Sechs Punkte, die für Patchworkfamilien sprechen

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 31. Juli 2015

Ein Gastbeitrag von Claudia Starke und Thomas Hess*

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Ein komplexes Beziehungsgefüge: Die Patchworkfamilie. (Bild: Evil Erin/Flickr)

Das Leben in einer Patchworkfamilie formt die Beteiligten. Insbesondere die Auswirkungen auf die Kinder sind offensichtlich. Es gibt Kinder, die unter der erzwungenen Wohngemeinschaft mit fast Fremden leiden und psychisch auffällig werden, vor allem wenn sie bereits in der zweiten oder dritten Patchworkkonstellation leben und mehrere Verlusterfahrungen hinter sich haben.

Es gibt aber auch Patchworkkinder, die durch ausgeprägtes Mitgefühl, Konfliktfähigkeit und Selbstsicherheit auffallen. In der Regel leben diese in einer Patchworkfamilie, die bereits seit langer Zeit gut funktioniert. Eine Patchworkfamilie ist ein komplexeres Beziehungsgefüge als eine durchschnittliche Kernfamilie und bietet daher deutlich mehr Gelegenheiten für soziales Lernen:

• Patchworkkinder sind gezwungen, in einer Familienstruktur zu leben, die sie nicht selber gewählt haben. Sie müssen lernen, mit Unveränderbarkeiten zu leben und daraus das Beste zu machen. Werden ihre Gefühle und Bedürfnisse von den Erwachsenen wahrgenommen, suchen diese immer wieder gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen, damit der Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil gewährleistet bleibt, dann lernen die Kinder, dass Trennung nicht bedeutet, für immer Abschied nehmen zu müssen. Das nimmt die Angst vor Verlust.

• Durch das Zusammenleben mit den vorerst fremden Stiefeltern und Stiefgeschwistern lernen Kinder, sich auf neue Beziehungen einzulassen. Sie lernen aber auch, sich abzugrenzen, wenn etwa der Stiefvater oder die Stiefschwester zu rasch auf sie zukommen. Falls die Erwachsenen ihnen Zeit lassen und mit Wertschätzung und Toleranz auf sie eingehen, lernen die Kinder, dass Fremdartiges oder Ungewohntes nicht schlecht ist, sondern eben nur anders.

• Im Alltag prallen nicht nur unterschiedliche Erziehungsstile aufeinander, sondern auch Traditionen und Rituale, die jede Familie vor dem Zusammenziehen gepflegt hat. Die Erwachsenen müssen sich auseinandersetzen: Welche Regeln sollen nun gelten, und welche Rituale und Traditionen werden weiter gepflegt? Die Kinder lernen dabei, was Konfliktfähigkeit bedeutet – nämlich sich mit anderen Menschen auseinandersetzen zu können und so lange zu verhandeln, bis man Lösungen gefunden hat. Sie erfahren ausserdem, dass Toleranz und Respekt gegenüber Andersartigkeit mehr bringt als Sturheit.

• Die Planung in Patchworkfamilien ist anspruchsvoll, weil unterschiedliche Zeitpläne und Kontaktbedürfnisse unter einen Hut gebracht werden müssen. Die Kinder lernen, eigene Bedürfnisse zu formulieren, sie gegen jene der anderen abzuwägen und Kompromisse auszuhandeln. Sie erfahren auch, dass nicht immer alle Bedürfnisse befriedigt werden können.

• Der Umgang mit den ausserhalb lebenden Elternteilen fordert sowohl Erwachsene als auch Kinder oft am meisten. In welche Entscheidung sollen sie einbezogen werden? Was, wenn sie kein gutes Haar an der neuen Familie lassen? Für die Kinder sind solche Situationen besonders lehrreich: Oft müssen sie für ihre Beziehung zum ausserhalb der Familie lebenden Elternteil kämpfen, oder sie müssen sich abgrenzen lernen – je nachdem vom Stiefelternteil oder vom Elternteil. Beides bedeutet für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.

