Jenseitsbotschaft vom Entdecker des LSD

Hugo Stamm am Samstag, den 12. Juli 2014
Gruss aus dem Fingerhut: Albert Hofmann 2006 im Kongresszentrum in Basel, zwei Tage nach seinem 100. Geburtstag. Foto: Patrick Straub (Keystone)

Gruss aus dem Fingerhut: Der 100-jährige Albert Hofmann 2006 im Kongresszentrum in Basel. Foto: Patrick Straub (Keystone)

Der Basler Psi-Verein ist der Wegbereiter des Esoterikbooms in der Schweiz. Der rührende Förderer der paranormalen Parallelwelt organisiert seit 1967 wöchentlich Veranstaltungen mit Sehern, Medien, Geistheilern und spirituellen Meistern. Internationalen Ruf genossen früher auch die jährlichen Psi-Tage, ein Jahrmarkt des Übersinnlichen und der spirituellen Wunder.

Die Welt des Psi-Vereins ist ein Mysterium, das sich nur Eingeweihten erschliesst. Dies veranschaulicht das Medium Kai Mügge, regelmässiger Gast beim Psi-Verein. Angekündigt werden seine regelmässigen magischen Sitzungen mit wissenschaftlichem Vokabular: «Kai betreibt den klassischen Physikalischen Mediumismus europäischer Prägung: Ein geistiges Wissenschaftler-Team, das er channelt, demonstriert, wie autonome Geist-Persönlichkeiten physikalisch in unseren dreidimensionalen Raum eingreifen und ihn manipulieren können. Höhepunkt ist meist die Exposition von grossen Mengen Ektoplasma, wobei sich Materialisationen von Händen, Gesichtern und Gegenständen im Rotlicht zeigen können.» Alles klar?

Es handelt sich um Séancen, bei denen Tische wackeln und wandern (Levitation), Geistwesen oder Ahnen erscheinen und Gegenstände auf wundersame Weise herabregnen.

Ein Beispiel: Bei einer solchen Séance gab sich ein berühmter Wissenschaftler die Ehre. Dem Teilnehmer Lucius Werthmüller, Präsident des Psi-Vereins, «regnete» es eine rund fünf Zentimeter grosse Halbkugel aus Wachs in die Hand. Darin entdeckte der Beschenkte einen Fingerhut, der einen handschriftlichen Zettel mit der Botschaft enthielt: «Lucius schau diese wundervolle Natur, sie lebt. Ich lebe Albert.»

Albert war schnell identifiziert: Lucius Werthmüller wusste sofort, dass die Jenseitsbotschaft von Albert Hofmann, dem verstorbenen Erfinder des LSD, stammte. «Albert Hofmann hat mir zu Lebzeiten mehrmals Briefe oder Widmungen in exakt dieser Form der Anrede ohne nachfolgendes Komma geschrieben», berichtete der Präsident des Psi-Vereins hocherfreut.

Bei der lapidaren Botschaft stellt sich die Frage, ob Tote uns nicht mehr über das Leben zu sagen haben. Oder hatte Hofmann am psychedelischen Stoff gebastelt, der ihn schon zu Lebzeiten berühmt gemacht hatte? Vielleicht hatte er vorgängig den Teilnehmern der Séance das berauschende Mittel «regnen» und ihre Wahrnehmung trüben lassen.

Unbestritten ist aber, dass die drei Abendséancen von Kai Mügge im August bereits ausgebucht sind und ihm Eintrittsgelder in der Höhe von fast 10'000 Franken einbringen. Es ist beruhigend, dass es in der Welt des Psi-Vereins auch handfeste Aspekte gibt.

