Tausende Tattoofans haben sich bei der zum ersten Mal stattfindenden Great British Tattoo Show in Kensington unter die Nadel gelegt.
Die erste Great British Tattoo Show in London hat Tausende von Besuchern und Hunderte von Tattoo-Künstlern aus aller Welt angelockt. Der zweitägige Event hat gemäss Angaben der Veranstalter frühere Besucherzahlrekorde ähnlicher Grossanlässe gebrochen und ist somit als Grossbritannien’s grösste Tattoomesse über die Bühne gegangen. Mit über 12’000 mehr oder weniger tätowierten Besuchern und 130 führenden Tattookünstlern bestätigt der Event den Trend der letzten Jahre, der ein stetig wachsendes Interesse an Körperkunst/–kult aufzeigt. Die Veranstalter der Great British Tattoo Show sind überzeugt, dass sie noch vor wenigen Jahren nie und nimmer solche Massen hätten anlocken können, als die Tätowierkunst auch in Metropolen wie London noch mehrheitlich mit dunklen Hinterzimmern assoziiert wurde.
Was man sah, wenn man sich in der Olympiahalle umblickte, war alles andere als eine Randgruppe, sondern vielmehr ein Querschnitt durch die heutige Gesellschaft. Mütter mit Teenage-Töchtern, Mütter ohne Teenage-Töchter, ältere Ehepaare, Hardrocker, dein Versicherungsagent, Gothik-Fans, das Mädchen von nebenan, Fitnessfanatiker, Hippies, Tattoo-Jungfrauen und solche, die mit einem Detektor nach der letzten untätowierten und ungepiercten Körperstelle suchen müssen. Die Zeiten, in denen man eine Tätowierung strategisch platziert hat, um sie jederzeit unter der Kleidung verstecken zu können, sind – zumindest in Grossbritannien – längst vorbei.
Heute können gute Tattoo-Artists locker 1000 Britische Pfund (oder Franken) pro Stunde machen und sie fliegen regelmässig um die Welt, um an den grössten Shows und Kongressen teilzunehmen. Diese Events, so bestätigt mir auch eine polnische Tätowiererin vor Ort, gehören mitunter zu den lukrativsten Geschäften für sie. Viele Besucher kommen mit der Absicht sich von einem ganz bestimmten Tattoo-Artist stechen zu lassen, aber genauso viele sind nur neugierig oder unentschlossen und froh, sich vor Ort mit einem Tätowierer unterhalten und sich die letzten Ängste oder Zweifel nehmen lassen zu können.
Ich selbst zum Beispiel gehöre zur unentschlossenen Gattung. Bereits seit Jugendjahren reizt mich der Gedanke, mich tätowieren zu lassen. Und doch habe ich mich in 15 Jahren nie in ein Studio gewagt – weil ich mich nicht für ein Motiv oder eine Körperstelle entschliessen konnte, plötzlich doch mit dem Gedanken spielte, auf‘s Alter hin so richtig fett zu werden, oder einfach nur, weil mich das Geld reute. Als ich mich am Samstagmorgen in die U-Bahn Richtung Olympia setzte, hab ich es mir offen gelassen, ob ich mit oder ohne wieder nach Hause komme. Meine bessere Hälfte habe ich vorgewarnt: «Wenn mir ein Motiv gefällt, dann pack ich die Gelegenheit. Mach Dich schon mal auf tagelanges Gejammer gefasst.» Wann hat man denn schon mal die Chance, sich unverbindlich umschauen zu können?!
Es war das erste Mal, dass die Great British Tattoo Show stattgefunden hat und Event Managerin Shelley Bond, die diverse Tattooshows veranstaltet, unter anderen auch die international bekannten Tattoo Jam und Tattoo Freeze, war mit dem Erfolg entsprechend mehr als zufrieden: «We were delighted by the turn-out for The Great British Tattoo Show, which is our first big London tattoo show. Visitors and artists have travelled from around the world to be here today and the feedback so far has been fantastic.»
Da Tätowierungen für viele nicht nur Körperschmuck, sondern auch Teil eines Lebensstil ist, gehören zu einem Event wie diesem natürlich mehr als nur das Surren von Hunderten von Nadeln. Über das Wochenende verteilt konnten die Besucher Tattoos in allen Formen und Stilen in alternativen Modeschauen bestaunen, sich von den charmanten Burlesque Stars Millie Dollar und Beatrix Von Bourbon bezirzen lassen oder etwas weniger laszive, aber genauso atemberaubende BMX-Stunts auf der Hauptbühne bewundern.
Im Mittelpunkt dieses Wochenendes standen jedoch ganz eindeutig die 130 Tattoo-Artists, die genau das sind: Künstler. Vorbei die Tage, in denen sich das Repertoire eines Tätowierers auf Anker, Rosen und symbolischen Liebeserklärungen beschränkte. Die Arbeitsmappen, die man sich an jedem Stand ansehen konnte, zeigen eine komplett eigene Kunstgattung, in der sich jeder Künstler mit seinem ganz eigenen Stil abhebt und wenn man einem Tätowierer dabei zusieht, wie er nach einem Zehnstundentag und unzählen Armen und Schultern unter der Nadel in Höchstpräzision ein absolut perfektes Abbild von Jimmy Hendrix auf einen Rücken sticht, bleiben eigentlich nur noch Respekt und offene Kinnladen.
Was mein eigenes Tattoo betrifft … das hat es dann letztlich doch nicht gegeben. Der dezente aber anhaltende Geruch von verbrannter Haut hat mir dann doch irgendwie die Lust genommen.








Tracy Kawalik lebt und arbeitet seit sieben Jahren in der Londoner Mode-Szene. Nachdem sie ihre Karriere als professionelle Tänzerin aus gesundheitlichen Gründen beenden musste, fasste sie als Stylistin im Londoner Showbusiness Fuss. Dabei arbeitete die gebürtige Kanadierin für und mit den angesagtesten Designern, Promis und Events in der trendigen britischen Millionenmetropole. Zudem hat sich Tracy in den vergangenen Jahren einen Namen als Freelance-Journalistin und als Bloggerin gemacht. Bis Ende 2012 spürt sie für die Leserinnen und Leser von «London Calling» neue Fashion- und Shopping-Trends sowie schräge Figuren auf.















Sehr schöne Bilder! Ich habe nun bereits viel von Tattoo-Messen in England gehört und gelesen und finde es wirklich faszinierend. Bei 130 Künstlern ist sicher für jeden etwas dabei.