Willensstärke kann man lernen

Andrea Fischer Schulthess am Freitag, den 24. April 2015
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Ob es durchhält? Ein Mädchen versucht, der Verlockung zu widerstehen und dafür ein zweites Marshmallow zu ergattern. Foto: Screenshot Youtube/Abasa Bank

Angefangen hat alles vor mehr als vierzig Jahren – mit einer kleinen Versuchsreihe, die längst weltberühmt ist: dem sogenannten Marshmallow-Test. Der heute hochrenommierte Psychologe Walter Mischel wollte damals herausfinden, wie vier- bis sechsjährige Kinder auf Versuchungen reagieren und wie sie ihnen widerstehen. Dazu liess er Kinder einer Kita der Stanford University wählen, ob sie ein Marshmallow gleich essen oder lieber warten und dafür die doppelte Ration kriegen wollten. Es ging Mischel darum zu sehen, ob und wie Kinder mit einem Belohnungsaufschub umgehen. Was damals keiner geahnt hätte: Der kleine Test wurde zum Auftakt für unzählige Studien rund um unsere Fähigkeit, Versuchungen zu widerstehen. Denn die Forscher fanden schon bald heraus, dass Kinder, welche den selbst auferlegten Aufschub zugunsten einer grösseren Belohnung wählten, später im Leben signifikant bessere Leistungen erbrachten und sozialkompetenter waren.

Das verlockt zur simplen Schussfolgerung: Willenskraft gleich Erfolg im Leben, der man im Zusammenhang mit dem Marshmallow-Test tatsächlich immer wieder begegnet. (Zum Beispiel in Form von T-Shirts mit dem Aufdruck «Don’t eat the marshmallow», in etwa so sinnig wie Jogginghosen, auf denen steht «Rauchen Sie nicht».)

Doch Mischel hat sich anders entschieden. Als Krönung seiner langjährigen Arbeit hat der mehrfach ausgezeichnete Psychologieprofessor ein Buch geschrieben, «Der Marshmallow-Test», in welchem er sehr persönlich, differenziert und wertfrei zusammenfasst, was in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Gebiet der Selbstdisziplin im weiteren Sinn geforscht wurde, darüber, welche neurologischen Hintergründe mittlerweile bekannt sind und wie wir all diese Erkenntnisse für uns und die Erziehung unserer Kinder nutzen können.

Funktioniert noch immer: Ein aktueller Marshmallow-Test. Quelle: Youtube

Wer einen einfachen und kochbuchrezeptartigen Ratgeber sucht, braucht ein anderes Buch und sicher ein dünneres. Wer jedoch spannende und erhellende Erkenntnisse aus der Psychologie und Neurologie verständlich aufbereitet lesen will und sich und seine Kinder besser verstehen und unterstützen will, der soll noch heute in die Buchhandlung oder in die Bibliothek pilgern und sich den Mischel holen.

Allein schon die liebevollen Passagen, in denen der Autor über die inneren Kämpfe und Triumphe der Kinder schreibt, sind es wert, das Buch zu lesen. Aber auch die Ausführungen darüber, warum es uns oft so schwerfällt, auf etwas zu verzichten, auch wenn wir eigentlich wissen, dass wir später davon profitieren, sind sehr hilfreich. Mischel legt breit dar, welche Faktoren solche Entscheidungen beeinflussen. Dazu bedient er sich bildlicher Beschreibungen unserer zwei Grundsysteme: des «heissen» und des «kühlen», wie er sie nennt. Das heisse System umfasst unser Urhirn, das für alles Überlebenswichtige zuständig ist, also für Sex, Essen, Flucht und Konsorten; das kühle System das Denkhirn, das rational und analytisch funktioniert. Und im Fall von Stress leider meist ausser Betrieb ist.

Ab Minute 2:00: Mischel spricht über sein Marshmallow-Experiment.

