Scheidungskrieg mit Kinderaugen

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 31. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Meike Büttner*

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Für ein Kind ist es unverständlich, weshalb sich die Erwachsenen plötzlich vor dem Richter treffen. Szene aus dem Scheidungsfilm «Das Glück der grossen Dinge» mit Julianne Moore und Alexander Skarsgård. Foto: PD, Red Crown Productions

Anna ist fünf Jahre alt und lebt in Zürich. Heute ist sie mit ihrem Vater im Zoo unterwegs. Sie sind nicht allein. Frau Egli begleitet die beiden auf Schritt und Tritt. Sie spricht aber kaum mit Anna oder ihrem Vater. Sie ist einfach da. «Wie ein Schatten», sagt Papa. «Wie ein Spion», denkt Anna. Papa möchte offenbar nicht so gerne, dass Frau Egli dabei ist. Trotzdem ist sie jedes Mal da, wenn Anna und ihr Papa sich treffen. Anna verunsichert das. Frau Egli ist sicher keine Freundin von Papa. Wieso bringt er sie trotzdem immer mit, wenn er sie abholt?

Sie beobachten gemeinsam die Elefanten in ihrem weitläufigen Gehege. Anna liebt Elefanten. Ihre ulkigen Geräusche bringen sie zum Lachen, ihre Ohren erinnern Anna an Herzen. «Elefanten sind sehr treue Familientiere», sagt ihr Vater mit Wehmut in der Stimme. Und Frau Egli sieht auf die Uhr: «Wir müssen Anna jetzt wieder zu ihrer Mutter bringen.» Papa sieht Anna an und schürzt die Lippen. «Schade», sagt er. «Die Zeit ging so schnell rum.» Er sieht ganz traurig aus. Anna fühlt sich schuldig.

Von Papa muss sie sich schon am Ausgang verabschieden. Frau Egli fährt Anna in ihrem Auto nach Hause zu Mama. Anna sieht dabei die ganze Zeit aus dem Fenster, um nicht so sehr zu merken, dass sie mit einer fremden Frau in deren Auto sitzt.

Mama ist erleichtert, als Anna zurückkehrt. Aber auch sehr angespannt. Sie will dann immer mit Frau Egli reden, und Anna soll nicht zuhören. Sie sitzt in der Zwischenzeit in ihrem Zimmer und tut so, als würde sie spielen. Die Geschichte mit Frau Egli ist komisch. Anna ist überzeugt, dass sie eine Spionin ist. Aber sie versteht nicht, wieso ihre Mutter sie engagiert hat.

Als Frau Egli gegangen ist, essen Anna und ihre Mutter Znacht. Mama will wissen, ob es schön war im Zoo, und fragt lauter Sachen über Papa. Ob er von seiner Arbeit erzählt habe, erkundigt sie sich. Oder ob er etwas über sie gesagt habe. Lauter Fragen, die Anna nicht beantworten kann. Sie versucht, ihren Kopf auszuschalten. So wie wenn sie bei Frau Egli aus dem Autofenster sieht. Einfach nicht da sein, wo man gerade ist. Anna weiss, dass das geht. Sie übt es nun schon seit einem halben Jahr.

Die Mutter bringt Anna zu Bett und liest ihr eine Geschichte vor. Anna kann sich gar nicht darauf konzentrieren. Sie hat Angst davor, dass ihre Mutter gleich aus dem Zimmer geht. Dass es Nacht ist und Anna ganz allein. Sie weiss nicht genau, was ihr passieren könnte, aber sie fühlt Panik in ihrem kleinen Körper. «Wir müssen jetzt schlafen», sagt Mama und küsst ihre Stirn. «Morgen habe ich wieder einen Gerichtstermin.» Anna nickt. Sie muss ihren Eltern helfen, denkt sie. Sie haben ein riesiges Problem und müssen ständig vor Gericht. Anna muss sich um ihre Eltern kümmern.

