Liebe Chefs, das wünschen sich Frauen

Gabriela Braun am Dienstag, den 23. September 2014
Cast member Juliette Binoche poses during a photocall for the film "Sils Maria" in competition at the 67th Cannes Film Festival in Cannes

Karriere trotz Kinder? Juliette Binoche, Schauspielerin und Mutter zweier Kinder, weiss, was es dazu braucht. Foto: Reuters

«Women of Impact» – Frauen mit Einfluss. So heisst eine «Dinner-Veranstaltung» des Zurich Film Festival. Und «Woman Power» lautet der Titel des neuen Buches von Unternehmensberaterin Sonja A. Buholzer, das seit wenigen Tagen in den Regalen steht. Sowohl der Anlass als auch das Buch widmen sich beruflichen Top-Leistungen von Frauen und der Frage, wie Frauen am besten Karriere machen.

Die Veranstaltung am Filmfestival feiert jene Frauen, «die es an die Spitze des Filmbusiness geschafft haben». Schauspielerin Juliette Binoche und Bundesrätin Doris Leuthard werden zu den Gästen reden. Und Sonja Buholzer plädiert in ihrem Buch dafür, dass Frauen sich für ihre berufliche Karriere nicht zu verstellen brauchten: Sie sollen zwar wissen, wie die männlichen Spielregeln funktionieren, und sich für sich selbst starkmachen. Doch sie sollen «wieder Frau sein dürfen».

Das klingt schön und gut. Doch ob die Frauen Karriere machen können, hängt längst nicht nur von deren Willen und Strategien ab. Sie müssen schlicht noch immer (!) hauptsächlich mit strukturellen Problemen kämpfen. Ein wichtiger Grund, weshalb sie bei Karriereschritten oft umgangen werden, ist der naturgegebene Umstand, dass viele Frauen irgendwann Mutter werden. Wenn also auch Mütter beruflich «Woman Power» entwickeln wollen und «Women of Impact» werden sollen, dann müssen sie ihre Berufstätigkeit mit ihren Aufgaben als Mutter verbinden können. Aber genau das ist schwierig: Es hat zu wenige und zu schlecht bezahlte Teilzeitstellen für Frauen und Männer, zu wenige und zu teure Plätze für Krippe, Hort und Mittagstisch.

Was also braucht es, damit sich Arbeit und Kinder miteinander vereinbaren lassen? Damit der Anteil Frauen in Führungspositionen von 1 auf 25 Prozent steigt?

Der Unternehmensberater Caspar Fröhlich hat die Frage 33 Frauen gestellt, die als Manager, Beraterinnen, Personalfachfrauen, Verwaltungsrätinnen, Professorinnen, Chefärztinnen usw. arbeiten. Er fragte sie: «Was wären Ihre Top-3-Massnahmen, um den Frauenanteil zu erhöhen, wenn Sie selbst CEO einer Organisation wären?»

Die Antworten darauf kamen umgehend und zahlreich. Hier eine Auswahl:

  • Einführung von flexiblen Arbeitszeiten, Jobsharing, Homeoffice.
  • Familienfreundliche Zeiten: Führungs- und Projekt-Sitzungen nur zwischen 8.30 und 17 Uhr.
  • Möglichkeit der Kinderbetreuung, vom Unternehmen koordiniert und unterstützt.
  • Führungspositionen in Teilzeit ermöglichen (auch Co-Leitungen).
  • Bei Teilzeitpensum: Für freie Tage gilt ein absolutes «Kontakttabu». Es ist eine 100-Prozent-Stellvertretung gewährleistet. Kontaktiert wird man nur in absoluten Notfällen.
  • Mentoringprogramme und obligatorisches Coaching bei der ersten Führungsposition.
  • Förderung von Teilzeitarbeit der Männer sowie einen längeren Vaterschaftsurlaub.

Die meisten Frauen weisen in ihren Antworten darauf hin, dass Frauen nur dann Karriere machen können, wenn sich auch die Bedingungen für Männer ändern. «Der Mann darf sich nicht darum sorgen, mit einem Zweidrittelspensum alle Chancen auf eine Karriere zu verspielen», schreibt die Presseverantwortliche eines grossen Unternehmens.