Mischel zeigt auf, wie wir uns antrainieren können, Verlockungen möglichst mit dem kühlen System zu meistern, oft schon mit einfachen Kniffen. Zum Beispiel, indem wir uns das Marshmallow als weisse Wolke vorstellen und eben nicht als saftig-weiche, duftende Süssigkeit. Dabei verspricht er keinesfalls, dass das einfach sei, aber immerhin belegtermassen machbar und nützlich. Es ermöglicht uns, härter zu arbeiten, um in Zukunft etwas Bestimmtes zu erreichen. Es hilft jetzt, auf die Zigarette zu verzichten, um für später gesund zu bleiben, oder zu sparen, um uns später etwas Grosses leisten zu können.

Durchgefallen: Auch für Eltern ist der Test kein Kinderspiel. Quelle: Youtube

Dabei verzichtet der Autor darauf, Selbstdisziplin zur allein selig machenden Kardinaltugend per se hochzustilisieren. Zudem widerlegt er die uralte These, dass Willensstärke einfach vererbt sei oder eben nicht und damit basta. Wie man heute weiss, haben wir sehr wohl Möglichkeiten, uns zu ändern. Selbst wenn Gene und sogar schwierige Beziehungen und Erlebnisse in der frühen Kindheit uns massiv prägen. Mischel schreibt ermutigend – aber frei von aufgesetztem «You can do it»-Optimismus. Apropos prägende Kindheit. Eine Erkenntnis ist mir besonders geblieben: Mischel stellte fest, dass Kinder von Eltern, die ihre Versprechen halten, besser mit einem Belohnungsaufschub umgehen können als solche, die nie wissen, ob Abmachungen auch wirklich gelten. Letztere leben eher nach dem Motto «Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach». Macht Sinn.

Der Marshmallow-Test ist also ein Buch für alle, die mehr über den inneren Sauhund lernen wollen. Darüber, wie er bellt und wie wir ihn besser erziehen können. Denn dass wir das tatsächlich können, ist das erfreuliche Fazit des Buchs. Im Zeitalter der mangelnden Frustrationstoleranz hat Mischel damit eine wahrlich edle Tat vollbracht.

 

Schlagende Kinder, keifende Mütter

Mamablog-Redaktion am Donnerstag, den 23. April 2015

Ein Gastbeitrag von Claudia Marinka*

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Unschön, aber in gewissen Entwicklungsschritten normal: Aggressives Verhalten von Kleinkindern. Foto: flickr.com/duo penotti

Julian, dreieinhalb Jahre alt, stösst andere Kinder. Das tut Julian nicht immer, aber immer wieder. Sein Verhalten ist seit längerem Gesprächsthema Nummer eins in seiner Spielgruppe und eckt an. Man mag sich ausmalen, dass ein solches Verhalten auch bei der betroffenen Mutter auf Missfallen stösst. Umso krasser erscheint mir eine Begebenheit, die Julians Mutter erleben musste: Sie wurde von anderen Müttern angefeindet, gedisst, und zwar aufs Übelste. Die Mutter eines vermeintlichen Opfers hat den Zwist zwischen ihrem Kind und Julian kurzerhand mit ihrem Handy aufgezeichnet, um es danach demonstrativ Julians Mutter vorzuspielen. Als Beweisstück sozusagen. Dies, nachdem sie die Mutter vorher aufs Übelste beschimpft hatte – in aller Öffentlichkeit notabene.

Mutter A verunglimpft Mutter B. Das Geschehene könnte man im ersten Moment als amüsant-schräge Story ablegen. Ganz nach dem Motto «Was es nicht alles so gibt?!». Das wird dem Thema aber nicht gerecht. Ich persönlich finde es schlicht erbärmlich und traurig, wenn sich Mütter nicht anders verhalten, als es ihre Kleinkinder so oft tun. Statt ein Problem über die Kommunikation zu lösen, machen sie es mittels Konfrontation.

Auch meine Tochter wurde zeitweilig von Julian geschubst. Und bei einem Waldausflug hat er mal ihre Thermoskanne aus der Hand geschlagen. Nei aber au! Soll ich nun ausflippen? Der Mutter die Leviten lesen? Oder mir vielleicht gar direkt den kleinen Schläger persönlich vorknöpfen?

