Schwiizerdüütsch, kännsch?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 2. September 2015

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger*

Kinder spielen in der Spielgruppe "Spielparadies Holligen" an der Freibourgstrasse am Mittwoch 30. November 2011 in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Verständigung ohne Sprachgrenzen: Zwei Kinder amüsieren sich – Schweizerdeutsch hin oder her. Archivfoto: Marcel Bieri (Keystone)

Bei uns zu Hause heissen die Auberginen Melanzane. Italienisch statt Französisch. Statt Deutsch eigentlich. Aso Schwiizerdüütsch natürli. Meine Töchter wachsen zweisprachig auf. Mit Mama Italia und Papa Schweiz. Wir wohnen in Tsüri. Im Kreis 5. Und seit vorletztem Montag weiss ich, dass hier so gut wie alle Kinder zwei Sprachen in die Wiege gelegt bekommen. Von den 17 Mädchen und Buben in unserem Kindergarten spricht ein einziges Meitli nur Schweizerdeutsch. Isch krass, odr?

Das dachte vor vier Jahren eine Mehrheit der Bevölkerung des Kantons Zürich. 53,9 Prozent stimmten im Mai 2011 dafür, das mer im Chindsgi nur no dörf Mundart rede. Die Stimmbeteiligung betrug 34 Prozent. Wie viele der Stimmberechtigten zwei- oder sogar mehrsprachig aufgewachsen sind, ist unbekannt. Ich rechne die heissgeliebten Röstigraben-Überbrücker Hochdeutsch und Schulfranzösisch mal nicht mit. Die Initianten aus der Kuhglocken-Fraktion haben erreicht, dass die heimatmüden Schulglocken nur noch auf Schwiizerdüütsch bimmeln dürfen. Was nur logisch ist: Kuhglocken sind halt monophon.

Der Bezirk Zürich lehnte die Initiative übrigens als einziger Bezirk mit 58,3 Prozent ab. Hier leben Multi und Kulti. Und hier leben Eltern, die mit ihren Kindern Grosses vorhaben. «Hey little Pumpkin», hörte ich es einmal an einem Kindergeburtstag aus der Küche rufen. Es waren keine Expats. Schweizer Eltern, die mit ihren Kids Englisch sprechen. Wow.

Irgendwann wünscht sich jeder, er hätte eine zweite, und am liebsten auch noch eine dritte Sprache gratis mitbekommen. Spätestens dann, wenn die internationale Karriere im Big Apple durchstartet, der Traum vom Auswandern immer heisser glüht, die Villetta in der Toskana ruft, das Weingut in der Provence lockt oder die Schmetterlinge im Bauch bis nach Kuba oder Thailand geflogen sind. Dann ist Polyphonie gefragt. Die Arbeit an der Klangqualität beginnt. Euphorisch. Schleppend. Krächzend. Und dann verstummt die Hoffnung auf ein zweites Ich nur allzu oft in den Migros-Klubschulen dieses Landes, in denen es an Fachkräften aus dem Ausland mangelt. Ganz still und leise.

Nur wenig prägt eine Kultur so sehr wie die Sprache. Und eine Halskrankheit als gemeinsamen kulturellen Nenner zu fixieren, hat was furchtlos Mutiges. Man kann unsere Chuchischäschtli-Sprache liken oder hassen. Auf jeden Fall wäre es schampar schade, wenn sie ausstirbt. Sicher ist aber auch, dass sie nicht so bleibt, wie sie ist. Viva la evolución. Das Schwiizerdüütsch entwickelt sich weiter. Vermischt sich mit Balkan-Slang und LOLs. Ein Gopfriedstutz gilt heute bereits als Retro.

Ich bin gespannt, wie sich die Sprachenvielfalt an unserem Kindergarten entfaltet. Oder ob sie in der Mundart-Zwangsjacke verkümmert. Vielleicht wird aus einem der Kinder mal ein bauernschlauer Ingenieur. Und sie oder er erfindet die erste polyphone Kuhglocke. Bimm Bamm!

rinaldo*Rinaldo Dieziger ist Unternehmer und Autor. Seine besten Papablogs sind als Taschenbuch erschienen. Er lebt mit Frau und Kindern in Zürich.