Als ihre Mutter das vierte Mal ins Zimmer kommen muss, weil Anna nicht einschlafen kann, wird sie sauer. «Anna, ich habe einen harten Tag vor mir. Ich brauche meinen Schlaf!», sagt sie, und Anna schämt sich. So sehr, dass sie zu weinen beginnt. Mama nimmt sie mit in ihr eigenes Bett. Da kann Anna endlich einschlafen. Sie träumt, dass ihre Eltern im Gefängnis sitzen. Anna sucht den Schlüssel zu ihren Zellen, um sie zu befreien, aber Frau Egli rennt damit davon, und ein Uniformierter stellt sich Anna in den Weg. Sie weint im Schlaf.

Am nächsten Morgen muss alles ganz schnell gehen. Mama ist so gestresst, dass sie die meisten Sachen zu laut sagt: «Zieh dich endlich an, Anna!» oder «Wieso hast du dir immer noch nicht die Haare gekämmt?» und «Iss bitte schneller. Wir kommen zu spät!». Arme Mama, denkt Anna. Hoffentlich muss sie nicht ins Gefängnis!

Im Kindergarten ist sie die Erste. «Siehst du, Mama. Wir sind gar nicht zu spät», versucht sie Mama zu beruhigen. Mama lächelt. Aber sie sieht immer noch traurig aus. Anna muss schneller werden, nimmt sie sich vor. Mama darf nicht mehr ihretwegen so traurig sein. Als Mama weg ist, setzt Anna sich an ein Fenster und schaut in den Garten. Sie kann jetzt nicht ans Spielen denken. Ihre Eltern müssen heute schon wieder vor das Gericht, und Anna hat keine Ahnung, wer von beiden der Verbrecher ist. Vielleicht Papa – und deswegen hat Mama diese Spionin engagiert? Aber vielleicht auch Mama. Anna hat beide immer für Helden gehalten. Keiner von ihnen ist ein Verbrecher, findet sie, aber sie fragt ja niemand. «Hast du am Wochenende deinen Papa gesehen?», reisst ein Erzieher sie aus ihren Gedanken, und Anna nickt zur Antwort. Ist der Erzieher Tobias vielleicht auch ein Spion?

Obwohl Anna als Erste gekommen ist, wird sie als Letzte abgeholt. Mama muss ganz viel arbeiten und erledigen, seitdem Papa nicht mehr bei ihnen wohnt. Ihre Mutter sieht noch unglücklicher aus als am Morgen. Anna versucht, sie aufzuheitern, und sagt so viele witzige Sachen, wie ihr nur einfallen. «In Zukunft kannst du den Papa ohne Frau Egli treffen», sagt sie im Auto, und Anna freut sich riesig. Bis sie bemerkt, dass Mama das offenbar gar nicht so gut findet. «Der Richter hat das beschlossen», schiebt sie hinterher. «Heisst das, der Papa hat gewonnen und du hast verloren?», fragt Anna vorsichtig. «So ungefähr.» «Bist du dann die Verbrecherin?», platzt es aus ihr heraus. «Verbrecherin?», wiederholt ihre Mutter erstaunt. «Niemand ist hier ein Verbrecher, Anna.»

Anna nickt, obwohl sie es nicht versteht. Sie versteht nur, dass die Eltern sich streiten und dass es in ihrem Streit um Anna geht und dass fremde Leute bestimmen, wer von ihren Eltern ein Gewinner und wer der Verlierer ist. Das Gericht sorgt für Gerechtigkeit, haben Annas Eltern ihr immer erklärt. Anna fände es gerecht, wenn sie selbst entscheiden dürfte, wer einen Streit über sie gewinnt. Anna würde sagen, dass beide Eltern gewonnen haben. Anna würde nie einen von ihnen verlieren lassen, wenn sie bestimmen dürfte. Den Richter findet Anna deswegen doof. Er hat ihre Mama ganz traurig gemacht, und nun wird Anna sich um sie kümmern müssen. Anna ist völlig überfordert, aber das wird sie erst in 30 Jahren wissen.

