Archiv für Februar 2006

Kopftuch in der Schule

Hugo Stamm am Montag den 27. Februar 2006

Seit dem Streit um die Karikaturen von Mohamed ist die Frage nach der Integration von Moslems in der westlichen Welt aktueller denn je. An Stammtischen wird lautstark gefordert, die Zuwanderer sollen entweder unsere Gepflogenheiten übernehmen oder sich wieder dorthin verziehen, wo sie hergekommen sind.

So einfach geht das nicht. Moslems haben selbstverständlich das Recht, ihre Religion auszuüben und Bräuche zu pflegen. Wenn sie allerdings unerbittlich an der religiösen Pflichtenlehre Scharia festhalten, dann klaffen unüberbrückbare Klüfte zwischen unserem freiheitlichen gesellschaftlichen Konzept und der moslemischen Weltanschauung.

Die individuelle Freiheit ist ein Grundpfeiler unseres Selbstverständnisses. Strenggläubige Moslems leben aber ihre Dogmen nicht nur in der Mosche oder beim Gebet, sondern wenden die Glaubensgrundsätze auch im Alltag konsequent an, wie es die Scharia verlangt. Die islamischen Gesetze gelten auch in gesellschaftlichen Belangen als Richtschnur. Es gibt keine Trennung von säkularer und religiöser Welt.

Unser westlicher Lebensstil widerspricht vor allem bei den moralischen Vorstellungen der Scharia. Für strenggläubige Moslems ist unsere Gesellschaft ein Ort der permanenten Versuchung und Verführung. Das erklärt auch, weshalb sich viele Moslems gegen die Integration in unsere „sündige Welt“ wehren. Aus ihrer Sicht ist das auch verständlich. Es macht deshalb wenig Sinn, die älteren Einwanderer „bekehren“ zu wollen.

Anders sieht es meines Erachtens bei ihren Kindern aus, die hier zur Schule gehen. Sie wachsen in unsere Kultur hinein. Deshalb sollten wir von ihren Eltern verlangen, dass sie unsere Gepflogenheiten wenigstens teilweise akzeptieren. Dazu gehören beispielsweise der Turnunterricht und das Klassenlager. Wenn andersgläubige Schüler nicht daran teilnehmen dürfen, werden sie ausgegrenzt. Und Kinder haben nun mal den gesunden Drang, zur Gemeinschaft zu gehören und akzeptiert zu werden. Die Lehrer sollten unbedingt mit den Eltern sprechen und ihnen die negativen Konsequenzen aufzeigen.

Ich bin auch dagegen, dass Mädchen in der Schule ein Kopftuch tragen. Sie werden dadurch noch mehr zu Aussenseitern. Und wenn sie und ihre Eltern erleben, dass man auch ohne Kopftuch ein guter Moslem sein kann, wird die Selbstverantwortung gestärkt. Sie lernen eher, Entscheide zu fällen und nicht alle Handlungsanweisungen aus der Scharia zu beziehen. Vielleicht setzt ganz sanft ein Bewusstseinsprozess ein. Und die Kinder stellen zu Hause Fragen, die sich strenggläubige Moslems nie zu stellen wagen. Die Eroberung der Freiheit ist immer ein schmerzhafter Prozess. Man kann aber das Freiheitsbewusstsein trainieren wie einen Muskel. Und nach jedem Muskelkater steigt die Leistung. Und die Freude über die neu gewonnene (geistige) Autonomie. Das gilt aber nicht nur für Moslems, sondern für uns alle. Denn wer nicht ständig für die Freiheit kämpft, kann sie eines Tages verlieren, ohne es zu realisieren.

Alles nur Suggestion?

Hugo Stamm am Dienstag den 21. Februar 2006

Religiöse Rituale können ganze Sturzbäche an Glückshormonen auslösen. Mit geschlossenen Augen und verklärtem Gesicht die erhobenen Arme im Takt eines Gospelsongs zu wiegen – was für ein emotionales Schaumbad! Überhaupt ein charismatischer Gottesdienst mit kräftigen Worten des lautstarken Predigers, der erklärt, Jesus sei gerade hier anwesend: Eine Wucht!