Haben es Eltern in Zürich besonders schwer?

Gabriela Braun am Dienstag, den 1. September 2015
TA 26.01.2006 : Schaufester im Januar IV, Tram Linie 13, Bildtext: Tram 13: Schwieriger Einstieg mit Kinderwagen

Trameinstieg mit Kinderwagen – nichts für schwache Nerven. Archivfoto: Sabina Bobst

Glaubt man einem Artikel im «Tagblatt der Stadt Zürich» von letzter Woche, ist die Stadt Zürich für Frauen mit kleinen Kindern ein Unort. «Eiszeit für junge Zürcher Mütter» lautete die Überschrift. Im Bericht ist von Gleichgültigkeit gegenüber Müttern die Rede und wie wenig hilfsbereit die Menschen seien. Der Verfasser des Textes glaubt, das habe mit der Mentalität der Zürcher zu tun: Vor allem im Tram manifestiere sich diese, «und das ist vor allem für junge Mütter kein erbauliches Erlebnis».

Zwei Frauen erzählen von den alltäglichen Hürden, die sie erleben. Etwa von den Schwierigkeiten, mit Kindern und Kinderwagen in Tram und Bus zu steigen: Ab und zu schauten Erwachsene lieber weg oder wechselten gar den Eingang, um ihr ja nicht helfen zu müssen, sagt die eine Mutter. Die andere erzählt vom kalten Wind, der ihr in Zürich entgegenwehe, von der allgemein abweisenden Haltung gegenüber Kindern, vom Konkurrenzkampf unter Müttern, aber auch vom Alleinsein.

Zürich, ein toller Ort für Financiers, aber nichts für Frauen mit Kindern? Stimmt das Klischee des cool-distanzierten Städters?

Ich kann dieses Bild nicht bestätigen, obwohl ich während der ersten vier Lebensjahre meines Kindes mitten in Zürich wohnte und immer mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs war. Klar nervte es mich hin und wieder, dass es schwierig war, mit dem Kinderwagen in gewisse Trams zu steigen: zu schmal der Türeingang, zu hoch die Treppen. Meist holte ich mir bei anderen Menschen Hilfe, indem ich sie direkt ansprach und charmant darum bat. Sie halfen bereitwillig, den Wagen mit Kind in Tram oder Bus zu bugsieren. Waren wir drin, erkundigten sich viele sogleich, bei welcher Haltestelle wir aussteigen müssten, so könnten sie mir abermals zur Hand gehen.

Zürich, ein gegenüber Müttern eiskalter Ort? Keineswegs.

Tatsache ist allerdings, dass man an stark frequentierten Orten die Menschen häufig ansprechen muss, um sie um einen kleinen Gefallen zu bitten. Die anderen sehen es einem nicht an, dass man womöglich Hilfe benötigt. Die meisten Pendler oder Reisenden sind mit sich selbst beschäftigt, befinden sich in ihrem eigenen Film. Sie starren aufs Handy, hängen ihren Gedanken nach und bewegen sich im Trott des Alltags. Je grösser eine Stadt, desto mehr verschwindet man in der Masse und desto anonymer ist der Einzelne. Eine Mutter mit Kinderwagen in der Stadt ist wohl eher auf sich alleine gestellt als eine, die sich in der Kleinstadt oder einem Dorf bewegt, wo sich die Menschen – wenn auch nur flüchtig – kennen.

Die Behauptung, dass in der Stadt Zürich Menschen gegenüber jungen Müttern weniger hilfsbereit sein sollen als an anderen Orten, ist aber Unsinn. Interessant sind in diesem Zusammenhang die vielen Reaktionen, die der «Tagblatt»-Artikel auf Facebook auslöste. Der Verein «Single mit Kind» hatte auf seiner Facebook-Seite die Community gefragt, ob es Müttern an anderen Orten ähnlich ergehe wie den zitierten Frauen im Bericht. Die mehreren Dutzend Kommentarschreiber teilten sich in zwei Lager: Die eine Hälfte kommentierte: Ja, in Bern, Biel oder Basel machten sie ähnliche Erfahrungen – und auch in Neuenburg, Genf und diversen Kleinstädten seien die Menschen wenig hilfsbereit und kalt. «Das ist doch überall so», schreibt eine Frau. Die anderen Mütter und Väter schrieben dagegen: Nein, sie hätten bislang wohl Glück gehabt, ihnen werde immer geholfen, auch in Zürich.

