Pfarrer dürfen schwul sein, ihre Schäfchen aber nicht

ta-admin am Samstag, den 28. Februar 2015
GOTTESDIENST, MESSE, KATHOLISCHER PFARRER,

Segnet auch lesbische Schäfchen: Pfarrer Wendelin Bucheli. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Katholische Geistliche segnen so ziemlich alles, was den Gläubigen lieb und heilig ist. An Motorrad-Prozessionen bekommen die «heissen Öfen» ihren Gottessegen ab, bei Tiergottesdiensten werden die lieben Vierbeiner gesegnet, es dürfen auch mal Panzer sein, auf dass sie die Soldaten schützen und den Feind treffen – egal ob es Glaubensbrüder oder «Ungläubige» sind. Doch Menschen dürfen Pfarrer nicht segnen. Genauer: bestimmte Menschen. Solche nämlich, die es aus einer Laune der Natur heraus zu gleichgeschlechtlichen Personen zieht. Also Homosexuelle.

Was sich bei Waffen mit dem Segen von Rom ziemt, gehört sich bei Schwulen und Lesben nicht, lernen wir am Fall von Pfarrer Wendelin Bucheli aus Bürglen UR. Der gute Hirte hat den Wunsch eines lesbischen Paares erfüllt und es während der Sonntagsmesse gesegnet.

Die Reaktion aus Chur liess nicht lange auf sich warten. Bischof Vitus Huonder griff zur stärksten Waffe und verlangte die Demission seines unbotmässigen Pfarrers. Das passte den Schäfchen von Bürglen und weit über das Urnerland hinaus nicht. Sie segneten ihren Pfarrer in einem späteren Gottesdienst mit einer Standing Ovation und sammelten fleissig Unterschriften. Die Bögen füllten sich rasch.

Eigentlich ist Wendelin Bucheli ein treuer Diener seines Herrn aus Chur. Also kein aufmüpfiger Pfarrer, sondern eher konservativ. Und trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen den beiden, wie ein Dorfbewohner einem Fernsehreporter sagte: Der Bischof sei eben stockkonservativ.

Chur stellt sich auf den Standpunkt, dass Gepflogenheiten, die seit 2000 Jahren Bestand hätten, nicht über Nacht revidiert werden dürften. Nur: Die Menschheit glaubte 2000 Jahre lang, dass Homosexualität die Konsequenz einer dämonischen Belastung oder eine Strafe Gottes sei. Dass die Kirche damit 2000 Jahre lang Gläubige ausgrenzte, stigmatisierte und teilweise seelisch quälte, blendet die katholische Kirche aus. Statt die Geschichte aufzuarbeiten und sich bei den Homosexuellen zu entschuldigen, sanktioniert sie Geistliche, die die Schwulen und Lesben endlich als gleichwertige Menschen akzeptieren und eben auch segnen.

So bekommt der Streit in Bürglen eine tragikomische Note. Ehemalige Würdenträger der katholischen Kirche erklären nämlich übereinstimmend, dass 20 bis 40 Prozent der Priester schwul seien. Mit anderen Worten: Pfarrer dürfen keine Homosexuellen segnen, doch der Papst segnet schwule Bischöfe, schwule Bischöfe wiederum segnen schwule Pfarrer und schwule Pfarrer ihre Schäfchen. Aber Achtung: Sie dürfen kein schwules Paar sein.

Holocaust als karmischer Ausgleich

Hugo Stamm am Samstag, den 21. Februar 2015
Hugo Stamm

Amerikanische Soldaten und Häftlinge stehen hinter dem Tor des Konzentrationslagers Buchenwald (April 1945). Foto: AFP

Die Reinkarnationsvorstellung, oft gekoppelt an die Karmatheorie, hat ihre Wurzeln primär in den fernöstlichen Glaubensvorstellungen. Diese religiöse Idee, vor allem im Hinduismus und Buddhismus zu finden, ist sehr alt, hat eine fatalistische Komponente und passt schlecht in ein modernes Weltbild. Heute bauen wir das Zusammenleben, die gesellschaftlichen Ordnungen und Gesetze darauf auf, dass der Einzelne ein autonomes Wesen ist, das für sein Tun die Verantwortung trägt.