Und nun bitte Sie, liebe Leserinnen und Leser: Was sind Ihre Top-3-Massnahmen?

Nach der Geburt in die Depression

Jeanette Kuster am Sonntag, den 21. September 2014
Foto: 55Laney69 (Flickr)

Rund 12'300 Frauen pro Jahr erkranken alleine in der Schweiz an einer postnatalen Depression. Ein grosser Teil davon leidet still vor sich hin. Foto: 55Laney69 (Flickr)

Glück, Liebe und überschwängliche Freude. Das sind die Gefühle, die man gemeinhin mit der Geburt eines Kindes assoziiert. Solche Emotionen hatte auch Sarah Gerber (Name geändert) erwartet, als sie zum ersten Mal schwanger war. Doch es kam ganz anders: Genner verfiel nach der Geburt in eine postnatale Depression.

Die 26-Jährige hatte eine lange, relativ schwere Geburt und fühlte sich danach nur erschöpft und müde. «Mutterfreude verspürte ich kaum», erzählt sie, «es gab keine Glückstränen oder Ähnliches, wie man das aus Filmen kennt.» Nun ist das Leben natürlich kein Hollywoodfilm, und manche Mutter ist nach einer anstrengenden Geburt etwas durch den Wind und entkräftet. Bei Gerber ging das Ganze aber tiefer. «Schon am ersten Tag nach der Geburt fühlte ich eine gewisse Leere und Blockade in mir», sagt sie. Dieser Zustand sei schwer zu beschreiben, umso mehr, als ihre Erinnerung an diese ersten Tage sehr verschwommen sei.

Da sie selber aus dem medizinischen Bereich komme, habe sie aber damals schnell gemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimmte. «Am dritten Tag nach der Geburt war mein Mann bei uns und Freunde kamen zu Besuch. Ich bat ihn, mit Baby und Freunden ins Besucherzimmer zu gehen, ich käme dann nach. Kaum waren sie zur Tür hinaus, kamen mir die Tränen und ich konnte nicht mehr aufhören zu heulen.» Sie habe sich dann irgendwann doch noch zusammengerissen und sei hinterhergegangen. «Als ich meinen Mann dort mit unserer Tochter sah, brachen die Dämme gleich wieder.»

Anfangs hielten es Gerber und ihr Mann für den Baby-Blues, diese kurze Phase der Niedergeschlagenheit nach der Geburt. Die Symptome wurden aber bald heftiger: «Ich kam nicht aus dem Bett und wenn doch, hatte ich Panikattacken mit heftigem Zittern und Verkrampfungen. Zudem konnte ich während zweier Wochen praktisch nichts essen und nahm 11 Kilo ab.» Ihr Kind habe sie zwar nie bewusst vernachlässigt, aber sie habe keine Gefühle für das Baby empfunden und konnte keinen Körperkontakt zum Neugeborenen zulassen. «So hart es klingen mag: Sie hätte genauso gut irgendein Gegenstand sein können.»

Etwa zwei Wochen nach der Geburt suchte Gerber sich Hilfe bei ihrer Gynäkologin, liess sich Hormonpflaster verschreiben und begann eine Psychotherapie. Auf Anraten der Psychiaterin war sie während dieser ersten Zeit keinen Moment alleine zu Hause mit dem Kind. «Das hätte mich in eine zu grosse Stresssituation gebracht.» Zum Glück konnte ihr Mann immer bei der Familie sein und sich so ums Kind kümmern, wie die Mutter das hätte tun wollen. Denn der Wille, eine gute Mutter zu sein, war immer da. «Ich wollte funktionieren und das Muttersein geniessen. Aber ich konnte es einfach nicht.»

Vor Freunden und Familie hielt sie ihre Erkrankung zu Beginn versteckt. «Es war mir peinlich», gibt sie zu. Mit der Zeit habe sie jedoch angefangen, ganz offen darüber zu reden, «als hätte ich bloss die Grippe, keine Depression». Die meisten Menschen seien ob dieser Offenheit anfangs irritiert und peinlich berührt gewesen. «Sie wussten nicht, was sie dazu sagen sollten, weil man eben nicht darüber spricht. Depressive Mütter sind ein Tabuthema», sagt sie. Und macht sogleich ihrem Ärger Luft: «Eine postnatale Depression ist eine Krankheit, sie ist nicht hausgemacht! Es kann jede treffen und man hat als Mutter keineswegs versagt, wenn man in eine Depression verfällt.» Sie wünscht sich, dass man mehr über das Thema reden würde. «Das würde es den betroffenen Frauen viel einfacher machen, sich Hilfe zu holen.»

