Archiv für Juli 2009

Unser tägliches Brot gib uns heute

Hugo Stamm am Mittwoch den 22. Juli 2009

Aus aktuellem Anlass übernehme ich den Leserbrief von Heinrich Frei aus Zürich, der heute im Tages-Anzeiger veröffentlicht worden ist. Zur Mondladung hielt er folgende Gedanken fest:

Gedacht wird der Mondlandung vor vierzig Jahren. Auf der Erde unten lebt eine Milliarde Menschen im bitteren Elend. In den vergangenen drei Wochen sind in Afghanistan fünfzig ausländische Soldaten gefallen. Auch zwei britische Soldaten kamen um, 18-jährige Jugendliche, die die britische Regierung nach Afghanistan in den Tod schickte. Warum gehen eigentlich die führenden Politiker nicht selber in «ihre» Kriege? Wie viele Afghanen umkommen, lesen wir nicht, weiss man vermutlich auch nicht, interessiert auch nicht gross. Das war schon in Vietnam so. Damals war immer die Rede von den jungen Amerikanern, die umkommen. In Vietnam starben aber auch mehr als drei Millionen Vietnamesen. Durch Bomben wurden Hunderttausende mit Dioxin vergiftet. Vier Millionen Menschen erlitten im Vietnamkrieg schwere Verletzungen. Etwa 50 000 Amerikaner fielen. Die Schweiz verkaufte damals den Amerikanern Kriegsmaterial, war damit auch an diesem Krieg beteiligt, am Sonntag das Vaterunser betend: «(. . .) und vergib uns unsere Schuld».

Nicht vergessen darf man, dass es auch Kreise gibt, die interessiert sind, dass ständig irgendwo Kriege stattfinden. Das sind die Rüstungsindustrie und die Banken, die Waffendeals finanzieren. Krieg ist ein Geschäft, schafft Arbeitsplätze. (Investitionen in zivilen Sektoren würden zwar ein Mehrfaches an Arbeitsplätzen schaffen!) Dank dem sogenannten Krieg gegen den Terror wird wieder kräftig aufgerüstet. Die Schweiz exportierte im letzten Jahr - pro Kopf der Bevölkerung gerechnet, nach Israel - am meisten Kriegsmaterial auf dieser Erde. «Dein Reich komme, im Himmel und auf Erden», beten wir.

Jetzt empfehlen die Astronauten, die dem Mond im letzten Jahrhundert einen Besuch abgestattet hatten, eine Expedition zum Mars vorzubereiten. Dabei fehlt es heute einer Milliarde Menschen am täglichen Brot. Sie hungern. Sie leben in extremer Armut. Und wir exportieren Kanonen, Granaten, Minen, Munition, Panzerwagen, Militärflugzeuge. Und beten: «Unser tägliches Brot gib uns heute.»

75’000 Kommentare im Blog

Hugo Stamm am Montag den 20. Juli 2009

Liebe Bloggerinnen und Blogger,

wir können ein weiteres Jubiläum feiern. In den dreieinhalb Jahres unseres Forum haben wir 75'000 Kommentare geschrieben. Das ist eine stolze Zahl. Für Euer Engagement und die spannenden Diskussionen möchte ich mich bei allen herzlich bedanken. Vor allem auch bei denen, die nicht nur Freude an den Themen und meinen Argumenten hatten. Zurzeit werden so viele Kommentare eingegereicht wie nie zuvor. Der Blog ist also vitaler denn je. Deshalb wünsche ich Euch weiterhin eine interessante Zeit in unserem Forum.

Ich habe einen Artikel zum Blog geschrieben, der heute im Tages-Anzeiger erschienen ist.

Herzliche Grüsse

Hugo Stamm

Sekten-Blog: Hitzige Debatten über Glaubensfragen

Was vor dreieinhalb Jahren als Versuch begann, etabliert sich als reges Diskussionsforum: Täglich klicken bis zu 3000 Leserinnen und Leser den «Tages-Anzeiger»-Blog über Glauben und Sekten an, täglich schreiben sie 150 bis 250 Kommentare. Inzwischen hat der Blog von Hugo Stamm 75 000 Texte generiert. Zahlen, die selbst die bekanntesten Schweizer Blogs von Bundesrat Moritz Leuenberger, Moderator Kurt Aeschbacher und SF-Chefredaktor Ueli Haldimann nicht erreichen.