Der Mythos von der Wiederkehr des Religiösen

Hugo Stamm am Samstag, den 5. Juli 2014
MINARETT, MINARETTE, VERBOT, PLAKAT, VOLKSINITIATIVE, INITIATIVE MINARETTVERBOT,

War der Abstimmungskampf um das Minarettverbot wirklich ein Beweis für die Rückkehr des Religiösen, wie manche behaupten? Foto: Urs Flüeler/Keystone

Manche Religionswissenschaftler werden nicht müde, die Wiederkehr des Religiösen zu propagieren. Die amerikanische Expertin Monica Toft gab ihrem neuen Buch sogar den Titel «Gottes Jahrhundert». Wunschtraum einer Gläubigen oder Realität? Die Autorin verweist auf die öffentliche Diskussion über religiöse Themen in den Medien. Dabei erwähnt sie das Burkaverbot in Frankreich. Auch der Schweiz gibt sie die Ehre und zieht das Minarettverbot als Beweis heran.

Tatsächlich tauchen religiöse Themen täglich in den Schlagzeilen auf. Doch Wiederkehr des Religiösen? Man reibt sich verwundert die Augen. Denn die Schlagzeilen demonstrieren uns vor allem die hässliche Seite der Religiosität: Intoleranz, Verfolgung, Hass, Gewalt.

Zuständig für die öffentliche Aufmerksamkeit sind in erster Linie der Islam und die Islamisten. Al-Quaida, Isis, Boko Haram zetteln Bürgerkriege an und sorgen auch im Westen für Angst und Schrecken. Sie kämpfen gegen Aufklärung und Demokratie – und für den Gottesstaat. Wenn die Religionswissenschaftler diese Form der Wiederkunft des Religiösen meinen, dann Gnade Gott.

Das tun die meisten vermutlich nicht. Sie sehnen sich nach einer konstruktiven Religiosität. Doch kehrt diese bei uns zurück? Die Schlagzeilen sind zumindest bei der katholischen Kirche selten schmeichelhaft: sexuelle Übergriffe katholischer Geistlicher, Vatileak, die Verschwendungssucht, Bankskandale im Vatikan usw. Einen Propagandaeffekt erzielt die Kirche nur, wenn ein Papst stirbt oder sich der Pontifex auf einer Weltreise effektvoll in Szene setzt.

Eine klare Antwort auf die angebliche Wiederkehr des Religiösen geben die Zahlen. Zwar gehören immer noch 39 Prozent der Schweizer Bevölkerung der katholischen und 20 Prozent der reformierten Kirche an, doch die meisten sind Karteileichen. Eine Untersuchung des schweizerischen Nationalfonds ergab, dass sich nur noch 23 Prozent der Katholiken und 15 Prozent der Protestanten als echte Anhänger ihres Glaubens bezeichnen. Vor vierzig Jahren besuchte noch rund ein Drittel der Schweizer regelmässig einen Gottesdienst, heute sind es keine 10 Prozent mehr. Ein konkretes Beispiel: In Basel sank die Zahl der Protestanten in den letzten 30 Jahren von 130'000 auf 30'000. Die Folge: Kirchen müssen verkauft oder kommerziell genutzt werden.

Sieht so die Wiederkehr des Religiösen aus? Betrachtet man den Aufschwung der Esoterik als Ersatzreligion, muss eher von einer Wiederkehr des magischen Denkens und des Aberglaubens gesprochen werden.

Sekten als Schmarotzer

Hugo Stamm am Samstag, den 28. Juni 2014
SCIENTOLOGY, SCIENTOLOGE, FREIKIRCHE,

Angebote von Scientology sind so teuer, dass sie die Anhänger wirtschaftlich schwer belasten können. Foto: Lukas Lehmann/Keystone

Die meisten Gurus und viele sektenhafte Gemeinschaften zeichnen sich durch Egoismus und Rücksichtslosigkeit aus. Gleichzeitig gebärden sie sich als Hüter der letzten spirituellen Wahrheiten. Spiritualität trifft auf Egozentrik. Deshalb stört es sie auch nicht, wenn sie immense Kollateralschäden verursachen und sich als Sozialschmarotzer gebärden.