Und es gibt sehr viele Frauen, die auf fachliche Hilfe angewiesen wären. Laut dem Verein Postnatale Depression Schweiz stürzt eine Geburt rund 15 Prozent der Mütter in eine Depression. Wir reden hier also von circa 12'300 Frauen, die alleine in der Schweiz jedes Jahr an der postnatalen Depression erkranken. Ein grosser Teil davon leidet still vor sich hin. Aus Scham und weil ihnen nicht bewusst ist, dass sie an einer behandelbaren Krankheit leiden.

Zur Scham gesellen sich oft auch noch Schuldgefühle. Diese überkamen auch Gerber, «komischerweise fühlte ich mich aber nicht schuldig meiner Tochter gegenüber, sondern meinem Mann». Sie habe ihm nicht die ganze Arbeit aufhalsen wollen und sich schlecht gefühlt, weil sie sich nicht mit ihm gemeinsam übers Kind freuen konnte.

Grund für solche Schuldgefühle hat ihr Mann Sarah Gerber nie gegeben. Er hat sie im Gegenteil immer zu 100 Prozent unterstützt, sodass sie heute, sechs Monate später, wieder normal am Leben teilnehmen kann. «Es gibt zwar einzelne Rückschläge und ich habe immer noch Mühe, mit Stress umzugehen», sagt sie, «aber mein jetziger Zustand ist kein Vergleich zu damals.» Damit andere betroffene Mütter diesen Weg auch gehen können, rät sie ihnen, unbedingt den Partner miteinzubeziehen und sich möglichst früh gemeinsam Hilfe zu suchen. Und sie bittet die Männer, ihre Frauen während der ersten Wochen nach der Geburt genau wahrzunehmen. «Denn oft verschliessen die Mütter selber die Augen vor ihren eigenen Problemen – sei es aus Scham oder aus Stolz.»

Angehörigen und Freunden von depressiven Müttern rät Gerber in erster Linie, die Betroffene ernst zu nehmen. «Mir sagte mal jemand: «Ach, das wird schon wieder, du bist ja nicht die Erste, die Mutter geworden ist.» Das hat mich so beschämt und geärgert, dass ich einfach wortlos davongelaufen bin.»

Die perfekten Grosseltern

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 19. September 2014

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Mamablog

Die Perfektesten von allen: In Georgien werden jährlich «Super Grandmother and Super Grandfather» gekürt. Die diesjährigen Gewinner: Wladimir Zanguraschwili (l), 70, und Lira Arabuli, 74. Foto: David Mdzinarischwili (Reuters)

Auf der Suche nach einem geeigneten Geburtstagsgeschenk flitze ich gewohnt zackig durch das Netz, als ich an folgenden Buchstaben hängen bleibe: GROSSELTERNKURS. Moment mal – ich klicke mich zurück – und tatsächlich, da steht es gross und deutlich: «Werden Sie bald Grosseltern oder ist Ihr Enkelkind bereits auf der Welt? Vieles hat sich geändert, seitdem Sie selbst Eltern geworden sind. Die Klinik Hirslanden gibt Ihnen wertvolle Informationen zur Säuglingspflege und -ernährung, zum Verhalten in Notfallsituationen sowie Tipps zu schönen Ritualen ...»

Ich bin baff. Es wäre mir nicht mal im Traum in den Sinn gekommen, meinen Eltern oder Schwiegereltern einen solchen Kurs aufzuhalsen. Die beiden haben selber mindestens ein Kind grossgezogen. Und auch wenn vielleicht nicht mehr alle Handgriffe und Abläufe ganz präsent sind, bin ich sicher, das ist wie beim Velofahren: Draufsetzen, probieren und nach ein paar anfänglichen Unsicherheiten kommt das Altgelernte ganz von selbst zurück. Ganz abgesehen davon: Wird heute zwischen Eltern und Grosseltern nicht mehr kommuniziert? Pflegeabläufe, Rituale, Ernährungs- und Erziehungsgepflogenheiten sind doch Dinge, die – abgesehen von heutigen Empfehlungen – Eltern total individuell und persönlich gestalten. Wieso die Grosseltern nicht einfach einweihen?

