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Surfen mit dem heiligen Geist

Hugo Stamm am Montag den 9. Januar 2012

Dieser Bericht über Freikirchen in Brasilien stammt von Sandro Benini,  Südamerika-Korrespondent des «Tages-Anzeigers».

Auf dem Surfbrett zu Jesus: Messe der evangelikalen Kirche Bola de Neve

Eine Sekte für die Generation Facebook: Messe der evangelikalen Kirche Bola de Neve in Brasilien. (Bild: Reuters)

Bevor das Spektakel zu Ehren des Herrn beginnt, müssen sich all jene von ihren Sitzen erheben, die zum ersten Mal dabei sind. 50 Personen in einem zum Gebetstempel umfunktionierten Kinosaal im Mittelstandsquartier Perdizes in São Paulo stehen auf. Die anderen Gläubigen umarmen sie. «Sei willkommen, der Herr hat dich hergeführt. Lass es dir gut gehen bei uns.» Bei uns – damit meinen sie die evangelikale Freikirche Bola de Neve (Schneeball), gegründet vor zehn Jahren, angeführt vom einstigen Marketing-Spezialisten und Hobbysurfer Rinaldo de Seixas Pereira. Im sich unentwegt ausdehnenden Universum des brasilianischen Evangelikalismus ist Bola de Neve ein religiöser Fixstern für Junge, Sportliche, Modebewusste – eine Sekte für die Generation Facebook. Deshalb steht auf der Bühne nicht ein Altar oder ein Kreuz, sondern ein umgedrehtes Surfbrett.

Katholische Kirche unter Druck

Die Messe startet mit dem Konzert einer Band, die kitschig-melodiöse Popmusik spielt und dazu religiöse Texte singt: «Auch wenn mich die grossen Wellen verschlingen wollen, auch wenn die Winde blasen und mich das Gewitter erreicht, ich werde keine Angst haben. Mein Leben sei dir geweiht, mein Herr und Retter.» Auf einen grossen Bildschirm werden Videoclips projiziert: Jemand steht auf einer Klippe und breitet die Arme aus, unter ihm das tosende Meer, über ihm sich jagende Wolken. Im Publikum lassen viele mit geschlossenen Augen die Arme kreisen, ihr Gesicht ein Spiegel der Glückseligkeit. Die Tanzenden und Singenden sind fast alle zwischen 20 und 30, ein Mann trägt Igelfrisur und ledernes Pulsband, eine junge Frau Strümpfe, Flamenco-Pumps und einen halblangen Jeansrock. Die beiden rhythmisch klatschenden Pastoren auf der Bühne tragen weisse Turnschuhe. Man wähnte sich in einer Disco, würde nicht nach jedem Stück jemand aus voller Kehle «Halleluja!» schreien.

Im grössten katholischen Land der Erde erlebt die katholische Kirche einen Aderlass an Gläubigen. Einer Studie des privaten Zentrums für religiöse Statistik und soziale Forschung zufolge haben sich während der letzten 10 Jahre mehr als 15 Millionen Menschen vom Katholizismus abgewandt. Davon sind 70 Prozent einer evangelikalen Freikirche beigetreten. Gehörten im Jahre 1999 knapp 10 Prozent der brasilianischen Gesamtbevölkerung dieser Glaubensrichtung an, sind es heute rund 25 Prozent. Unter den 15- bis 29-Jährigen bekundet jeder Fünfte Sympathien für evangelikale Dogmen, in deren Zentrum der segensreiche, rettende Einfluss des Heiligen Geistes steht. Die ritualisierte, oft etwas müde wirkende Feierlichkeit der katholischen Liturgie mit ihrer altertümelnden Sprache haben die Evangelikalen durch jugendliche Spontaneität ersetzt, durch Popmusik, gemeinsames Singen und Tanzen, durch Slang-Ausdrücke. Der international bekannteste Katholik Brasiliens, der Befreiungstheologe Leonardo Boff, sagte kürzlich gegenüber einer Zeitung, die katholische Kirche sei selber schuld an ihrem Niedergang. «Immer mehr Leute suchen einen einfachen, unmittelbaren, emotionalen Zugang zu Gott, und den finden sie bei den Evangelikalen.»

Die ersten evangelikalen Gruppierungen entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss von Predigern aus den USA, die jüngeren Freikirchen haben Brasilianer gegründet, nachdem sie ihr Talent zum religiösen Anführer entdeckt hatten – und die Leichtigkeit, mit der sich damit Unsummen verdienen lassen. Die 23-jährige Daniela Araújo beteuert, sie habe sich bei Bola de Neve schon am ersten Tag wohlgefühlt wie in einer Familie, trotz ihres unehelich geborenen Kindes. «Niemand hat mir Vorwürfe gemacht, weil ich Sex hatte, ohne verheiratet zu sein. Heute habe ich meinen Fehler eingesehen. Jesus hat mir verziehen.» Auch dies ist bezeichnend für viele evangelikale Sekten: Sie unterwerfen ihre Mitglieder nicht starren Regeln, sondern bringen sie dazu, sich selber den Gepflogenheiten der Gruppe anzupassen und deren Verbote – allen voran ausserehelicher Sex und Drogenkonsum – zu verinnerlichen.