Das Konzept von der Wiedergeburt geht hingegen davon aus, dass Menschen Einflüssen ausgesetzt sind, die angeblich mit früheren Leben zu tun haben oder auf kommende ausstrahlen. Zwei Beispiele: Gute Taten im aktuellen Leben können zu einer Belohnung im nächsten führen. Fromme Hindus denken dabei gern an einen Aufstieg im Kastensystem. Oder: Wer in einem früheren Leben jemanden umgebracht hat, muss damit rechnen, dass er später selbst Opfer eines Verbrechens wird, auch wenn er ein vorbildliches Leben führt. Ein solch fatalistisches Weltbild lässt sich schlecht mit modernen psychologischen, sozialen oder pädagogischen Erkenntnissen oder Grundsätzen vereinbaren.

Dass dieser Glaube in Indien fortlebt, weil er einer alten Tradition entspricht, lässt sich einigermassen nachvollziehen. Dass aber heute im Westen Millionen von Menschen die Idee in ihr Weltbild integriert haben, muss als geistiger, kultureller und religiöser Rückfall gewertet werden. Zu verdanken haben wir diesen anachronistischen Rückschritt der modernen Esoterik, die inzwischen weite Gesellschaftskreise durchdrungen hat.

Dieses Beispiel zeigt, welch problematische Auswirkungen esoterische Ideen auf die Geisteshaltung vieler Menschen im Westen heute haben. Die Esoterik westlicher Ausprägung kultiviert das magische Denken und den Aberglauben. Es ist der Glaube an übersinnliche Geistwesen und Verstorbene, mit denen man angeblich kommunizieren kann, der Glaube an Elfen und Einhörner, an die Idee eines raschen spirituellen Paradigmawechsels, der aus uns egozentrischen Menschen sanfte Wesen machen soll.

Wie fatal der Glaube an die Karmatheorie und ihre esoterischen Modifikationen ist, hat uns der Esoteriker Trutz Hardo demonstriert. In seinem Buch «Jedem das Seine» (in Anlehnung an die Torinschrift im Konzentrationslager Buchenwald) wollte er nachweisen, dass die Karmaidee sich auch an einem extremen Beispiel wie dem Holocaust «beweisen» lässt. Der Autor behauptet, die ermordeten Juden hätten sich ihr Schicksal im Dritten Reich ausgesucht, da sie sich in früheren Leben ähnlicher Verbrechen schuldig gemacht hätten. Ist das Dummheit? Vielleicht. Mit Sicherheit aber esoterische Verblendung.

Die Wahrheit über Gott

Hugo Stamm am Samstag, den 14. Februar 2015
Hugo Stamm

Werbeplakat einer christlichen Organisation in England. Foto: Ludwig van Standard Lamp/Flickr

Das Leben ist oft ein Kampf gegen Ängste und Verletzlichkeiten. Uns wird fast täglich bewusst, dass wir umzingelt sind von Gefahren, die unsere Existenz bedrohen. Ein Unfall oder eine schwere Krankheit können uns aus der Bahn oder gar aus dem Leben werfen. Religionen und Glaubensgemeinschaften leben vom Bewusstsein der Menschen, dass nichts so gewiss ist wie die Endlichkeit – zumindest im Diesseits. Sie sind quasi die Versicherungen für ein Leben nach dem Tod. Sie sollen uns die Angst vor dem definitiven Aus nehmen. Die Angst vor der Vorstellung, dass es keine Seele geben könnte und dass nichts von uns übrig bleibt – ausser ein paar Spuren.

Doch taugen Religionen als Versicherungen im übersinnlichen Sinn? Zweifel sind angebracht, denn das Leben und die Wissenschaften – auch die Geisteswissenschaften – lehren uns, dass es nichts Absolutes gibt, also keine Wahrheit. Alles ist subjektiv und relativ. Auch der Glaube an ein höheres Wesen. Glauben heisst ja auch «für wahr halten».

Trotzdem postulieren die Religionsgemeinschaften und Heilslehren einen Absolutheitsanspruch. Ausgerechnet im religiösen und spirituellen Kontext, also im unfassbaren und numinosen Bereich, glauben wir an die Unverrückbarkeit der Offenbarungen, an die letzten Wahrheiten. Dabei ist nichts so relativ, oft auch spekulativ, wie religiöse und spirituelle Erkenntnisse.