Anna gibt es nicht. Ich habe sie mir ausgedacht. Ihre Gefühle sind aber alle echt und spiegeln das, was aus der psychologischen Arbeit mit Scheidungskindern bekannt ist.

buettner_150x150*Meike Büttner lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist Autorin, Referentin, Musikerin und Mutter einer Tochter. Sie war lange Zeit alleinerziehend und lebt heute in einer kleinen, ausbaufähigen Patchworkfamilie. Im Juli hat sie den Smart Hero Award für ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten für Alleinerziehende erhalten.

Ein Loblied auf die Erziehung in der Schweiz

Gabriela Braun am Donnerstag, den 30. Oktober 2014
Das erste Sackmesser: «Nur acht Schnitte in einer Woche», schreibt der Fotograf dazu. Foto: Broterham (Flickr)

Das erste Sackmesser: «Nur acht Schnitte in einer Woche» steht im Kommentar zum Bild auf Flickr. Foto: Broterham (Flickr)

Sie beschäftigen sich mit Sägen, richtigen Sägen! Und Taschenmessern! Drei- bis vierjährige Kinder halten sie in ihren Händen, um Holz zu bearbeiten. «Das geben Spielgruppenleiterinnen den Kindern», schreibt die US-Journalistin Suzanne Lucas in einem Artikel auf CBS News. Sie staunt nicht schlecht, denn in ihrer Heimat hätte das – im Minimum – eine Entlassung zur Folge. Die Lehrerin hätte zudem eine Klage am Hals.

Doch das geschieht nicht in den USA, sondern in der Schweiz. «Dort glaubt man, dass Kleinkinder in der Lage sind, mit Sägen umzugehen», schreibt Lucas. «Und dort raten Kindergartenlehrerinnen den Eltern, ihre Kinder alleine zur Schule gehen zu lassen.» Die Kinder seien stolz, wenn sie selbstständig den Schulweg meistern. Das habe die Kindergartenlehrerin von Münchenstein BL an einem Elternabend gesagt. Suzanne Lucas selbst wohnt in Münchenstein und ihr vierjähriges Kind besucht im Ort den Waldkindergarten.

Die Journalistin publizierte den betreffenden Artikel vor zwei Jahren, doch im Netz findet er noch immer grosse Beachtung. Ich wurde diese Woche auf ihn aufmerksam, weil zwei englischsprachige Bekannte den Artikel auf Facebook verlinkten. Die Frauen hatten einige Zeit in der Schweiz gelebt und lobten Lucas' Text in den höchsten Tönen. «Unbedingt lesen», empfahl die eine Bekannte. «Wie recht sie hat», schrieb die andere.

Im Artikel erzählt Lucas von ihren Sorgen, die sie als Amerikanerin in der Schweiz beim Eintritt ihres Sohnes in den Waldkindergarten durchlebte. Sie sieht die kleinen Kinder allesamt am Boden sitzen, mit Sägen und Taschenmessern bewaffnet, und malt sich die wildesten Horrorszenarien aus. Doch sie will sich keine Blösse geben und fragt deshalb die Lehrerin betont beiläufig, wie bei einem Unfall denn ein allfälliges Notfallszenario aussehe. Die Lehrerin sagt bloss: «Ich bin Waldkindergartenlehrerin seit 10 Jahren. Kein einziges Mal musste ich wegen einer Verletzung die Eltern kontaktieren.»