• Wenn die Patchworkeltern vorleben, dass sie im Alltag zwischen den Kindern aus verschiedenen Verbindungen, der Arbeit, der neuen Partnerschaft und der erweiterten Verwandtschaft nicht allen gerecht werden können, sondern immer wieder zu neuen Entscheidungen und Lösungen kommen, werden die Kinder ermutigt, ihren eigenen Weg zu finden.

Denn das genau macht eine gut funktionierende Patchworkfamilie aus: ihre Einzigartigkeit.

mb_hess_starke*Claudia Starke und Thomas Hess sind Autoren des Ratgebers: «Das PatchworkBuch, Wie zwei Familien zusammenwachsen». 2015 (Beltz).

Wenn die Eltern selbst Flugangst haben

Blog-Redaktion am Donnerstag, den 30. Juli 2015
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Vorsicht mit der chemischen Keule! Man möchte schliesslich ungern am Flughafen stranden wie etwa Tom Hanks in «Terminal». Foto: Dreamwork Pictures

Jeder, der zum Thema Erziehung schreibt, muss es erwähnen. Es gehört zum guten Ton. Und es stimmt ja auch. Wir sind die Vorbilder unserer Kinder. Im Guten wie im Schlechten.

Ich weiss das. Sie wissen es. Selbst meine Kinder wissen es. Aber manchmal nützt eben alles nichts. Dann ist die Vernunft nichts als ein elender Wurm im Staub. Fast alle haben wir unsere erziehungsblinden Flecken. Mein grösster ist das Fliegen. Und zwar nicht, wie mein Kollege kürzlich schrieb, die Angst davor, meine Kinder allein fliegen zu lassen. Sondern die nackte Existenzangst. Allein schon die Vorstellung, den Boden unter den Füssen zu verlieren, reisst mir denselben weg.

Früher, als ich noch keine Kinder hatte, bin ich sage und schreibe dreimal aus einem Flugzeug ausgestiegen und habe mich geweigert, wieder einzusteigen. Alles Zureden der Crew half nichts, das Gepäck musste wieder aus dem Bauch des Vogels raus, derweil ich mich in Grund und Boden schämte, den ich so verbissen nicht verlassen wollte. Aber in jenen Momenten war die Panik mächtiger als der Hass der Mitpassagiere oder meine Reue, ja sogar als das Schmachten nach dem blonden Surfer, den ich deswegen in Bordeaux einer anderen überlassen musste.

Dann kam die Zeit, in der ich beschloss, eben nicht mehr zu fliegen. Logisch, eigentlich. Doch irgendwann kamen auch der Mann und dann die Kinder und dann die Ferien im Haus meiner Schwiegereltern in Griechenland und ein Bruder, der in die USA zog. Also flog ich eben wieder. Eine Lösung musste her. Und ich habe sie gefunden: die Keule. Die chemische.

Seither kann ich tatsächlich fliegen. Allerdings nur, wenn ich mich mehr oder weniger ausser Gefecht setze und wie ein Zombie mit Todesverachtung einen Sack M&M’s mümmele und danach in einen Dornröschenschlaf abhaue. Bis es so weit ist, laufe ich wie ein belämmertes Schaf meinem Mann durch den Flughafen hinterher und imitiere jede seiner Handlungen. Aha, er zieht die Schuhe aus. Gut, dann tue ich das auch. Er zeigt das rote Büchlein, bitte sehr, das kann ich auch. Ähnlich wie Menschen in einem frühen Demenzstadium bin ich erstaunlich gut darin, meine kognitiven Mängel zu überspielen.