Eigentlich ist das Forum kein klassischer Blog. Webtagebücher zeichnen sich in der Regel durch kurze Bemerkungen der Teilnehmer zu Themen aus, die der Blogbetreuer vorgibt. Im TA-Blog über Sekten und Glauben wird hingegen intensiv diskutiert und argumentiert. Viele Kommentare sind eigentliche Abhandlungen zu religiösen oder philosophischen Themen.

Die meisten Texte enthalten jedoch persönliche Ansichten zu Glaubensfragen. Das polarisierende Thema provoziert oft hitzige Diskussionen. Das Dilemma drückte ein Blogger letzte Woche mit den Worten aus: «Ich entschuldige mich bei allen Bloggern, die noch immer auf eine Antwort warten. Ich habe zwischendurch auch noch anderes zu tun: Windeln wickeln, kochen, einkaufen, arbeiten, spielen mit dem Sohn etc. Ich hoffe auf euer Verständnis.»

Wenn tagsüber die Zeit fehlt, sich an der Diskussion zu beteiligen und die Fragen zu beantworten, setzen sich viele Leser nachts an den Computer. Kürzlich trudelten zwischen Mitternacht und morgens um acht Uhr 28 Kommentare ein.

Die rege Diskussion im Blog zeigt, dass Glauben, Religion und Sekten bei vielen Leserinnen und Lesern einen hohen persönlichen Stellenwert geniessen. Hier können Themen debattiert werden, die in den Medien oft zu kurz kommen.

Im Lauf der Monate kristallisierte sich eine überraschende Tendenz heraus: Das grösste Echo lösen nicht mehr Grundlagentexte über Sekten wie Scientology oder Zeugen Jehovas aus, sondern Gedankenanstösse zu Christentum und Islam. Die Reflexion des eigenen religiösen Standpunkts, Streitgespräche mit Andersdenkenden und das Nachdenken über die Ursprünge und Hintergründe der Weltreligionen wecken das grösste Interesse bei den Lesern.

Christliche Lehre auf dem Prüfstand
Besonders kontroverse Diskussionen und Debatten lösen kritische Anmerkungen zum Christentum aus. Ist die Bibel das authentische Wort Gottes oder eine eher zufällige Ansammlung alter religiöser Schriften? Ist Gott der gütige Vater oder der zornige Despot, wie er teilweise im Alten Testament beschrieben wird? Oder ist der Schöpfer lediglich eine Projektion unsicherer Menschen, die den Tod nicht akzeptieren können? Greift Gott in die Welt ein? Wie hält er das endlose Leiden auf der Erde aus? Bevorzugt er Gläubige?

Dabei entsteht oft ein Glaubensstreit zwischen Christen und Agnostikern oder Atheisten. Den christlichen Standpunkt vertreten vor allem Gläubige aus Freikirchen, denen das Forum ein Dorn im Auge ist. Sie bezeichnen den Blog in letzter Zeit konsequent als Atheisten-Sekte.

Der Blog hat viele treue Leserinnern und Leser. Etliche sind seit den Anfängen dabei. Sie kennen ihre Mitstreiter und Kontrahenten gut, denn viele gewähren in ihren Kommentaren einen Einblick in ihr Seelenleben und ihre Lebensumstände. Der Blog ist deshalb kein anonymes Forum in einer virtuellen Welt, vielmehr lebt er von den starken Emotionen, welche die Blogger in ihre Texte legen.

Für viele ist der Blog eine geistige Heimat geworden, in der sie viel Zeit verbringen. Ein Blogger mit dem Nickname Goliath schilderte es einem Leser mit folgenden Worten: «Grosses Kino, swisswulf! Dies ist, was mich im Blog hält. Weil ich etwas dazulernen kann. Im Grossen und Ganzen ist das Niveau nämlich durchaus horizonterweiternd, zumindest für mich. Und ich lerne gerne andere, neue Sichtweisen kennen. Es schärft meinen Verstand, es verhilft zu mehr Toleranz, es gibt mir mehr Gelassenheit, es erlaubt mir auch, Fehler einzugestehen, und am Ende kann ich mir sogar noch eine bessere Meinung bilden als vorher. Umso schöner, wenn man, so wie Sie, das auch öffentlich festhalten kann. Danke.»

Wie wäre eine Welt ohne Glauben?

Hugo Stamm am Freitag den 10. Juli 2009

Religionen und Glaubensgemeinschaften treten mit dem Anspruch auf, Ethik und Moral in die Welt zu bringen. Damit verbunden sei ein Leben in Harmonie und Glück, in Frieden und Freiheit. Ausserdem versprechen sie den Rechtgläubigen die Erlösung und letztlich das ewige Leben.