Oder im Kreis von erwartungsfrohen Gleichgesinnten im Schneider- oder Lotussitz eine Meditation absolvieren, die ein attraktives Medium mit sonorer Stimme leitet: Die Energien fliessen wie nie. Oder ein Hexenritual zur Sonnenwende an einem Feuer im Wald. Oder bei einer Rückführung die Entdeckung, in einem früheren Leben Kleopatra gewesen zu sein. Oder ein Tatra-Seminar, in dem wir lernen, die Sexualität in spirituelle Energie umzuwandeln. Solche religiösen oder spirituellen Gemeinschaftserlebnisse lassen uns Grenzen sprengen und in neue Dimensionen vorstossen. So jedenfalls kommt es uns vor.

Übersinnliche Erlebnisse sind spezielle Momente im Leben. Wir sehnen uns solche Situationen herbei. Und fragen uns selten, was dabei abgeht. Eine rationale Auseinandersetzung mit solchen Phänomenen könnte das emotionale Erleben stören. Doch wie bei jeder (sehr verständlichen) Sehn-Sucht wäre ein bisschen Ursachenforschung kaum fehl am Platz.

Viele spirituelle Sucher gelangen zur Überzeugung, dass das Glücksgefühl Ausdruck der spirituellen Entwicklung sei. Wenn Gläubige bei einem charismatischen Gottesdienst ausflippen, glauben sie in ihrer Euphorie, ihrem Jesus besonders nah zu sein und in seiner Gnade zu stehen. Für sie ist die Euphorie Ausdruck der richtigen Frömmigkeit und eine Belohnung von Jesus. Viele fromme Frauen gestehen denn auch freimütig, dass Jesus ihr „erster Liebhaber“ ist, also dem eigenen Ehemann den Rang abläuft.

Ähnlich verhält es sich bei spirituellen Ritualen. Die Teilnehmer interpretieren die emotionalen Highlights als Beweis der raschen spirituellen Entwicklung. Das Glücksgefühl während eines Rituals interpretieren sie als weiteren grossen Schritt zur Erleuchtung.

Solche Interpretationen können verhängnisvoll sein. Spirituelle oder religiöse Rituale sind hoch suggestiv, vor allem, wenn sie mit einer grossen Sehnsucht und hohen Erwartungen verbunden sind. Ausserdem wird die euphorische Stimmung durch das Gemeinschaftserlebnis gefördert. Gegen solche Erlebnisse ist nichts einzuwenden, ich gönne sie allen. Doch allfällige Fehlinterpretationen können sich negativ auswirken. Sie führen oft zu einer Überschätzung der eigenen spirituellen Fähigkeiten. Und – verbunden damit –in eine Scheinwelt. Deshalb ist es auch bei religiösen oder spirituellen Erfahrungen sinnvoll, gelegentlich Vernunft und Verstand als Kontrollinstanz einzusetzen. Sonst droht eine religiöse Verblendung, die zu unliebsamen psychischen Reaktionen führen kann. Schon mancher, der in spirituelle Grenzbereiche vorgestossen ist, provozierte schmerzhafte psychotische Symptome.

Rückfall ins geistige Mittelalter

Hugo Stamm am Freitag den 17. Februar 2006

Es scheint, als fresse die Aufklärung in jüngster Zeit ihre eigenen Kinder auf. Und das zur Unzeit.