Natürlich nicht. Ich habe stattdessen versucht, meiner Tochter zu erklären, dass Kinder in verschiedenen Phasen sind, mit verschiedenen Ausprägungen. Dass Julian das macht, um Aufmerksamkeit zu erregen, und diese Phase in den meisten Fällen vorbeigeht. Doch ich habe ihr auch geraten sich zu wehren. Wenns gar nicht anders geht, solle sie zurückschubsen, ihm auch seine Thermoskanne aus der Hand schlagen. Aber bloss als Ultima ratio.

Es gibt bei Kleinkindern Zeitspannen, in denen man nachsichtig sein muss. Selbstverständlich geht es nicht darum, aggressive Kinder in ihrem Verhalten zu bestärken oder alles schlucken zu müssen. Doch man soll, bitte schön, nicht gleich ein Riesendrama machen, wenn das eigene Kind geschubst wird, auch wenn dies wiederholt vorkommt. Kinder sind robust. Es gehört zum Aufwachsen und zum Leben allgemein dazu, unangenehme Situationen zu meistern, Neues kennen zu lernen und damit umzugehen. Eltern müssen nicht gleich bei jedem Vorfall zur Krippenleiterin rennen, die Schulleitung kontaktieren, andere Eltern beschimpfen. Die Kinder müssen lernen, sich zu artikulieren, das Gespräch zu suchen, ihre Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Sowohl von «Täter»-Seite als auch von «Opfer»-Seite her.

marinka*Claudia Marinka arbeitet als freie Journalistin mit Schwerpunkt Gesellschaftsfragen und hat bei verschiedenen Medien in den Ressorts Nachrichten, Gesellschaft und People gearbeitet. Die zweifache Mutter lebt mit Tochter, Sohn und Mann in der Nähe von Zürich.

Lasst die Kinder doch in Ruhe!

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 22. April 2015

Ein Papablog von Beat Camenzind*

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Ins Spiel vertieft: Kinder brauchen keinen Animator. Foto: flickr.com/wwworks

Der englische Autor Tom Hodgkinson ist eine Kapazität, was Faulheit betrifft. Von ihm stammen Bücher wie «Anleitung zum Müssiggang» (ein Bestseller), «Die Kunst, frei zu sein» oder «Leitfaden für faule Eltern». Letzteres hat die zentrale These: «Wie erziehe ich mein Kind? Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe.»

Tom Hodgkinson über sein Buch «The Idle Parent», 2012 (Quelle: Youtube)

Das heisst nun nicht, die Kinder komplett sich selbst zu überlassen. Hodgkinson plädiert aber dafür, sich als Eltern nicht zum Animator oder gar zum Manager der Kinder zu machen. Das ist genau nach meinem Geschmack. Denn die Kinder finden immer etwas, das sie tun können. Da braucht es kein Beschäftigungsprogramm.

Bei uns läuft das bisweilen so: Am Wochenende unternehmen wir – nichts. Der älteren Tochter passt das perfekt. Sie verkriecht sich im Zimmer mit einem Buch und taucht erst zum Nachtessen wieder auf. Ihr grösstes Problem ist, genügend Lesestoff zu finden. Und falls der mal ausgeht, erzählt sie sich die Geschichten halt selber.

Die Jüngere schnappt sich jeweils das Telefon und versucht ein Gschpänli zu erreichen. Keine leichte Aufgabe, gerade am Wochenende. Ihre beste Freundin kann oft nicht. Sie muss jeden Samstag mit den Eltern einkaufen gehen. Der Gang zum Shoppingcenter füllt offenbar den ganzen Tag aus, mit Parkplatzsuche, Essen und Hin- und Rückfahrt.

