Archiv für Oktober 2008

Lichtesser entlarvt

Hugo Stamm am Sonntag den 26. Oktober 2008

Der Anthroposoph Michael Werner verkauft sich als biologisches Wunder. Bei Fernsehtalks wie «Aeschbacher» und Interviews erklärt er unermüdlich, sich seit sieben Jahren nur von Licht zu ernähren. Auch Flüssigkeit brauche er nicht zwingend. Trotzdem verliere er kein Gewicht und fühle er sich sehr vital. Er lebe von einer spirituellen oder ätherischen Energie, dem Prana. Hinweise für das Phänomen fand er auch bei Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie.

Werner wollte beweisen, dass er ausschliesslich von Licht lebt. 2004 machte er in einem überwachten Spitalzimmer einen Selbstversuch, den die Kantonale Ethikkommission Bern bewilligt hatte. Der Chemiker ass zehn Tage lang keinen Bissen, trank aber ungesüssten Tee. Seine Körperfunktionen wurden permanent überwacht. Über seine Erfahrungen schrieb er 2005 das Buch «Leben durch Lichtnahrung». Darin erklärt Werner , man müsse darauf vertrauen, dass Licht als Entsprechung kosmischer Liebe alle materialistischen Verkrustungen aufbrechen könne.

Vernichtende Resultate

Eine Expertengruppe entlarvte diese Vorstellung soeben als Humbug. Von Lichtnahrung könne keine Rede sein, schreibt sie in ihrem Bericht. Die Resultate ergaben, dass Werner von den eigenen Körperreserven gezehrt hat. Der Stoffwechselzustand, der sich aus den täglichen Blutwerten ableiten lässt, zeigte, dass ein Hungerzustand eingetreten war. Die Körperfunktionen wurden ausschliesslich von den körpereigenen Fettreserven aufrechterhalten. Werner hat 2,6 Kilogramm abgenommen. Die Studie führt die relativ geringe Gewichtsabnahme darauf zurück, dass Werner schon vorher gefastet und den Stoffwechsel auf Sparprogramm umgeschaltet hatte. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit nahm während des Selbstversuchs ab.

Werner erklärt, dass ihn die Resultate der Studie enttäuscht haben: «Ich habe nicht damit gerechnet.» Sie sei falsch angelegt worden, schliesslich ernähre er sich immer noch von Licht. Gleichzeitig bestätigt er, dass er gelegentlich ein wenig Schokolade esse. «Wenn man nun mit dem Finger auf mich zeigt und sagt: Der lügt, der spinnt, der betrügt, dann ist das okay, dann kann ich damit leben.»

Tatsächlich geben die meisten Lichtesser zu, dass sie kalorienhaltige Flüssigkeiten wie Bouillon oder Fruchtsäfte trinken. Wer seinen Körper auf Diät setzt, kann mit wenigen Kalorien überleben, wie Studien zeigen.

Beteiligt am Experiment war auch Peter Heusser, zuständig für Komplementärmedizin an der Uni Bern. Heusser hält das Phänomen des Lichtessens grundsätzlich für möglich, ist aber über das Resultat der Studie nicht enttäuscht. Streng wissenschaftlich könne man ja nur sagen, dass das Experiment unter den gegebenen Bedingungen nicht funktioniert habe. Heusser stellt die Glaubwürdigkeit von Werner infrage. Den Lichtnahrungsprozess hält er trotzdem für unverantwortlich.

Die Untersuchungen haben zweifelsfrei ergeben, dass der menschliche Organismus keine Kalorien aus Luft und Licht beziehen kann. Fazit der Studie: Wer den Lichtnahrungsprozess über längere Zeit durchführt, verhungert.

Die Idee von der Lichtnahrung setzte das Medium Ellen Greve mit dem Geistnamen Jasmuheen in die esoterische Welt. Heute distanziert sich die Australierin von ihrem Lichtnahrungsprozess, den Tausende Esoteriker absolviert haben. Der Grund: Mehrere Lichtesser haben die Kur (7 Tage ohne Flüssigkeit) nicht überlebt. Jasmuheen behauptet, sie selbst nehme seit 1993 keine Nahrung mehr zu sich. Bei einem Test brach die begleitende Ärztin den Versuch aber ab, weil Jasmuheen gefährlich ausgetrocknet war und rasch an Gewicht verloren hatte. Der ehemalige Basler Chefarzt Jakob Bösch propagiert das Lichtessen heute noch.

(Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Artikel, den ich am Samstag im Tages-Anzeiger veröffentlicht habe.)

Michael Werner

Bigotterie und Doppelmoral

Hugo Stamm am Mittwoch den 22. Oktober 2008

Da sitzt man fassungslos vor dem Fernseher und fragt sich: Spinne ich oder spinnen die Massen, die an dem Grossereignis teilnehmen?

Der Sarg von Jörg Haider wird von einem Militärfahrzeug auf einer Lafette durch die Strasse gefahren. Riesige Menschenmassen verfolgen das Begräbnis, der staatliche Fernsehsender ORF überträgt es live, vor Ort sind Grossleinwände aufgestellt, damit Zehntausende die Zeremonie in der Kirche mitverfolgen können. Kärnten steht Kopf. In der vordersten Reihe sitzen die Bischöfe und andere kirchliche Würdenträger. Politiker aller Couleur legen das Gesicht in Falten, mimen Trauer. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hält in Klagenfurt die Trauerrede, auch der Staatspräsident gibt Haider die letzte Ehre. Mitglieder der Bundesregierung sind anwesend, und unter den ausländischen Gästen befindet sich ein Sohn Muammar al-Qadhafis. Jörg Haider wird mit einem Staatsbegräbnis geehrt, wie es nicht einmal verstorbene Bundeskanzler erhalten. Dabei war Haider nur ein Landespolitiker.

Das Begräbnis ist eine Musterlektion in Verlogenheit und Bigotterie. Gesellschaftliche, politische und kirchliche Prominenz huldigten einem „Heiligen“, der zu Lebzeiten eine politische Buldogge mit faschistoider und xenophober Gesinnung war. Erinnert sei nur an seine Sympathien für die Nazis.

Die Doppelmoral der österreichischen Gesellschaft und vieler hochrangiger Exponenten führten uns Haiders Witwe und seine Politfreunde vor. Sie unternahmen alles, um die Umstände des Todes ihres verehrten Ehemannes und Politführers zu vertuschen. Alle wurden eingeschüchtert, die die Hintergründe aufdecken wollten – bis hin zum Staatsanwalt, weil er Angaben zu Haiders Geschwindigkeit zur Zeit des Unfalls machte. Auch den Medien wurde mit rechtlichen Schritten gedroht.

Haider war gnadenlos, wenn es darum ging, politische Gegner zu demütigen und abzukanzeln. Auch war ihm jedes demagogische Mittel recht, um politisches Kapital herauszuschinden. War er selbst einmal in den Schlagzeilen, zeigte sich der Held als wehleidiger und unverstandener Feingeist.

Gleichzeitig machte er sich öffentlich über Ausländer wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, ihren slawischen oder jüdischen Namen lustig. Er benutzte Informationen aus geheimen Polizeiakten, um Asylbewerber oder Intellektuelle zu diffamieren. Wenn er sich entschuldigen musste, tat er es nur halbherzig. Nämlich im Wissen, dass er beim rechten Parteivolk bereits gepunktet hatte.

Haider war die Rücksichtslosigkeit in Person. Er selbst verlangte stets eine Sonderbehandlung, wie nun auch seine Familie. Und alle Würdenträger aus Staat und Kirche kamen, um ihm diese Sonderbehandlung angedeihen zu lassen.

Dabei war das Ende seines Daseins typisch für sein gesamtes Leben: Nach einer Party in einer Schwulenbar fuhr er stockbesoffen und mit massiv überhöhter Geschwindigkeit durch ein Dorf. Er war ein Bedrohung für allfällig Passanten.

Hätte ein gewöhnlicher Staatsbürger einen solchen Exzess betrieben, wäre das Urteil der Öffentlichkeit vernichtend gewesen. Ein Populist mit faschistoidem Fremdenhass wird hingegen zum Helden hochstilisiert.

So lang hochrangige Kleriker und Politiker eine solche Verlogenheit und Doppelmoral an den Tag legen, kann man die Bergpredigt auf die Schutthalde der Geschichte werfen. Dies führt zu einer Verluderung der ethischen Werte. Und man wundert sich, dass die trauernden Bischöfe und Politiker am andern Morgen noch in den Spiegel schauen konnten.