Nun, dagegen sind Flugangstdrogen eine sehr harmlose Sache. Nicht so schlimm. Tun viele andere auch. Aber mit Kindern ist es etwas komplexer. Als sie klein waren, ging es noch. Da war Mami einfach so müde, jaja, die Höhenluft. Denn sagen, dass ich Angst hatte, wollte ich auf keinen Fall, man ist ja Vorbild, Sie wissens ja. Insbesondere weil eines meiner Kinder sehr empfänglich ist für alle neuen Phobien und ich daher den Ball möglichst flach halte.

Aber mittlerweile sind die Kinder Teenies, und die Sache ist auf dem Tisch. Sie wissen, dass ich mich panisch davor fürchte, in einer Blechbüchse mit kümmerlichen Flügelchen zehntausend Meter hoch über den Boden zu düsen, unter meinem Allerwertesten nichts als Luft. Wie absurd ist das denn?!? Da nützen auch alle physikalischen Erklärungen von befreundeten Piloten und Antiflugangstratgebern nichts. Der allumfassende Kontrollverlust bekommt mir einfach nicht. Ich habs akzeptiert. Und mittlerweile tun das auch meine Kinder.

Vor einem Jahr musste ich ihnen verraten, dass ich mich beim Fliegen zudröhne. Das war, als ich allein mit ihnen in Hamburg war und die nette Dame am Bodyscanner mir ins Ohr flüsterte, dass ich mein Kleid verkehrt herum trage. Und die andere Dame beim Kaffeetresen mich darauf hinwies, dass ich mir die Schneidezähne mit Lippenstift bemalt hatte. Die Kinder konnten es erstaunlich gut akzeptieren, als ich es ihnen erklärte. Sie machten sich sogar einen Spass daraus, mich zu behandeln, als wäre ich ein fünfjähriges Kind mit mittelschwerer Begriffsstutzigkeit. Sie nahmen mich bei der Hand, sprachen extra deutlich mit mir und bemutterten mich mit einem Kichern in den heimatlichen Flughafen zurück.

Ja, ich könnte natürlich auf das Fliegen verzichten. Aber dazu liebe ich das Reisen zu sehr. Zudem habe ich schon lange gelernt, dass das Vermeiden von Angst mein Leben nur eng macht, nicht jedoch angstfreier.

Dennoch frage ich mich natürlich, wie lange es noch dauert, bis eines meiner Kinder bekifft oder sonst wie zugedröhnt heimtorkelt und mir dann vorhält, dass ich das ja auch irgendwie tue, wenn ich fliege, und drum kein Recht hätte, es zu kritisieren.

Nun. Das werde ich schlucken und durchdiskutieren müssen. Aber wenigstens kann ich ab und zu in die Welt hinausfliegen und alles wieder mit etwas Distanz und Humor sehen. Das ist mir die Sache wert.

 

Worauf es beim Elternsein wirklich ankommt

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 29. Juli 2015

Ein Papablog von Beat Camenzind*

Mamablog

Meistens ist das gar nicht so eine Sache mit den Kleinen. Foto: Richard Leeming/Flickr

«Ich muss dich was fragen.» Ein Freund zog mich in der Bar zur Seite. Er eröffnete mir, dass er bald Vater werde. «Und deshalb möchte ich bald mit dir mal reden. Du hast da zehn Jahre Vorsprung an Erfahrung.» Ich gratulierte ihm, spendierte ein Bier und stiess mit ihm an. «Wir können auch jetzt reden», schlug ich vor. Er verlangte: «So ein paar Tipps, worauf es beim Elternsein ankommt

«Gelassenheit», platzte es aus mir heraus. «Gelassenheit ist das Wichtigste.» Er staunte über die schnelle und einfache Antwort. «Ja, Gelassenheit ist wohl das Wichtigste. Bist du gelassen, werden es auch die Kinder sein. Denn die Stimmung der Eltern färbt eins zu eins auf die Kinder ab. Schreist du dauernd rum, werden auch die Kinder laut. Rennst du hektisch von einem Termin zum nächsten, werden auch die Kinder rastlos. Kinder sind die Meister im Nachahmen. Sie saugen alles auf, was du vormachst. Dein Verhalten prägt die Kinder mit.»