Andere Freundinnen sind mit den Eltern am Wandern, auf Verwandtenbesuch oder bei der Pfadi engagiert. Meistens findet sie nach x Telefonaten doch noch eine Spielgefährtin. Wenn nicht, kommt sie mit hängenden Schultern angeschlurft, zieht einen Lätsch und fragt: «Was söll ech machääää? Mir isch laaaaangwiiiilig

Natürlich lasse ich sie nicht hängen und mache ihr Vorschläge, was wir zusammen tun könnten. Aber ebenso oft kommt es vor, dass ich gerade mit etwas beschäftigt bin. Manchmal reicht es dann, dass ich ihr erkläre, Langeweile sei gut und der Start zu etwas Neuem. Bleibt sie hartnäckig und ich bin unabkömmlich, greife ich zu einem Trick: Ich fordere dann jeweils, dass sie ihr Zimmer ausmisten soll. (Sie ist einer jener Menschen, die nichts – aber auch wirklich gar nichts – fortwerfen können und wollen. Entsprechend vollgestopft ist der Raum. Dass hat einerseits mit der Geschenkeflut zu tun, die mindestens am Geburtstag und an Weihnachten über sie hereinbricht. Das hat andererseits auch damit zu tun, dass gut meinende Freunde die alten Sachen ihrer älteren Kinder uns netterweise ungefragt spenden. Ziemlich fies, wer sagt schon vor seinen Kindern, dass wir jetzt diese Puppe nicht haben wollen. Und: Die Kinder sind heutzutage im Bastelunterricht derart produktiv, dass allein dieser «Output» das Kinderzimmer schon wie einen Spielzeugladen aussehen lässt.)

Ich erwähne also nur beiläufig das Wort «aufräumen», und das wirkt Wunder. Die Vorstellung, sich von der Zeichnung aus dem ersten Kindergarten trennen zu müssen, ist für sie ein solcher Horror, dass ihr sofort 1) tausend Dinge einfallen, die sie auf keinen Fall in den Keller räumen oder fortwerfen will und 2) mit diesen unbedingt jetzt noch spielen will.

BEat_Camenzind_150*Beat Camenzind ist freischaffender Journalist, Musiker und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie im Grossraum Zürich.

Zwei Eltern sind nicht genug

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 21. April 2015

Ein Gastbeitrag von Meike Büttner*

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Lösungen für die Kinderbetreuung sind gefragt: Krippen sind ein Teil davon. Foto: Kai Pfaffenbach (Reuters)

Seit Anfang April eine israelische Studie über Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, veröffentlicht wurde, tobt eine Debatte in den Feuilletons und den sozialen Medien. Während unter dem Hashtag #regrettingmotherhood viele Menschen über die Überforderung der Mütter diskutieren, finden sich unter dem Hashtag #regrettingfatherhood nur ein paar wenige Einträge, von denen die meisten einfach erklären, dass sie gar nichts bereuen, oder Tweets von Frauen, die #regrettingfatherhood herablassend abstrafen, da in unserer Gesellschaft ja schliesslich nur die Mütter als die Zuständigen für Kinderfragen gelten. Das mag zwar stimmen, es verfestigt jedoch gleichzeitig das Bild der allein zuständigen Mütter. Denn wenn wir erreichen wollen, dass Väter und Mütter gleichermassen für ihre Kinder sorgen, dann müssen wir auch offen sein für die Väter, die genau das tun und damit schliesslich unter denselben Problemen leiden wie die Mütter.

Jeanette Kuster schrieb in ihrem Beitrag am vergangenen Freitag dazu: «Erst mit der Industrialisierung nämlich ist die Mutter zur Hausfrau und Kinderverantwortlichen geworden. Dennoch ist dieses Bild der idealen Mutter heute fest in unseren Köpfen verankert. Zusammen mit der Annahme, dass jede Frau Kinder wolle.»

Ungewollt unterstützt die Debatte um #regrettingmotherhood genau dieses Konstrukt. Denn es geht gar nicht darum, welches Geschlecht unsere Versorger(-innen) haben. Es geht vielmehr um das Problem, dass unsere Gesellschaft sich ausruht auf der Annahme, dass irgendeine Gruppe von Menschen die Erziehung unserer Kinder allein übernehmen muss. Vor der Industrialisierung wurden Kinder immer im Familienbund grossgezogen. Es gab nicht die eine Person, die allein den Haushalt und alle Fragen zu Kinderthemen übernahm, sondern viele Personen übernahmen gleichermassen Verantwortung. Es gibt auch Gesellschaften wie beispielsweise in Kamerun, wo es auch heute noch so ist. Wo ganze Dörfer sich gemeinsam für jedes einzelne Kind zuständig fühlen.