Wenn der Glaube das Leben verändert

Hugo Stamm am Dienstag den 14. Oktober 2008

Ein Film von Christen für Nicht-Christen: Im Kinostreifen "Mein Erlöser lebt" versuchen drei Mitglieder der großen "Biblischen Glaubensgemeinde" in Stuttgart zu erklären, wie Mitglieder einer Freikirche leben, glauben, denken und fühlen. Deshalb wurden sie mehrere Tage mit der Kamera begleitet.
Fazit: Der Glaube hat tatsächlich grossen Einfluss auf den Alltag bekennender Christen. Und: Es besteht ein eminenter Unterschied zu Nicht-Gläubigen und Vertretern von Landeskirchen.

So hat sich das Leben von Michael nach seiner Bekehrung grundlegend verändert. Er erzählt, dass er nicht nur seine alten Freunde verloren hat, sondern auch seine Frau. Und ein Stück weit seine Kinder, die bei ihrer Mutter leben. Selbst sein Berufsleben hat Michael radikal umgekrempelt. Um mehr Zeit für Gott zu haben, hat er seine Kaderposition aufgegeben. "Job war super, Familie war super, Ehe war super, Freunde waren super, man kann sagen, ich war auf einem ziemlich hohen Level", erzählt Michael. Doch sein Glaube war ihm wichtiger als alles andere. Seine Frau trennte sich von ihm, seine Freunde kehrten sich von ihm ab.

Michael war früher Hardrock-Fan. Doch Gott zeigte ihm, dass er seine CDs wegwerfen müsse. Er gehorchte, behielt aber die Scheiben von "ACDC". "Doch jedesmal, wenn ich an den Platten vorbeiging, hat Gott zu mir gesprochen", erzählt Michael. "Er hat gesagt: Wirf die auch raus." Michael tat, wie geheissen, behielt aber eine frühe Scheibe der Band, in der es noch keine antichristlichen Anspielungen gab. Michael sagte zu Gott: "Die kann ich doch aber behalten, oder?" Überraschenderweise bekam er keine Antwort mehr. "Das war der Hammer." Doch plötzlich verlor er auch die Freude an dieser Scheibe und warf sie ebenfalls weg.

Auch Martina ist es nicht gelungen, ihrer Familie den Entscheid glaubhaft zu vermitteln, dass sie nun bekennende Christin ist und ihr Leben auf Jesus ausrichtet. Sie lässt sich ein Tattoo entfernen und denkt bei den Schmerzen an Jesus, der für sie am Kreuz gestorben ist und viel grössere Pein ertragen musste.
Der Film ist über weite Strecken banal, der Alltag der Gläubigen unterscheidet sich oft unwesentlich von „normalen Christen“. Der grundlegende Unterschied: Sie richten ihr ganzes Leben auf Gott aus und haben einen unbändigenden Drang, von ihrem Erlöser Jesus erzählen.

Mehrmals kommt im Film auch der Pastor der Gemeinde, Peter Wenz, zu Wort. Gezeigt werden auch Ausschnitte von Gottesdiensten und ein Interview. "Wir sind als Gemeinde eben kein lascher, lahmer Haufen, wo jeder macht, was er will. Man könnte uns am ehesten mit einer Armee oder mit einer Fußballmannschaft oder mit einem Basketballteam vergleichen. Da gibt's bestimmte Regeln, jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe, seine Rechte, seine Pflichten, und nur so können wir als Mannschaft erfolgreich sein."

Wetten, dass Jesus folgendes gesagt hätte, wenn er denn zu uns sprechen täte: Sei ein guter Christ und bleibe bei Deiner Famile, lieber Michael. Du kannst auch so an mich glauben.

Gefallene Finanzgötter

Hugo Stamm am Sonntag den 5. Oktober 2008

Unlängst wurde hier im Blog auf die 68-er-Generation eingeprügelt, als seien die „Fundis“ eine Polit-Sekte mit ideologischem Zwangskorsett. Es gehört heute zum guten Ton für bürgerliche Politiker, die aktuelle gesellschaftliche und politische Misere den linken Spontis von damals in die Schuhe zu schieben, welche die verkrustete Gesellschaft aufgebrochen haben. Zum 40-Jahre-Jubiläum ist es chic, den 68-ern die Schuld für alle aktuellen Missstände zu geben.