Zum Thema Gelassenheit hatte ich gleich noch ein paar Beispiele für den Freund parat, wie einen gut meinende Bekannte in den Wahnsinn treiben können: Schon im Geburtsvorbereitungskurs fing das an (ja, ich weiss, aber da geht man halt hin, der Frau zuliebe, liegt dann mit anderen Männern und Frauen auf dem Boden, lauscht sphärischen Klängen und versucht, den Schmerz einer Geburt nachzuempfinden. Ich hatte grösste Mühe, nicht laut loszuprusten).

Die Kursleiterin erzählte mehrmals von der ersten Zeit zu Hause: «Das ist die komplette Überforderung. Ihr müsst alles neu lernen. Und man will ja nur das Beste für den kleinen Erdenbürger.» Sie riet den versammelten Bald-Papis und -Mamis, schon mal die Eltern oder Schwiegereltern für die ersten Wochen einzuspannen. Und: «Kocht Bouillon vor und friert die ein. Denn Zeit für tolle Menüs habt ihr dann auf keinen Fall.» Es ging dann bestens ohne eingefrorene Suppe.

Oder als ich an einem Fest Windeln wechseln ging: Ich verschwand mit der Kleinen im Kinderzimmer. Eine Bekannte verfolgte mich, schaute mir skeptisch zu, riss mir die Tochter aus der Hand und fand: «Guck mal, so geht das.» Sie tat exakt dasselbe wie ich. Ich stand daneben und redete mir ein, dass das für die gute Frau einen therapeutischen Effekt haben muss, wenn sie einem jungen Vater zeigen kann, wie sie Windeln wechselt.

Eine andere Bekannte verstieg sich regelmässig in dunkelste Prophezeiungen, wenn ich ihr mit den Kindern begegnete. Das fing harmlos an, mit einem Spruch zu meinem Fahrstil mit dem Kinderwagen. Als sie sah, dass meine Frau nur ein Jahr nach der Geburt der ersten Tochter wieder schwanger war, sagte sie: «Mit zweien wirds dann nicht mehr so einfach.» Ich traf sie mit beiden Töchtern im und auf dem Kinderwagen, sie fand: «Warts ab, bis beide laufen können, dann rennst du ihnen die ganze Zeit hinterher.» Ich blieb unbeeindruckt und lächelte.

«Du siehst», sagte ich zu meinem Freund, «es gibt genug Leute, die dir weismachen wollen, dass Elternsein ein heavy Job ist. Aber lass dich davon nicht beirren und hör auf die Leute, für die Kinder eine Freude und nicht eine Last sind.»

Wie erleben Sie es: Ist Elternsein für Sie Schwerstarbeit oder eine einfach zu meisternde Aufgabe?

BEat_Camenzind_150*Beat Camenzind ist freischaffender Journalist, Musiker und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie im Grossraum Zürich.

Dem Zügeln den Schrecken nehmen

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 28. Juli 2015

Ein Gastbeitrag von Isabelle Meier*

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Im neuen Zuhause gibt es viel zu entdecken. Foto: Kelly Polizzi/Flickr

Ich bin eine überbesorgte Mutter. «Das ist Folter», war entsprechend mein erster Gedanke, als ich vor der Entscheidung stand, mit meinem Partner nach Winterthur zu ziehen. Niemals würde ich meinen Bub (6) aus seiner vertrauten Umgebung reissen, aus Kindergarten, Fussballtraining und Kinderhort. Weg vom Nachbarsmädchen, das bei uns ein und aus ging, weg von seinen Freunden und ja – weg von Lea aus dem Chindsgi, in die er verliebt war.