Wie relativ diese Glaubenswahrheiten sind, zeigt sich im Umstand, dass es weltweit über 100'000 Glaubensgemeinschaften und Religionen gibt. Alle nehmen für sich in Anspruch, den einzig wahren Gott, die einzig wahre Heilslehre zu vertreten. Diese Götter haben sehr viele Gesichter und nichts miteinander gemein. Wie relativ die Gottesbilder sind, zeigt sich im Umstand, dass sie sich im Lauf der Menschheitsgeschichte gewandelt haben. Unsere Vorfahren beteten die Sonne an, weil sie realisierten, dass Licht und Wärme Leben spenden und das Überleben sichern.

Der Hinduismus geht von einer Vielzahl von Göttern aus, doch mit zunehmender Bildung und Erkenntnis veränderte sich das Weltbild: Der Monotheismus schien plausibler als die Vielgötterei oder der Pantheismus.

Aber auch die Konzepte der verschiedenen Religionen weisen erhebliche Differenzen auf und sind nicht kompatibel. Die Spanne der «religiösen Wahrheiten» könnte kaum grösser sein. Trotzdem hat keine Glaubensgemeinschaft Zweifel, ihre Heilslehre könnte falsch sein oder nicht der Wahrheit entsprechen. Egal, wie exotisch oder spekulativ sie ist. Dieser Umstand müsste Gläubige skeptisch machen. Doch es ist eben das Wesen des Glaubens, dass Zweifel als bedrohlich empfunden werden.

Der «Gottkönig» als tragische Figur

Hugo Stamm am Samstag, den 7. Februar 2015
Hugo Stamm

Der Dalai Lama hat seinen Lebensmut noch nicht verloren. Foto: Reuters

Basel steht an diesem Wochenende im Bann eines «Gottkönigs»: Tendzin Gyatsho, der 14. Dalai Lama und 79-jährig, füllt zweimal die St.-Jakobs-Halle, die 6500 Personen fasst. Der buddhistische Mönch, der 1959 im Alter von 23 Jahren vor den Chinesen aus Tibet flüchten musste, jettet seit Jahrzehnten wie ein Superstar durch die Welt und verzaubert mit seinen Unterweisungen ein Millionenpublikum. Selbst hochrangige Politiker buhlen um seine Gunst und sitzen dem Nobelpreisträger ergeben zu Füssen. Wie ist das Phänomen zu erklären?

Eigentlich ist der Mönch ein Anti-Star, sein Leben eine einzige Tragödie. Er sollte sich von seiner Bestimmung her von der Welt abkehren und sich ganz auf seine spirituelle Entwicklung konzentrieren. Die Vertreibung aus Tibet und seine Verfolgung durch die Chinesen zwingen ihm aber eine Rolle auf, die so gar nicht seinem Wesen entspricht. So verwandelt sich seine Mönchsklause oft in einen Privatjet, sein Kloster sind Stadien und Hallen. Eine paradoxe Situation, lebt er doch vom Stigma, ein Heiliger und Märtyrer zu sein. Sein Leiden macht ihn im Westen zu einem Popstar. Ein Schicksal, das ihn eigentlich in die Flucht vor seinen Fans treiben müsste.

Der tragische Held muss es auf seiner Mission «Free Tibet» erdulden, dass das spirituell und esoterisch interessierte Publikum seine übersinnlichen Sehnsüchte ungefiltert auf ihn projiziert. Er kämpft für sein geschundenes Volk und predigt Bescheidenheit und Demut, sein Publikum lebt aber im Wohlstand. So erfüllt die Galionsfigur eine tragische Alibifunktion. Sein Leiden für Tibet wird als Event zelebriert, denn seine Mission, Tibet von der Knechtschaft Chinas zu befreien, ist längst gescheitert. Doch der «Ozean der Weisheit» bleibt in seiner Rolle gefangen, er muss die Erwartungen seiner Fangemeinde weiterhin erfüllen. Er ist ein Getriebener; gejagt von den Chinesen, verfolgt von seinen Verehrern. Dabei sind Personenkult und Mitleid für einen Mönch eigentlich eine Pein. Kein Wunder lacht der Mönch manchmal selbst dann unmotiviert vor sich hin, wenn er über das Schicksal Tibets spricht.

