder beim «weiche Schale, harter Kern» oder der Wolf im Schafspelz. Was mich am meisten nervt an diesen Typen, ist, dass sie sich selbst wirklich für emanzipiert und aufgeschlossen halten. Sie wissen nicht mal, dass sie die gleichen alten Machos sind, einfach in Hipsterklamotten und mit viel mehr Tränen. Früher hatte man einen Macho direkt erkannt, jetzt erkennen sie sich nicht mal selbst.

Aber in einem Detail verrät der neue Tarnkappen-Macho sich: Liebe Damen, wenn ein erfolgreicher Typ euch Paolo Coelho zitiert, haut ab! Oder noch besser: Haut zu!

Réda El Arbi ist Mitinhaber der Kommunikationsagentur SeinSchein, Autor, Geschichtenerzähler und Stadt-Blogger bei «Züritipp».

Andrea Fischer am Dienstag den 21. Mai 2013

Angelinas Opfer und wir

Der Mensch will Macht über seinen Körper: Angelina Jolie und ihr Gatte. (Reuters/Mario Anzuoni)

Es geht eigentlich nicht um sie. Aber sie ist ein ausgezeichneter Kristallisationskeim: Angelina Jolie, für viele eine der schönsten Frauen der Welt plus Ehefrau eines der knackigsten Männer Hollywoods. Und jetzt das: Sie hat sich beide Brüste entfernen lassen und sagt es jedem, der es wissen will und allen anderen auch.

Die Reaktionen waren erstaunlich positiv und verhalten, fast schon rücksichtsvoll. Gegen eine Mutter, die sich für ihre Kinder aufopfert, kann man schlecht wettern. Oder nur hinter vorgehaltener Hand oder anonym als Kommentator im Web. Sich über eine Madonna zu mokieren, ist höchst unschicklich. Aber in unseren Köpfen ploppen dennoch auch ungnädige Fragen auf, da nützt alle innere Zensur nichts.

Zum Beispiel frage ich mich, was Brad Pitt wirklich dazu meint, inoffiziell, nicht in einer Pressemitteilung. Was sagt er dazu, dass nun feststeht, dass er seine Frau nie mehr wird verlassen können, selbst wenn er wollte? – Wer verlässt schon eine Märtyrerin, die ihr weiblichstes Attribut für die gemeinsamen und gemeinsam adoptierten Kinder geopfert hat? Brad wäre sofort der personifizierte Shitstorm.

Niemand würde ihm glauben, dass er nicht wegen Angelinas fehlendem Naturbusen Reissaus genommen hat. Da nützt es auch nichts, wenn seine Frau allen versichert, ihr neuer Busen sehe genauso aus, wie der alte. Instinkte lassen sich nicht mit Worten überlisten. Die moralische Anbindung ihres Ehemannes wird zwar kaum Beweggrund für die Amputation gewesen sein, Tatsache ist sie deshalb nicht minder. Hinzu kommt, dass Angelina offenbar auch eine Eierstockoperation in Erwägung zieht (laut ihrem eigenen Artikel in der «New York Times»).

Doch das mit den Beweggründen ist ohnehin ein tiefer Sumpf. Selten tun wir etwas aus nur einem einzigen Grund. Darum drängt sich auch die Frage auf, ob hinter dem scheinbar selbstlosen Akt nicht ein altes, urmenschliches Bedürfnis danach steckt, Macht über seinen Körper zu haben, ihn verändern zu können. Diese Möglichkeit gibt uns seit Menschengedenken das Gefühl, einzigartig zu sein und den Göttern ein Schnippchen schlagen zu können (eine spannend Arbeit dazu gibt es hier). Im Fall der Brustentfernung geschieht das gleich doppelt: Zum einen auf einer psychologisch-philosophischen Ebene und zum anderen auf einer medizinischen.

