Olympische Sommerspiele 2012: Da denken die Londoner in erster Linie an teure Tickets, das wahrscheinliche Verkehrschaos und die überfüllten Pubs. Erst dank Fussballikone David Beckham rückt der Sport in den Fokus.
«London wird vibrieren, wenn die ganze Welt den einmaligen Olympischen Spirit spürt.» Mit diesen gebetsmühleartig vorgetragenen Worten und seinem ewigen Lausbubenlächeln hausiert OK-Boss Lord Sebastian Coe (er gewann als Mittelstreckenläufer 1980 und 1984 zwei Gold- und zwei Silbermedaillen) fast schon penetrant in und um die Themse-Metropole.

Glänzend in Form: David Beckham sorgt bei den LA Galaxy für die Musik. Mit dem Team Great Britain möchte die englische Fussballikone seinen Karriere in London «vergolden».
Mit eher mässigem Erfolg: Zwar startete gestern in einem Parkhaus in Leicester der Olympische Fackellauf in Richtung Hauptstadt, doch Feuer und Flamme für den Mega-Sport-Event sind die Londoner bis jetzt noch nicht. «Wir warten noch auf den Funken, der das emotionale Feuer entzündet», heisst es beim Organisationskommitee.
Und um den Kalauer gleich zu entschärfen: Es liegt nicht etwa am feuchten britischen Wetter, dass sich dieser bis jetzt noch nicht entzündet hat. Im Gegenteil: London und der Südosten Englands haben die trockenste Zweijahresperiode seit Beginn der Messungen 1884 erlebt. Um den Durst der Briten und der Millionen Touristen zu löschen, wird nun Wasser aus der Themse entsalzt, und dem knappen Trinkwasser beigefügt (Londoner müssen Wasser aus der Themse trinken).
Apropos Salz: Für die nötige Würze im Olympia-Menü sorgt nun ausgerechnet jene Sportart, die eigentlich am wenigsten mit dem Olympischen Gedanken zu tun hat: Fussball, des Briten liebstes Hobby. Zwar werden bei den Männern auch 2012 nur U-23-Mannschaften vertreten sein, doch längst sind auch die Top-Spieler dieser Alterskategorie Sport-Millionäre. Und schon bei der Präsentation der Unterkünfte im Olympischen Dorf wurde darüber gerätselt, ob sich die Fussballstars wohl tatsächlich in diesen Studentenbuden zur Ruhe legen werden (Wo Beckham auf Federer trifft).
Für die grösste Aufregung – und das nicht nur bei den Briten – sorgt allerdings die Tatsache, dass die U23-Teams um jeweils drei ältere Spieler ergänzt werden können. Und um einen dieser drei Plätze im Team Grossbritannien (nicht nur England) hat sich auch die schillernde Fussballikone David Beckham beworben. Der 36-jährige Brite, der derzeit in den USA für LA Galaxy aufläuft und sich in bestechender Form befindet, hat den ersten Cut des Team-GB-Managers überstanden: Stuart Pearce hat die Liste mit den 191 Kandidaten diese Woche auf 80 Namen gekürzt – Beckham gehört noch immer zu den heissesten Kandidaten auf die schlussendlich 18 Plätze.
Und damit rückt auch Olympia in den Fokus der Londoner: Zwar hat David Beckham nie für einen Londoner Klub gespielt, aber in der Fashion-, Tattoo-, Gay- und Musikhauptstadt wird der Mann, der den Fussball während seinen besten Zeiten nicht nur besser, sondern vor allem auch attraktiver und modischer gemacht hat, verehrt. Darum wird in den Londoner Pubs und Bars nicht mehr nur darüber diskutiert, wie gross das Verkehrschaos wird. Sondern eine neue Frage beschäftigt die Gemüter in ganz Grossbritanninen: Soll der 36 Jahre alte Glamourboy David Beckham an den Olympischen Sommerspielen für Grossbritannien auflaufen oder nicht?

Apropos vergolden: «Becks» ist auch mit 36 Jahren noch eines der männlichen Topmodells. Hier in Unterwäsche von H&M.
Wie immer bei solchen Fragen drängen sich allerlei «Ehemalige» ins Zentrum der Diskussion. Unter anderem auch Ex-Stürmerstar Gary Lineker. Und der meinte gestern zum Stammtischthema Nummer 1: «Becks? Nein danke!» Diese Meinung, die im Gegensatz zu der allgemeinen Stimmung auf den meisten Olympia- und Fussballforen steht, begründete er im Interview mit BBC Radio 5 so: «Wenn es darum geht, die drei besten über 23 Jahre alten Fussballer von Grossbritannien zu nominieren, dann ist Beckham kein Thema. Wenn es aber darum geht, dem Event mehr Glanz zu verleihen, und Beckham für seinen Effort als Olympia-Botschafter zu danken, dann ist das eine ganz andere Story.»
Beckham selber hast sich längst zu diesem Thema geäussert: «Ich wäre unglaublich stolz, für Grossbritannien um Olympische Medaillen zu kämpfen. Und ich bin überzeugt, dass ich dem Team auch die nötigen Impulse verleihen könnte. Denn ich befinde mich in bester Verfassung.» Das bejahen auch seine Teamkollegen bei LA Galaxy: «Er ist besser in Form denn je», wurde da gewittert.
Übrigens: Falls Beckham tatsächlich nominiert wird, könnte es zu einem Zusammentreffen mit zwei alten Kumpels von Manchester United kommen – Ryan Giggs und Paul Scholes sind ebenfalls noch auf der 80-Mann-Liste.



Tracy Kawalik lebt und arbeitet seit sieben Jahren in der Londoner Mode-Szene. Nachdem sie ihre Karriere als professionelle Tänzerin aus gesundheitlichen Gründen beenden musste, fasste sie als Stylistin im Londoner Showbusiness Fuss. Dabei arbeitete die gebürtige Kanadierin für und mit den angesagtesten Designern, Promis und Events in der trendigen britischen Millionenmetropole. Zudem hat sich Tracy in den vergangenen Jahren einen Namen als Freelance-Journalistin und als Bloggerin gemacht. Bis Ende 2012 spürt sie für die Leserinnen und Leser von «London Calling» neue Fashion- und Shopping-Trends sowie schräge Figuren auf.

















Vielen Fussball-Fans ist heute noch gar nicht bewusst, wie viele Titel Ryan Giggs mit seinem Verein Manchester United gewonnen hat und eine lebende Legende ist. Und auch heute noch auf Top-Niveau spielt.
Gary Lineker bringt es in seinem Interview auf den Punkt. Wenn es um sportlichen Erfolg geht, sollte Beckham im olympischen Fussballteam keine Rolle spielen. Der OK-Chef Seb Coe soll ‹Becks› weiterhin als Olympia-Botschafter für die Spiele in London einsetzen; damit wird die Wirkung ungleich grösser.