Geistige Wissenschaften, wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften haben im letzten Jahrhundert aufgeräumt mit vielen abstrusen Vorstellungen und Anschauungen. Psychologische Erkenntnisse bewiesen zum Beispiel, dass unsere Vorfahren viele bedrohliche Phänomene falsch interpretiert hatten. Nehmen wir die Aggressionen. Diese wurden ehemals als Produkt dämonischer oder okkulter Kräfte interpretiert. So galten früher im Christentum psychische Depressionen und Psychosen als satanische Besessenheit, die mit Exorzismusritualen „therapiert“ wurden. Naturvölker „befreien“ psychisch Kranke heute noch mit Voodoo-Ritualen.

Dank der psychologischen Erkenntnisse wissen wir heute, dass damit der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben wird. Statt Heilung erfahren die Kranken eine weitere Dramatisierung: Die Vorstellung, dass Dämonen den eigenen Körper besetzen, verstärkt die Angst, falls keine Spontanheilung eintritt. Und wenn die Angst grösser wird, verstärken sich oft die Krankheitssymptome.

Heute schmeissen viele Zeitgenossen die Errungenschaften der Aufklärung auf die Müllhalde der Geschichte. Der Aberglaube kehrt mit grosser Wucht zurück. Viele Menschen sind enttäuscht, dass die Wissenschaften ihre Versprechen vom baldigen Paradies auf Erden nicht einhalten konnten. Die Krebsraten steigen, Aids bekommen wir nicht in den Griff, die Vogelgrippe kann sich zur Pandemie ausweiten usw. Und die Globalisierung konnte Armut und Hunger auch nicht beseitigen. „Göttlich“ wurden wir Menschen nur bei der Eroberung des Weltalls. Doch davon haben die meisten Menschen nichts.

Krisen, Ängste und Unsicherheiten sind der beste Nährboden für Fundamentalismus und Aberglauben. Ausdruck davon ist unter anderem der grassierende christliche Fundamentalismus in den USA, aber auch in der Schweiz. Und die Verquickung von Glauben und Politik. So haben die Freikirchen Georg W. Bush zum Sieg verholfen, der bekanntlich selber ein Frommer ist. Und auch bei den Wahlen in Züricher Gemeinden legten EVP und EDU zu. Es gilt: In Krisenzeiten flüchten viele Verunsicherte zurück zu den Wurzeln, in die vermeintlich heile Welt.

Von der abergläubischen Tendenz profitieren auch die radikalen Formen der Esoterik. Man traut der „grobstofflichen“ Welt nicht mehr und flüchtet in die spirituelle.

Müssen wir Aberglauben, Fundamentalismus und spirituelle Spekulation wie ein Naturgesetz hinnehmen? Lässt sich die Krise der Aufklärung – siehe Karikaturenstreit – bremsen? Gibt es Rezepte, um zumindest den schlimmsten Formen des Aberglaubens entgegen zu wirken? Müssen wir einfach weiter aufklären, und die Tendenz der Anti-Aufklärung zu überwinden?

Wo bleibt das Wassermann-Zeitalter?

Hugo Stamm am Samstag den 11. Februar 2006

Die Esoteriker haben uns vor bald 50 Jahren das Wassermann-Zeitalter versprochen. Im Gegensatz zum auslaufenden „brutalen“ Fische-Zeitalter versprachen uns die spirituellen Sucher eine neue Epoche, in der wir Menschen das höhere Bewusstsein erlangen würden. Und so besang das Musical Hair in den 1970-er Jahren euphorisch den „acuarios“. Im neuen Zeitalter würde sich die Menschheit auf spirituelle Werte besinnen und zu sanften Wesen mutieren, verkündeten die Esoteriker.

Doch seit das Wassermann-Zeitalter angebrochen ist, dreht sich die Spirale der Gewalt und Konflikte immer schneller. Die Zahl der Krieg steigt laufend, der Terrorismus bedroht die westliche Welt, der Nahost-Konflikt eskaliert, Irak und Iran sind brandheisse Herde, und der Karikaturenstreit zeigt, wie feindlich sich die arabische und westliche Welt gegenüberstehen. Man stelle sich vor: Die Ressentiments und Vorurteile in den beiden Kulturen sind so gross, dass ein paar (schlechte) Zeichnungen reichen, um die politische Weltbühne zu erschüttern. Wie wünschte man sich in diesen gefährlichen Tagen einen „Wassermann“, der die hasserfüllten Gemüter auf ihre spirituellen Werte verpflichten und ihre Gemüter besänftigen würde. Doch das Wassermann-Zeitalter ist ebenso eine Illusion wie viele andere esoterische Heilsvorstellungen.