Am spannendsten jedoch finde ich die Frage nach dem Fatalismus-Faktor: Nichts wünschen wir uns schliesslich mehr, als über unser Schicksal zu bestimmen. Doch die klugen Geister dieser Erde scheiden sich daran, ob wir es wirklich können oder ob ohnehin alles vorbestimmt ist, wie bei Ödipus. Den hat ja letztlich sein Schicksal nur ereilt, weil er ihm entrinnen wollte. Mit genau dieser Frage schlagen sich Mütter und Väter tagtäglich herum. Etwas vom Härtesten, was wir uns eingestehen müssen, ist, wie wenig Einfluss wir letztlich auf das Leben haben. Trotzdem gilt Schicksalsergebenheit in unseren kulturellen Breitengraden nicht als Tugend, sondern als Resignation und mangelnder Ehrgeiz.

Der Preis für diesen Glauben an das Kontrollierbare ist eine latente Angst vor dem Unkontrollierbaren, dem zu begegnen wir uns nicht mehr zutrauen. «Das Leben birgt viele Herausforderungen. Diejenigen, die uns keine Angst machen sollten, sind auch diejenigen, die wir annehmen und kontrollieren können», sagt Jolie dazu (eine Übersetzung der«Zeit»). Offenbar hofft auch sie auf die Macht über das eigene Schicksal.

Die letzte Frage, die mich beschäftigt ist: Muss man eine Brustamputation wirklich so offensiv öffentlich machen? Ich weiss es nicht. Mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit hat Angelina Jolie damit vielen Frauen einen grossen Gefallen getan, andere vielleicht unnötig verunsichert. Immerhin erkrankt zwar jede zehnte Frau an Brustkrebs, aber nur ungefähr fünf bis maximal zehn Prozent der Fälle sind auf eine genetische Anfälligkeit zurückzuführen.

Die wahren Gründe, warum Angelina Jolie ihre Brüste entfernen liess und alle darüber informierte, sind vielleicht auch gar nicht so relevant. Aber die Spekulationen darüber sind es auf jeden Fall, denn sie konfrontieren uns mit ganz grundsätzlichen Fragen des Lebens. Und darum geht es ja letztlich. Ob wir das aussprechen wollen oder nicht.

Und was denken Sie darüber? Als Frau oder als Mann?

Mamablog-Redaktion am Freitag den 17. Mai 2013

Die Macht der Bindung

Eine Carte Blanche von Michael Miedaner*.

Natürlicher Bindungsinstinkt: Eltern müssen in ihrer Erziehung die Rolle der primären Bindungsperson wahrnehmen.(Flickr/Nico's Art)

Natürlicher Bindungsinstinkt: Eine tiefe Bindung zu einem Erwachsenen ist für die Entwicklung eines Kindes von zentraler Bedeutung. (Flickr/Nico's Art)

Vielen Eltern ist heute gar nicht mehr bewusst, wie unentbehrlich Zuwendung und Geborgenheit für die gesunde Entwicklung ihrer Kinder sind. Die moderne Bindungsforschung zeigt klar, wie wir unseren Kindern helfen können, sie selbst zu werden. Das Geheimnis elterlicher Erziehung besteht dabei nicht in erster Linie in dem, was die Eltern tun, sondern in dem, was sie für ihr Kind sind. Es ist paradox: Noch nie gab es ein dermassen grosses Angebot an Literatur über Kindererziehung, an Erziehungskursen, an Experten. Auch hatten wir noch nie im Schnitt so wenig Kinder zu erziehen. Zudem waren wir noch nie so engagiert mit unseren Kindern wie heute. Dennoch erleben wir eine Zeit, in der die Kindererziehung sehr schwierig geworden ist.

Offensichtlich scheint uns das natürliche Gefühl dafür abhanden gekommen zu sein. Wie konnte es so weit kommen? Kinder kommen mit einem ausgeprägten Bindungsinstinkt zur Welt, einem Drang, sich an jene Menschen zu binden und zu orientieren, von denen sie versorgt werden. Dies sind im Normalfall die Eltern. Die Kinder übernehmen zunächst die Werte ihrer Eltern und entwickeln erst auf dem Boden dieser Geborgenheit die Reife zu echter, selbstbewusster Eigenständigkeit. So funktioniert seit Menschengedenken das Heranreifen von Menschen und die Übermittlung kultureller Errungenschaften von Generation zu Generation. Der Säugling bindet sich an uns, indem er zum Beispiel unseren Finger fest umklammert oder später als Antwort auf unsere ausgebreiteten Arme ebenfalls die Ärmchen ausstreckt, um sich aufheben zu lassen.