Seine Fans lassen sich bei der Verehrung ihres spirituellen Idols kaum beirren. Es irritiert sie nicht, dass der Dalai Lama noch immer sein politisches Orakel – einen Mönch mit angeblich seherischen Fähigkeiten – befragt, um Handlungsanweisungen zu bekommen. Der «Gottkönig» unterhält sich zwar gern mit hochrangigen Wissenschaftlern über die Quantentheorie, ist aber gleichzeitig im magischen Denken verhaftet. Sein Publikum übersieht auch, dass die tibetischen Klöster bis in die Neuzeit Feudalsysteme waren und die patriarchale Mentalität zur Unterdrückung der Frauen führte. Geduldet vom Dalai Lama.

Wenn der Glaube ein reaktionäres Weltbild fördert

Hugo Stamm am Samstag, den 31. Januar 2015
Jesus

Ausländer sind den Gläubigen oft nur willkommen, wenn sie sie missionieren können. Bild: Reuters

Viele Menschen mit einem radikalen Glauben fallen durch ein traditionelles Weltbild und eine politisch konservative Haltung auf, wie Beobachtungen zeigen. Das Phänomen ist derart signifikant, dass sich die Vermutung aufdrängt, der Kern vieler Glaubensrichtungen sei reaktionär und präge das Bewusstsein der Gläubigen.

Sicher ist zumindest, dass die meisten Heilslehren keine avantgardistischen Lebensentwürfe oder unkonventionellen Lebensstile propagieren. Unbestritten ist auch, dass das Bewahrende im Wesen der traditionellen Glaubensgemeinschaften und spirituellen Gruppen liegt. Ihre Konzepte sind Dutzende, Hunderte oder Tausende Jahre alt. Ausserdem liegt den Heilslehren das Absolute zugrunde. Sie lassen sich nicht reformieren oder dem aktuellen Zeitgeist anpassen.

Das führt oft zu Anachronismen wie dem Festhalten an der Schöpfungslehre oder der Empfehlung, keine Verhütungsmittel zu benutzen. Solche Dogmen und Doktrinen führen zwangsläufig dazu, dass vor allem traditionsbewusste, konservative Menschen Zuflucht bei strengen religiösen und spirituellen Glaubensgemeinschaften suchen.

Auf den ersten Blick erscheint es eher überraschend, dass auch viele esoterische Strömungen, die sich nach aussen aufgeschlossen und zukunftsorientiert geben, reaktionär sind. Es ist deshalb kein Zufall, dass «die braune Esoterik» ein stehender Begriff wurde. Viele spirituelle Sucher verklären die Welt der Kelten und Germanen. Sie sehnen sich nach autoritären Strukturen mit Druiden, Schamanen, Weltenlehrern und spirituellen Meistern als Führer. Ausserdem beten sie Wotan und Gaia an und lassen Hexen wieder aufleben und kultivieren ein magisches Denken, was den Errungenschaften der Aufklärung diametral gegenübersteht.

Die konservative Geisteshaltung hat auch Auswirkungen auf die politische Einstellung. Die fanatischen islamistischen Bewegungen demonstrieren es. Dagegen sind strenggläubige Christen geradezu zivilisiert, auch wenn einzelne in den USA Ärzte attackieren, weil sie Abtreibungen vornehmen. Keine Überraschung ist es auch, dass viele Freikirchler und konservative Katholiken ihre politische Heimat bei den rechten Parteien der EVP und EDU finden.

In Teufels Küche kommen die frommen Christen aber mit ihren weitverbreiteten Ressentiments gegenüber Asylbewerbern und Flüchtlingen. Dann vergessen sie schnell, dass ihr Vorbild Jesus Nächstenliebe und Barmherzigkeit predigte. Ausländer sind den Gläubigen oft nur willkommen, wenn sie sie in Afrika und Asien missionieren und zu Gott führen können. Denn jede «gerettete Seele» verschafft ihnen angeblich einen Bonus auf dem Weg zum Himmel.

