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Lorena Blattner am Mittwoch den 11. April 2012

Keaton Henson «Dear»:
Vom Künstler, der den Ruhm nicht wollte

Wie schreibt man über einen Musiker, der keine Auftritte gibt, weil er an Lampenfieber und Panikattacken leidet, der Interviews meidet, weil es für ihn nichts Schlimmeres gibt, als über sich selbst reden zu müssen, und der sich am liebsten sein gesamtes Leben lang da verkriechen möchte, wo er auch sein Album aufgenommen hat: in seinem Schlafzimmer.

Keaton Henson leidet seit seiner Kindheit an lähmenden Panikattacken und Bühnenangst. Er vermeidet Liveauftritte, mit einer einzigen Ausnahme, die in Hose gegangen ist (ein Konzert, das er gefallenshalber zugesagt und dann abgebrochen hat), konsequent. Beim blossen Gedanken daran, vor einem Publikum singen zu müssen, überkommt ihn die Übelkeit. Es macht ihm Angst von Fremden angestarrt zu werden oder sich mit einem Journalisten treffen zu müssen – nicht unbedingt die ideale Ausgangslage für eine Karriere als Musiker. Aber Henson hat sich arrangiert. Interviews gibt er mehr oder weniger bereitwillig per Email und anstelle von Liveauftritten, performt er seine Songs nun halt über Webcast.

Der 23-jährige Songwriter aus einem Londoner Vorort hat sich seine Brötchen bis vor kurzem als Illustrator verdient, und das relativ erfolgreich. Mit weltweiten Ausstellungen, einer T-Shirt Kollektion für die britische Modekette Topshop und einer anstehenden Buchveröffentlichung könnte sich Keaton Henson wirklich nicht beklagen. Hat er auch nicht. Musik hatte er eigentlich nur für sich selbst gemacht, ohne die Absicht etwas daraus zu machen. Dass sie ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat, ist nur ein paar engen Freunden zu verdanken, die von seinen Songs so begeistert waren, dass sie diese ins Internet gestellt haben. Von da an hat sich die Verbreitung über Social Media Plattformen und Blogs verselbständigt, wie das heutzutage halt so geht. Das ohne Label oder Marketingsupport veröffentlichte Album «Dear» hat sich über 4000 mal verkauft, der Track «Charon» über 70’000 Clicks einkassiert und unterdessen hat sich das Management von Radiohead Henson’s angenommen, die das Album jetzt offiziell veröffentlichen.

«Dear» ist wie schon so manches Album in der Musikgeschichte einem Beziehungsende gewidmet. Mit zerbrechlicher Stimme und der einfachen aber wirkungsvollen Begleitung auf der akustischen Gitarre besingt Keaton Henson das Leid über den Verlust einer Liebe und die Eifersucht, die folgt, wenn die Ex eine neue Liebe findet. Man ist versucht an dieser Stelle genervt die Augen zu verdrehen und das Album unter dieser Ankündigung mit dem Vermerk «schon wieder so ein Jammerlappen» abzulegen. Wäre da nicht diese brutale Authentizität und Offenheit, mit der Henson das Album eingespielt hat, wie ein Tagebuch, in der Annahme, dass die Lieder nie irgendjemand zu hören kriegen wird, erst recht nicht die Verflossene selbst. Und so hört man zwischen Zeilen wie «does he know not to talk about your dad? / does he know when you’re sad you don’t like to be touched?» und «do you laugh, just to think what I lack?» förmlich wie ein Herz zerbricht, immer und immer wieder.

Mit «Dear» ist ein Album entstanden, das sich durch komplette Blösse und Intimität abhebt von allen anderen Künstlern des digitalen Zeitalters. Wer glaubt, unter den zehn Songs auch mal etwas Beschwingteres zu finden, muss an dieser Stelle enttäuscht werden. Die flotteste Nummer ist allenfalls noch «Sarah Minor», eine Liebeserklärung, die mit folgenden Worten beginnt: «And though your skin’s sheet white and your arms carry scars / Your hair isn’t clean much, your lungs black with tar …»

Wer Elliott Smith vermisst, Damien Rice schätzt und von Bon Iver gelangweilt ist, der wird an dieser Perle seine wahre Freude haben.

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