In Europa hingegen fühlen sich heute sehr viele Eltern alleingelassen. Von ihren Regierungen, den Betrieben, für die sie arbeiten, oder von Verwandten. Völlig zu Recht. Denn es ist schlicht unmöglich, dass eine einzige Person diese Arbeit leisten kann. Und es ist zu viel verlangt, dass dieses Vorhaben in der Regel von der Selbstaufgabe dieser Menschen begleitet ist und oft sogar das Risiko der Armut birgt. Wir haben dieses Modell nun etwas über 200 Jahre erprobt, eine sehr kurze Zeitspanne der Menschheitsgeschichte, und wir können es als gescheitert ansehen. Mann oder Frau – oder sogar Mann und Frau – allein werden es nie bewältigen können. Was sich am drastischsten bei Alleinerziehenden zeigt, ist letztlich auch für Paare noch viel zu viel.

In Kanada können sich seit letztem Jahr vier Personen als die sozialen Eltern eines Kindes eintragen lassen. Hierbei handelt es sich natürlich in der Regel um zwei homosexuelle Paare, die gemeinsam Kinder zeugen, aber wir täten nicht schlecht daran, gemeinsame Verantwortung wieder zu unserer Prämisse zu machen. Allen voran die Regierungen sollten sich ihrer Verantwortung bewusst werden, Kinder zu betreuen und zu fördern. Soziale Elternschaft sollte unabhängig von Geschlecht und dem faktischen Bezug zum Kind unproblematisch zu regeln sein. Und eine Regierung, die von ihrem Volk die aktive Teilhabe an der Wirtschaft verlangt, sollte ihm auch Lösungen für die Kinderbetreuung anbieten können.

Ich persönlich bereue nicht, dass ich ein Kind bekommen habe, aber ich leide sehr häufig darunter. Ich meine nicht die Momente, in denen eine nasse Regenjacke auf meinem Sofa liegt oder ein Anruf der Schule mich zwingt, mein krankes Kind abzuholen. Es geht mir vielmehr um die Tatsache, dass ich als Mutter durch Steuerungleichheiten immer weniger Einkommen habe als kinderlose Menschen und gleichzeitig sehr viel mehr aufbringen muss, um unseren Lebensunterhalt einzuspielen. Ich muss also mehr arbeiten und habe am Ende weniger Geld. Vielleicht wären wir alle mit einem fordernden Hashtag besser beraten als mit einem reuigen. Vielleicht sollten wir das alles lieber unter #takeonresponsibility weiterdiskutieren.


Ein Beitrag zum Thema aus der WDR-Sendung «FrauTV» vom 16. April 2015. Video: WDR/Youtube

buettner_150x150*Meike Büttner lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist Autorin, Referentin, Musikerin und Mutter einer Tochter. Sie war lange Zeit alleinerziehend und lebt heute in einer kleinen, ausbaufähigen Patchworkfamilie. Im Juli hat sie den Smart Hero Award für ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten für Alleinerziehende erhalten.

Potz Holzöpfel und Zipfelchappe

Andrea Fischer Schulthess am Montag, den 20. April 2015
Mamablog

Kinder lieben das Kasperlitheater noch immer. (Flickr.com/Eric Peacock)

Kasperli reloaded: Pünktlich zu Ostern haben Nik Hartmann, Andrea Jansen, David Bröckelmann, Fabienne Hadorn und Co. ihre alljährliche Kasperli-CD rausgebracht, mittlerweile schon eine richtige Tradition. Grund genug, sich mal wieder ins Ohr tra-tra-trallalaen zu lassen.