Die Forschung gab mir recht: Laut «Handbuch für Kindergartenpädagogik» kann das Abbrechen von Sozialkontakten, das Entschwinden von Spielkameraden und Freunden bei Kindern schwere Verunsicherungen mit sich bringen (Bahrdt 1982). Das konnte ich nur allzu gut nachvollziehen. Trotzdem, wenn umziehen, dann noch vor der ersten Klasse, dachte ich. Mein Sohn kommt im Sommer in die Schule: jetzt oder nie. Nach langem Ringen willigte ich ein.

Ich erinnere mich noch immer mit Schrecken an den Moment, in dem ich meinem Sohn den Umzug beizubringen versuchte. «Ich bleibe da. Ich ziehe zu den Nachbarn», war sein Kommentar. Wie sollte er meinen Entscheid gut finden, wo ich doch selbst noch völlig damit haderte?

Das änderte sich schlagartig bei der Wohnungsbesichtigung. Es war dieses bekannte Gefühl im Bauch, das sich bereits an der Haustüre einstellte: «Das ist es. Hier will ich wohnen.» Haus, Nachbarn, Quartier, Schulweg – es stimmte einfach alles.

Und es stimmte nicht nur für mich, sondern plötzlich auch für meinen Sohn, wie ich erstaunt feststellte. Es brauchte keine halbherzigen Überzeugungsversuche mehr («Es ist doch nicht weit weg. Deine Freunde brauchen nur 20 Minuten mit der S-Bahn!») – wohlwissend, dass die Gschpänli bis auf einige wenige bald in Vergessenheit geraten werden.

Kinder sind wie Seismografen, sie nehmen jede Schwingung wahr. Mein Sohn hatte meine anfängliche Skepsis gespürt und entsprechend reagiert. Genauso spürte er, dass sich das Mami plötzlich total freute – und seine Angst legte sich. Nachdem er das Haus gesehen und auch schon den Nachbarsjungen kennen gelernt hatte, fand er den Umzug sogar richtig cool. Er erzählte im Kindergarten so begeistert davon, dass andere Kinder plötzlich auch umziehen wollten.

Natürlich haben Kinder ihre eigenen Wünsche und Ängste, unabhängig von den Eltern, und das «Mitschwingen» ist ab einem gewissen Alter weniger ausgeprägt. Grundsätzlich denke ich aber: Kommt eine grosse Veränderung auf ein Kind zu, ist sie viel erträglicher, wenn Mutter oder Vater davon überzeugt sind. Und zwar echt überzeugt: Es hilft den Kindern wenig, wenn die Eltern ihnen etwas vorspielen. Kinder sind kleine Profis im Zwischen-den-Zeilen-Lesen.

Es hilft den Kindern auch sehr, wenn sie eine konkrete Vorstellung vom neuen Ort haben: Besuche in Kindergarten oder Schule, in der neuen Umgebung, eventuell auch im neuen Haus machen den Umzug für Kinder greifbarer.

Der Zügeltag war dann übrigens ein grosses Abenteuer für meinen Sohn. Er packte eifrig und mit tatkräftiger Unterstützung des Nachbarsmädchens Kiste um Kiste und wartete vor der Haustüre gespannt auf den grossen Zügelwagen. Und als ich ihn nach dem ersten Morgen im neuen Kindergarten abholte, blieb er draussen stehen und sagte: «Wir müssen noch auf meinen Freund warten.» Mit dem verabredete er sich gleich für den Nachmittag.

meier*Isabelle Meier ist Berufsschullehrerin und freie Journalistin. Sie lebt mit Kind und Partner in Winterthur.

