Nicole Althaus am Dienstag den 9. Februar 2010

Ja zum Kinderwagenverbot in Szenebeizen!

mamablog verbotDas Spannende am Mamablog ist es, sein eigenes Weltbild mit dem von vielen anderen Menschen abzugleichen. Ansichten kennenzulernen, die im Kreis, in dem man verkehrt, nicht vorhanden sind. Auf Gedanken zu stossen, die man sich selber nicht gemacht hat. Der Meinungsaustausch ist immer dann am lehrreichsten, wenn ein Thema polarisiert. Der Blog von gestern tat es. Und ich danke der Leserschaft für die angeregten Kommentare, auch wenn ich filetiert wurde.

Ganz offensichtlich habe ich die Realität und die Machtverhältnisse in dieser Stadt total verkannt. Zürich erstickt unter einem Tsunami an verzogenen Gören und geradezu rüppelhaften Müttern und ich beklage mich über ein Kinderwagen-Verbot:

Ich sehe nicht ein, was Mütter oder Väter mit ihrem wilden, ungezogenen und meist randalierenden Nachwuchs in einer Bar zu suchen haben. (Henri)

Diese Bars sind ja oftmals “Fick-Kontaktstellen” – selbstverständlich vergeht einem jegliche Lust aufs poppen, wenn man gleich am Nebentisch ein dringend zu vermeiden wollendes Ergebnis davon sieht…(:-) Saba)

In einem anderen, sehr kleinen vegetarischen Restaurant habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie eine Frau ihrem Baby während (!) dem Mittagessen die vollgekoteten Windeln auf der Sitzbank gewechselt hat. (Ninon)

Ein Kinderwagenverbot ist wohl die letzte Konsequenz, sich gegenüber der Flut an erzieherisch verwahrlosten Kindern und deren Eltern entziehen zu wollen. (ingo berner)

Wie konnte ich nur übersehen, dass die  1,3 Kinder, die in Zürich pro Frau noch auf die Welt kommen, den Erwachsenen den wohlverdienten Feierabend versauen, wenn nicht das ganze Leben, weil sie sich in Bars hinter Kinderwagenburgen verschanzen, weil sie Diskotheken und Clubs zu Kleinholz schlagen. Weil die dazugehörenden Mütter bei jeder Gelegenheit hinterhältig ihren Busen zücken. Und wenn das nichts nützt, die Gäste der Szenebeizen in die Flucht jagen, in dem sie mal schnell dem Nachwuchs auf dem Nachbarstisch die verkackte Windel wechseln.

Wahrscheinlich gehe ich einfach zu wenig aus. Wahrscheinlich bin ich als Mutter so verblendet, dass ich die Realität nur mehr verzerrt wahrnehme. Und die Gefahr der hochtoxischen Dosis an ungezogenen Bengel verharmlose. Vielleicht wähne ich mich in meiner Verblendung nur in Zürich und lebe eigentlich in Bern oder Basel oder Luzern oder gar im Ausland. Dort nämlich scheint das Problem mit den ungezogenen Eltern nicht so gross zu sein. Da sitzen und trinken und essen Eltern und Kinderlose in denselben Lokalen. Manchmal sprechen sie sogar miteinander. Und am Nebentisch sitzt ein Punk oder ein Rentner. Und niemand stört das.

Aber den Anfängen muss man wehren. Sonst stehen nachts plötzlich so viele Kinderwagen in Zürcher Szenebars wie Minarette in der Schweiz.

Nicole Althaus am Montag den 8. Februar 2010

Kinder müssen draussen bleiben!

Hunde und Babys verboten - Schild am Eingang der Bar Infinito in Zürich

Hunde und Babys verboten - Schild am Eingang der Bar Infinito in Zürich, 2010 (Bild: 20minuten.ch)

Das Kinderwagen-Verbotschild hängt gleich unter dem Hundeverbot neben dem Eingang der Bar Infinito, nähe der Bahnhofstrasse. Die Botschaft ist klar: Hunde und Kinder sind unerwünscht in der Bar, in der tagsüber gepflegte Shopperinnen ihre Neuzugänge für den Kleiderschrank mit einem Glas Champagner feiern und nach Büroschluss Banker die Erholung der Börse begiessen. Und man muss auch verstehen warum: Kinder sind wie Hunde schlecht erzogen. Manchmal noch schlechter. Sie gucken die Gäste neugierig an, sie schlagen im Sitzen auch nicht elegant die Beine übereinander, wie  eine 35-jährige Dame im Deux-Pièce. Und, man stelle sich vor, zuweilen lachen und weinen Kleinkinder, wie Hunde  hecheln und bellen. Eine Zumutung!