Wenn das Universum einen Porsche liefert

Hugo Stamm am Samstag, den 24. Januar 2015
Porsche 300

Danke für die prompte Erledigung, liebes Universum! Foto: porsche-mania.com

Esoterik und kritischer Verstand gehen schlecht zusammen. Sie liegen auf den gegenüberliegenden Polen im Universum. Dies zeigt sich auch beim Ritual «Bestellung beim Universum». Diese Spielart der spirituellen Suggestion entpuppt sich nicht nur als erstaunlich zähes Phänomen, sondern hat sich im Lauf der Jahre in den täglichen Sprachgebrauch vieler Menschen geschmuggelt – auch ausserhalb der Esoterikszene.

Das Ritual geht so: Wenn den Menschen irgendetwas fehlt, schicken sie wie selbstverständlich einen Wunsch ans Universum und sind sich sicher, dass er bald erfüllt wird. Unabhängig davon, wie gross oder unrealistisch er ist. Die Palette der Bestellungen ist so weit wie das Universum selbst und erinnert an die Wünschelrute in Kindermärchen. Wer zum Beispiel in der Stadt krampfhaft einen Parkplatz sucht, schickt einen Wunsch ans Universum. Wer ein gefülltes Bankkonto braucht, einen Liebespartner, ein Auto usw. tut es ebenfalls.

Doch wer ist der Pöstler, wer der Adressat der Bestellungen? Das Universum ist schliesslich beträchtlich in seiner Ausweitung, die Zahl der Sterne ohne Ende. Empfänger der Wünsche ist aber – man ahnt es – die göttliche Instanz, verraten uns die Esoteriker. Diese ist in ihren Augen zwar fähig, alle erdenklichen Wunder zu bewirken, geistig scheint sie aber ziemlich beschränkt zu sein.

So schreibt ein Anbieter von Wunscherfüllungskarten: «Der Wunsch muss positiv formuliert sein, da Negierungen von der höchsten göttlichen Ebene nicht wahrgenommen werden können, denn diese göttliche Schöpferebene sagt einfach immer nur ja zu allem.» Man dürfe den göttlichen Engeln also nicht sagen, ich habe leider keinen roten Porsche, weil «die Schöpferebene mit Bildern arbeitet, die ja letztlich aus lauter Symbolen zusammengesetzt sind». Deshalb lautet die Bestellung richtig: «Ich will einen roten Porsche.»

Fragen scheinen sich die Personen nicht zu stellen, die Wünsche wie Stossgebete ins Universum schicken. Unterhalten die göttlichen Mächte eine Porschefabrik? Fällt das ersehnte Fahrzeug eines Tages vom Himmel? Liefern sie den Fahrzeugausweis gleich mit? Wäre es nicht einfacher von den Engeln, den göttlichen Boten, Geld regnen zu lassen, damit sich der Kandidat einen Porsche kaufen kann und auch der Garagenbesitzer belohnt wird?

Schöpferin des Wunschrituals ist die deutsche Esoterikerin Bärbel Mohr. Sie hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben, die in 17 Sprachen übersetzt und zwei Millionen Mal verkauft wurden. Es ist nicht überliefert, wie viele Wünsche die Autorin selbst ans Universum geschickt hat. Offensichtlich hat sie aber einen Wunsch übersehen, nämlich den Wunsch nach einer guten Gesundheit. Denn Bärbel Mohr ist vor vier Jahren im Alter von 46 Jahren gestorben. Ihr Ritual scheint aber unsterblich zu sein. Wie der Aberglaube.

Bärbel Mohr über ihr Buch «Bestellungen beim Universum – Ein Handbuch zur Wunscherfüllung» (Quelle: Youtube)

Die «Stündeler» sind keine Taliban

TA am Samstag, den 17. Januar 2015

Dieser Gastbeitrag stammt von Georg Schmid. Der 74-jährige Theologe war Titularprofessor an der Universität Zürich, leitete die Sektenberatungsstelle der evangelischen Kirche und schrieb mehrere Sachbücher.

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Komisch vielleicht, aber nicht gefährlich : Gottesdienst einer amerikanischen Freikirche. Screenshot: The Ramp/Vimeo

Freikirchen geniessen nicht immer den besten Ruf. Früher sprach man von «Stündelern» und «Frömmlern», heute eher von «Evangelikalen», «Sektierern», «Fundamentalisten», hie und da sogar von «christlichen Taliban».