Heute wäre wohl manch bürgerlicher Wähler, der das 68-er-Bashing lautstark begleitet hat, froh, die „Fundis“ hätten den Zeitgeist etwas nachhaltiger geprägt. Dann hätten er sein Erspartes oder Teile davon nicht durch die Finanzkrise verloren. Dann müsste er nicht um seine Pension bangen. Dann stünde nicht die ganze Finanzwelt am Abgrund.

Die 68-er forderten zum Beispiel globales Denken und lokales Handeln. Sie ahnten, wo uns die Globalisierung hinführen könnte. Vor allem wussten sie, dass die sich abzeichnende wirtschaftliche Herrschaft über die Politik zu Raffgier, Egoismus und kapitalistischem Raubrittertum führen wird. Die 68-er warnten schon vor 40 Jahren, dass die Gewinne in Zukunft privatisiert, die Verluste aber sozialisiert werden. Dabei hatten sie nicht geahnt, dass ihre Erkenntnisse sich einst so dramatisch auswirken würden.

Tatsächlich rettet der Staat der USA mit seinem 700 Milliarden starken Finanzpaket viele Geldinstitute vor dem Kollaps. Die Manager haben aber ihre Superboni längst im Trockenen, die sie mit dem grobfahrlässigen Risikomanagement erpresst haben. Die Staatsschulden müssen hingegen die Steuerzahler übernehmen, die noch über Generationen höhere Abgaben werden leisten müssen. Sie werden auch darunter leiden, dass der Staat seine Dienstleistungen abbauen muss: Schlechtere Schulen, schlechtere Gesundheitsversorgung, schlecht ausgebaute Infrastruktur.

Eigentlich müssten alle Politiker abtreten, welche das hohe Lied der Privatwirtschaft und der Globalisierung uneingeschränkt gesungen haben und welche den Staat zum Dienstleister degradieren wollten. Dass sie nun nach der rettenden Hand des Staates schreien, ist ein Eingeständnis, dass sie und ihr Finanzsystem versagt haben.

Bleibt zu hoffen, dass die Finanzkrise eine heilsame Wirkung zeigt. Die Götter der Banken, die Geld angeblich beliebig vermehren konnten, sind jedenfalls schon mal vom Finanzolymp gefallen. Es ist allerdings zu befürchten, dass wir auch diesmal wenig aus der Geschichte lernen werden. Wenn das gemeine Volk immer noch an den Folgen des Rettungsplanes von 2008 leiden wird, werden die Banker bereits die nächste Blase auf Kosten des Staates und der Sparer aufpumpen. Denn nur der schnelle Gewinn verspricht hohe Zinsen und fette Boni.

Der Glaube an die wundersame Wirkung der globalisierten Wirtschaft und Finanzmärkte ist zum Religionsersatz geworden, der nun geplatzt ist. Brechen nun „atheistische“ Zeiten an?

Panne im Blog, Kommentare hier

Hugo Stamm am Sonntag den 5. Oktober 2008

Seit gestern Samstag können die Kommentare im jüngsten Beitrag (Der absurde Konkurrenzkampf") nicht mehr aufgeschaltet werden. Da die Panne wieder einmal am Wochenende passiert, gestaltet sich die Pannenbehebung etwas schwierig. Ich hoffe trotzdem, dass der Blog bald wieder läuft. Ihr könnt versuchen, die neuen Kommentare unter dieser Meldung zu platzieren. Vielleicht funktioniert es.

Ich bitte um Entschuldigung und wünsche Euch trotzdem einen schönen Sonntag.

Liebe Grüsse

Hugo Stamm

  • Letzte Beiträge

  • Letzte Kommentare

  • Kategorien

  • Archiv

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Marktplatz

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Publireportage

Genusswelt

Besuchen Sie unsere Genusswelt und entdecken Sie die Welt des Genuss!

Vergleichsdienst

Günstiger in die Ferien!

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Vergleichsdienst

Jetzt wechseln

Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.