Nostalgie kommt auf. Denn die Macher halten sich bei ihrem Kasperli eng an Jörg Schneiders Charakter und Sprachwitz. Das gefällt, wenngleich es auch etwas anachronistisch anmutet. Andererseits: Wer schon mal erlebt hat, wie beliebt unsere Kinderkassettli von anno Prä-Handy auch bei heutigen Kindern noch sind, versteht, warum das neue Kasperliteam wenig daran herumgeschraubt hat (die alten Kasperlis gibt es natürlich auch auf CD).

Überhaupt ist das Kasperli-Projekt ein Lichtblick. Ganz ohne die Welt schwarz reden zu wollen. Im Gegenteil. Viel zu bunt ist sie mir manchmal. Vor ein paar Tagen habe ich «Home» gesehen, das neueste Retortenbaby aus der Disney-Fabrik. Lustig irgendwie. Vor allem, wenn man solche Filme mag und das tue ich.

Aber mittlerweile kommen sie immer schriller daher (farblich sowie akustisch) und der Plot ist so verdreht und an den Haaren herbeigezogen, dass man sich fragt, ob die Jungs beim Drehbuchschreiben Pilze gefressen haben. Die Story wirkt wie durch einen gewinnmaximierenden Geschichtengenerator erzeugt, den man mit allen Zutaten für einen Blockbuster gefüttert hat: Familienzusammenhalt, Freundschaft, Roadmovie, einer, der sich entwickelt, ein bisschen Slapstick, ein Missverständnis, viel Jöh und ein Bösewicht, der flach rauskommt. Funktioniert, aber reicht eben nicht immer.

Aber eigentlich wollte ich hier ja gerade nicht über Filme sprechen, sondern über Kasperli und über Hörbücher und Hörspiele im Allgemeinen. Doch dafür scheint es mir unumgänglich, diese im Zusammenhang mit Filmen zu betrachten. Nicht als Alternative, aber als wichtige Ergänzung. Denn im US-Film ist derzeit das meiste für Kinder fast krankhaft hochglanzpoliert. Und laut. Das muss es offenbar auch sein, damit es die reizüberfütterten Kinder überhaupt noch erreicht, schliesslich ist alles rundherum ebenfalls laut, schrill, bunt und hektisch. Und das Kino soll ja «bigger than life» sein. Das Gleiche gilt für viele Kindersendungen.

Ich bin nicht überzeugt von dieser Schlussfolgerung. Im Gegenteil. Spätestens seit die 3-D-Schiene zum Alltag gehört, steht eigentlich nur noch eine Steigerungsform zur Verfügung: nicht lauter und bunter, sondern leiser, einfacher und weniger vorgekaut. Weg vom Barock hin zu einer klassischeren Schlichtheit. Und hier sind wir wieder bei den Kasperli-CDs. Tra-tra-trallala.

Ein Ausschnitt aus der Geschichte «S Wältall-Trampolin» von der neuen Kasperli-CD (Quelle: Andreas und Conrad AG)

Es ist erstaunlich, was mit Kindern passiert, die nicht mit jeder Faser des Körpers von einem Film vereinnahmt werden, sondern Geschichten zuhören und dabei entweder zeichnen, ihre Zehen oder die Innenseite ihrer Augenlider studieren oder Legotürme bauen. Sie werden ruhig und können sich erstaunlich gut konzentrieren. Dabei generieren sie eigene Bilder im Kopf und das lieben sie, allen All-inclusive-Filmen zum Trotz, noch immer.

Kasperli und seine Gschpänli haben also noch lange nicht ausgedient, sondern sind willkommener denn je. Darum ein grosses Dankeschön an Nik und sein Team, dafür dass sie weiterhin für Nachschub sorgen.

Das mit den Hörbüchern und der Entschleunigung funktioniert übrigens auch bei Erwachsenen bestens. Haushalt, Kochen, Wäsche — alles flutscht besser, wenn jemand einem dazu eine Geschichte erzählt. Zumindest bei mir.

Die neuen CDs gibts unter: www.kasperligeschichten.ch
Und die CDs von Jörg Schneiders Klassikern unter: www.joergschneider.ch

Noch mit Jörg Schneider: «Kasperlitheater» Die beide Räuber Joggel und Toggel (Youtube)

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