Der „Wassermann“ bescherte uns nicht ein sanftes Bewusstsein, sondern einen See voller Aberglauben. Trotz Aufklärung, wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Fortschritten greift der Aberglaube rasend schnell um sich. Tatsächlich neigt der Mensch in Krisenzeiten dazu, sich eine Scheinwelt zu bauen, in die er flüchten kann, wenn die Ängste und Schmerzen zu gross werden. Dann vergisst er, was ihm geholfen hat, ein kulturelles Wesen zu werden.

Ein gerüttelt Mass an Aberglauben tragen in unsicheren Zeiten auch radikale Esoteriker bei, die eben glauben, das Schicksal der Menschheit hange von der Konstellationen der Gestirne ab. Dabei müssten wir uns gerade in heiklen Situationen auf unsere Vernunft stützen und nicht auf einen „Wassermann“ hoffen.

Scientologen missionieren auf öffentlichem Grund

Hugo Stamm am Donnerstag den 9. Februar 2006

Um Scientology ist es in den letzten Jahren ruhig geworden. Die vielen negativen Medienberichte in den 90-er Jahren haben der amerikanischen Sekte geschadet. Seither bemüht sie sich, den Flurschaden zu begrenzen und das Image aufzubessern. Einerseits werden die Mitarbeiter und Mitglieder etwas pfleglicher behandelt (weniger Druck, Geld zu „spenden“), andererseits treten die Scientologen weniger aggressiv in der Öffentlichkeit auf.

Trotzdem hat sich eine TA-Leserin am Mittwoch wieder einmal über die missionierenden Scientologen geärgert. „Ist es legal, dass Scientologen die Passanten auf öffentlichem Grund belästigen dürfen?“ Sie entdeckte die Anhänger der Organisation am Mittwoch (8.2.06) beim Albisriederplatz in Zürich, wo sie auf öffentlichem Grund einen überdachten Stand aufbaut hatten. Den Passanten erklärten sie, sie würden eine Umfrage zum Thema "Lesen Sie gern?" durchführen. Gleichzeitig hätten sie einschlägige Pamphlete verteilt, erklärt die Leserin. Sie kann nicht verstehen, dass eine Sekte von den Behörden eine Bewilligung erhält, einen Stand an bester Passantenlage aufzubauen.

Wie ist das möglich?

Scientology bezeichnet sich bekanntlich als Kirche. Kenner der Szene sind aber überzeugt, dass dies ein Etikettenschwindel ist. Die Organisation hat zwar Geistliche und führt Gottesdienste durch, sie schreibt aber auch klar, dass sie sich nicht mit Gott beschäftigt. Als Kirche geniesst man halt Vorteile, die sich Scientology nicht entgehen lassen will. (In den USA zahlt sie keine Steuern.) So bekommt eben nur eine Glaubensgemeinschaft die Bewilligung, einen Stand auf öffentlichem Grund aufzubauen und Passanten anzusprechen. Dabei erhalten die Scientologen die Auflage, keine Bücher oder Kurse zu verkaufen.

Es ist kein Geheimnis, dass sich bei Scientology fast alles ums Geld dreht. Und dass die Gruppe kaum etwas unternimmt, ohne an den Profit zu denken. Und man liegt wohl kaum falsch, dass die Scientologen überzeugt sind, dass sich ihr Aufwand früher oder später auszahlt. Dann zum Beispiel, wenn die Passanten durch die Umfrage oder die Flugblätter neugierig werden. Und im Gespräch lassen sich die Passanten natürlich leicht ins nahe Sektenzentrum einladen. Wo dann das Geschäft ganz legal abgewickelt werden kann.