Die Geschichte lehrt uns aber, dass Anspruch und Realität manchmal weit auseinander klaffen. Glaubensgemeinschaften und Weltreligionen haben viel Leid und Elend in die Welt gebracht. Glaube macht nicht automatisch friedlich, vielmehr radikalisiert er viele Gläubige in spirituellen und weltanschaulichen Belangen.

Das menschliche Bewusstsein verträgt in der Regel den Glauben an das Absolute schlecht. Ein Exklusivanspruch entfremdet oft von der Gemeinschaft. Jede Form von radikalem Glauben birgt den Kern des Fanatismus. Deshalb kippen die religiösen Ansprüche mancher Glaubensgemeinschaft häufig ins Gegenteil. Statt Freiheit resultiert Abhängigkeit, statt Toleranz Indoktrination. Gleichheit und Brüderlichkeit werden zu leeren Worthülsen. Ein Bruder ist oft nur, wer den gleichen Gott anbetet. Deshalb ist die Geschichte vieler Religionen und Glaubensgemeinschaft gezeichnet von Macht, Gier, Missgunst, Missbrauch.

Glaubensgemeinschaften müssen sich deshalb nicht wundern, dass freie Geister ihnen mit Skepsis und Misstrauen begegnen. Relevante religiöse Bewegungen haben bis heute den Tatbeweis nicht erbracht, dass sie gewillt sind, ihre Ansprüche von Friede und Freiheit, Ethos und Moral konsequent zu leben.

Ein paar Beispiele:

Die katholische Kirche bringt mit ihrem Kondom-Verbot weiterhin viel Leid in die Welt. Mit ihrem Absolutheitsanspruch schliesst sie andere christliche Glaubensgemeinschaften vom Heil aus. Die pädophilen Übergriffe von Geistlichen sind hier bestens dokumentiert.

Freikirchen stigmatisieren Homosexuelle. Sie massen sich an, ihre Neigung als unnatürlich zu werten. Für radikale Freikirchler sind Homosexuelle gar vom Satan dominiert. Mit ihrer fragwürdigen fundamentalistischen Bibelauslegung prägen sie einen Glauben, der mit Angst verbunden ist. Angst, das Heil zu verpassen, Angst, am jüngsten Tag fallen gelassen zu werden.

In verschiedenen islamischen Ländern und Gesellschaftsschichten herrschen Gebote, die Frauen unterdrücken und gegen das Leben gerichtet sind. Ausserdem sorgen Islamisten für politische Spannungen und bei Anschlägen für Tod und Leid.

Es besteht kein Zweifel, dass Religionen und Glaubensgemeinschaften auch positive Wirkungen entfalten. Sie geben vielen Gläubigen Halt, Lebensinhalt und eine Perspektive. Ausserdem engagieren sich viele in sozialen Projekten und helfen Benachteiligten. So stellt sich die Frage, ob heute die positiven Aspekte die negativen aufwiegen.

Physiknobelpreisträger Steven Weinberg formulierte seine persönliche Haltung in TA-Interview so:

Sie sind nicht nur berühmt als Physiker, sondern auch bekannt als scharfer Kritiker der Religion.

Ich habe vieles kritisiert, die Religion, die bemannte Raumfahrt, die Raketenabwehr.

Was ist falsch an der Religion?

Es gibt zwei Antworten: Als Wissenschaftler bin ich es gewohnt, die wissenschaftliche Wahrheit durch Beobachtung und mit dem Verstand zu beurteilen und mir viel Zeit zu nehmen, bevor ich zu einem definitiven Schluss komme. Ich bin es auch gewohnt, herauszufinden, dass ich bei einigen Dingen falsch lag. Diese Erfahrung passt nicht sehr gut zum Antrieb religiöser Leute, die gläubig sind, nur weil ihre Eltern dies bereits waren oder weil der Glaube sie glücklich macht oder weil sie annehmen, dass sie sonst sündigen würden. Als Wissenschaftler habe ich eine Abneigung gegen die Art und Weise, wie religiöse Leute zu einem Urteil gelangen.

Und die zweite Antwort?

Die Religion richtet so viel Schaden an. Es gibt auch Gutes, und es ist schwierig, Gutes und Schlechtes gegeneinander abzuwägen. Aber ich bin überzeugt: Wenn man die Geschichte betrachtet und sogar die Gegenwart, dann schadet die Religion mehr, als dass sie hilft.

Aber liefert die Religion nicht ethische oder moralische Grundsätze?

