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Der Religionsblog geht, die Fragen bleiben

Hugo Stamm am Samstag den 30. Januar 2016

Mit diesem letzten Beitrag verabschiedet sich Hugo Stamm nach zehn Jahren Sektenblog. Wir bedanken uns herzlich bei ihm für seine kritischen und anregenden Texte und seine engagierte Arbeit. Die Redaktion.

Hugo Stamm

Das Bedürfnis nach Spiritualität ist tief im Menschen verankert: Betender Mann in Kirgistan. Foto: Maxim Shipenkov (Keystone)

Es begann vor exakt zehn Jahren. Ich wagte den Versuch, kontroverse Sektenthemen mit den Leserinnen und Lesern in einem Blog zu diskutieren. Mehr als drei Monate würde ich mir dies nicht antun, dachte ich, denn es war zu befürchten, dass mich all die Sekten, die ich im Lauf von drei Jahrzehnten publizistisch begleitet hatte, verbal attackieren würden.

Doch der Sektenblog, inzwischen Religionsblog genannt, überlebte bis heute. Das Echo auf meine 470 Beiträge war über all die Jahre gross. Sie generierten rund 275’000 Kommentare. Jeder Artikel löste durchschnittlich 580 schriftliche Reaktionen aus. Somit ist der Sektenblog das wohl erfolgreichste Diskussionsforum im Internet. Doch nun ist Schluss.

Zurück zu den Anfängen: Die Attacken von Sektenanhängern gehörten bald zum Alltag. Verletzten sie die Blogregeln, konnte ich sie löschen. So liessen sich mit der Zeit Bloggerinnen und Blogger fernhalten, die mehr auf den Spieler zielten als auf den Ball.

Im Lauf der Jahre entstand eine grosse Blog-Gemeinschaft. Es gibt tatsächlich Tagi-Leserinnen und -Leser, die seit der ersten Stunde aktiv dabei sind. Viele kamen im Lauf der Jahre dazu. Sie haben viel Herzblut und Zeit investiert, die vielen Kommentare zu lesen und eigene Texte zu schreiben. Oft wurde auf einem sehr hohen intellektuellen und geistigen Niveau diskutiert. Dafür möchte ich allen herzlich danken.

Für manche war der Blog eine virtuelle zweite Heimat geworden. Die Insider kannten sich gut: Sie gaben im Lauf der Jahre Privates preis, berichteten von ihren Lebenserfahrungen, schilderten ihre religiösen und spirituellen Erlebnisse, thematisierten ihre Ängste und Sehnsüchte. Es wurden auch private Kontakte geknüpft.

Standen am Anfang Sektenthemen im Zentrum, öffnete ich den Themenfächer bald. Es zeigte sich nämlich, dass grundsätzliche religiöse, spirituelle und weltanschauliche Themen die spannendsten Diskussionen auslösten, weil sie die Blogger persönlich betrafen. Zwar leeren sich die christlichen Kirchen, die Frage nach Ursprung, Sinn und Bestimmung des Lebens beschäftigt viele Menschen aber nach wie vor.

Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen im Blog, dass religiöse und spirituelle Fragen uns Menschen oft heillos überfordern, wie auch die aktuellen internationalen Konflikte deutlich machen. Der Grund: Der religiöse Glauben ist zwangsläufig an einen Absolutheitsanspruch gebunden, der keine Abweichungen und Kompromisse zulässt. Dieses starre System fördert die Radikalisierung von enthusiastischen Gläubigen, schliesslich geht es um das Höchste und Letzte. Die Gefahr des Fanatismus war denn auch ein zentrales Thema im Blog.

Weitere Schwerpunkte betrafen das magische Denken und den Aberglauben, die sich immer tiefer in die Volksseele graben. Trotz wachsender Bildung und wissenschaftlicher Erkenntnisse flüchten immer mehr Menschen in die Welt der übersinnlichen Wunder, wie aus den Kommentaren abzulesen war. Sie ertragen die harte Realität schlecht und sehnen sich nach einer Parallelwelt voll Harmonie, Geborgenheit und Frieden. Dass sie sich dabei von der Wirklichkeit entfremden, ist ihnen nicht bewusst. Ausdruck dieser Entwicklung ist auch der riesige Markt der Alternativmedizin. Es gab nie so heftige, teilweise militante Reaktionen wie bei kritischen Texten zu alternativen Methoden, speziell zur Homöopathie. Zehn Jahre lang hat der Blog einen Beitrag zur geistigen Auseinandersetzung mit solchen Phänomenen geleistet. Nun ist Schluss.