«Wir sind kein Spielplatz», rechtfertigte sich der Geschäftsleiter der Bar, der ein Stück Italianità nach Zürich bringen will, gegenüber «20-Minuten» am Freitag für das Verbot.  Selbstverständlich nicht. Und Eltern, die ihre Kinder im Lokal rumrennen lassen, sollen auch aus dem Lokal gewiesen werden dürfen. Doch ein Kinderwagen-Verbot ist nicht ein Symbol für ungezogene Bengel, sondern eines für Menschen, die mit Babys oder Kleinkindern unterwegs sind.

Kinderwagen, so das zweite Argument des Geschäftsführers,  führten  zu Platzproblemen. Man dürfe ja auch nicht mit dem Velo ins Lokal. Ich hätte den Mann zu gern gefragt, was er denn so zu Rollstuhlgängern sage. Und daran erinnert, dass Kinder in  italiensichen Bars so geläufig sind wie guter Kaffee. Soviel zur Italianità.

Hunde und Schwarze verboten! Ein Relikt aus der Zeit der Apartheid in Südafrika

Hunde und Schwarze verboten! Ein Relikt aus der Zeit der Apartheid in Südafrika

Die Bar Infinito ist bei weitem nicht das einzige Lokal, in dem Mütter oder Väter mit Kindern unerwünscht sind. Es ist, hört man sich um, in Zürich  salonfähig geworden, ehemalige Kundschaft, nur weil sie Nachwuchs hat, nicht mehr oder höchst unfreundlich zu bedienen. Und sind wir ehrlich: Das Platzargument ist (meistens jedenfalls) ein Scheinargument. Ein Kinderwagen ist mehr als bloss ein Transportmittel wie etwa ein Velo. Er erlaubt es, das Leben mit einem Baby oder Kleinkind ausserhalb der Wohnung zu managen. Deshalb ist das Kinderwagenverbot nicht bloss ein Ordnungsantrag sondern eine Ohrfeige ins Gesicht von Müttern und Vätern.

Eltern gehören offenbar nicht zur Klientel mit hohem Coolnessfaktor.  Ich wurde einst mit dem Baby im Tragtuch aus einem Zürcher Restaurant komplimentiert. Es war 11 Uhr, nicht nachts, sondern morgens. Ich mache heute noch gegen das Restaurant Mund-zu-Mund-Propaganda. Denken denn die Beizer nicht daran, dass Babys nicht ewig Babys bleiben und Mütter ohne Anhang aussehen wie Kundinnen, die sie sonst sehr gerne bedienen?

Offenbar nicht. Ausserdem handeln sie  durchaus im Sinn vieler Zeitgenossen. Diesen Eindruck bekommt jedenfalls, wer die Kommentare auf «20 Minuten» vom letzten Freitag, liest. Gewisse Menschen  können überhaupt nicht einsehen, warum eine Mutter mit ihren Kindern verdammt noch mal nicht zuhause bleibt, wo sie hingehört. Sie kann da ja was trinken und essen. Und in die Migros und ins Tram soll sie gefälligst, wenn alle anderen im Büro sitzen, damit sie niemandem in den Weg kommt. Wenn Krippen zu Bürozeiten schliessen, kann sie das eben nicht.

In unserer Gesellschaft sind Eltern mit oder ohne Kinderwagen in den Augen gewisser Mitbürgerinnen und Mitbürger  nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten geduldet. Das kommt der Etablierung einer reproduktiven Segregation gleich. Haben wir diese Zeiten nicht hinter uns?

Was denken Sie? Sind Ihnen weitere Restaurants, Bars, öffentliche Orte bekannt, an denen Mütter und Väter mit Nachwuchs ungeliebte Gäste sind?