Ein paar Beispiele: Scientologykurse für Fortgeschrittene sind derart teuer, dass sie für viele Anhänger unerschwinglich sind. Die Sekte ködert sie mit dem Angebot, Mitarbeiter zu werden und kostenlos «studieren» zu können. Der Haken: Lohn gibts keinen, die Sozialleistungen sind minimal. Manche verschulden sich und werden im Alter Sozialfälle. Ausserdem isolieren sie sich und brechen oft den Kontakt zu Freunden und Familie ab, wenn diese kritische Fragen zu Scientology stellen. Opfer von Scientology sind deshalb oft nicht nur die Anhänger, sondern auch die Familien. Eltern leiden oft viele Jahre unter der Entfremdung ihrer Kinder.

Viel Leid erzeugen auch radikale Freikirchen. Rutscht ein Ehepartner in eine solche christliche Gemeinschaft ab, bricht die Beziehung meist auseinander. Eine Ehe mit einem «Ungläubigen» – dazu gehören auch Protestanten und Katholiken – geht gar nicht. Dramatisch wird es auch für Kinder, die gegen den radikalen Glauben der Eltern rebellieren. Manche werden mit Liebesentzug bestraft, der Kontakt wird auf Eis gelegt. Selbst die Eltern leiden, weil sie glauben, versagt zu haben und von Gott dafür bestraft zu werden. Ausserdem befürchten sie, ihre Tochter oder ihr Sohn sei dem Teufel anheimgefallen. Suizide sind nicht selten. Besonders hart trifft es Homosexuelle, die stigmatisiert werden.

Schwer geprüft werden auch Eltern, deren Kinder bei den Kindern Gottes (Schicksal der Ironie: auch «Die Familie» genannt) gelandet sind. Sie betteln sich durch das Leben und haben oft viele Kinder. Der Kontakt zu den Eltern wird auf ein Minimum beschränkt. Steigen die Mitglieder der «Familie» aus, stehen sie vor dem Nichts: keine Ausbildung, kein Job, keine Verbindung zur Aussenwelt. Oft springen dann die leiblichen Eltern ein, die jahrelang verteufelt worden waren. Oder eben der Staat.

Die meisten Sekten sind Sozialschmarotzer, hinterlassen Opfer und bringen viel Leid in Familien und Freundeskreis. In ihrem Egoismus fühlen sie sich von Gott oder einer kosmischen Instanz geleitet, in Wahrheit leben sie in einer absurden Parallelwelt.

Wenn der Glaube zum Krieg führt

Hugo Stamm am Samstag, den 21. Juni 2014
In Gottes Namen: Die islamistische Sekte Boko Haram hat in Nigeria 200 Mädchen entführt. Foto: Keystone

In Gottes Namen: Die islamistische Sekte Boko Haram hat in Nigeria 200 Mädchen entführt. Foto: Keystone

Religion und Glaube sind feste Bestandteile menschlicher Kultur und Tradition. Die Hoffnung auf spirituelle Erweckung und metaphysische Erlösung lässt das «Jammertal» besser ertragen.

Doch der Preis ist hoch, den wir für unsere religiösen Sehnsüchte bezahlen. Denn der Grat zwischen aufbauender Spiritualität und religiöser Verblendung, die oft in die radikale Frömmigkeit führt, ist schmal. Denn es geht um das Höchste und das Letzte: die Bestimmung des Menschen auf alle Zeiten. Um die Ewigkeit.

Deshalb sind Glaube und Religion konfliktträchtig. Sie enthalten das emotionale Potenzial, Gläubige zu fanatisieren. Die Geschichte der Menschheit ist geprägt von Religionskriegen. Menschen haben sich im Namen Gottes unendlich viel Leid zugefügt. Sekten haben Massensuizide und Massenmorde begangen. Trotz Erziehung, Bildung und Aufklärung zieht sich die Blutspur bis in unsere Tage. Viele Krisenherde haben eine religiöse Komponente.

In zahlreichen christlichen Ländern haben Religionsfreiheit und Individualisierung eine rasante Säkularisierung bewirkt. Ein Religionskrieg ist in Mitteleuropa nicht mehr denkbar. Wirtschaftlicher Aufschwung und Wohlstand haben die religiösen Gefühle abgekühlt. Die christlichen Kirchen entleeren sich und verlieren an Bedeutung. Es gibt keinen Grund mehr, sich für Gott die Köpfe einzuschlagen. Die Säkularisierung hat die Welt sicherer gemacht.

