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Lorena Blattner am Mittwoch den 25. April 2012

ALBUM OF THE WEEK
Sennen «Lost Harmony»

Von Norwich nach Hollywood

Das bekannteste Exportgut aus Norfolk war Colman’s Mustard – bis jetzt. Mit der Band Sennen hat es der verschlafene Bezirk an der britischen Küste nun über alle gut sortierten Kühlschrankregale englischer Haushalte hinaus ins Abendprogramm von Serienfans weltweit geschafft.

Angefangen hat alles mit Gary Calamar. Der Moderator des renommierten Indiesenders KCRW hat die britische Band im Internet entdeckt und ihre Songs in seiner Radiosendung gespielt. Derselbe Gary Calamar ist aber auch einer von Hollywood’s meistbeschäftigten Musikprogrammleitern und hat Sennen in den Soundtrack der amerikanischen Serienhits One Tree Hill und True Blood aufgenommen, für seine Arbeit an letzterem wurde er für zwei Grammy Awards nominiert. Der vierköpfigen Band hat dieser eine begeisterte Fan so Zugang zu einem Millionenpublikum dies- und jenseits des Atlantiks vermittelt und von da an ging’s nur noch aufwärts.

Nach den ersten zwei Alben, produziert von Pat Collier (Primal Scream/House of Love), konnten die Briten für dieses dritte Studioalbum nun den langjährigen Produzenten von The Cure David M. Allen gewinnen. Dieser Wechsel im Personal war nur eine Veränderung von vielen, die der Band seit ihrer Gründung begegnet sind. In den letzten zehn Jahren gab es Änderungen im Line-Up, die Band ist vom ländlichen Norwich in die Rock’n’Roll-Metropole London umgezogen und musste ihre Ausrichtung immer wieder überdenken. Ihre Musik hat diese Entwicklungen in manchmal lauteren, manchmal leiseren Tönen widergespiegelt. Doch in der aktuellen Konstellation scheint sich die Gruppe gefunden zu haben, denn die Songs auf «Lost Harmony» klingen persönlicher, als alles, das wir bisher von Sennen gehört hatten. Ganz anders als auf seinem Vorgänger «Age Of Denial» findet sich die Band hier in einer nachdenklichen und selbstkritischen Stimmung.

Nicht ausser Acht zu lassen ist der Einfluss des gefeierten David Allen, der massgeblich am Erfolg von «First And Last And Always» (The Sisters Of Mercy) und den The Cure-Alben «The Head On The Floor» und «Disintegration» beteiligt war. Anstatt auf den dicken Klangteppichen aufzubauen, die Sennen’s frühere Alben bestimmt haben, hat Allen den Musikern die Freiheit gegeben auch mit reduzierteren Strukturen zu arbeiten und den einzelnen Songs dadurch mehr Raum gegeben. Allen hat wieder einmal erstklassige Arbeit geleistet. Nur kann er damit leider nicht über die erneut (siehe Spiritualized letzte Woche) schockierend einfältigen Songwriter-Qualitäten der Band hinwegtäuschen.

Musikalisch gibt es an «Lost Harmony» nichts auszusetzen. Der Sound ist erdig und schwermütig, Schlagzeug, Bass und Gitarren klingen ganz genau so wie sie sollten. Die Instrumente flüstern, genau da, wo sie sollten, und wachsen zu einem vollen, kraftvollen Soundungestüm, genau da, wo es hingehört. Aber die Texte, die diese gekonnten Instrumentals begleiten, unterfordern sogar die Ohren eines Nicht-Muttersprachlers und sind fast schon eine Beleidigung für jeden, der das Ende der obligatorischen Schulzeit erreicht hat. Mit viel zu viel Fokus darauf, dass sich die Zeilen reimen, haben sich die beiden Songschreiber Larry Holme und Rich Kelleway jede Chance auf einen halbwegs gehaltvollen Vers, geschweige denn ganzen Song, verspielt. Aber vielleicht liegt’s auch an mir und ich kann die Tiefe von Zeilen wie diesen hier einfach nicht erkennen: «Everybody’s telling me it’s time to go / Everbody’s telling me that I should know / But I don’t really feel like I did before / It’s not like it’s used to be, anymore / If I really wanted to, I know what i could / If I really wanted to, I guess I would / Maybe there is something I could do for you / Maybe there is something I could do for you» (aus dem Titel «Standing Still»). Wenn mich jemand erleuchten will, dann bitte noch so gerne!

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