Viele Zürcher ärgern sich, dass die Behörden den Scientologen nicht die Stirn bieten und ihnen die Bewilligung nicht verweigern. Ursprünglich taten sie das. Doch die Scientologen fochten den Entscheid durch alle Instanzen an. Bis vor Bundesgericht. Und der Gesetzesbuchstabe entschied zu Gunsten der umstrittenen Organisation. Denn das Gesetz weiss halt nicht, dass Scientology in erster Linie eine kommerzorientierte Organisation ist. Oder liegt es daran, dass es die Bundesrichter gar nicht so genau wissen wollen?

 

Zensur eines Gläubigen?

Hugo Stamm am Dienstag den 7. Februar 2006

Lukas Schmid zweifelt in seinem Beitrag meine religiöse Unabhängigkeit an. Er schreibt:

„Wenn Du wirklich ein Unparteiischer wärst, dann wärst Du sicher ein guter ‚Konsumentenschützer in Religionsfragen’. Aber Du hast ja auch eine Glaubensüberzeugung, wie ich mal in einem Fernseh-Interview erfahren habe.“

Ich möchte in diesem Blog eigentlich nicht über mich schreiben, sondern die Diskussion zu Sachfragen anstossen. Da aber die wildesten Gerüchte über mich kursieren, scheint es mir sinnvoll, Missverständnisse auszuräumen, welche den Dialog behindern könnten.

Zuerst vielleicht zu einem – eher lustigen - Gerücht: Ich sei früher einmal Scientologe gewesen, wollen gewisse Kreise wissen. Meine Intelligenz habe aber nicht ausgereicht, um die komplexe Materie von Scientology-Gründer Ron Hubbard zu verstehen. Aus Frustration und Rache würde ich nun Scientology bekämpfen …

Erstens war ich nie Scientologe, zweitens waren weder ich noch Bekannte oder Verwandte von mir in einer vereinnahmenden Bewegung und drittens kämpfe ich nicht, sondern versuche, mit Hilfe des Wortes aufzuklären.

Weiter kann ich Lukas Schmid beruhigen: Ich gehöre keiner religiösen Gemeinschaft (auch keiner Landeskirche) an, besuche keine Gottesdienste, keine spirituellen Rituale, keine Workshops (ausser zu Recherchezwecken), praktiziere keinen bestimmten Glauben. Ich darf mich deshalb als unabhängig bezeichnen. Ich werde oft gefragt, ob ich denn den Lesern nicht eine sinnvolle Glaubensgemeinschaft empfehlen könne. Das tu ich nie. Oft wirft man mir auch vor, ich sei ein „Sektenguru“. Gurus haben eine klare spirituelle Botschaft, ich nicht. Ich predige höchstens die individuelle Freiheit, die jeder für sich selbst suchen muss.

Bei Fernsehdiskussionen werde ich oft gefragt, an was ich denn glaube. Wenn ich erkläre, es gehe nicht um meinen Glauben, wirkt es so, als habe ich etwas zu verbergen oder weiche einer wichtigen Frage aus. So sage ich manchmal widerwillig, dass wir Menschen spirituelle oder religiöse Wesen seien und dass ich mich auch mit der Frage nach Gott auseinandersetze. Dies wird dann oft so ausgelegt, dass ich im engeren Sinn gläubig sei.

Noch etwas zum Blog: Ein Diskussionsteilnehmer schreibt, die Beiträge würden zensuriert. Ich möchte betonen, dass dies nicht der Fall ist. Wir behalten uns einzig vor, Beiträge nicht ins Netz zu stellen, die ehrverletzende Äusserungen über Glaubensgemeinschaften oder Personen enthalten.

Sind die Opfer selbst schuld?