Was uns dies zeigt? Egal wo, Menschen sind sich überall ähnlich. Gewisse machen einen Schritt auf ihr Gegenüber zu, andere lassen es bleiben. Es hat zufriedene Menschen und es hat Nörgler. Menschen, die sich selbst zu helfen wissen, und solche, die sich lieber in der Opferrolle sehen. Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, ist schlicht Ansichtssache.

Was ist Ihre Meinung? Zeigen Bewohner grosser Städte zu wenig Herz für Eltern mit kleinen Kindern?

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Der Grillparty-Männerzirkel

Jeanette Kuster am Montag, den 31. August 2015
(iStock)

Gemütliche Männerrunde: Mit beneidenswerter Selbstverständlichkeit sezten Männer ihre Bedürfnisse durch. (iStock)

Letztens waren wir zu einer grossen Grillparty eingeladen. Ein fröhliches Fest mit vielen süssen Kindern und tollen Eltern. Moderne Väter, die mit ihren Kleinen ins Vaki-Turnen gehen und mehr als nur Ernährer sein wollen. Emanzipierte Mütter, die genau wie ihre Männer erwerbstätig sind und auch sonst auf Gleichberechtigung pochen. Dennoch kam es, wie es immer kommt an solchen Partys: Nach ein bisschen Herumgekicke mit den Kindern versammelten sich die Männer mit ihrem Bier in der Hand in einer Ecke. Sie stellten sich kreisförmig auf, Rücken gegen aussen, lachten, prosteten sich zu und blendeten alles aus, was sich ausserhalb ihres Männerzirkels abspielte.

Will heissen auch die Kinder. Denen rannten unterdessen die Mütter nach. Wischten ihnen den Mund ab, gingen mit ihnen aufs WC und zogen sie auf dem Bobbycar hinter sich her. Manchmal versuchte ein Kind, den Kreis zu durchbrechen mit Rufen, Stupsen und Zerren an den väterlichen Beinen. Doch keine Chance – «Später», hiess es jeweils, «ich komme später.»

Ich irrte eine Zeit lang auf der Wiese herum, unentschlossen, wo ich hingehörte. Hin wollte. Irgendwann landete ich drinnen bei einer befreundeten Mutter. Obwohl ich nicht vorhatte, mich an diesem Abend in die Rolle der alleinigen Kinderbetreuerin drängen zu lassen, sass ich schliesslich mit ihr auf dem Boden und spielte mit den Kindern, damit diese aufhörten, das Fussballtor draussen auseinanderzunehmen.

Wir kamen auf das Phänomen des männlichen Grillparty-Zirkels zu sprechen. Zuerst beklagten wir uns über die Männer, die sich ohne Absprache mit uns die Freiheit nehmen, trotz anwesendem Nachwuchs freizumachen. Und zeigten uns erstaunt, dass das auch hier und jetzt noch so ist, obwohl wir doch alle so gleichberechtigt sind. Dann schlug ich ihr vor, den Spiess beim nächsten Grilltreffen einfach umzudrehen: Wir würden uns demonstrativ in eine Ecke stellen, gemeinsam ein Gläschen trinken und die Kinderbetreuung durch pure Verweigerung an die Männer delegieren. Worauf sie meinte, dass die Idee schön und gut sei, aber illusorisch: «Wir müssten schon die Location wechseln, wenn wir das durchziehen wollen. Sonst können wir gar nicht anders, als doch wieder zu unseren Kindern zu rennen, wenn eines weint oder schreit.»

Vielleicht fehlt uns Frauen einfach diese Selbstverständlichkeit, mit der die Männer ihre eigenen Bedürfnisse durchsetzen. Und so sehr ich mich manchmal darüber aufrege, so sehr beneide ich sie auch darum. Denn ich bin zwar überzeugt, dass ich die Verweigerungshaltung einen Abend lang durchziehen könnte. Ich würde mich dabei aber wahrscheinlich nie so entspannt fühlen wie ein Vater, der völlig relaxed in seinem Männerzirkel steht und gar nicht auf die Idee käme, etwas anders machen zu müssen.

