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Lorena Blattner am Mittwoch den 9. Mai 2012

ALBUM OF THE WEEK
Richard Hawley «Standing At The
Sky’s Edge»

Der neue Richard Hawley ist düster und unberechenbar.

Heute als einer der talentiertesten britischen Musiker etabliert, vergisst man leicht, dass Richard Hawley in der unterschätzten Britpop Band Longpigs angefangen und erstmals mit großartigen Songs wie «She Said» und «Jesus Christ» auf sich aufmerksam gemacht hat. Zehn Jahre nach dem Ende der Longpigs und drei Jahre nach Hawley’s letztem Soloalbum «Truelove’s Gutter» ist der Mann mit der Tolle zurück.

Die Vorstellung, nach unzähligen Kollaborationen und sechs Soloalben musikalisch neue Wege einzuschlagen, muss einem als Musiker einen ziemlichen Respekt einflössen. Da sind die eigenen kreativen Wünsche und Ansprüche, die erfüllt werden wollen, man möchte sich selbst künstlerisch herausfordern und weiterentwickeln, sich und seinem Stil dabei aber doch treu bleiben. Ein Unterfangen, dass nicht jeder Songwriter mühelos meistert. Aber Richard Hawley bleibt von diesen Herausforderungen unbeeindruckt. Sein neues Album «Standing At The Sky’s Edge» klingt wie ein stadionfüllendes Rockalbum – die grandiosen Streicherarrangements, die man von Hawley’s früheren Alben kennt, wurden ohne nostalgische Gefühle gegen verzerrte Stromgitarren eingetauscht.

Das 2005 veröffentlichte «Coles Corner» war trotz melancholischer Texte doch immer noch heiter, um nicht zu sagen überschwänglich, da mit leichtfüssiger Instrumentierung für den entsprechenden Ausgleich gesorgt war. «Standing At The Sky’s Edge» ist im Vergleich dazu düster. Die typischen Hawley-Melodien sind immer noch da, nur nicht mehr mit der epischen Romantik vertont, wie man das vom begnadeten Gitarristen erwartet hätte.

Das über sieben Minuten lange «She Brings The Sunlight» eröffnet das Album in Psychedelic Rock-Manier und geht dann in den fast genauso ausdauernden Titeltrack über, der wie die Artic Monkeys klingt, wenn sie versuchen wie Richard Hawley zu klingen. «Time Will Bring You Winter» hört sich fast schon beengend an mit seinem verzerrten Gesang und dem repetitivem Refrain und «Down In The Woods» besingt die verzehrende Fleischeslust, auf gleichzeitig abstossende und anziehende Weise. Und erst mit «Seek It» und «Don’t Stare At The Sun» meldet sich der Hawley zurück, der mit einfachen, gefühlvollen Songs an vergangene Tage erinnert und seine unverwechselbar tiefe Stimme im Vordergrund stehen lässt.

Die Stimme ist es auch, die einen vom ersten bis zum letzten Song nicht vergessen lässt, wessen Album man sich da gerade anhört. Zudem hat der ehemalige Pulp- und Longpigs-Gitarrist ein ausgesprochenes Talent dafür, emotional ergreifende Lieder zu schreiben – über die Suche nach der Liebe, und das enttäuscht werden, wenn man glaubt, sie gefunden zu haben, oder wie hier halt eben etwas düsterer, vom Mann, der seine Familie umbringt oder dem Teenager, der in einer Schlägerei jemanden ersticht. Die Vocals überschlagen sich in ihrem eigenen Hall, die Gitarrensolos beben durch den Verzerrer, die Perkussion rasselt und scheppert bis sich alles in einem peitschenden, ungestümen Lärm vermählt. Musikalisch klingt das also alles etwas anders als auf «Lowedges» oder «Coles Corner» und nicht, wie man sich das als eingefleischter Hawley-Fan gewünscht oder erwartet hätte. Aber wenn auch einzelne Titel enttäuschen, oder gar langweilen (siehe «She Brings The Sunlight»), so funktioniert das Album als Ganzes und bleibt durch die Abstimmung von Texten und Musik aufeinander bis zum Schluss spannend.

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