Hugo Stamm am Montag den 6. Februar 2006

In der Diskussion um meine letzte Kolumne greift Martin Schmid in seinem hochintelligenten und spannenden Beitrag im letzten Abschnitt ein wichtiges Thema auf: Die Selbstverantwortung der Klienten. „Es sind nicht einfach die bösen Meister, die ihre Schüler missbrauchen. Das können sie nur, weil sich die Schüler und Klienten zum Missbrauch anbieten“, schreibt Schmid.

Bei Vorträgen und Diskussionen schütteln oft viele Leute den Kopf, weil sie nicht verstehen können, dass jemand einem Scharlatan auf den Leim kriechen kann. Ich gebe zu, dass es für Aussenstehende schwer nachvollziehbar ist. Diese sehen nur das schreckliche Endresultat und vergessen, dass Verführer Meister ihres Faches sind und ihre Opfer nach allen Regeln der Kunst einseifen oder einlullen. Die suggestiven, teilweise hypnotischen Methoden verfehlen ihre Wirkung nicht. Dabei bewirtschaften die Täter geschickt die Sehnsucht und Angst der Klienten. Wer Hilfe sucht und sich einem solchen Setting aussetzt, müsste sehr stark und mit einer riesigen Portion Selbstbewusstsein gesegnet sein, um sich der Bewusstseinkontrolle entziehen zu können. Das Hauptproblem der Klienten liegt ja gerade darin, dass sie in einer Krise stecken und sich Hilfe ersehnen. Somit konzentrieren sie sich nicht auf einen möglichen Missbrauch, sondern ausschliesslich auf die hilfreichen Signale.

Meine Erfahrung mit Hunderten von Opfern zeigt, dass sich unter ihnen recht viele Persönlichkeiten mit einem gesunden Selbstwertgefühl befinden. Kritische Personen, die konfliktfähig sind und sich im privaten Umfeld gut behaupten und wehren können. (Dies trifft auch auf die TA-Leserin zu, die ich in der Kolumne beschreibe.) Wir vergessen dabei gern, dass wir gelernt haben, helfenden Personen gegenüber Vertrauen zu entwickeln (den Eltern, Lehrern, Geistlichen, Therapeuten usw.) Ohne Vertrauen ist seelische Heilung kaum möglich. Viele Klienten fallen deshalb bei Heilern reflexartig in ein Autoritätsverhalten. Die Idee, sie könnten ausgenützt oder gar missbraucht werden, käme ihnen nicht im Traum. Somit sind sie offen für suggestive Manipulationen. Und diese wirken bei einem Klima der Vertrautheit verdammt gut. Wir Menschen sind leichter zu beeinflussen, als uns lieb ist. Nur wer das weiss und damit rechnet, kann sich optimal schützen.

Konsumentenschutz in spirituellen Fragen

Hugo Stamm am Freitag den 3. Februar 2006

Ich bin überrascht und erfreut über die Qualität der Diskussion im neuen Blog. Vielen Dank für die Diskussionsbeiträge. Ich habe viel mehr Häme und Schelte erwartet und mich entsprechend warm angezogen. Trotz der Kälte lege ich den Wintermantel gern wieder ab. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich mit meinen Beiträgen viele Leser brüskiere. Manche fühlen sich gar angegriffen. Das ist aber nicht mein Ziel. Mich treibt der Drang nach Freiheit an. Dazu braucht es Aufklärung und Bewusstseinsbildung. Denn Fragen der Spiritualität und des Glaubens sind sehr sensible Themen, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. In keinem andern Lebensbereich sind Missbrauch und Manipulation so leicht zu bewerkstelligen. Und in keinem andern Geistesgebiet sind Menschen so leicht beeinflussbar. Deshalb sollten wir besonders wachsam sein.