Der Vorschlag der anderen Mutter, die Frauenrunde gleich an einen anderen Ort zu bewegen, ist deshalb womöglich gar nicht so falsch. Es wäre zumindest interessant zu sehen, wie die Männer auf den plötzlichen Grillparty-Exodus ihrer Frauen reagieren würden.

Kennen Sie das Phänomen des männlichen Grillparty-Zirkels? Wie gehen Sie als Mutter damit um? Und rotten Sie, liebe Väter, sich bewusst zusammen, oder passiert das jeweils ganz von alleine?

 

Kopftuchverbote in Schulen sind Nonsens

Andrea Fischer Schulthess am Freitag, den 28. August 2015
Mamablog

Der Hijab als modisches Accessoire: Muslimisches Mädchen an einer Schule in England. Foto: Olivia Harris (Reuters)

Unüberschaubare Massen von Menschen bewegen sich auf der Suche nach einem sicheren Dach über dem Kopf durch Europa. Und was ist die Reaktion derer, die schon oder noch eins haben? Angst. Anders kann ich mir solche kleingeistigen Entscheide wie das Kopftuchverbot an einer Thuner Schule nicht erklären. (Es wurde zwischenzeitlich für diesen Einzelfall aufgehoben.) Da schien sich jemand in seinem Geraniengarten bedroht gefühlt zu haben.

Angst ist menschlich und nachvollziehbar und nebst Liebe das vermutlich mächtigste Gefühl überhaupt. Aber wenn die Antwort drauf Intoleranz ist, wird es höchste Zeit, mal kurz nachzudenken. Insbesondere als Institution mit Vorbildcharakter. Immerhin haben Schulen die Aufgabe, unsere Kinder mit zu erziehen. Und das längst nicht nur in Wissensfragen, sondern auch im zeitgemässen Umgang miteinander. Gerade der wird immer wichtiger werden, je enger wir alle aufeinanderhocken müssen, ob es uns passt oder nicht. Darum finde ich es erschütternd, dass ausgerechnet eine Schule einem Kind verwehrt, mit einem Kopftuch herumzulaufen, insbesondere wenn es vom entsprechenden Kanton nicht mal eine entsprechende Weisung gibt.

Man kann jetzt argumentieren, dass Kopfbedeckungen eben generell nicht erlaubt seien im Unterricht. Aber mal im Ernst: Ist das in Stein gemeisselt? Wäre es wirklich und ehrlich so schlimm, wenn in Gottes oder Allahs oder irgendwessen Namen – oder nur aus Freude daran – auch Dächlikappen im Unterricht zugelassen würden? Ich könnte damit leben. Nur weil es seit einiger Zeit als unhöflich gilt, an bestimmten Orten etwas auf dem Kopf zu tragen (vor allem bei Männern), muss das ja nicht zwingend für die nächsten tausend Jahre gelten. Und wo fängt eine Kopfbedeckung überhaupt an. Bei der Perücke? Beim Kopftuch, das während einer Chemo getragen wird, oder bei der Kippa? Das sollte mal gründlich diskutiert und überdacht werden, im Idealfall mit den Jugendlichen gemeinsam. Das wäre bestimmt eine wirkungsvollere Medizin gegen Angst als Verbote.

Mamablog

In Frankreich gilt seit 2004 ein Kopftuchverbot an Schulen. Dagegen gab es anfänglich Widerstand (17. Januar 2004). Foto: Reuters

Das Argument, man wolle eben keine Präzedenzfälle schaffen, denn sonst kämen plötzlich Mädchen mit Gesichtsschleier zur Schule undsoweiterundsofort, ist auch eher kraftlos. Ja, wir sollen unsere Gesichter gegenseitig sehen, denn wir sind mimisch kommunizierende Wesen. Aber letztlich kann man keine Entwicklungen vorwegnehmen oder verhindern, sondern nur reagieren, wenn etwas konkret ansteht. Alles andere ist vorauseilender Gehorsam, der von einer Schuldvermutung ausgeht. Davon, dass Menschen prinzipiell Schlechtes im Schilde führen und man darum schon Kilometer im Voraus alle Massnahmen ergreifen muss, um allfälligen Ungehorsam im Keim zu ersticken. Ja, vielleicht ist es naiv, das nicht zu tun. Aber die Schuldvermutung stammt aus einer Ära der schwarzen Pädagogik, die meines Wissens überholt ist. Und Probleme lassen sich damit schon gar nicht verhindern, höchstens Trotz wecken.