Manche islamische Länder sind noch weit davon entfernt, Religion und Politik zu entflechten. Fundamentalisten streben den Gottesstaat an. Oft ist ihnen dabei kein Mittel zu grausam, um politische Macht zu erlangen. In Ägypten zum Beispiel führte der Kampf für die Freiheit in den religiösen Würgegriff. In Algerien fackeln Islamisten christliche Kirchen ab und bringen Gläubige um. Der Gipfel religiöser Perversität ist die Entführung von 200 Mädchen und jungen Frauen. Manchmal erhält man den Eindruck, dass radikaler Glaube nicht nur fanatisch macht, sondern zu einer emotionalen Regression führt, die den Verstand blockiert.

Eine besonders absurde Spielart religiöser Verblendung und Aggression zeigt sich im Irak. Seit dem Abzug der US-Armee schlagen sich Sunniten und Schiiten die Köpfe ein, Glaubensbrüder kämpfen um die politische Macht.

Machtpolitik und religiöser Fanatismus tragen ein grosses Aggressionspotenzial in sich. Die Entflechtung der beiden Disziplinen ist notwendig, um die Welt ein wenig sicherer zu machen.

Bewirkt Gott Gebetswunder?

Hugo Stamm am Samstag, den 14. Juni 2014
Kann man mit Gebeten über Nacht seinen Öltank füllen lassen? Foto: Reuters

Kann man mit Gebeten über Nacht seinen Öltank füllen lassen? Foto: Reuters

Beten kann Trost spenden. Wenn wir Angst haben oder einen Schicksalsschlag erleiden, schicken wir oft ein Stossgebet nach oben. Auf dass Gott das Schicksal von uns abwenden möge. Doch die Erfahrung zeigt, dass er beispielsweise einen Unfall nicht ungeschehen oder rückgängig macht.

Mitglieder von Freikirchen sehen das anders. Sie sind überzeugt, dass Gott auf ihre Gebete reagiert und ihnen in schwierigen Situationen beisteht. Und zwar sehr konkret und spürbar.

Ein Beispiel sind die «Moms in Prayer Schweiz», also die betenden Mamis, eine international tätige Gebetsbewegung von Müttern. Wöchentlich beten sie für ihre Kinder und deren Schulen. In diesen Tagen schmeichelten sie sich bei den Lehrern einer Zürcher Unterländer Schule ein und brachten ihnen einen Znüni. «Es ist ein Vorrecht, dass wir unsere Mutterherzen vor Gott ausschütten und die Anliegen unserer Kinder vor IHM ausbreiten dürfen», schreiben die betenden Mütter auf ihrer Homepage. Sie freuen sich auch «gemeinsam über Gebetserhörungen». Sie sind also überzeugt, von Gott gehört und berücksichtigt zu werden. Ausserdem beten sie dafür, «dass unsere Schulen nach biblischen Massstäben geführt werden». Das Gebet dient also auch als Missionsinstrument.

Die betenden Mütter glauben weiter, dass Gott «alle, die durch Jesus Christus zu Ihm kommen, von Sünde und Tod errettet». Schliesslich zeigen die betenden Mamis ihr hartes, religiöses Herz, das von der Verblendung versteinert ist: «Wir glauben sowohl an die Auferstehung der Geretteten, als auch der Verlorenen; der Geretteten zum ewigen Leben, der Verlorenen zum ewigen Verderben.» Das zweite Beispiel liefert der Architekt Toni Cherti in der freikirchlichen Zeitschrift «ideaSpektrum». Als er in finanziellen Nöten war, ging ihm in einem kalten Winter das Heizöl aus. Er fror. Und betete, Gott möge ihm den Tank mit Öl füllen. Eines nachts erwachte er am Geräusch seiner Heizung. Sie lief, der Tank war voll. Gefüllt von seinem Herrn. Gottes wundersames Wirken sprenge die Vorstellung eines rational denkenden Menschen, sagte Cherti.