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160 Kommentare zu “Der Religionsblog geht, die Fragen bleiben”

  1. andersen sagt:

    Schreiben Sie einfach, Rodolfo weiter, ich möchte es Lesen!

    Die SVP hat es nicht begriffen:
    Man muss nicht immer “Mais” machen, wenn es kein “Mais gibt.”

    Warum wir sorglos sein dürfen?
    Alle, eure Sorgen werft auf Gott: den Gott kümmert sich um Euch(1.Petrus 5.7

    In der Schweiz wird es immer Begegnungen mit eindrücklichen Zeitgenossen geben.

    Danke Rodolfo ……………….

  2. Dumpfbacke sagt:

    andersen: “Alle, eure Sorgen werft auf Gott: den Gott kümmert sich um Euch(1.Petrus 5.7)”

    Nein. Ich werfe keine Sorgen von mir. Was mich besorgt, ist die Sorglosigkeit.

  3. Dumpfbacke sagt:

    Alienus macht Wörter zu Worten indem er sie verbal seziert. dadurch verleiht er Wörtern einen archaischen Sinn. Er adelt Wörter gewissermassen, indem er in ihren Eingeweiden liest. Das ist erstaunlich.

    Er darf nur nicht Wörter in Folge auf dem Arbeitstisch haben. Die Wörter dürfen keinen gemeinsamen Sinn ergeben. Es darf sich während der Operation kein übergeordneter Sinn ergeben. Keine Wortfamilie quasi.

    Alienus geht gesondert vor. Verbindungen zwischen Wörtern, Ereignissen, Vorkommnissen und seien sie noch so alltäglich und plump oder profan, vernichten seine Fähigkeit Wörter in ihrer Essenz zu entblössen.

    Ich finde das interessant. Hugo löscht das lieber.

  4. Rodolfo sagt:

    @ andersen
    Wir haben doch mal “Duzis” gemacht, oder?
    Ja mir hat es auch Spass gemacht, mit Dir um dieses Blog-Lagerfeuer der Kommunikation zu tanzen!
    Darum bin ich auch motiviert, weiter zu tanzen!
    Was meinst Du, ziehen wir nächsten Samstag zusammen weiter ins “watson”?

  5. Rodolfo sagt:

    @ Pasionaria
    Keine Antwort ist auch eine Antwort.
    Aber in diesem Fall lässt mich “weniger” im Ungewissen hängen…
    Ich habe mir nochmals überlegt, was Du mir da gesagt hast und reagiere heute morgen folgendermassen darauf:
    Ich möchte weniger Sätze lesen wie diesen: “Weniger ist MEHR!”
    Denn solche Sätze stiften nur Verwirrung.
    Im Chaos der geistigen Verwirrung haben TerroristInnen und ManipulatorInnen leichtes Spiel und infizieren die Menschen mit krank machenden Gedanken.
    Plötzlich beginnen sie als zornige “Wutbürger” herum zu toben, mit Schaum vor dem Mund und weit aufgerissenen Augen.
    Das ist eine neue Form der Tollwut.
    Oder sie nicken anerkennend beim Lesen von Hass-Schriften:
    “Ja genau so ist es! Endlich sagt das mal jemand!”
    Wegen solchen Unsinn-Sätzen wie “Weniger ist mehr”, oder (fast identisch) “Der Weg ist das Ziel” sehe ich mich jetzt frühmorgens gezwungen, einen Mehraufwand zu leisten:
    Die Merksätze müssten richtig lauten:
    “Weniger ist weniger.”
    Und: “Mehr ist mehr”.
    Aber: “Weniger vom Einen” kann zusammen gehen mit “Mehr vom Anderen”.
    Also an Einzel-Beispielen von zurechtweisenden Beiträgen von Rabbi Jussuf und Dir angewendet würde das bedeuten:
    Eine nichts sagende Benotung, oder Belehrung wird begleitet von sehr viel Überheblichkeit und Arroganz.
    Uff, das war wieder mal harte Knochenarbeit!
    Aber es ist geschafft!
    Die Ordnung ist wieder hergestellt.

  6. Ueli sagt:

    @Rodolfo
    Auf ein Land / eine Nation “stolz zu sein” ist so weit hergeholt wie auf die Rosenbeete, das Auto, den Hund, den Swimmingpool, die Freunde, das Einkommen, die Laster, die Tugenden der Nachbarn “stolz zu sein”.
    Patriotismus ist der “Stolz” darauf, dass man in einem Land wohnt, in dem die Müllabfuhr und das Telefon, für die man bezahlt hat, funktioniert.
    Falls am 28. Februar auch noch die EMRK von der schweizer Bevölkerung aufgekündet wird – könnten wir doch bald eine Union mit Nordkorea eingehen. Die haben ja jetzt anscheinend auch Wasserstoffbomben und könnten uns vor den “krimminellen Ausländern” schützen, in dem sie das Mittelmeer z.B. nuklear verseuchen und somit ein erweiterter Schutzwall um die Schweiz errichten würden.