Nicole Althaus am Freitag den 5. Februar 2010

Einwegkommunikation

Jedes Wort ist zäh wie Kaugummi

Jeder Wortwechsel ist zäh wie Kaugummi

Irgendwann ist man schon so lange Mutter und denkt, man hat alles gesehen, da kommt nichts mehr, was einen aus der Fassung bringen könnte. Alles schon gehabt, schlaflose Nächte, endlose Tage, grundloses Glück, sinnloser Zoff. Doch dann kommt die Tochter eines Tages von der Schule heim und sagt einfach nichts. Nicht einmal das übliche «Was gibt’s?» am Mittag. Nein, sie markiert ihre Präsenz mit angenervtem Schweigen und spart ihre Worte, als seien sie kontingentiert, für den nächsten Anruf einer Freundin auf.

Das ist total normal, tröstet man sich, so sind Teenager nun mal. Aber fühlen tut man sich trotzdem ein bisschen wie damals in der Krabbelgruppe, als all die anderen süssen Fratze schon so was wie «Mammamma» zustande kriegten und der eigene unbeeindruckt weiter schwieg, als handle es sich beim Spracherwerb um eine freiwillige Angelegenheit: Man redete und redete und wartete, gespannt zuerst, dann ungeduldig und zuletzt doch ziemlich angespannt auf das erste Anzeichen einer kommunikativen Kontaktaufnahme seitens der Tochter.

Nun, in der Pubertät wiederholt sich diese mütterliche Einwegkommunikation: Sie besteht aus einem Sender, der viel sagt und gern viel hören würde, und einem Empfänger, der weder etwas hören noch etwas sagen will.

Nicht nur innerfamiliär übrigens ist die Kommunikation zäh wie Kaugummi.  Kolumnen? Eltern-Magazine? Blogs? Die drehen sich alle fast ausschliesslich um die ersten Jahre mit den Kids. Selbst befreundete Eltern, die früher immer ein Episödchen vom Nachwuchs zum Besten gegeben haben, sind plötzlich wortkarg. Teenager sind offenbar einfach nicht unterhaltsam genug, im wahrsten Sinne des Wortes. Wirklich hilfreich sind in diesen Tagen auch die geschwätzigen Sites mit den  Tipps für den Umgang mit Teens nicht: «Bleiben Sie im Gespräch!», rät man da allenthalben. Ja, das will ich doch! Aber dafür müssen Sender und Empfänger ab und zu ihre Rollen tauschen. Versuche ich es also damit: «Machen Sie keine Vorwürfe, zeigen Sie Ihr Interesse». «Schätzchen», wende ich mich an Tochter I, «Schätzchen, es interessiert mich, was du nach der Schule Spannendes gemacht hast, dass du so spät nach Hause kommst.» Tochter I guckt kurz hoch, legt ihre babyglatte Stirn dramatisch in Falten und schweigt. Ihr Blick allerdings sagt mehr als tausend Worte. Zusammengefasst und auf das Wesentliche gekürzt: «Du nervst!»

Ich lasse ihr also, das ein anderer Tipp einer weiteren einschlägigen Site, ihren Freiraum, schweige meinerseits  und lese die Zeitung. Am Abend setze ich mich zu ihr ans Bett, wie immer, und setze zum letzten Gesprächsversuch an. Was ihr denn am heutigen Tag besonders gefallen oder missfallen habe, frage ich.

«Nichts», antwortet sie.

Na, das ist doch ein Anfang.

Geschätzte Leserinnen und Leser
Der Mamablog lebt von Ihnen und Ihren Kommentaren. Deshalb finden wir es bedauerlich, dass die Umgangsformen in den Diskussionen in letzter Zeit zu wünschen übrig lassen. Pointierte Meinungen und zugespitzte Formulierungen sind erlaubt – nicht aber Beschimpfungen und persönliche Angriffe. Wir bitten Sie um gegenseitigen Respekt. Besten Dank. Die Redaktion

Nicole Althaus am Donnerstag den 4. Februar 2010

Wann sind Kinder schulreif?

Wann ist die Zeit reif, für eine neue Definition von Schulreife?

Wann ist die Zeit reif, für eine neue Definition von Schulreife?