Frisch gebackene Eltern sind in aller Regel überfüllt mit Informationen aus Geburtsvorbereitungskursen und den ersten Tagen im Spital. Sie sind quasi ein wandelndes Babylexikon und somit eher herausgefordert, neben all den schlauen Tipps und Ratschlägen, ihre Intuition und das gesunde Bauchgefühl zu schulen. Gut möglich, dass das offensichtliche Bedürfnis an den Grosselternkurs (dieser wird offenbar bereits seit drei Jahren durchgeführt und ist regelmässig ausgebucht) aus demselben Köcher rührt: Wir wollen einfach alles perfekt machen mit unseren Nachkommen. Kein vermeintlicher Fehler wird geduldet. Eine deutsche Zeitung titelt passend und befürwortend zum Thema Grosselternkurs: «Der leichtere Weg zur perfekten Oma».

Ähnliches bestätigt die stellvertretende Bereichsleitung Pflege der Klinik Hirslanden: Oftmals würden die werdenden Eltern selbst den Grosselternkurs verschenken. «Da heute viel mehr Eltern arbeitstätig sind als früher, werden Grosseltern auch vermehrt in die regelmässige Betreuung eingebunden», so Doris Gygax. «Heute überlassen Mütter ausserdem ungern etwas dem Zufall. Vielleicht haben sie eine stattliche Karriere hinter sich, sind eher kopforientiert und möchten für ihren Nachwuchs schlichtweg das Allerbeste.»

Klar, und da gehört die Schulung der eigenen Eltern gleich mit dazu – im besten Fall delegiert. Interessant hingegen finde ich den Aspekt der heutigen Grossväter: Vor rund 50 Jahren war es nicht die Norm, dass Väter bei der Kinderpflege mitgeholfen haben. Heute möchten sie als Grossvater jedoch tatkräftig mithelfen und auf allen Ebenen vorbereitet sein. Gemäss Doris Gygax wickeln diese im Kurs oftmals das erste Mal. Eine Puppe, notabene.

Ein Teil von mir bleibt dennoch betroffen: Ich hoffe, ganz viele Eltern erlauben sich selber, ihren Eltern und vor allem ihren Kindern auch einmal wunderbar UNgeplant UNperfekt zu sein!

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.

Ebola und Enthauptungen am Familientisch

Andrea Fischer Schulthess am Donnerstag, den 18. September 2014
Ein Kind betrachtet einen an Ebola erkrankten Mann in Monrivoa, Liberia. Foto: Abbas Dulleh (Keystone)

Die Perspektive ist entscheidend: Ein Kind betrachtet einen an Ebola erkrankten Mann in Monrovia, Liberia. Foto: Abbas Dulleh (Keystone)

Ebola, Enthauptungen, Erdgasengpässe von Putins Gnaden und Kinder, die als Selbstmordattentäter angeheuert werden. Mal ehrlich, wer hat irgendwas davon nicht mitgekriegt? Und mal noch ehrlicher, wer muss nicht dagegen ankämpfen, von einer Woge von Ebola-Kinderattentäter-Kampfjets-Panik erfasst zu werden? Unsere behagliche Existenz wird pausenlos gepiesackt von Nachrichten jeglichen Grässlichkeitsgrades.

Gut, es stimmt. So schnell wie diese Panikwellen heranrollen, so rasch ebben sie wieder ab. Dann nämlich, wenn das reale Jetzt unsere Aufmerksamkeit fordert. Eine leere Flasche Milch, eine Mathenote oder eine Blase am Zeh sind durch ihre grosse Nähe perspektivisch nun mal grösser als eine Kriegsflotte.

Dennoch ist unser Alltag geprägt von einer überfordernden Dichte und Härte von Nachrichten. Es ist schlicht unmöglich zu erfassen, was sie bedeuten. Damit müssen wir fertig werden. Etwas anderes gibt es nicht.