Da stellen sich Fragen: Berücksichtigt Gott nur betende Christen? Füllt er einen Öltank und lässt gleichzeitig Kinder in Afrika verhungern? Lässt er sich durch Gebete bestechen? Sieht er als allmächtiges Wesen nicht selbständig, wo Menschen in wirklicher Not sind? Oder sind Gläubige vielleicht egozentrisch, nehmen sie Gott exklusiv für sich in Anspruch und erwarten von ihm die Erfüllung von alltäglichen Wünschen?

Suizide bei den Zeugen Jehovas

Hugo Stamm am Samstag, den 7. Juni 2014
Scheinbar auswegslos: Zeugen Jehovas halten  im Hallenstadion in Zürich den Berzirkskongress 2009 (25. Juli 2009).(Keystone/Alessandro

Ausweglose Isolation: Zeugen Jehovas halten im Hallenstadion in Zürich den Bezirkskongress ab (25. Juli 2009). (Keystone/Alessandro Della Bella)

Die Zeugen Jehovas gelten bei uns als eine etwas sonderbare Freikirche, im Ruch einer Sekte stehen sie aber kaum. Sie werden allenfalls als lästig empfunden, wenn sie von Haustür zu Haustür gehen, um Leute zu bekehren.

Die problematischen Seiten der Zeugen Jehovas sind aber kaum bekannt. Da wäre die soziale Isolation. Mit Ungläubigen wollen sie möglichst nichts zu tun haben. Weltlicher Einfluss gilt als Verführung. Öffentliche Ämter werden meist gemieden, die einzig akzeptierte Autorität ist für sie Gott. Deshalb verweigern viele auch den Militärdienst.

Geburtstage werden nicht gefeiert, alle Ehre gehört Gott. Weihnachten, Ostern sind verpönt, Theaterspiel ebenso. Darunter leiden Schulkinder, die nicht an den Feiern teilnehmen dürfen.

Diese Entfremdung zeigt sich vor allem beim Endzeitglauben. Die Zeugen Jehovas sind überzeugt, wir lebten in den letzten Tagen. Doch das tun sie schon seit 100 Jahren. Bereits 1914 prophezeiten sie das Ende, danach weitere Male. Doch alle Pleiten hindern sie nicht daran, sich weiterhin auf den baldigen Untergang vorzubereiten. Manche überlegen sich deshalb, ob sie noch eine Ausbildung absolvieren oder Kinder auf die Welt stellen sollen.

Lebensgefährlich wird es bei Operationen oder Unfällen, die mit Blutverlust verbunden sind. Aus religiösen Gründen lehnen sie Bluttransfusionen kategorisch ab. Lieber verbluten sie, was immer wieder vorkommt. Manchmal sterben dabei auch Ungeborene.

Die Religionsfreiheit schützt die Zeugen Jehovas, von denen es weltweit rund acht Millionen gibt, in der Schweiz ungefähr 20'000. Doch in Finnland regt sich nun Widerstand. Es geht um mehrere Suizide und den Verdacht auf Menschenrechtsverletzungen, wie die finnische Zeitung SVT berichtet. Eingeschaltet haben sich auch das Innen- und das Justizministerium.

Ein Beispiel: Ein junger Zeuge verliebte sich in eine «ungläubige» Frau – und wurde ausgeschlossen. Die Familie brach den Kontakt zu ihm ab, er wurde beschuldigt und bedroht. In seiner Verzweiflung beging er Suizid. Oder: Ein Homosexueller wurde ausgeschlossen und gemieden. Sein Bruder grüsste ihn nicht mehr auf der Strasse. Heute leidet er unter psychischen Problemen. Ausserdem berichten junge Frauen von Vergewaltigungen durch Führungskräfte der Zeugen Jehovas. Sie seien danach unterdrückt und beschuldigt worden, die Übergriffe provoziert zu haben, berichten die Opfer. Justizministerin Anna-Maja Henriksson möchte nun die Fälle gerichtlich abklären lassen.

Therapie gegen Homosexualität?