Es gibt Menschen, die auch ohne Religion ein völlig moralisches Leben führen - ich zum Beispiel. Und es gibt Menschen, die religiös sind und glauben, dass die Religion sie lehrt, andere zu töten aufgrund des unterschiedlichen religiösen Glaubens. So wie ich die Scharia verstehe, ist die korrekte Strafe für einen Muslim, der kein Muslim mehr sein möchte, der Tod. Das ist furchtbar. Deshalb glaube ich, dass die Welt ohne Religion besser wäre.

Warum führen Sie ein moralisches Leben?

Die Moral könnte eine Folge unserer Evolution sein. Wir mussten lernen, miteinander auszukommen, um in Stämmen zu leben und beispielsweise die Jagd zu koordinieren. Das könnte ein Teil der Antwort sein. Ich stelle mir das Leben aber auch als eine Art Schauspiel vor, in dem man entweder edel oder unedel agieren kann. Und ich schöpfe lieber die Möglichkeiten des menschlichen Lebens aus, als dass ich die unedle Rolle spiele.

Sie glauben also nicht, dass es nach dem Tod noch etwas anderes gibt?

Nein. Ich wünschte, es gäbe etwas. Es wäre sehr nett, wenn ich mich beispielsweise darauf freuen könnte, meine Frau und meine Tochter, wenn sie sterben, nach dem Tod wieder zu sehen. Aber ich glaube das nicht. Das ist sehr traurig. Ab einem bestimmten Alter realisiert man, dass man sterben wird. Meine Haltung scheint mir die logische Fortsetzung davon zu sein. Wir alle sollten erwachsen werden und realisieren, dass jeder von uns sterben wird - für immer.

Banker beten gegen die Krise an

Hugo Stamm am Donnerstag den 2. Juli 2009

In vielen Banken und Betrieben sind Gebetsgruppen aktiv, wie mein Kollege Michael Meier im TA vom 1. Juli berichtet hat. Sie setzen sich vorwiegend aus Mitgliedern von evangelikalen und charismatischen Freikirchen zusammen. Die Gläubigen der Finanzinstitute versuchen in jüngster Zeit, gegen die Finanzkrise anzubeten.

Welches Weltbild versteckt sich hinter solchen Aktionen? Was ist davon zu halten, wenn führende Manager Gott um Hilfe bitten?

Die Gebetsgruppen verdeutlichen, dass Freikirchler ihren Glauben in die Arbeitswelt tragen. Tatsächlich ist es ein zentrales Merkmal frommer Menschen, dass sie nicht zwischen einem säkularen Alltag und dem Glaubenslebens unterscheiden. Glaube ist für sie immer und überall. Er ist das dominante Lebensprinzip. Auch im harten Alltag eines Bankers.

Weiter zeigen die Gebetsgruppen, dass Freikirchler daran glauben, dass Gott immer und überall eingreift – auch in der Bankenwelt, die Jesus von seiner Mentalität her eher ein Gräuel gewesen wäre. Sie gehen von einem Gott aus, der in die Welt wirkt.

Offenbar hat das Beten der vielen Gebetsgruppen nicht gefruchtet. Die Finanzkrise traf uns mit voller Wucht. Trotzdem beten die frommen Banker munter weiter. Die Frage, ob sich Gott um das Geschäftsgebaren der Finanzwelt überhaupt kümmert, stellen sie sich trotz ihrer Misserfolge nicht. Ihr Glaube und ihr Gottesbild würde radikal ins Wanken geraten, wenn sie ihre Misserfolge zugeben müssten.

Die Finanzkrise hat vielen Staaten, Betriebe, Familien und Einzelpersonen in Nöte gestürzt. Mitschuldig sind viele Kadermitglieder von Banken, die hemmungslos dem Turbo-Kapitalismus gefrönt und sich nicht um die Risiken der Anleger gekümmert haben. Zu ihnen zählen manche Mitglieder dieser Gebetsgruppen. Somit benutzen sie ihren Glauben als Feigenblatt: Statt vor der Krise auf die christlichen Werte aufmerksam zu machen und vor den drohenden Gefahren zu warnen, drehten sie am Karussell munter mit. Und profitierten von den tollen Boni. Ihr Gewissen beruhigten sie nun mit Gebeten.

Da Gott offensichtlich nicht die Notbremse gezogen hat, wäre es eigentlich an den christlichen Bankern, für ethisches Verhalten bei den Banken zu plädieren. Statt im stillen Raum zu beten, könnten sie eine Demo organisieren und analog den zehn Geboten moralische Merksätze für Finanzinstitute propagieren.

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