Die Journalistin beschreibt die Eigenart eines Waldkindergartens («Die Kinder gehen dort raus bei jedem Wetter») und den Umgang mit einem Schnitt im Finger («Ein Pflaster drauf, das wars. Kein Unfallprotokoll, keine Tetanus-Impfung beim Arzt. Ja, der Vorfall erscheint den Betreuern nicht mal erwähnenswert.») Dann stellt sie die etwas polemische Frage, ob solche Kinder – also Schweizer Kinder, die schon früh mit Messern umgehen können und alleine zur Schule laufen – besser auf das Leben vorbereitet seien als jene Kinder, die konstant in Watte gepackt sind.

Lucas beantwortet die Frage gleich selbst mit einem bestimmten Ja. Mehr noch: Sie ist der Meinung, überbehütete amerikanische Kinder würden im Gegensatz zu Schweizer Kindern den Sprung in die Erwachsenenwelt nicht richtig schaffen. Ihnen fehle die nötige Selbstständigkeit – weil man ihnen als Kind viel zu wenig zugetraut habe. Die Folge? Ihre Mütter müssten für ihre erwachsenen Kinder beim Arbeitgeber anrufen. Und die verhätschelten Bubis erwarteten von der Firma schon fast eine Urkunde, wenn sie pünktlich zur Arbeit auftauchten.

Den eigenständigen Kindern dagegen gehöre die Welt. «Denn sie erfahren am eigenen Leib, was Risk Management bedeutet», schreibt Lucas. «Sie kennen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen und ihres Handelns.» Ihr Sohn werde deshalb bei einer Rückkehr in die USA irgendwann besser auf eine Führungsrolle vorbereitet sein als die Kinder dort. Er werde der Boss von ihnen werden – «wenn er sich derweil nicht mit einer Säge die Hand absägt».

Was ist Ihre Meinung? Wie viel Freiraum brauchen Kinder? Und wie sehr sollen Eltern ihre Kinder behüten?

Das hat sich für Väter verbessert

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 29. Oktober 2014

Ein Papablog von Oliver Hunziker

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Väter sind mit dem neuen Sorgerecht gleichberechtigter geworden. Foto: Keystone

Das neue Sorgerecht hat einige wichtige Verbesserungen gebracht. Abseits der konkreten Änderungen im Gesetzestext bewirkt die neue Regelung ein Umdenken, wie Familien künftig mit der Trennung/Scheidung umgehen können, insbesondere in Bezug auf ihre Kinder. Seit der Einführung des neuen Gesetzes profitieren Väter von diesen drei Verbesserungen:

  1. Sorgerechtsstreit: Die Tatsache, dass die elterliche Sorge nun in den allermeisten Fällen nicht mehr zur Verhandlungsmasse einer Scheidungsverhandlung gehört, führt zu einer Entlastung der Verfahren – ein grosser und hässlicher Streitpunkt kann damit in den meisten Fällen aus den Verfahren genommen werden. Genügte früher die Weigerung der Mutter, um dem Vater das Sorgerecht zu entziehen, muss heute schon wesentlich mehr vorliegen, bis ein Vater bzw. ein Elternteil das Sorgerecht verliert. In Fällen, in welchen das Interesse des Kindes gefährdet ist, kann (und soll) der Richter selbstverständlich weiterhin das Sorgerecht entziehen können. Diese Fälle müssen aber klar belegt sein – blosse Andeutungen genügen nicht mehr.
  2. Wohnsitz: Ein Elternteil kann den Wohnsitz des gemeinsamen Kindes nicht ohne Zustimmung des anderen Elternteils in eine andere Region oder ein anderes Land verlegen. Dies mag auf den ersten Blick irritieren, ist aber für die Aufrechterhaltung der elterlichen Beziehung des anderen Elternteils von entscheidender Bedeutung. Wenn eine getrennt lebende Familie heute eine gemeinsame Betreuungsform gefunden hat, so ist diese automatisch gefährdet, wenn ein Elternteil wegzieht. Hier greift dieser Artikel und sorgt dafür, dass in einem solchen Fall beide Eltern gemeinsam zustimmen müssen, nachdem sie vorher hoffentlich alle möglichen Optionen diskutiert haben. Die räumliche Nähe der beiden Wohnsitze ist für alle Formen der Doppelbetreuung unerlässlich und wurde deshalb im neuen Gesetz auch besonders geschützt.
  3. Gleichstellung: Auch unverheiratete Väter können den Antrag auf elterliche Sorge stellen, unabhängig von der Zustimmung der Mutter. Damit werden auch diese Väter vor dem Gesetz zu gleichberechtigten Partnern der Mütter. Und das ist gut so, denn zur elterlichen Verantwortung gehört mehr als die Anerkennung der finanziellen Pflichten. Väter, denen es mit der elterlichen Verantwortung ernst ist, wollen auch das Sorgerecht, es ist ihnen nämlich klar, dass es sich dabei um ein Pflichtrecht handelt – es ist ein Recht des Kindes und eine Pflicht der Eltern.