Hugo Stamm am Samstag, den 31. Mai 2014
Eine Regenbogenflagge weht anlässlich der Schwulenparade in Zagreb. (Reuters/Nikola Solic)

Verfahrene Beziehung: Eine Regenbogenflagge weht anlässlich der Schwulenparade in Zagreb. (Reuters/Nikola Solic)

Freikirchen interpretieren die Bibel als authentisches Wort Gottes. Sie weigern sich, biblische Aussagen gleichnishaft zu interpretieren. Somit geraten sie mit ihrem fundamentalistischen Bibelverständnis immer wieder in Teufels Küche, denn die Widersprüche zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und zur modernen Bibelforschung sind offensichtlich.

Ein Beispiel ist die Homosexualität. Für viele Freikirchen ist sie eine unnatürliche, von Gott nicht akzeptierte Form erotischen Empfindens. Manche sehen darin gar einen Ausdruck sündigen Verhaltens. Sie verlangen von Schwulen und Lesben, sich sexuell zu enthalten oder eine heterosexuelle Ehe einzugehen. Dass dies aus psychologischer Sicht Unsinn ist, zeigen die Erfahrungen. Ein späteres Outing ist für Ehefrau und Kinder meist ein Schock.

Erstaunlicherweise wird die Homosexualität in der Bibel nur an wenigen Stellen erwähnt. Im Alten Testament verbietet Gott dem Volk Israel homosexuelle Handlungen. Legt sich ein Mann zu einem Mann wie zu einer Frau, fordert Gott die Todesstrafe. Im Neuen Testament ist es vor allem der Moralapostel Paulus, der die Homosexualität als widernatürliche Unzucht verurteilt.

Die moderne Psychologie ist sich heute einig, dass Homosexualität schon früh angelegt und keine selbst gewählte Neigung ist. Es ist für Betroffene mehr als verletzend, sie moralisch für ihre sexuelle Orientierung verantwortlich zu machen und sie religiös zu stigmatisieren. Das ist schon beinahe eine Spielform von Rassismus.

Homosexuelle, die früher in freikirchlichen Familien aufwuchsen, trugen ein schweres Los. Versteckten sie sich, mussten sie ein Doppelleben führen und gingen durch die Hölle. Outeten sie sich, brachten sie Schande über die Familie und mussten sich durch ein «Umpolungsseminar» quälen. Gelang es ihnen nicht, ihre sexuellen Neigungen wegzubeten – was so sicher war wie das Amen in der Kirche –, fühlten sie sich erst recht sündig und von Gott verlassen. Viele begingen in ihrem Dilemma Suizid.

Trotzdem hält die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA), der Dachverband evangelikaler Freikirchen, Gruppen und mehrerer reformierter Kirchgemeinden, in einem Grundsatzpapier fest, dass sexuelle Orientierung formbar sei und ein Drittel der Veränderungswilligen zur Heterosexualität finden würde. Ein weiteres Drittel erlebe eine wesentliche Veränderung der sexuellen Ausrichtung. Das schreibt der Arzt, SEA-Präsident, Sexualtherapeut und Leiter der Berner Freikirche Vineyard, Wilf Gasser.

Das ist religiös motivierter Nonsens und widerspricht allen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sogar die weltweit grösste freikirchliche Organisation Exodus International, die fast 40 Jahre lang Schwule «umtherapierte», musste den fatalen Irrtum zugeben und löste sich im vergangenen Jahr auf, wie Regina Spiess, Projektleiterin der Beratungsstelle Infosekta, im neuen Jahresbericht schreibt. Exodus gab zu, dass Therapien gegen Homosexualität wirkungslos seien.

Esoterik als Ersatzdroge

Hugo Stamm am Samstag, den 24. Mai 2014
Hugo Stamm

Kennen Sie auch eine wiedergeborene Kleopatra? Hier legendär gespielt von Elizabeth Taylor 1963. (Foto: Keystone)

Der Siegeszug der Esoterik durch alle westlichen Länder ist beispiellos. Der neo-spirituelle Virus griff in den letzten 50 Jahren breitflächig um sich, vor allem bei Frauen.