Erinnern Sie sich noch an die Plakate mit dem «weinenden Kind» am Strassenrand? 2008 protestierte damit die SVP in verschiedenen Kantonen gegen das Schulkonkordat HarmoS, welches den Eltern ihre Kinder bereits mit vier Jahren «wegnehmen» will. Die Partei erreichte mit den Tränen in einigen Kantonen ein Nein zur Schulharmonisierung an der Urne. Die Frage nach dem richtigen Einschulungsalter ist offenbar eines dieser  diffusen und emotionsgeladenen Themen, mit denen ganze  Abstimmungen instrumentalisiert und gewonnen werden können. Jedenfalls zeigte eine repräsentative Befragung von 1000 Schweizerinnen und Schweizer, dass eine Mehrheit zwar für eine Harmonisierung waren, aber gegen ein früheres Kindergarteneintrittsalter.

Wann sind Kinder schulreif?  Darüber streiten sich nicht nur die Schweizer. Vor kurzem  diskutierte ganz Grossbritannien  über das ideale Einschulungsalter. Und das nicht minder heftig:  Im Spätherbst ist der Schlussbericht des «Cambridge Primary Review» erschienen, der umfassendste Bildungsbericht für die britische Grundschule seit vierzig Jahren. Er wurde von 14 Autoren verfasst und wartet mit der Auswertung von mehr als 4000 Quellen auf. Interessant für die Diskussion hierzulande ist er deshalb, weil er entgegen der internationalen Tendenz zur früheren Einschulung eben diese in Frage stellt: «Dass England auf  den frühestmöglichen Beginn der formalen Beschulung besteht, ist erzieherisch kontraproduktiv», heisst es im Résumé der Pädagogen von der Universität Cambridge. Eine Verschulung der Kindheit führe eben gerade nicht zu positiven Lernerfolgen. Sie empfehlen, die Preschool bis Ende des  sechsten Lebensjahres  auszudehnen und die Einschulung nach hinten zu verschieben.

In der Schweiz passiert zurzeit gerade das Gegenteil. Im Kanton Luzern etwa ist der Stichtag vorverlegt worden, so dass die jüngsten Kinder nun knapp vor ihrem sechsten Geburtstag  die erste Klasse besuchen. In Zürich will man sich schrittweise der früheren Einschulung anderer Kantone annähern. Zwar sind Schweizer Erstklässler dann nicht jünger als die meisten anderen europäischen ABC-Schützen. Ausserdem sind nationale Grundschulsysteme nicht einfach eins zu eins zu vergleichen. Trotzdem scheint an der britischen Kritik etwas dran zu sein: Eine Untersuchung von zwei Darmstädter Wirtschaftswissenschaftlern bestätigt nämlich deren Befund. Patrick Puhani und Andrea Weber schauten sich unlängst die Leistungen hessischer Schülerinnen und Schüler bei einer Lesestudie sowie die Übertrittsquoten aufs Gymnasium an und stellten fest, dass Kinder, die erst kurz vor oder mit sieben eingeschult wurden, bei beidem besser abschnitten.

Warum, muss man sich da fragen, kann der Schuleintritt für viele Schweizer Eltern nicht genug früh kommen? In vielen Gemeinden finden zurzeit die Einschulungsgespräche statt. Und auch dieses Jahr werden wohl die Gesuche um frühere Einschulung von Sommer-Kindern wieder zunehmen. Ich kenne sogar ein Elternpaar, das sich wegen der Stichtage zur Einschulung  für eine Wohnung im Nachbarskanton entschieden hat. Ist das fehlgeleiteter elterlicher Ehrgeiz? Oder wird in Schweizer Kindergärten  zu viel gebastelt und zu wenig gefordert?

Klar ist, dass es kein wissenschaftlich begründbares ideales Einschulungsalter gibt. Körperliche Schulreife-Kriterien wie das Wackeln der Milchzähne oder der früher praktizierte «Philippi-Ohrläppchen-Test» (Fähigkeit des Kindes mit der rechten Hand, das linke Ohrläppchen zu erreichen, wenn es den Arm über den Kopf legt) sind zwar anschaulich, aber letztlich so wenig aussagekräftig wie das Alter. Schulreife ist nämlich wie so viele andere kindliche Entwicklungsschritte etwas Individuelles. Und nur eine Bildungsinstitution, die sich darauf einstellt und Durchlässigkeit praktiziert,  statt mit Stichdaten zu jonglieren, kann die in periodischen Abständen aufkommenden Streitereien um das richtige Schuleintrittsalter ein für allemal lösen (etwa Dänemark).