Ich zähle Freikirchenmitglieder zu meinem Freundeskreis. Sie sind keine humorlosen Fundamentalisten und noch weniger bedrohliche Taliban. Darum frage ich mich: Wie kommt es zur leisen Freikirchenverachtung oder gar zur lauten Freikirchenschelte? Ich sehe fünf mögliche Antworten:

  1. Wir haben häufig das Gefühl, Freikirchler wollten uns zu ihrem Glauben bekehren. Manche sagen uns offen, dass wir verloren seien, wenn wir nicht so glaubten wie sie, und dereinst in der Hölle endeten. Dieser missionarische Anspruch weckt in manchen eine spontane Freikirchenaversion. «Ich, ein Höllenkandidat?» Es fällt schwer, darauf gelassen zu reagieren.
  2. Ex-Freikirchliche, die sich aus ihrer frommen Vergangenheit befreiten, gehören nicht selten zu den radikalsten Kritikern jeder Religion. Biografisch sind solche Bekehrungen – nicht vom Saulus zum Paulus, sondern vom Paulus zum Saulus – oft mehr als nur begreiflich. Aber sie schaden den Freikirchen.
  3. Freikirchen reagieren auf Kritik in den Medien oft seltsam ungeschickt. (Allerdings auch andere Religionsgemeinschaften.) «Skandale» werden heruntergespielt oder ganz verschwiegen. Wir wissen zwar als Christen, dass wir alle Sünder sind. Aber konkrete Fehler im eigenen Verhalten öffentlich einzugestehen, davor bewahre uns der Himmel.
  4. Vielleicht bewundern wir im Stillen Menschen, die ein schwieriges Leben mit ihrem tiefen Glauben tapfer und fröhlich bewältigen. Wir spötteln zwar über die Frommen. Aber im tiefsten Grund unserer Seele bedauern wir, dass es uns nicht oder nicht mehr gelingt, so kindlich zu glauben. «Dieses Gottvertrauen! Jesus als göttlichen Freund neben dir, der dich nie mehr verlässt! Nie mehr verzweifeln!» Weil uns das nicht mehr möglich ist, lästern wir.
  5. Seit uns der islamistische Terror aufschreckt, werden andere Religionen intensiv nach ähnlichen radikalen Fundamentalismen durchforscht. In der christlichen Vergangenheit wird man sofort fündig. Aber in der christlichen Gegenwart muss man auf die sogenannten Evangelikalen zurückgreifen. Sie werden nun zu christlichen Taliban emporstilisiert. Der Wunsch, den Islam zu entlasten, ist begreiflich. Aber das Ergebnis ist geradezu peinlich. Man mag manches gegen die Evangelikalen einwenden, aber christliche Taliban sind sie nicht.

Welcher Gott ist der richtige?

Hugo Stamm am Samstag, den 10. Januar 2015
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Viele Wesen bevölkern den indischen Götterhimmel, auch das halbe Tierreich ist vertreten. Bild: PD

An indischen Pilgerstätten manifestiert sich eine eindrückliche Volksfrömmigkeit, wie sich auf einer Indienreise durch Tamil Nadu zeigte. Auch wenn für uns intellektuell geprägte Besucher vieles befremdlich wirkt, ist die Hingabe der Pilger und Sadhus (hinduistische Mönche) berührend. Wenn die Pilger den Dämonen Opfergaben in Form von Lebensmitteln darbringen, während vor dem Tempel die Bettler Schlange stehen, gerät unser Wertesystem ins Wanken. Oder wenn Frauen vor einem mit goldenen Tüchern umwickelten schwarzen Stein (Lingam, Symbol für das männliche Geschlechtsorgan oder die schöpferische Kraft von Shiva) niederknien und inbrünstig beten, wirkt das Ritual fremd.

Wer den Hinduismus und Indien kennt, ist aber nicht erstaunt. Denn hier bevölkern viele Wesen den Götterhimmel. Da tummeln sich Inkarnationen der Inkarnationen der Hauptgötter. Alle Abkommen geniessen ebenfalls göttlichen Status. Bevölkert ist er auch vom halben Tierreich. Nandi Bull, der heilige Stier, wird gern als Kraftsymbol angebetet. Einen besonderen Platz nimmt aber auch Ganesh ein, der Elefantengott. Populär ist weiter Hanuman, der Affengott. Die heiligen Kühe, die die Strassen bevölkern, sind ohnehin legendär.