Wie ist das Phänomen zu erklären? Die Idee von der Selbsterlösung und der spirituellen Wunder macht einen grossen Teil der Faszination aus. Das christliche Hoffen auf die Gnade Gottes war gestern. Wir wollen die Hoheit über die Zukunft. Die Idee von der Wiedergeburt soll es richten.

Die moderne Esoterik ist wie das zivile Leben geprägt von der Globalisierung und Individualisierung. Und von einer gesteigerten Anspruchshaltung. Deshalb unterliegt auch die spirituelle Welt Modetrends und ökonomischen Zwängen. Längst ist der Esoterikmarkt ein globales Imperium, das Milliarden umsetzt. Um die Kunden anzufixen und auf Trab zu halten, werden immer neue Dienstleistungen und Produkte auf den Markt geworfen. Dabei ist die Esoterik eigentlich ein geheimes Wissen für Eingeweihte.

Einst waren Rückführungen der grosse Schlager. Die Reise zurück in angebliche frühere Leben war aufregend. Viele Frauen erfuhren auf ihrer Zeitreise, dass sie eine Reinkarnation von Kleopatra sind. (Dass aktuell Tausende wiedergeborene Kleopatras leben, gehört zu den biologischen Wundern der Esoterik.) Als jedoch die Umgebung den «neuen Kleopatras» die erhoffte Referenz nicht erwies, verlor die Rückführung an Glanz. Also zog die spirituelle Karawane weiter.

Es folgten Reisen zu spirituellen Kraftorten, um in hoch suggestiven Seminaren die kosmischen Kräfte und Geistwesen heraufzubeschwören. In weiteren Workshops gings später um Reiki, das Pendeln, die Kontaktnahme mit seinem Engel und Geistführer. Das Karussell drehte sich immer schneller, man übte das Familienstellen nach Bert Hellinger, die Geistheilung, den Lichtnahrungsprozess, das Channeling und vieles mehr.

Die Seminarleiter und spirituellen Meister versprachen bei jedem neuen Kurs den grossen Durchbruch oder die Erleuchtung. Es knisterte in den Workshops, Massensuggestion, Sehnsucht und Vorfreude heizten die Atmosphäre an. Die Euphorie wurde als Zeichen des geistigen Aufstieges interpretiert. Endlich war die spirituelle Erlösung greifbar, hofften die Sucher.

Doch wie bei allen Rauschmitteln versiegte der Strom der Glückshormone spätestens am Montag im Büro. Die Sehnsucht auf den nächsten Kick wuchs rasch an. Doch nach der zehnten Rückführung oder Umarmung der Bäume war die Kraft des euphorisierenden Rituals verpufft. Da es inzwischen mehrere Hundert esoterische Disziplinen gibt, ist die Jagd nach der Erleuchtung eine lebenslange Aufgabe geworden. Allerdings steigen viele mit der Zeit aus, weil ihnen das Geld ausgeht oder sich der erwartete Durchbruch als Fata Morgana erweist. Von der Sehnsucht blieb nur die Sucht.

 

Meister im Verdrängen

Hugo Stamm am Samstag, den 17. Mai 2014
Hugo Stamm

Der Tod ist ihr Kerngeschäft: Bestatterfamilie Fisher aus der Erfolgsserie «Six Feet Under» bei der Beerdigung ihres Vaters. (Foto: HBO)

Der Tod ist vorbestimmt, sagte mir kürzlich ein Esoteriker. Dies habe vermutlich mit der karmischen Belastung zu tun, fügte er an.

Die Idee vom vorbestimmten Tod ist weitverbreitet. Bei vielen hat er nicht primär eine religiöse Seite, sondern ist psychologisch begründet. Der Glaube daran entbindet uns ein Stück weit von der Verantwortung. Ganz nach dem Motto: Es hat keinen Sinn, sich allzu viele Gedanken über das Altern und den allfälligen Todeszeitpunkt zu machen, denn im Buch des Todes ist das Datum seit der Geburt vermerkt. Das hilft über quälende Fragen hinweg.