Ich weiss nicht, ob es im konkreten Fall stimmt, dass das Mädchen seine Kopfbedeckung freiwillig trägt, wie sein Vater sagt. Auch will ich mich hier keineswegs zur Verfechterin der Verschleierung von Frauen aufschwingen. Aber dennoch muss die Frage erlaubt sein, wie freiwillig eigentlich alle anderen Kids ihre Kleidung wählen. Bei fast allen spielen Eltern, ihr kultureller Hintergrund oder sozialer Druck eine so immense Rolle, dass es vermutlich äusserst spannend und drucklindernd wäre, auch darüber einen Diskurs mit den Kindern zu führen, statt über ihre Köpfe hinweg.

Hand aufs Herz: Die Vorstellung, dass wir völlig freie Menschen sind, die alles mit Verboten und Regeln unter Kontrolle halten können, ist zwar bestechend, hat aber mit der Realität nichts zu tun.

Es wird noch so vieles kommen, von dem wir keine Ahnung haben, wie wir oder unsere Kinder damit umgehen sollen. Aber von etwas zumindest bin ich überzeugt: Kleingeistigkeit und Angst werden dabei bestimmt nicht hilfreich sein. Auch wenn es die erste impulsive Reaktion auf Unbekanntes ist. Auch bei mir.

Trotz Downsyndrom ein Facebook-Profil?

Mamablog-Redaktion am Donnerstag, den 27. August 2015

Ein Gastbeitrag von Ingrid Eva Liedtke*

(iStock/Leonardo Patrizi)

Vernetzungsmöglichkeit oder Risiko? Eltern wollen ihre Kinder vor den Gefahren von Facebook schützen. (iStock/Leonardo Patrizi)

Wir wissen, dass man sich mit Facebook in einem offenen Raum bewegt. Was da veröffentlicht wird, ist vielen zugänglich, nicht nur den sogenannten Freunden, sondern auch deren Freunden – und so weiter.

Meine Tochter hat das Downsyndrom und versteht nicht, in welchem Ausmass sie sich auf Facebook Spott und Häme preisgeben kann. Ich hoffe, dass ihre «Freunde» um ihre Kommunikationsmöglichkeiten wissen.

Gerade kürzlich hat sich die Frage wieder gestellt, wie weit ich als Mutter kontrollierend einwirken kann, als jemand mich wegen eines abwertenden Kommentars darauf angesprochen hat.

Natürlich will ich mein Kind schützen vor allem Unbill. Doch mein Rat ist nicht gefragt. Selber machen, wie alle anderen, ausprobieren und dazugehören ist angesagt. Das kann für einen speziellen Menschen wie meine Tochter bedeuten, dass sie Aufmerksamkeit erregt, sich der Lächerlichkeit preisgibt – ohne dass ihr das bewusst ist – und dass sie möglicherweise verhöhnt und ausgegrenzt wird. Glücklicherweise ist das bisher kaum passiert. Vielleicht auch, weil ich in kniffligen Situationen da war, um sie zu beschützen – indem ich meine ganze Akzeptanz und mein Wohlgefallen in den Raum strömen liess. Das ist nicht immer möglich.

Wir Normalo-Angehörigen meinen, dass es peinlich sein könnte, wenn sie bei jeder Party ein Ständchen darbringen will und aus vollem Hals, manchmal auch falsch, singt, wenn sie im Facebook Statements abgibt, die jeder Rechtschreibgrundlage entbehren, und zum hundertsten Mal behauptet, der von ihr bewunderte Star sei ihr Freund, nur weil sie in seinem Facebook-Fanclub ist.