Die gemeinsame elterliche Sorge hat unser Familienrecht ein gutes Stück vorangebracht. Kinder können in Zukunft vermehrt auf zwei gleichberechtigte Elternteile zählen, unabhängig davon, ob diese noch zusammenleben oder nicht. Dies bildet die Basis für künftige Lebensentwürfe, welche eine gleichberechtigt verteilte Betreuung der gemeinsamen Kinder überhaupt erst ermöglicht.

Portrait_OHTeaserOliver Hunziker ist Präsident von GeCoBi, der schweizerischen Vereinigung für gemeinsame Elternschaft. Der 49-jährige Informatiker hat zwei Söhne und ist geschieden.

«Ich will keine Mutter mehr sein»

Jeanette Kuster am Dienstag, den 28. Oktober 2014
Das Gefühl, nicht zu genügen: Erschöpfung pur. Foto: Frank Kovalchek (Flickr)

Das beklemmende Gefühl, nicht zu genügen: Betroffene erleben sich selber als schlechte Eltern. Foto: Frank Kovalchek (Flickr)

«Ich will keine Mutter mehr sein.» Als ich den Satz auf Twitter las, konnte ich  nicht anders, als den dazugehörigen Link zu klicken. Ich landete auf dem Blog von «Fräulein im Glück», die über achtsames Elternsein schreibt und sich an besagtem Tag mit diesem einen Satz, dem Wunsch, keine Kinder mehr zu haben, beschäftigte. Sie interviewte eine Elternberaterin zum Thema und fragte diese, ob nicht alle Mütter irgendwann einmal das Bedürfnis verspürten, keine Mutter mehr zu sein. «Absolut!», antwortete die Expertin, «vor allem in der Zeit, wenn die Kinder ganz klein sind und (...) 24/7 nur an uns hängen.»

Es steht ausser Frage, dass das Muttersein phasenweise enorm anstrengend und ermüdend ist. Wie es sich mit grösseren Kindern lebt, kann ich noch nicht beurteilen. Aber als Mutter von kleinen Kindern kann man in der Tat das Gefühl bekommen, kein eigenes Leben mehr zu haben, sozusagen nur noch für jemand anderen zu existieren. Weil man gar keine Zeit und Energie mehr hat, das eigene Leben auch noch zu leben. Kein Wunder, taucht da bei mancher bisweilen das Bedürfnis auf, einfach davonzuspazieren und wenigstens für ein paar Tage alles hinter sich zu lassen.

Ich kenne diese Momente selber auch, in denen ich mir nichts mehr herbeisehne, als wieder einmal Zeit für mich zu haben. Durchzuatmen. Aber mir deshalb zu wünschen, ich wäre keine Mutter mehr? Das käme mir nie in den Sinn, alleine der Gedanke daran schmerzt. «Ich will keine Mutter mehr sein», das hat nichts mehr mit Auszeit und Pause zu tun, das ist endgültig. Der Wunsch nach der endgültigen Trennung von den eigenen Kindern. Und das soll wirklich jede Mutter irgendwann einmal so empfinden?