Manchmal wirkt die Verehrung gar kurios. So besuchen viele Pilger in Deshnoke, Rajastan, einen Tempel, in dem Ratten verehrt werden. Tausende dieser Nager wuseln durch die heiligen Hallen. Sie alle sind wohlgenährt, denn sie werden von den Pilgern reichlich gefüttert.

Uns erscheint die Anbetung von Tieren wie eine Frühform einer Religion oder eines Glaubens. Bekanntlich entrümpelten die späteren Weltreligionen den Himmel von Mond, Sternen, Dämonen, Tieren und vielen Untergöttern. Schliesslich mündete die Entwicklung in den Monotheismus. Doch ist der Hinduismus deshalb eine archaische Religionsform? Dürfen wir uns ein Urteil anmassen?

Wenn man die Frage konsequent zu Ende denkt, spielt es vielleicht gar keine Rolle, ob man einen monotheistischen Gott oder Nandi Bull anbetet. Denn über das Wesen von Gott können wir nur spekulieren. Der Glaube an höhere Wesen ist immer eine Projektion. Den Gläubigen geht es dabei in erster Linie darum, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte auf eine göttliche Instanz zu lenken, ihr die Ängste zu übergeben, Trost zu suchen, Hilfe zu erhoffen und die Furcht vor dem Tod zu teilen.

Gebete haben also weniger mit Gott als mit den Gläubigen selbst zu tun. Wären wir angstfrei, hätten wir kaum ein Bedürfnis, uns den göttlichen Wesen anzuvertrauen. So hilft uns der Glaube, Leid und Elend auf der Welt besser zu ertragen. Dabei spielt es für den einzelnen Gläubigen wahrscheinlich eine untergeordnete Rolle, ob er seine Sehnsüchte auf Ratten oder einen monotheistischen Gott projiziert.

Religionen leben von der Angst der Gläubigen

Hugo Stamm am Sonntag, den 4. Januar 2015
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Gegen den Tod hilft hier ein Elixier: Bruce Willis und Goldie Hawn in der rabenschwarzen Komödie «Der Tod steht ihr gut», 1992. Foto: imdb

Religionen und Glaubensgemeinschaften spenden Trost und Zuversicht. Mit diesen beiden Attributen verbinden wir eigentlich Lebensfreude. Doch dies ist nur die eine Seite von religiösen Bewegungen und Konzepten. Denn primär leben sie von der Angst der Menschen: von der Angst vor dem Tod und der Furcht vor der Vergänglichkeit.

So hoffen Gläubige der Weltreligionen auf ein Leben nach dem Tod, schliesslich ist dies der Kern und das Wesen von Heilslehren. Es wird ihnen ja auch als Hauptziel vor Augen geführt. Trotzdem bleiben bei vielen im Geheimen gewisse Zweifel zurück. Denn bei nüchterner Betrachtung ist schwer nachvollziehbar, dass unser Körper nach dem Tod zerfällt, die Seele aber ins Jenseits übersiedelt. Es ist ja nicht einmal sicher, ob es eine Seele gibt. Sie ist kein Organ, und es sind auch keine seelischen Funktionen nachweisbar. Was Gläubige als Seele definieren, kann auch als Bewusstsein oder neuronales Phänomen verstanden werden.

Gäbe es kein Elend auf der Erde und hätten wir keine Angst vor dem Tod, wären die Menschen nie auf die Idee gekommen, sich nach Göttern zu sehnen und sich ein Leben nach dem Tod auszudenken. Fragen nach der Metaphysik und Transzendenz hätten sich wohl nie gestellt. Wir wären mit der Realität auf der Erde zufrieden und bräuchten keine Projektionen von einem Leben nach dem Tod. Der Ist-Zustand würde uns so sehr erfüllen, dass wir die Sehnsucht nach Erlösung nicht bräuchten.