Dies sind instinktive Verhaltensweisen, die seit Hunderttausenden von Jahren das Überleben sichern. Seit dem Beginn der Industrialisierung vor etwa 200 Jahren und noch stärker seit dem zweiten Weltkrieg haben sich die Lebensumstände in den Industrieländern so grundlegend verändert, dass die natürlichen Bindungshierarchien arg durcheinander geraten sind. Seit Tausenden von Jahren (und auch heute noch in traditionellen Gesellschaften) verliefen die Bindungen innerhalb einer Gesellschft vertikal, das heisst:  Das kulturelle Wissen wurde von einer zur nächsten Generation weitergegeben.

Wenn aber die verantwortlichen Erwachsenen, was heute immer öfter der Fall ist, die Rolle der primären Bindungsperson nicht mehr wahrnehmen, überträgt das Kind seinen Bindungsinstinkt woandershin so wie das frisch geschlüpfte Entenküken. Fehlt die Entenmutter, läuft es vertrauensvoll der Bäuerin, dem Hofhund oder einem Spielzeugauto hinterher. Es fühlt sich in Gegenwart seines Bindungsobjektes beruhigt und sicher, auch wenn es auf diese Weise weder schwimmen noch fliegen lernt.

Auch Kinder unterscheiden nicht, ob das Objekt, auf das sie ihren Bindungsinstinkt richten, überhaupt in der Lage und geeignet ist, für ihre gedeihliche Entwicklung zu sorgen. Und so beobachten wir seit geraumer Zeit wie diese Übermittlung von «oben» nach «unten» durch eine horizontale Orientierung und Wertevermittlung ersetzt wird. Die Kinder und Jugendlichen orientieren sich an ihresgleichen (Musik, Kleidung, Sprache) und die Werte der Erwachsenen verlieren zunehmend an Bedeutung.

Der kanadische Entwicklungspsychologe und Bindungsforscher Gordon Neufeld hat aus den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und Verhaltensforschung die Umrisse der grundlegenden Gesetzmässigkeiten von Bindung extrahiert. Wir haben vergessen, wie wichtig es ist, dass wir den Kindern das Gefühl vermitteln, dass wir wissen, wo es lang geht. Dass wir diejenigen sind, die es beschützen und versorgen. Wenn wir diese Rolle nicht wahrnehmen, fällt das Kind in eine Bindungslücke. Panik und Alarm werden ausgelöst: «Ich kann hier nur überleben, wenn ich jemanden oder etwas habe, an dem ich mich orientieren kann.» Leider orientieren sich immer mehr Kinder in ihrer Not an Gleichaltrigen oder an elektronische Bindungstechnologien (Handy, Computerspiele, Facebook). Die Bindungslücke ist vorübergehend überbrückt, der Alarm lässt nach, eine innere Entspannung tritt an deren Stelle.

Doch das ist genau der Moment wo es anfängt schiefzulaufen! Laut Gordon Neufeld haben Verzerrungen und Störungen im Verhalten, Fühlen und Denken des Kindes ihren Ursprung fast immer in Störungen der Bindungsentwicklung. Die Resillienzforschung (die Resillienzforschung untersucht jene Faktoren, welche die Widerstandskraft von Individuen oder Systemen fördern) hat untersucht, welches der signifikanteste Einzelfaktor bei Jugendlichen ist, der sie davon abhält, verhaltensauffällig zu werden, exzessiv Drogen zu konsumieren, kriminell und gewalttätig zu werden. Es ist dies mindestens eine tiefe Bindung zu einem Anteil nehmenden, reifen Erwachsenen, (einem Elternteil, einem Lehrer oder der Grossmutter). Eine reife Person also, die dem Jugendlichen das Gefühl vermittelt: «Ich sorge mich um dich, du kannst dich auf mich verlassen, du darfst dich bei mir weich und verletzlich zeigen.»

Michael Miedaner*Michael Miedaner (51) ist Sekundarlehrer, Erwachsenenbildner und Neufeld-Kursleiter. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Basel.