Nicht nur für Kinder unerklärbar: Der Brite David Haines (l.) kurz vor seiner Enthauptung durch die Hand des Islamischen Staates. Foto: Keystone

Nicht nur für Kinder schwer verständlich: Der Brite David Haines (l.) kurz vor seiner Enthauptung im Namen des Islamischen Staates. Foto: Keystone

Als Kinder durften wir die «Tagesschau» nicht sehen, und schon waren wir in Watte gepackt und hatten Kapazität, uns mit unseren eigenen Alltagssorgen herumzuschlagen. Damit waren wir voll und ganz beschäftigt. Als Teenies haben wir dann gegen die US-Atomwaffen in Europa protestiert und gegen das Waldsterben. Aber auch das war überschaubar. Beziehungsweise glaubten wird das damals.

Das mit der «Tagesschau» ist längst zur herzigen Anekdote geworden. Wir haben keine Chance mehr, unseren Kindern die Vorgänge in der Welt vorzuenthalten. Sie wissen, dass wieder einer geköpft wurde und dass die WHO Ebola für «ausser Kontrolle» erklärt. Und zwar schon mit acht, neun Jahren. Trotzdem sind diese Tatsachen für sie so abstrakt, dass sie diese vor allem für Gesprächsstoff halten. Letzthin kam ich an einem Notarztwagen vorbei, der vor einem Haus stand. Die zwei Teenies vor mir sagten mit einem Seitenblick: «Oh, Ebola. Haha.» Damit hatte es sich. Und im Schulhort ist aus Ebly halt Ebola geworden. Logisch. Denn mehr können die Kids damit nicht anfangen. Und ich bin froh.

Letztlich kann ja auch ich nichts von dem wirklich erfassen, was ich da täglich erfahre. Ich kann Hunderte von Petitionen auf Facebook unterschreiben, ich könnte mir sogar irgendwas über den Kopf schütten — mein Unvermögen zu begreifen, was alles wirklich und tatsächlich geschieht auf dieser Welt, bleibt. Dennoch muss ich Bescheid wissen, und sei es nur, weil meine Kinder es eben auch tun.

Aber ich gebe zu: Ich stehe oft wie der Esel am Berg. Ich kann die schlechten News weder schönreden noch wegmachen. Also muss ich versuchen, meinen Kindern vorzuleben, dass man nicht gelähmt, nicht panisch und aber eben auch nicht gleichgültig werden soll. Und dass sie täglich im Kleinen entscheiden sollen, wo und wie sie selber die Welt ein Krümelchen besser machen könnten, auch wenn sie kaum Einfluss auf furzende Kühe und versinkende Südseeinseln haben. Ich will, dass sie wissen, wie wichtig es ist, die Mechanismen hinter Diktatoren, Wirtschaftsmultis und Castingshows verstehen zu können. Und seis nur in den Grundzügen.

Allen, die jetzt hämisch lachen ob meines naiven Glaubens an den Versuch, ein Gutmensch zu sein – nur zu, lassen Sies raus, bloss keine falschen Hemmungen. Weder Sie noch ich werden den Lauf der Welt ändern.

Dennoch: Ich persönlich ziehe den Glauben an das Kleine der Resignation und dem Zynismus vor. Das mag blauäugig und durchaus ein wenig selbstgerecht sein. Aber es ist das, was ich meinen Kindern mitgeben will. Und kann. Etwas anderes habe ich der Flut von Nachrichten und Katastrophen nämlich nicht entgegenzusetzen.

Und wie gehen Sie und Ihre Familie mit der täglichen News-Lawine um?

Einen Mann für meinen Sohn!

Gabriela Braun am Dienstag, den 16. September 2014
Mit Manneskraft: Vin Dieser als militärisch gedrillter Kinderbetreuer in «The Pacifier».

Mit militärischem Drill: Vin Diesel als Elitesoldat und Kinderbetreuer in «The Pacifier».

Ich wünsche meinem Sohn Männer. Egal ob sie sportlich sind, in einem Baumhaus leben oder auf schnelle Autos stehen. Ob gross, klein, stark oder fein. Hauptsache, sie mögen Kinder und machen ihren Job als Pädagogen gut.

