Eine Carte Blanche von Meredith Nash*

Drei Figuren, eine Frau (v. l.): Jessica Simpson als Schauspielerin «The Dukes of Hazzard» (2005), als Sängerin auf der Bühne 2009 und als Schwangere an einer Party am 6. Januar 2012. (Bilder: AFP, PD)
Wie bei den meisten weiblichen Stars machen die Medien auch Jessica Simpsons Promi-Status von ihrem Gewicht abhängig. Wurde die Sängerin 2005 für ihren heissen Körper, den sie bei ihrem Schauspieldebut in «Dukes of Hazzard» grosszügig in Szene setzte, noch ausgiebig gelobt, empörte sich die Klatschpresse knapp vier Jahre später an ihren zugelegten Pfunden. Von «Jumbo Jessica» war die Rede («US Weekly»), das «People»-Magazin titelte bitterbös und ironisch «Wow! Jessica Simpson debütiert mit neuen Kurven» und «OK!» liess die angegriffenen Sängerin zu Wort kommen («Ich bin nicht fett!»)
Simpsons Erfahrungen mit den Medien definiert in in vielerlei Hinsichten den gnadenlosen Soundtrack, der das moderne, weibliche Dasein ständig begleitet– iss weniger, treib mehr Sport, sei nicht fett!
Die Schwangerschaft war bisher die seltene Periode im Leben einer Frau, in der sie mit dem Trainieren und Kalorienzählen aufhören konnte. Doch wie haben sich die Zeiten geändert! So wird Jessica Simpson, die zurzeit zum ersten Mal schwanger ist, genauestens unter die Lupe genommen und als «fett» abgestempelt. Wilden Spekulationen zufolge soll die 31-Jährige bis zum Geburtstermin 30 Kilo zulegen, weil sie bisher angeblich schon 15 Kilo zugenommen haben soll — ausser sie schafft es, ihr Gewicht unter Kontrolle zu bekommen.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von «Us Weekly», 2009.
Doch die neue Strenge gegenüber der Gewichtszunahme während der Schwangerschaft hat sich auch ausserhalb der Grenzen Hollywoods etabliert. Eltern-Magazine sind voll mit Artikeln, die die besten Sportarten zur Bauch-Bekämpfung anpreisen, am TV werden schwangerschaftskonforme Sit-ups präsentiert, genauso wie Diskussionen zu Marathonläufen im achten Schwangerschaftsmonat oder Tipps, wie man selber hungern kann, ohne dem Ungeborenen zu schaden.
Die Schwangerschaft ist zum «Ground Zero» der Fettleibigkeit mutiert. Man liest Schlagzeilen über schwangere Frauen, die ihre Föten auf Fettleibigkeit programmieren, wenn sie eine Tafel Schokolade auch nur anschauen. Schwangere werden aufgefordert, täglich nur 200 bis 300 Kalorien zusätzlich zu sich zu nehmen und Geburtshelferinnen ermahnen sie, jeden einzelnen Bissen akribisch zu überdenken.
Früher wurde Frauen, die rauchten, tranken oder Drogen konsumierten «fötaler Missbrauch» vorgeworfen. Heute hat ein Extrastück Kuchen das gleiche moralische Gewicht. Und die Frauen haben Angst. Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass eine von fünf Schwangeren dachte, es sei eine gute Idee, Mahlzeiten zu überspringen. Alles nur, um dünn zu bleiben. Elternforen sind voller weiblicher Kommentare, die entweder selbstgefällig von ihren Siegen in der Baby-Beulen-Schlacht berichten – oder unter Tränen ihre Niederlagen eingestehen.
Einst sah eine gesunde Schwangerschaft drei Mahlzeiten pro Tag vor. Heute kommt auch nur ein Gramm über der 10-Kilo-Grenze einer krankhaften Fettleibigkeit gleich. So ist es nicht erstaunlich, dass schwangere Frauen immer häufiger Essstörungen entwickeln. Pregorexia (das krankhafte Kalorienzählen) ist das neueste Gesundheitsrisiko für die Mütter der nächsten Generation. Dicksein ist der neue Mutter-Alptraum und die Schwangerschaft sozusagen der Kriegszustand mit dem eigenen Körper.
Das Erschreckende an diesem Phänomen ist, dass die Sorgen über das Dicksein mit der Geburt nicht aufhören. Sobald das Baby da ist, fühlen sich Frauen gezwungen, die Spuren ihrer Schwangerschaft auszuradieren. Auch hier übernehmen Promi-Mütter eine Vorbild-Funktion. Jessica Simpson ist angeblich dermassen unzufrieden mit ihrer rasanten Gewichtszunahme, dass sie einen 3-Millionen-Dollar-Vertrag mit Weight Watchers unterschrieben hat, um nach der Geburt möglichst schnell «wieder auf die Beine zu kommen».
Die Frage, die wir uns stellen müssen: Warum verkörpern aufblühende Prominente das Idealbild einer Schwangerschaft – und deren Folgen -, wenn die meisten Frauen keine Chance haben, diesem Ideal zu entsprechen?
* Meredith Nash ist Soziologiedozentin an der Universität von Tasmanien, Australien. Sie bloggt regelmässig im Rahmen des «The Baby Bump Project». Ihr Buch, «Making ‹Postmodern› Mothers: Pregnant Embodiment, Baby Bump and Body Image» wird im August 2012 veröffentlicht (Palgrave Macmillan Verlag).






Matto Kämpf lebt als Autor, Filmer und Theatermacher in Bern. Er schreibt die Kolumne «Rabenvater» im Berner «Bund» («Ich sehe mich nicht mehr als Lonesome Cowboy on the never ending road to nowhere (oder so ähnlich). Nein, jetzt bin ich der Mann, der die Windeln schneller wechselt als sein Schatten.») Die Kolumnen sind als Buch im Verlag «Der gesunde Menschenversand» erschienen.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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