Im Kanton Zürich wurde der letzte Versuch, genau diese Durchlässigkeit mit  der Grundstufe einzurichten, 2002 vom Volk bachab geschickt. Aus Kostengründen, wie eine Nachbefragung der Stimmberechtigten ergab. Vorab Frauen haben sich übrigens gegen die Vorlage ausgesprochen. Und so bleibt die Frage ungelöst: Wie soll Schule die Schulreife definieren? Was ist wichtiger, die soziale oder die intellektuelle Schulreife? Und wenn schon Stichtage nötig sind, werden unsere Kinder zu früh oder zu spät eingeschult?

Geschätzte Leserinnen und Leser
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Michèle Binswanger am Mittwoch den 3. Februar 2010

Brauchen werdende Eltern einen Fähigkeitsausweis?

Schlechte Eltern: Sollte man sie am Kinderkriegen hindern?

Sollte es unfähigen Eltern nicht besser verboten werden, Kinder zu kriegen?

Zimperlich war der britische Komiker Ricky Gervais noch nie. Der Erfinder von «The Office» stellt zielsicher bloss, was sich zu ernst nimmt, und kennt dabei keine Bisshemmungen: grosse Egos von kleinen Chefs, AIDS, Dicke, Schwule oder die Hollywood-Prominenz – er macht sich über alles lustig. Ricky Gervais schiesst auf alles, was sich bewegt. Besonders das, was die Leute da draussen bewegt. Zuweilen wagt er sich damit auch an die Schmerzgrenze, als er etwa vor versammelter Hollywood-Prominenz die Golden Globe Awards moderierte. «Ich schaue mir all diese Gesichter hier an und muss an die grossartige Arbeit denken, die heuer bewerkstelligt wurde – von plastischen Chirurgen. Sie sehen grossartig aus!» So begrüsste er die säuerlich lächelnden Stars.

Vergangene Woche zielte er auf Mütter und Väter, als er in einem Interview mit der Sunday Times sagte, unverantwortliche Eltern zu sterilisieren erschiene ihm als probates Mittel gegen die Überbevölkerung. Der Journalist fragte nach, wie er sich denn das vorstelle. Darauf Gervais:«Auf der Basis eines dummen, fetten Gesichts. Wenn du eine Frau in Leggins siehst, die Chips frisst und dazu ne Kippe raucht, sterilisier sie. Unverantwortliche Eltern sollte man abschaffen.» Er selber habe übrigens nie Kinder gewollt, weil er nicht 16 Lebensjahre in etwas investieren wollte, was bloss Ärger bedeute.

Ricky Gervais in seiner Paraderolle in der Serie The Office.

Ricky Gervais in seiner Paraderolle als David Brent in der Serie «The Office» (2001).

Im Netz wurden die markigen Worte sofort verbreitet und zum Teil erschrocken kommentiert. Das war zu erwarten, aber Gervais nun gleich des Faschismus zu verdächtigen, hiesse die Blödelei zu ernst zu nehmen. Aber man kann sich natürlich fragen, welchen Nerv er damit trifft. Vielleicht zielte er mit seinen Worten auf die Welle der bloggenden und schreibenden Leute, die sich im angelsächsischen Raum neuerdings zum Bad Parenting bekennen und sich rühmen, wegen eines bisschen Babysittens nicht auf den alten Lifestyle oder einen Gin Tonic verzichten zu wollen.

Eher noch denke ich aber, dass Gervais einfach ausgesprochen hat, was viele denken, aber nicht zu sagen wagen. Weil es vielleicht wirklich schon zu viele Kinder gibt, weil in der Elternschaft im Grunde jeder versagt, weil wir alle zu egoistisch sind. Weil das Problem der Überbevölkerung vielleicht tatsächlich gelöst wäre, wenn nur die wirklich zur Elternschaft Prädestinierten sich fortpflanzen würden.

Vielleicht nehmen wir auch einfach alles zu ernst. Oder was meinen Sie? Brauchen werdende Eltern einen Fähigkeitsausweis? Und wenn ja, wer sollte Kinder haben dürfen und wer nicht?

Michèle Binswanger am Dienstag den 2. Februar 2010

Die Mechanik des Zweierglücks

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Romeo und Julia (Leonardo di Caprio und Claire Danes in «Romeo und Juliet», 1996). Am Anfang verleiht die Liebe Flügel, aber wie erklimmt man den Gipfel der Partnerschaft?