Bild der perfekten Mutter: Actionfigur SuperMom. Foto: Flickr

Die «Mutter aller Spielzeuge»: Actionfigur SuperMom. Foto: Flickr

Ich konnte das nicht glauben und habe deshalb bei der Pro Juventute nach einer Einschätzung gefragt. Die dortigen Fachleute teilen die absolute Meinung der interviewten Expertin nicht. Es seien wenige Eltern, die so empfinden würden. «Aber es sind doch mehr, als man gemeinhin annimmt», sagt Daniela Melone, Leiterin der Pro Juventute Elternberatung. Die Gründe für solche Gedanken sind vielfältig: Depressionen, Erschöpfungszustände oder eine zu extreme Erwartungshaltung an sich als Mutter oder Vater. «Die Betroffenen erleben sich selber in diesen Situationen als schlechte Eltern», sagt Melone. Der Wunsch, keine Mutter oder kein Vater mehr zu sein, entsteht also nicht etwa aus einem Hass aufs Kind, sondern vielmehr aus Liebe: Man will sich selber dem Kind nicht mehr zumuten und glaubt, das Kleine hätte es besser bei jemand anderem.

Wer erst einmal davon überzeugt ist, eine unzumutbare Mutter zu sein, findet nur schwer wieder aus diesen Gedanken hinaus. «Es ist den Betroffenen häufig nicht mehr möglich, ihren Blick auf Situationen zu richten, in denen sie durchaus genügen», so Melone. Als Angehöriger oder Freund könne man in solchen Fällen am besten helfen, indem man erst einmal ganz neutral nachfrage, woran die Frau denn zu erkennen glaube, alles falsch zu machen. «Und vielleicht kann man sie sogar anregen, auf Spurensuche zu gehen und sich zu fragen, in welchen Situationen im Familienalltag sie sich vielleicht doch ein kleines bisschen genügt hat. Das kann neue Perspektiven eröffnen.»

Die Mehrheit der Mütter erlebt solche Versagensgefühle zum Glück nur für kurze Momente und ist danach schnell wieder mit sich im Reinen. Darüber zu reden hilft aber auch in diesen Fällen. Denn wer offen zugibt, sich in einer Situation als miserable Mama gefühlt zu haben, wird schnell merken, dass es anderen gelegentlich genauso geht. Und kann dadurch vielleicht sein übertriebenes Bild der perfekten Mutter etwas korrigieren, um entspannter durchs Familienleben zu gehen.

Kennen Sie das Gefühl, als Mutter oder Vater nicht zu genügen? Und reden Sie mit Ihrem Partner und Freunden offen darüber? Und was denken Sie, haben wir womöglich alle die Tendenz, gerade in unserer Elternrolle zu hohe Erwartungen an uns selber zu haben?

Egg-Freezing? Blödsinn, werdet schwanger!

Mamablog-Redaktion am Sonntag, den 26. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Liliane Minor*

Pregnant women paint their bellies before an event to celebrate "Healthy Maternity Week" in Lima

Selbstbewusst auf das eigene Bauchgefühl hören, statt auf den perfekten Zeitpunkt warten: Ein Baby haben macht Spass! Foto: Reuters

Kein Thema ist unter Frauen seit Jahren so präsent wie dieses: Wie bringt man Kinder und Beruf unter einen Hut? Und obwohl sich viel getan hat – Krippen, Horte, Tagesschulen werden immer mehr – bleibt die Sache schwierig. Oder, wie es die «NZZ am Sonntag» kürzlich formuliert hat: Kinder und Beruf lassen sich in der Schweiz nicht vereinbaren. Nur addieren.