Doch so bestimmen Leiden und Tod unser Bewusstsein. Verknüpft damit sind Existenzängste und bei labilen Personen psychische Belastungen. Diese Ängste können auch zu Abspaltungen unbewusster Anteile führen.

Der Glaube ist also ein Rezept gegen die Existenzängste. Deshalb suchen viele Menschen, für die die christliche Lehre als nicht mehr glaubwürdig erscheint, eine Ersatzreligion. Sie halten ein religiöses Vakuum nicht aus. Davon profitieren in erster Linie esoterische Gruppen und Sekten. Doch diese verstärken die Desorientierung, indem sie das Leiden auf der Erde ausblenden oder als Phänomen erklären, das nur «Ungläubige» trifft. Also solche, die den wahren Heilspfad angeblich noch nicht gefunden haben.

Der Glaube an die Seele und das Leben nach dem Tod mag ein Mythos sein, die Überzeugung, die esoterische Selbsterlösung funktioniere tatsächlich, ist hingegen ein Aberglaube.

Die Weihnachtskrippe als Folklore

Hugo Stamm am Samstag, den 20. Dezember 2014
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Die Jesusfigur als Blickfang für die Kundschaft: Eine Weihnachtskrippe in einem Schaufenster. (Bild: Keystone)

Von der Weihnachtsgeschichte geht eine starke Symbolkraft aus. Egal, ob es sich bei ihr um einen reinen Mythos handelt. Egal auch, ob sie mit dem realen Leben von Jesus überhaupt etwas zu tun hat. Wir kennen die Geschichte seit Kindesbeinen: Jesus, der Sohn Gottes, kommt in einem Stall zur Welt und liegt auf Stroh. Der König der Christen verzichtet auf Pomp und Fanfaren. Zeugen sind die Tiere im Stall. Und die Engel erscheinen nicht den Schriftgelehrten, Reichen und Mächtigen, um das Ereignis zu verkünden, sondern den Hirten auf dem Feld. Diese Inszenierung ist Programm.

Die Botschaft lässt keine Zweifel offen und keinen Interpretationsspielraum zu: Jesus verzichtet auf Privilegien und zelebriert Bescheidenheit. Einfachheit wird zum religiösen Symbol. Und Jesus zieht das Lebensmotto konsequent durch. Er verzichtet auf eine Frau, eine Familie und zieht als Wanderprediger durch das Land. Ein entbehrungsreiches Leben.

Von diesem Geist ist im Christentum nicht mehr viel übrig geblieben. Vor allem wenn wir seine Geburt feiern. Denn nie im Jahr blühen Konsum und Luxus so sehr wie zur Weihnachtszeit. Die Umsätze der Boutiquen und Grossverteiler schiessen in Rekordhöhen. Und wir schlagen uns die Bäuche voll wie sonst selten.

Selbst die heutigen Diener dieses Jesus von Nazareth werden vom modernen Weihnachtsrummel erfasst. Schon der Ort im Vatikan, wo der Geburt des Sohnes Gottes gedacht wird, ist ein Prunkstück: Der Petersdom. Und die Kardinäle und Bischöfe schreiten im feinen Stoff in die Kirche. Auch der Gottesdienst ist eine prunkvolle Inszenierung.

Solche Veranstaltungen sind in der heutigen PR- und Kommunikationswelt auch effektvolle Selbstdarstellungen. Fernsehanstalten rund um die Welt bringen Bilder vom Weihnachtsgottesdienst. Deshalb muss die Inszenierung auch optisch attraktiv sein. Und viele Mitglieder der Kurie sind dem weltlichen Genuss durchaus zugetan. Ihr ästhetisches Empfinden verlangt einen würdigen Rahmen. Und man fragt sich, ob sie sich fragen, was Jesus wohl zu einem solchen Auftritt zum Gedenken an seine Geburt im Stall denken und sagen würde.

Ich entdeckte in diesen Tagen in Madurai, Südindien, im Schaufenster einer Kleiderboutique, eine Krippe mit Jesus, Maria, Joseph und all den Tieren im Stall. Der nackte Jesus als Blickfang für die Kunden, die gern teure Kleider tragen und sie im Laden kaufen sollen. Auch dafür muss Jesus herhalten. So ist er mit seiner Krippe zum Accessoire und zur Folklore verkommen.

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