Für den französischen Lateinamerika-Spezialisten Jean-Pierre Bastian ist die Evangelikalisierung Brasiliens und anderer lateinamerikanischer Länder der wichtigste religiöse Vorgang seit der Missionierung der Eingeborenen durch die europäischen Eroberer im 16. Jahrhundert. Welche politische Macht die Evangelikalen mittlerweile ausüben, zeigte sich bei den letzten Wahlen im Oktober 2010. Dass die heutige Staatschefin Dilma Rousseff in einen Stichentscheid musste, lag vor allem an einer Kampagne der Evangelikalen: Sie behaupteten, Rousseff wolle die Abtreibung legalisieren, und empfahlen dem Stimmvolk die grüne Kandidatin Marina Silva, die als Mitglied der Gruppierung Assembléia de Deus (Versammlung Gottes) eine radikale Gegnerin des Schwangerschaftsabbruchs ist.

Im Parlament haben sich 63 evangelikale Abgeordnete und drei Senatoren zu einer überparteilichen Fraktion zusammengeschlossen. Der vor kurzem verstorbene Ex-Vizepräsident José Alencar gehörte zur Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche des Reichs Gottes), mit 5,2 Millionen Anhängern die zweitgrösste evangelikale Freikirche des Landes.

Evangelikale Parlamentarier kämpfen für traditionelle Familienwerte, gegen Abtreibung und Homosexuellenehen. Vor allem aber drängen sie in die Kommissionen, die Frequenzen für Radio- und Fernsehkanäle vergeben. Die Universalkirche etwa besitzt ein ganzes Medienimperium, mit dem landesweit zweitgrössten Fernsehnetzwerk Record als Prunkstück. Ihr Begründer, der zum Multimillionär und Grossunternehmer aufgestiegene Edir Macedo, verlangt von seinen Gläubigen den zehnten Teil ihres Einkommens als Spende. Schon mehrmals ermittelte der Staatsanwalt gegen den Sektengründer, weil er Geld gewaschen und mit der organisierten Kriminalität paktiert haben soll. Doch der Bischof Macedo genannte Prediger hat mächtige Freunde: Zur Einweihungsfeier eines seiner Fernsehkanäle erschienen vor 4 Jahren der damalige Präsident Lula sowie der Gouverneur von São Paulo und spätere Präsidentschaftskandidat José Serra. Gegenwärtig lässt Macedo in São Paulo den Tempel Salomons bauen – ein Gotteshaus so hoch wie ein Wolkenkratzer und so geräumig wie ein Flugzeughangar, mit Platz für 10'000 Gläubige. In den 640 Säulen sollen die Namen all jener eingraviert werden, die das 200-Millionen-Projekt durch eine Spende unterstützt haben.

Die Stärke der evangelikalen Sekten beruht nicht zuletzt darauf, dass sie für viele Bevölkerungsschichten attraktiv sind: für die Armen, weil sie in der trostlosen, von kriminellen Banden heimgesuchten Peripherie der Grossstädte als Hort solidarischer Rechtschaffenheit erscheinen. Bei der aufstrebenden Mittelklasse, weil sie deren Angehörigen im Rahmen einer eigens entwickelten Theologie der Prosperität versprechen, durch Gottes Hilfe sehr reich zu werden. Und für Jugendliche, weil sie die Anhimmelung des Heiligen Geistes mit der Verehrung eines Surfbretts kombinieren.

Schnell, laut und öffentlich

Betende Kirchgängerin in einer Bola-de-Neve-Kirche.

Betende Kirchgängerin in einer Bola-de-Neve-Kirche.

Im zum Tempel umgebauten Kinosaal in São Paulo heiraten heute mehrere Pärchen, die schon seit Jahren zu Bola de Neve gehören. Vor der Trauung halten die Verliebten Lobesreden aufeinander, zu süsslichen Synthesizer-Klängen und leisem Getingel gegen ein Schlagzeugbecken. Dann erteilen ihnen die Pastoren den ehelichen Segen, die Zeremonie dauert pro Paar nicht mehr als 10 Minuten. Später werden einer angeblich Besessenen die bösen Geister ausgetrieben. Die junge Frau betritt die Bühne und beginnt zu schreien, ein Prediger brüllt, der Teufel solle ihren Körper verlassen, während er in zunehmender Hektik Kreuze in die Luft malt. Die Verbindung von Hightech-Religiosität und archaischen Ritualen ist ein weiterer Grund für die Anziehungskraft evangelikaler Sekten.

Das Kokettieren mit dem Bösen, das einzig der Heilige Geist überwinden könne, hat einen eigenen Typus des evangelikalen Pastors hervorgebracht: der zum Guten konvertierte ehemalige Verbrecher. Schätzungen zufolge gibt es davon allein in São Paulo mehrere Tausend, einer von ihnen nennt sich Pastor Bang Bang. Erschreckend ist die kriminelle Karriere von Aldidudima Salles: 26 Morde und 15 Banküberfälle hat er begangen, doch man entliess ihn nach 10 Jahren Gefängnis wegen guter Führung. Heute nennt er sich Pastor Salles. Er verdient viel Geld, indem er CDs und DVDs vertreibt, auf denen er schildert, wie böse er früher war und wie gut er heute ist.

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708 Kommentare zu „Surfen mit dem heiligen Geist“

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