Vergangene Woche feierte «Sweeney Todd» seine Premiere im West End. Der düstere Kultklassiker von Stephen Sondheim verzückte Kritiker wie Publikum gleichermassen. Kein Einzelfall: Hollywood erobert das West End.
In den Hauptrollen von «Sweeney Todd» glänzen keine Geringeren als Altstar Michael Ball als irrer Barbier auf Rachefeldzug und die einem Bafta ausgezeichnete britische Schauspielerin Imelda Staunton als Sweeneys Komplizin. Dieses Bühnen-Dream Team hat eine Begeisterung ausgelöst, welche die Ticketverkäufe in Rekordhöhe treiben.
Kein Wunder: Düster, lustig, spannend, abgedreht – die berühmte Gesichte von Sweeney Todd ist in London eine Legende. Seinen ersten Auftritt auf der Leinwand hatte der berühmte Barbier bereits 1936; sein ebenfalls von Sondheim orchestriertes Debüt am Broadway brachte ihm 1979 einen Tony Award ein.
Die Geschichte dreht sich um den «Demon Barber of Fleet Street», der den Tod seiner Frau und seine Gefangenschaft als Unschuldiger gnadenlos rächt. Seine dämonische Leidenschaft und seine blinde Wut stossen bei der Kuchenbäckerin Mrs. Lovett auf offene Ohren, die ohne zu Zögern zu seiner Komplizin wird. Geblendet von seinen Rachegelüsten lockt Sweeney Todd seine Opfer in seinen berüchtigten Barbierstuhl an der Fleet Street und verpasst ihnen eine Rasur der schnittigen Sorte: Er schlitzt ihnen die Kehle auf und übergibt sie anschliessend der Bäckerin im Untergeschoss, die ihre Leichen zu Kuchen verarbeitet.
So gesehen auch 2007 in der berühmten Filmversion von Hollywood-Schrägling Tim Burton, der sein Werk mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter wunderbar besetzten konnte. Die Geschichte hat denn auch nichts von ihrer einzigartigen Anziehungskraft verloren – wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie zwar offenkundig erfunden ist, aber auch die Gerüchte nie verstummten, es gäbe einen Tatsachenhintergrund.
Tatsache ist auch, dass Sweeney Todd weder das erste noch das letzte Musical im West End ist, welches ein Pendant als Hollywoodstreifen hat. Der Trend hin zu Musicals aus Kultfilmen wird grösser, denn Cineasten sind immer mehr bereit, eine Nacht im Kino auch mal gegen eine im Musical-Theater einzutauschen. Allerdings muss man dafür mittlerweile sehr schnell sein – Tickets für diese Shows gehören derzeit zu den begehrtesten der Stadt!
Legally Blonde
Die blonde Sexbombe Elle Woods wird von ihrem High School-Freund Warner wegen einer intellektuelleren Frau verlassen. Deshalb nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand und versucht, ihn zurück zu gewinnen – und ihm zu zeigen, dass sie genauso smart wie hübsch ist. Mit ihrem Charme schafft sie es bis nach Harvard, wo sie das Studentenleben mit ihrem LA-Groove so ziemlich auf den Kopf stellt. Ein locker-leichtes Feelgood-Musical über Girl-Power, Herzschmerz und Hollywood-Kitsch.
www.legallyblondethemusical.co.uk
Shrek the Musical
Der berühmte grüne Oger aus dem Dreamworks-Hit ist wieder da. Zusammen mit seinem treuen Kumpel Donkey macht er sich auf, die schöne Prinzessin Fiona aus den Klauen eines liebeskranken Drachens zu retten. Auf ihrer Mission begegnen sie allerlei lustigen Figuren – aber auch solchen, die keinen Spass verstehen. Shrek verliebt sich in Fiona und gelangt zur Erkenntnis, dass es am Ende wirklich die inneren Werte sind, die zählen. Mit vielen coolen Hits wie «I‘m a Believer», gekonnten Tanzszenen und einem köstlichen Humor für Gross und Klein haben es die Darsteller leicht, den Film und seine Figuren zum Leben zu erwecken.
Lion King
Mit seinen atemberaubenden Sets und den perfekten Choreographien würde der vielumjubelte «Lion King» auch gut und gern als Musical-Original durchgehen. Alles schreit hier förmlich nach einer Bühnenaufführung: Riesige Giraffen und atemberaubende Effekte begeistern das Publikum. Der Dschungel zeigt sich von seiner besten Seite: Vor der wärmenden Setkulisse der Serengeti erklingt der Rhythmus von Afrika, während die schönsten Schöpfungen der Natur das Publikum in eine andere Welt entführen. Die zeitlose und rührende Geschichte des kleinen Löwen, der König wird, ist das Eintrittsgeld ohne Zweifel wert und gehört zum Besten, was es derzeit in London zu sehen gibt.
Ghost the Musical
Nach diesem Film war Töpfern nie mehr, was es einmal gewesen ist! Sam und Molly werden brutal getrennt, als Sam auf dem Weg nach Hause von einem Dieb ermordet wird. So scheint’s zumindest, denn Sam taucht wieder auf – als Geist, der in einer Zwischenwelt gefangen ist. Um mit seiner trauerenden Frau Molly Kontakt aufnehmen zu können, wendet er sich an das Medium Ode Mae Brown, denn Mollys Leben ist in Gefahr. Die Geschichte der verlorenen Liebe, die einem bis in den Tod treu bleibt, ist nicht nur für Romantiker ein Muss. Nicht zuletzt, weil Patrick Swayze, Demi Moore und Whoopi Goldberg in der Filmversion wirklich alle Register zogen und die Tränendrüsen unter Dauerdruck setzten. Die Bühnenproduktion ist kein Deut weniger schmalzig oder dramatisch. Zusammen mit seinem feinen Soul-Soundtrack und Hits wie «Unchained Melody» ist «Ghost» nach wie vor ein echter Heuler. Und wenn man in der richtigen Stimmung ist oder einen Frauenabend erleben will, spielts ja auch keine Rolle, dass die Geschichte nicht zu den Anspruchsvollsten aller Zeiten gehört.
Matilda
Roald Dahls Klassiker wird in dieser schrägen und exzentrischen Adaption zu neuem Leben erweckt. Eine warmherzige, schöne Geschichte – und ein visueller Genuss. Die aufwendigen Bühnendekos und der viel gelobte Soundtrack bilden den perfekten Rahmen für die lebhafte Vorstellungskraft der kleinen Matilda. Kein Wunder zählt das von Dennis Kelly und Musiker/Comedian Tim Minchin produzierte Musical zu jenen Shows, für dies derzeit am schwierigsten ist, an Tickets zu kommen. Ihre zehn Nominationen für den Laurence Olivier Award hat diese Produktion nicht gestohlen.









Tracy Kawalik lebt und arbeitet seit sieben Jahren in der Londoner Mode-Szene. Nachdem sie ihre Karriere als professionelle Tänzerin aus gesundheitlichen Gründen beenden musste, fasste sie als Stylistin im Londoner Showbusiness Fuss. Dabei arbeitete die gebürtige Kanadierin für und mit den angesagtesten Designern, Promis und Events in der trendigen britischen Millionenmetropole. Zudem hat sich Tracy in den vergangenen Jahren einen Namen als Freelance-Journalistin und als Bloggerin gemacht. Bis Ende 2012 spürt sie für die Leserinnen und Leser von «London Calling» neue Fashion- und Shopping-Trends sowie schräge Figuren auf.