Als ich damals erfuhr, dass seine Krippe keinen Betreuer hatte, war ich enttäuscht. Ich hätte es geschätzt, wenn mein 16 Monate altes Kind an den zwei Tagen in der Krippe von einem Mann umgeben gewesen wäre. Doch auch im Kindergartenalter waren seine externen Bezugspersonen Frauen: die Kindergärtnerin, die Hortmitarbeiterinnen, die Schwimmlehrerin. Neidisch lauschte ich den Berichten von Bekannten, deren Kinder im Waldkindergarten von jungen, engagierten Männern unterrichtet wurden.

Männliche Pädagogen sind zu meiner Enttäuschung in der krassen Unterzahl. Ich war deshalb erfreut zu hören, dass ein junger Mann im Schülerhort meines Sohnes ein Praktikum machen würde. Kaum da, wurde er die Attraktion auf dem Schulgelände. Die Kinder liebten es, mit ihm zusammen zu sein. Sie spielten Fussball, Basketball, Hüpf- oder Brettspiele und vieles mehr. Die vielen Jungs blühten auf. Sie rangelten mit dem Grossen, bewunderten ihn. Die meisten Mädchen übrigens auch.

Leicht euphorisch wurde ich dann, als uns die Schulpflege in einem Brief mitteilte, dass mein Sohn einen Lehrer für die zweite Hälfte seiner Primarschulzeit haben würde. Er geht zu einem Mann, juchzte ich und schrieb einer Freundin eine begeisterte Kurznachricht.

Man mag meine Männereuphorie nun einfältig finden, undifferenziert, ja etwas gar fokussiert auf das Geschlecht. Doch ich bin weder frauenfeindlich, noch halte ich Pädagoginnen für unfähig. Ich halte es lediglich für ideal, wenn das Kind auch ausserhalb der Familie mit beiden Geschlechtern zu tun hat. Mein Sohn soll von Männern lernen, wie auch von Frauen. Er soll ein vielfältiges Bild des Lebens und der Gesellschaft erhalten. Ich bin davon überzeugt, dass dies Kindern guttut – sowohl Buben als auch Mädchen. Sie erfahren zudem schon in jungen Jahren, dass die Berufe nicht Rollenklischees entsprechen müssen. Auch Männer können einen sozialen Job ausüben, genauso wie Frauen einen technischen.

Absolut unverständlich sind mir deshalb Berichte, wonach männliche Lehrpersonen – allen voran Kindergärtner oder Krippenmitarbeiter – ihres Geschlechts wegen diskriminiert werden. In einer Zürcher Gemeinde bekam ein Mann eine Stelle als Kindergärtner nicht, weil er ein Mann ist. Und in vielen Kinderkrippen und Schülerhorten sind männliche Angestellte latent dem Verdacht ausgesetzt, womöglich pädophil zu sein – und achten deshalb peinlich genau darauf, in keine falsch zu verstehende Situation zu geraten.

Wie misstrauisch zahlreiche Eltern gegenüber männlichen Kinderbetreuern sind, zeigen Reaktionen aus dem eigenen Umfeld: Eine Bekannte, die aus denselben Motiven wie ich über eine Kinderbetreuungsagentur nach einem männlichen Betreuer für ihre drei kleinen Kinder suchte, erntete blankes Entsetzen, als sie dies zwei Kolleginnen erzählte. Sie fanden es schlicht fahrlässig, die drei Kleinkinder – das jüngste ein zehn Monate altes Mädchen – einem Mann anzuvertrauen, der selbst noch kinderlos ist. Ihre ablehnende Haltung begründeten sie mit mangelndem Vertrauen: Als Eltern würde man nie erfahren, wenn der Mann das Baby missbrauchte: Ein Kleinkind sei noch nicht in der Lage zu reden und könne demnach auch nicht von einem Übergriff erzählen.

Bei solchen Gedanken, die bei vielen Menschen reflexartig aufzublitzen scheinen, schaudert es mich. Männer, die mit Kindern arbeiten, stehen offenbar unter Generalverdacht, potenzielle Missbrauchstäter zu sein. Das kommt zum einen sicher von schrecklichen Einzelfällen, die mediale Aufmerksamkeit erlangen. Zum anderen aber auch von der Klischeevorstellung, dass Kinder eben Frauensache sind und daher mit Männern, die sich für diese Arbeit interessieren, «irgendwas nicht stimmt».

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