Liebe verleiht Flügel. Zumindest am Anfang. Aber eine langjährige Liebesbeziehung zu führen ist kein Spaziergang im Park. Wenn sich die Schwerkraft zurückmeldet, findet man sich eher im Gebirge wieder. Wer den Gipfel der Partnerschaft erreichen möchte, muss klettern. In den vielen Stunden, die ich am Fels verbracht habe, dachte ich oft darüber nach, dass eine Zweierseilschaft eine passende Metapher für eine Beziehung ist: Verbunden durch sein Seil erklimmt man schwindelerregende Höhen, jeder für sich selbst verantwortlich. Man muss in beengten Platzverhältnissen, in Krisensituationen und unter Stress funktionieren. Zusammen ist man alleine unterwegs. Zusammen scheitert man. Oder hat Erfolg. Dazu müssen allerdings einige Grundsätze beherzigt werden:

Klettertouren werden geplant, Beziehungen passieren einfach. In beiden Fällen aber sieht man sich mit demselben Problem konfrontiert: Die angetroffenen Bedingungen entsprechen bei einem ersten Augenschein selten den Vorstellungen, die man sich davon gemacht hat. Rollende Planung ist gefragt, sie müssen sich anpassen, die Route nach den Gegebenheiten und ihren Möglichkeiten ausrichten. Die Frage ist nur: Was ist überhaupt Sache? Was ist möglich? Und wie finden wir uns, damit wir zusammen weitergehen können?

Wir haben nie alle Informationen. Und jene, die uns zugänglich sind, filtern wir so, dass sie in unser Bild der Wirklichkeit passen. In Partnerschaften wachsen diese Wirklichkeiten zusammen, aber es gibt immer aufständische Gebiete, die autonom bleiben wollen, Konfliktherde, die das ganze System durcheinanderbringen können. Aber Eskalationen kosten Energie. Deshalb sollte man sich auf Lösungen konzentrieren. Auf Ziele zurückkommen, die eigenen Voraussetzungen thematisieren, sich fragen: Was könnte ich anders machen?

Nun kommt die Schlüsselstelle der Beziehungstour: Kommunikation. Sie sieht einfach aus, ist es aber nicht. Denn es reicht nicht, sich bloss Wörter zuzuwerfen. Man muss sie in die Hand nehmen und mit ihnen an der eigenen Wirklichkeit arbeiten, versuchen, einen Blick auf die Welt, die sie hervorgebracht hat, zu erhaschen. Wenn zwei in einer Beziehung interagieren, gleicht das einem chemischen Experiment, in der Reaktion entsteht alles mögliche, Hitze, Rauch, Feuer. Aber ohne Kommunikation entsteht niemals ein brauchbares Produkt.

Gute Bergsteiger können eine Sachlage analysieren und einschätzen. Die Meister der Disziplin haben dazu ein Bauchgefühl, eine Art siebter Sinn, der immer wieder unmögliches vollbringen lässt. In der Beziehung entspricht das vielleicht der Kunst des Paradoxen: sich auf den andern verlassen, ohne sich auf ihn zu stützen; sich binden, ohne sich zu fesseln; stolz sein, zu sich stehen und zugleich demütig, auch mal nachgeben, Dinge loslassen.

Hab ich noch was vergessen? Ach ja, man muss es natürlich wollen. Nennen wir es Liebe. Wer dazu nicht bereit ist, der kann die ganze Klettertour auch am Fernsehen verfolgen. Aber letztlich guckt man dabei in die Röhre.

Nicole Althaus am Montag den 1. Februar 2010

Die Schwangerhaft

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Absatzfrei, alkoholfrei, stressfrei: Das freie Leben einer Schwangeren gleicht einem Gefängnis.

Schwangerschaft ist der unfreiwillige Wiedereintritt in die Unmündigkeit. Diesen Satz habe ich letztes Frühjahr in einem Blogeintrag zum Thema «Minenfeld Mutterschaft» geschrieben. Ich habe ihn damals auf ungefragte und harmlose aber nichtsdestotrotz ärgerliche Angriffe auf die Selbstbestimmung einer Schwangeren bezogen. Auf die Tatsache, dass eine Frau, kaum zeigt der Schwangerschaftstest zwei Streifen, am besten sofort und in aller Freiwilligkeit auf koffeinfreien Kaffee, absatzfreie Schuhe und alkoholfreie Getränke umstellt. Denn sonst sind gewisse Mitmenschen ihrerseits so frei, sie darauf hinzuweisen, was sich in anderen Umständen gehört.