Schluss mit der Dauerkritik

Jeanette Kuster am Montag, den 27. Juli 2015
Mamablog

Mütter lästern gerne über andere Mütter. Dabei will jede bloss das Beste für ihr Kind. Foto: Keystone

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Male, als ich mit meinem Baby unterwegs war. Wie irritiert ich anfangs war, dass wildfremde Menschen mir ungefragt ihre Babytipps aufdrängten, gerne begleitet von einem vorwurfsvollen Unterton. «Das Baby ist doch noch viel zu klein, um in einen Supermarkt zu gehen, all die Lichter und Geräusche!», zeterte eine ältere Frau, als wir mit dem zwei Wochen alten Kind das erste Mal einkaufen gingen und es genau dann aufwachte und zu weinen begann. Und das war erst der Anfang. Mal hatte meine Tochter angeblich Hunger, dann wieder war ihr zu heiss («Das eng geschnürte Tragetuch!») oder zu kalt («Die fehlende Mütze!)», wenn sie jammerte. Später wurden die direkt geäusserten Ratschläge seltener, lieber murmelten die selbst ernannten Erziehungsexperten ihre Weisheiten vor sich hin – natürlich immer laut genug, dass die zu belehrende Mutter sie auch sicher hören konnte.

Ich kann nachvollziehen, dass jemand sich seine Gedanken macht, wenn ein Baby schreit oder ein Kind tobt. Das tue ich selber auch. Und manchmal denkt man sich in solchen Momenten, dass man selber die Situation ganz anders bewältigen und – klar! – es viel besser machen würde. Solange man das alles nur still vor sich hin denkt, ist das auch kein grösseres Problem. Die Mutter, die sich sowieso schon in einer Stresssituation befindet, aber noch mit Vorwürfen oder tollen Tipps einzudecken, hilft gar nichts.

Manchmal scheint es mir fast zu einer Art Volkssport geworden zu sein, Mütter und ihre Lebensweise oder Erziehungsmethoden zu kritisieren. Langzeitstillerinnen? Krank! Fläschchenfütterinnen? Verantwortungslos! Die Mütter-Kritik ist so allgegenwärtig, dass es auf Englisch bereits einen eigenen Begriff dafür gibt: Mom-Shaming.

In den USA hat dieses Mom-Shaming die letzten Wochen eine weitere Stufe erreicht. Zwei Mütter wurden nämlich nicht bloss direkt kritisiert, sondern via Social Media vor der ganzen Welt blossgestellt. Die eine Mutter war in einem Restaurant beim Stillen fotografiert worden. Das Foto machte danach im Internet die Runde mit der Bemerkung, dass sie ihre Brüste gefälligst anständig zudecken solle. Der andere Fall betraf eine Mutter, die ihr fünfjähriges Kind in einer Rückentrage durch einen Laden trug. Die Geschäftsführerin selber schoss ein Foto und veröffentlichte es auf ihrem Facebook-Profil. Total empört darüber, dass man ein so grosses Kind noch herumtrage.

Beide Mütter erfuhren erst in dem Moment von der Kritik, als sie sich im Internet auf den Bildern wiedererkannten. Sie waren an den virtuellen Pranger gestellt worden, bloss weil jemand eine andere Meinung hatte und diese nicht für sich behalten konnte. Weder hatten  sie einen Fehler gemacht, noch jemandem etwas zuleide getan. Nur versucht, eine möglichst gute Mutter zu sein.

Diese krasse Variante des Mom-Shaming zeigt, wie schnell und unbedacht oft Kritik geäussert wird. Wie sehr gerade auch wir Mütter unsere eigenen Ansichten als die einzig richtigen ansehen, obwohl sie jeweils nur eine Möglichkeit von vielen darstellen. Erinnern Sie sich, wie weh es tut, wenn Sie Ihr Bestes geben, und dafür angegriffen werden? Ich will mir jedenfalls angewöhnen, ganz bewusst noch häufiger Komplimente und aufmunternde Worte zu verteilen. So wie die Frau, die mir an der Kasse einmal gesagt hat, dass ich es ganz toll mache mit meinen Kindern – obwohl (oder gerade weil) die Grosse gerade getobt hat. Da habe ich mich mit der unangenehmen Situation gleich nicht mehr so alleine gefühlt. Und bin trotz grossem Drama ziemlich glücklich nach Hause spaziert.

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