Da scheint der medizinische Fortschritt wie gerufen zu kommen: Frauen können sich Eizellen entnehmen und fünf Jahre lang einfrieren lassen, um Kinder auf später zu verschieben. Das, so die Hoffnung, befreie vom Dilemma, sich zwischen Karriere und unerbittlichen biologischen Tatsachen entscheiden zu müssen. Aber auch vom Druck, den Freunde und Familie unbeabsichtigt ausüben, wenn sie fragen, warum ein Paar Mitte dreissig denn noch keine Kinder habe.

Da klingt das Freezing, wie es so schön heisst, wie ein weiterer Schritt Richtung Freiheit. Ein Fortschritt wie seinerzeit die Pille. Doch jede Frau, die in einer festen Partnerschaft ist und verhütet, kennt die Kehrseite der Medaille: Irgendwann muss sie sich entscheiden. Mit der Verhütung aufhören. Das war der Preis für eine nie gekannte sexuelle Freiheit für Frauen. Ein Preis, der sich lohnte.

Beim Freezing aber ist der Preis ungleich höher. Wohlverstanden: Die Technik ist ein Segen für Frauen, die sich beispielsweise einer Krebsbehandlung unterziehen müssen und nicht wissen, ob sie danach überhaupt noch auf natürlichem Weg Kinder bekommen können. Alle anderen aber befreit die neue Technik nur scheinbar – denn schon nach drei, vier Jahren ist der Druck zurück, und das unerbittlicher denn je. Dann droht den eingefrorenen Zellen die Vernichtung. Und nun stellt sich nicht nur die Frage: Lassen wir die Zellen nun befruchten? Sondern es lastet auch das Wissen schwer: Wenn es damit nicht klappt, ist es mit dem Kinderhaben möglicherweise ein für allemal vorbei. Sich noch einmal fünf Jahre zu erkaufen, dürfte für die meisten Frauen unrealistisch sein. Und die Chance auf eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg ist zu dem Zeitpunkt für die meisten Frauen nur noch gering.

Hinzu kommt der Druck, sich in den paar Jahren, in denen die Eizellen gelagert bleiben, beruflich zu etablieren. Was, wenn das nicht klappt? Und, fast noch schwieriger: Was, wenn es klappt mit der Karriere? Wenn dann gerade der nächste Karriereschritt ansteht? Es wird nicht einfacher, Kinder zu haben, je weiter oben man auf Leiter steht. Und wenn ein Chef schon bei einer einfachen Angestellten Mühe hat, Kinder zu akzeptieren, dann wird er bei Kadermitarbeiterinnen eher noch untoleranter werden.

Mag sein, dass es Frauen gibt, die mit einer solchen Situation umgehen können. Aber genau diese bräuchten das Freezing nicht. Weil sie selbstbewusst genug sind, sich zu entscheiden. Sei es für Kinder und Beruf, für Kinder ohne Beruf oder für Beruf ohne Kinder. Für alle anderen kann aus der vermeintlichen Versicherung für später rasch ein Alptraum werden.

Machen wir uns nichts vor: Den idealen Zeitpunkt für Kinder gibt es ohnehin nie. Jede Frau, die Mutter geworden ist, weiss das. Mal ist es im Job ungünstig, mal passt die Wohnung nicht. Zudem weiss wohl keine Frau im Voraus, wie es sich wirklich anfühlt, ein Kind zu haben. Das verunsichert, klar. Aber wenn das Baby dann da ist, geht es irgendwie. Und nicht nur das: Es macht Spass.

In diesem Sinne, liebe Frauen: Werdet doch einfach schwanger. Voller Stolz und Selbstbewusstsein. Dann, wenn es euch passt und nicht dem Chef. Das wird auf Dauer mehr Einfluss auf die gesellschaftliche Situation haben, als wenn ihr Kinderkriegen vor lauter Karriere verschiebt. Denn so signalisiert ihr: Kinder sind kein Störfaktor.

Minor* Liliane Minor ist Redaktorin beim «Tages-Anzeiger». Sie hat zwei Kinder und wohnt im Zürcher Unterland.

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