Der Spaceman ist uninspiriert, dröge und nachlässig geworden.
Spiritualized ist eine jener Bands – man liebt sie, oder man hasst sie. Am besten funktioniert ihr Sound, wenn man ein kleiner Big Lebowski ist: konstant zugedröhnt.
Die Band besteht weitgehend aus einem festen Mitglied, dem Gründer der Band, Jason Pierce. Der aus dem englischen Rugby stammende Sänger und Musiker, der auch unter dem Pseudonym J. Spaceman auftritt, ist gezeichnet von jahrelangen Drogeneskapaden und Krankheit. 2005 wurde er mit einer schweren Lungenentzündung ins Royal London Hospital eingeliefert, beide Lungenflügel mit Flüssigkeit gefüllt, kollabiert und kaum in der Lage zu atmen. Nach mehreren Wochen auf der Intensivstation und zwei Wiederbelebungsversuchen wurden seine Lebenspartnerin und zwei Kinder darauf vorbereitet, sich von ihm zu verabschieden. Mithilfe von einfacher Antibiotika hat er dann doch noch die Kurve gekriegt, und die Erfahrung drei Jahre später im Album «Songs In A&E» verarbeitet.
Seit «Songs In A&E» sind wiederum vier Jahre vergangen, in denen Pierce mit einer dauerhaften Lebererkrankung diagnostiziert wurde. Seine Leberfunktionen waren so gut wie inexistent, er kriegt jede Woche eine Spritze und nimmt täglich Tabletten. Eine konventionelle Behandlung hätte den Musiker für ein gutes Jahr ausser Gefecht gesetzt, weshalb hat er sich für den Test mit neuen, noch ungeprüften Medikamenten zur Verfügung gestellt hat. Wenn es ihm auch so gut wie unmöglich war das Haus zu verlassen, so hat er über die vergangenen 18 Monate doch wenigstens an seinem neuesten Album arbeiten können.
Obwohl «Sweet Heart Sweet Light» unter Medikation entstanden ist und es Pierce mit etwas Abstand zu seiner mittlerweile abgeschlossenen Behandlung mehr und mehr so vorkommt, als sei nicht er es gewesen, der das Album gemacht hat, so klingt es doch ganz eindeutig nach Spiritualized. Was der Musiker selbst mal als Space Rock bezeichnet hat, nennt er heute Pop. Die Streicher und die Gospelchöre sind auf dem siebten Studioalbum aber so prägend vertreten wie eh und je und formen zusammen mit repetitiven Vocals und Loops den unverwechelbaren Sound, mit dem Spiritualized in den Neunzigern eine ganze Generation auf ihren drogeninduzierten Trips und Träumereien begleitet haben.
Etwas hat sich aber doch geändert. Zwar jongliert Jason Pierce nach wie vor gerne mit religiösen Referenzen in seinen Texten – meistens ohne tiefere Bedeutung, sondern einfach, weil es sich nach eigenen Angaben mit Klischees der Rock’n’Roll-Sprache gut arbeiten lässt («heaven sent me an angel» und so) – und lässt die gelegentliche Anspielung auf seine Drogenvergangenheit direkt oder indirekt durchblicken, ist im Grossen und Ganzen aber milder und sanftmütiger geworden. Oder einfach alt.
Aus der Sicht des Sängers hat sich seit seiner Krankheit vor allem sein Arbeitsstil verändert. Er sei grosszügiger geworden mit sich selbst, nicht mehr so kleinlich und perfektionistisch in seiner Vorgehensweise. Früher sei viel mehr im Müll gelandet und unzählige Male umgeschrieben worden. Heute könne er viel besser loslassen und sich der nächsten Aufgabe widmen. Frei übersetzt: Pierce hatte diesmal einfach nicht so wirklich Bock darauf die Songs auszufeilen und sie unter «fertig» abgelegt, wenn sie noch ziemlich viel Arbeit benötigt hätten – vor allem textlich.
Noch auf keinem Spiritualized-Album zuvor wurde der Gesang in der Abmischung so hervorgehoben wie auf «Sweet Heart Sweet Light», und so hört man die klägliche Unzulänglichkeit des Texter’s Pierce zum allerersten Mal in ihrer vollen Pracht.
Die Highlights des Albums sind «Headin’ For The Top», «Hey Jane» und «I Am What I Am». Wer seine Zeit aber wertvoll nutzen will und Spannenderes zu tun hätte (zum Beispiel die Steuererklärung ausfüllen), gräbt an dieser Stelle lieber wieder einmal das unerreichte «Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space» von 1997 aus und hört sich Spiritualized in Höchstform an.




Tracy Kawalik lebt und arbeitet seit sieben Jahren in der Londoner Mode-Szene. Nachdem sie ihre Karriere als professionelle Tänzerin aus gesundheitlichen Gründen beenden musste, fasste sie als Stylistin im Londoner Showbusiness Fuss. Dabei arbeitete die gebürtige Kanadierin für und mit den angesagtesten Designern, Promis und Events in der trendigen britischen Millionenmetropole. Zudem hat sich Tracy in den vergangenen Jahren einen Namen als Freelance-Journalistin und als Bloggerin gemacht. Bis Ende 2012 spürt sie für die Leserinnen und Leser von «London Calling» neue Fashion- und Shopping-Trends sowie schräge Figuren auf.