  7. Ueli sagt:

    @Rodolfo
    Ziel der “Durchsetzungsinitiative” ist einen Konflikt zwischen schweizer Recht und Völkerrecht entstehen zu lassen, um der “Selbstbestimmungsinitiate” Auftrieb zu verleihen (Priorität Landesrecht gegenüber Völkerrecht).
    Ergebnis wäre mittelfristig: Kündigung EMRK, Austritt aus Europarat, Verletzung der Bilateralen Verträge (Personenfreizügigkeitsabkommen, welches vorsieht, dass nur schwere Delikte zur Ausschaffung führen), Verletzung des Gewaltenteilungsprinzip (Automatismus, Judikative besitzt keinen Ermessensspielraum mehr, keine Prüfung der Verhältnismässigkeit), Ersetzung von Judikative durch “Volksjustiz”.

  8. Ueli sagt:

    @Rodolfo
    Sorry…zu schnell geschrieben: “Selbstbestimmungsinitiative” sollte es freilich heissen.

  9. andersen sagt:

    @Rodolfo

    Wir alle trauern um der weltbeste Koch, er hat sich das Leben selber genommen.
    Aus welche Gründe werde wir nie erfahren.
    Ich arbeite Heute mit ein Lehrling in erste Lehrjahr und es ist wichtig, dass er die Lehre zu Ende bringt, auch wenn ich ein bisschen mehr arbeiten müssen.

    Schönen Tag.

  10. Rolof Mulerowitsch sagt:

    Wiederholung meines Beitrags von 10h43:
    @ Ueli
    Ja es ist wirklich brandgefährlich, was diese “biederen Brandstifter” anrichten…
    Aber ich sehe darin -wie bei allen auf den ersten Blick schlimmen Entwicklungen- auch brauchbare Folgewirkungen!
    Einige sind aus ihrem Konsumisten-Dämmerschlaf aufgeschreckt und schauen ungläubig geschockt herum:
    “Was ist denn hier los? Da ziehen ja plötzlich gröhlende und kahl rasierte Horden von gewaltbereiten Hooligans durch die Strassen, pöbeln ausländisch aussehende Leute an und machen Radau!”
    Wenn diese “Prachtsburschn und Prachtsmaderl” mal den mühsame Unterschriften sammeln zur Erringung der politischen Mehrheit hinter sich gebracht haben, dann kann es plötzlich Schlag auf Schlag gehen, wie gegenwärtig in Polen wie in einem riesigen Laborversuch zu beobachten ist.
    Und jeder Schlag ist ein Fausthieb ins Gesicht von denjenigen, die unerwünscht geworden sind, weil sie in die Minderheit gedrängt worden sind.
    “The winner takes it all!” lautet das “neoliberale” Grundprinzip, das von ABBA besungen wurde, wie auch mit dem Lied “Money money money!”
    In dieser Art von Demokratie-Verständnis darf sich die Mehrheit das Recht heraus nehmen, die Minderheiten als Menschen 2.Klasse zu behandeln, wie in einem Apartheid-Staat.
    Und die Minderheiten werden geschickt gegeneinander ausgespielt, indem beispielsweise gesagt wird:
    “Euch geschieht nichts! Ihr seid ja Schweizer, wenn auch keine “richtigen Schweizer”.
    Aber es ist klar, was mit “falschen Schweizern” geschieht, wenn erst mal die nicht stimmberechtigten AusländerInnen eingeschüchtert und gefügig gemacht worden sind:
    “Dann knöpfen wir uns die “inneren Feinde” vor, und die “VerräterInnen” in den eigenen Reihen, die weiche “Berner Linie” zum Beispiel mit ihrem Gutmenschen-Getuhe, oder die von der “Weisswein-Fraktion”!”
    Wenn wir nicht wollen, dass es ein schlimmes Erwachen wird, dann müssen wir in den nächsten Tagen laut die Kirchenglocken, Pfannendeckel und was wir zum Lärm machen in die Hände kriegen schlagen, und zwar vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein, damit wir möglichst viele Passivmitglieder unseres Demokratischen Vereins aufwecken können aus ihrem Dornröschenschlaf!
    Spezielle Umstände erfordern spezielle Massnahmen.

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