Niemals hätte ich damals gedacht, dass sich der Satz in Florida gerade zur selben Zeit auch rechtlich bewahrheiten könnte: Samantha Burton war 25 Wochen schwanger, als sie im März 2009 Wehen spürte. Ihr Arzt verschrieb ihr Bettruhe bis zum Geburtstermin. Als die zweifache Mutter ihn bat, eine Zweitmeinung einholen zu dürfen, weil 15 Wochen Bettruhe mit zwei kleinen Kindern und einem Job nicht so einfach zu bewerkstelligen seien, alarmierte er die Behörden. Umgehend wurde die Schwangere per Gerichtsbeschluss ins  Tallahassee Memorial Spital eingewiesen und dort gegen ihren Willen festgehalten. Weiter wurde verfügt, dass Burton sämtliche angeordneten medizinischen Eingriffe über sich ergehen lassen müsse, die  für «Leben und Gesundheit des ungeborenen Kindes» als nötig erachtet würden. Nach drei Tagen wurde die Schwangere per Notfallkaiserschnitt entbunden. Der Fötus war tot.

Das klingt wie ein Ausschnitt aus einem Horrorfilm. Wie es sich angefühlt hat, möchte Burton «jeder anderen Frau ersparen». Deshalb verklagte sie, kaum wurde sie aus dem Spital entlassen, mit Unterstützung der American Civil Liberties Union die Behörden und das Spital wegen Verletzung konstitutioneller Rechte. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet. Wird das Gericht für oder gegen die zweifache Mutter entscheiden? Samantha Burton hat immerhin zwei Kinder geboren und bisher erfolgreich aufgezogen. Sie wollte offensichtlich auch das dritte Kind, sonst hätte sie nicht fürsorglich einen Arzt aufgesucht, sondern abgetrieben. Schwangerschaftsabbrüche sind in Florida legal. Dass sie offenbar Mühe bekundete, mit dem Rauchen aufzuhören, ist ebenfalls kein Entmündigungsgrund. Genau das aber ist passiert. Die Frau wurde ihres verbrieften Rechts auf körperliche Autonomie und Unversehrtheit, auf Freiheit und damit auf die Möglichkeit, als mündige Person über medizinische Eingriffe zu entscheiden, beschnitten. Sie wurde behandelt wie ein Inkubator.

Nein, nur weil das in Amerika passiert ist und nicht bei uns, geht es uns noch lange nicht nichts an. Zwar ist es meines Wissens in der Schweiz noch nie vorgekommen, dass eine Frau auf ihre Funktion als Gebärmutter reduziert worden wäre, wohl aber gibt es auch hier die Tendenz, Schwangere, Gebärende, Stillende auf ihre Funktion als Mutter zu reduzieren und ihr Verhalten nach einem einzigen Aspekt zu bewerten: Gilt das, was sie tut, in unserer Gesellschaft gerade als gut, gesund, intelligenzfördernd für das Baby?

In Amerika konnte ich, die damals mit dem zweiten Kind schwanger war, nicht einmal einen Kaffee trinken, ohne permanent über die Wirkung des Koffeins auf den armen Fötus belehrt zu werden. Ganz so schlimm ist es hier nicht. Aber nach einem Glas Wein ist auch in der Schweiz die Mündigkeitsgrenze der Schwangeren erreicht. Ganz zu schweigen vom herrschenden Diktat in Sachen Stillen und Gebären. Ausserdem vergeht kaum ein Monat, an dem nicht irgendwo, irgendein Forscher irgendetwas findet, das das Ungeborene schon im Mutterleib traumatisiert. Mütterlicher Stress zum Beispiel, oder ein Zuwenig an gedanklicher, taktiler oder sprachlicher Zuwendung zum Babybauch.

Der moralische Handlungsspielraum einer Schwangeren und Neo-Mutter wird in der westlichen Welt je länger je mehr beschnitten. Ist daran tatsächlich bloss der Wissensfortschritt schuld?  Oder hat der Überwachungs- und Optimierungswahn andere Gründe? Wo fängt die Pflicht einer (werdenden) Mutter an und wo hört ihre Freiheit als Frau auf?



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