Mir ist es egal, was jemand glaubt. Spiritualität und Glauben sind etwas sehr Intimes, Privates. Da aber Gläubige stets den Drang haben, ihre „Wahrheit“ zu verbreiten, spielt die Missionstätigkeit eine wichtige Rolle. Dies trifft auch auf viele esoterische Anbieter zu. (Man beachte nur die esoterische Abteilungen in den Buchhandlungen und ihre hohen Umsätze.) Deshalb ist Aufklärung wichtig. In allen andern Lebensbereichen gibt es viele Kontrollinstanzen oder fachliche Auseinandersetzungen. Nicht so in spirituellen Belangen. Deshalb sollte es doch eine kritische Stimme ertragen. (Was mich nicht davon abhält, die Glaubens- und Kultusfreiheit zu verteidigen.)

Wenn es mir gelingt, mit meiner Arbeit unbequeme Fragen aufzuwerfen und Diskussionen anzustossen, dann lohnt es sich, den Kopf hinzuhalten. In vielen andern Gebieten kennen wir Leitplanken und Verordnungen. Deshalb kann - angesichts der vielen Fehlentwicklungen und Missbräuche - ein bisschen Konsumentenschutz in spirituellen Fragen nicht schaden. Da es einen solchen Schutz nicht gibt, kann doch ein bisschen „mediale Kontrolle“ (Journalismus) nicht schaden. Oder?

Esoterik – Wahn oder Wirklichkeit?

Hugo Stamm am Donnerstag den 2. Februar 2006

Bei meiner Beratungstätigkeit häufen sich in jüngster Zeit Anfragen, die – im weitesten Sinn – mit Esoterik zu tun haben. Das Angebot an esoterischen und spirituellen Dienstleistungen ist enorm und unübersichtlich. Rechnet man die spirituellen Medien, Geistheiler und alternativen Therapeuten dazu, die sich auf übersinnliche Heilsvorstellungen stützen, ergibt sich allein in der Schweiz ein Milliardenmarkt. Der starke Konkurrenzkampf unter den Zehntausenden von Anbietern (inklusiv alternativer Gesundheitsmarkt) führt zu gefährlichen Entwicklungen. Wie in der Werbung greifen viele Esoteriker und Heiler zu immer kräftigeren Werbeslogans und Versprechen. Teilweise bieten sie wahre Wunder an, etliche massen sich sogar göttliche Kräfte zu.

Wie fatal sich die Überschätzung auf die ahnungslosen Klienten und spirituellen Sucher auswirken, zeigt meine neuste Kolumne. So prophezeit die deutsche Heilerin Gudrun Hiegel einer TA-Leserin den baldigen Tod. Durch den kinesiologischen Muskeltest wird das angebliche Todesdatum bestätigt. Die Hilfe suchende Frau erlebt Todesängste.

Wenn ich solche Fälle aufgreife, werfen mir Esoteriker oft vor, ich würde Einzelfälle aufbauschen. Und Scharlatane gebe es halt überall. Nur: Bei mir türmen sich so viele „Einzelfälle“, dass ich nicht mehr daran glauben kann, es handle sich um Ausnahmen. Wer nur schon ein wenig im Internet surft und sich die Werbesprüche der Anbieter anschaut, muss feststellen: Fast überall finden sich spekulative, übermenschliche Versprechen, die nie und nimmer eingehalten werden können. Und die all unseren Erfahrungen aus der realen Welt widersprechen. Mir ist auch noch nie aufgefallen, dass spirituelle Sucher durch besondere körperliche Robustheit oder besondere geistige Fitness auffallen. Wenn sie nur einen Bruchteil dessen erreicht hätten, was ihnen bei den vielen Workshops, Seminaren, Ritualen und Heilungen versprochen worden ist, dürften sie nie mehr krank werden und würden zur geistigen Elite gehören.

Deshalb frage ich mich: Ist nicht am System etwas falsch, wenn es so viele Missbräuche und Flops produziert? Sind Phänomene wie Erleuchtung, spiritueller Aufstieg ins höhere Licht oder mediale Fähikeiten nichts als Einbildung?

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