Wir selber sind penibel darauf bedacht, uns ja nicht lächerlich zu machen. Wir bemühen uns, unantastbar zu bleiben und uns nicht in Situationen zu manövrieren, denen wir nicht gewachsen sind. Wir haben es im Griff! Wir versuchen, uns im öffentlichen Raum und vor allem im Umgang mit sozialen Medien so zu äussern, dass wir nicht plötzlich den Spott einer ganzen Meute auf uns ziehen, die sich dann einen Spass daraus macht, gegen uns vom Leder zu ziehen. Solches hat schliesslich schon Teenager in den Selbstmord getrieben. Wir wissen, wie es läuft.

Annina mit ihrem Handy.

Annina mit ihrem Handy.

Darum ist es meine Pflicht, meine Tochter zu schützen. Das stimmt natürlich, und das Thema hat mir einmal mehr eine schlaflose Nacht beschert. Was kann ich tun?

Wenn wir von einer gewissen Akzeptanz Menschen mit einer Behinderung gegenüber ausgehen und von den, wenn auch zäh, doch fortschreitenden Integrations- bzw. Inklusionsbestrebungen, dann muss es möglich sein, dass ein Mensch mit Downsyndrom einen Facebook-Account unterhalten kann – auf seine Art und Weise, mit seinen sprachlichen Möglichkeiten –, ohne sich der Lächerlichkeit und dem Spott preiszugeben. Oder?

Wenn wir darauf vertrauen, dass auch Menschen, die anders sind als wir und nicht in allem dieselben Möglichkeiten und Fähigkeiten vorzuweisen haben, trotzdem ein möglichst selbstständiges und würdevolles Leben führen können, dann müssen wir ihnen zugestehen, dass sie sich in diesem Leben und dieser Gesellschaft bewegen dürfen; ohne dass wir sie auslachen und erwarten, dass sie sich so wie wir benehmen, und eben ohne, dass wir für sie Ghettos schaffen, wo sie nur unter sich sind und möglichst nichts passieren kann, was uns tangieren und stören könnte. Das heisst doch, dass wir als Eltern unsere Kinder, auch erwachsene Kinder, dabei begleiten, ihren Platz zu finden, und ihnen dabei zugestehen, sich derselben Mittel zu bedienen wie alle anderen in ihrem Alter.

Meine Tochter hat ein iPhone, ein iPad, einen PC. Sie schreibt gerne SMS an ihre Kollegen und Freunde und postet auf Facebook. Meine Kontrollmöglichkeiten sind begrenzt, und trotzdem sorge ich mich, dass sie irgendeinem Grüsel auf den Leim geht oder gemobbt wird. Ich weiss nicht, ob ich sie, gesetzt den Fall, schützen könnte. Wir reden immer wieder mit ihr darüber, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie versteht, worum es geht. Vielleicht will sie es einfach nicht von mir hören. Darum delegiere ich solches auch an ihre Wohngruppenbetreuerin. Freiwillig gewährt sie mir auch keinen Einblick in ihre SMS oder ihren Messenger. Das sei schliesslich privat. Sie hat recht und offensichtlich schon einen Sinn für ihr eigenes Leben entwickelt, ein Leben, das uns nicht jederzeit etwas angeht.

Das Risiko bleibt, dass sie sich mit ihren öffentlichen Äusserungen lächerlich macht. Sie zeigt sich, wie sie ist, und kann hohen Standards nicht genügen. Doch wer setzt diese?

Ich hoffe, dass wer mit meiner Tochter auf Facebook befreundet ist und sie kommentiert, schon weiss, mit wem er es zu tun hat, und somit auch die nötige Akzeptanz aufbringt. Darauf kann man sich nicht verlassen? Stimmt. Trotzdem baue ich auf das Gute im Menschen. Der abfällige Kommentar, der diese ganzen Überlegungen überhaupt ausgelöst hat, ist nämlich sehr schnell wieder gelöscht worden. Da hat es jemand doch noch gecheckt.

Wenn ich das Vertrauen aufbringe, meine Tochter loszulassen, damit sie ein eigenständiges Leben führen kann, dann kann ich sie nicht vor allem beschützen. Das Risiko bleibt.

MB_porträt_150*Ingrid Eva Liedtke, Autorin, psychologische Beraterin und Coach. Sie schreibt den Blog Herzenblühen.

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