Diese Idee nimmt auch der Angst vor dem Tod einen Teil des Schreckens. Wenn das Todesdatum feststeht, macht es auch wenig Sinn, seriös zu leben oder Vorsorge zu betreiben. Deshalb flüchten wir uns gern in die Aussage: Es kommt, wie es kommt.

Wirklich? Was ist, wenn ich rauche und an Lungenkrebs sterbe? Ist es vorbestimmt, dass ich Raucher werde? Oder hätte ich, wenn ich nicht rauchen würde, am vermeintlichen Todestag einen tödlichen Autounfall?

Wir Menschen sind Meister im Verdrängen. Denn die Idee vom Todesdatum ist voll von Widersprüchen. Vor rund 200 Jahren wurden die Menschen halb so alt wie wir. Weshalb? Hat Gott in einer lichten Stunde entschieden, das Durchschnittsalter anzuheben? Als Belohnung für kollektives Wohlverhalten?

Wohl kaum. Ursache der grösseren Lebenserwartung ist unser Erfindergeist. Technik und Wissenschaft haben unser Leben erleichtert und sicherer gemacht. Vor allem die medizinischen Fortschritte lassen uns älter werden. Zum Beispiel stieg das Durchschnittsalter schlagartig, als die Impfungen erfunden wurden.

Begründet man den Todeszeitpunkt mit der Karmatheorie, stecken wir noch tiefer im Aberglauben. Die Idee besagt, dass wir im aktuellen Dasein dafür büssen, was wir im vergangenen Leben verbockt haben. Das würde bedeuten, dass die Schönen, Reichen und Intelligenten karmisch rein sind und uralt werden, die Hässlichen, Armen und Dummen jedoch früh abberufen werden.

Die Statistik widerlegt diese Denkweise. Und somit die Karmatheorie, wenn sie in Verbindung mit dem Todesdatum gebracht wird. Denn in reichen Ländern leben Arme oft länger als Reiche, weil sie gezwungenermassen ein gesünderes Leben führen und nicht an Zivilisationskrankheiten leiden. Das Leben ist meist komplizierter, als uns Binsenwahrheiten weismachen wollen.

Sieg der Magie

Hugo Stamm am Samstag, den 10. Mai 2014
Hugo Stamm

Wo nichts drin ist, kann auch nichts wirken: Zum Beispiel in homöopathischen Globuli. (Foto: Keystone)

«Wer heilt, hat recht.» Mit dieser Standardantwort winden sich die Vertreter der Alternativmedizin heraus, wenn ihnen die fachlichen Argumente ausgehen. Sie suggerieren damit, sie seien fähig, Patienten zu heilen. Richtig ist hingegen, dass alle ihre bisherigen Bemühungen fehlschlugen, die Wirkung ihrer Methoden wissenschaftlich zu beweisen.

Nun kommt ihnen der SP-Bundesrat Alain Berset zu Hilfe und befreit sie von der Pflicht, den Wirkungsnachweis zu bringen.

Wie kommt Berset zu diesem Kniefall? Es geht um die Abstimmung über die Komplementärmedizin von 2009. 67 Prozent der Stimmbürger forderten damals, dass die Krankenkassen fünf alternative Methoden vergüten müssen. Doch das Krankenversicherungsgesetz verlangt zwingend, dass Leistungen der Grundversicherung wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein müssen. Ein Dilemma. Denn die alternativen Methoden können den Beweis der Wirksamkeit nicht erbringen. So hat es die Eidgenössische Leistungs- und Grundsatzkommission entschieden.

Zum Beispiel die Homöopathie: Seit 200 Jahren suchen ihre Vertreter nach wissenschaftlichen Beweisen. Vergeblich. Denn wo nichts drin ist, also in den Globuli und Tinkturen, kann nach gängigem Wissenschaftsverständnis auch nichts wirken. Deshalb hätten die Alternativmethoden 2017 – nach einer Versuchsphase – aus dem Katalog der Krankenkassen gestrichen werden sollen.

Nun wagt Berset mit dem Hinweis auf den Volkswillen den Spagat. Husch segnet er die Alternativmethoden ab, Krankenversicherungsgesetz hin oder her. Noch mehr: Er stellt die Komplementärmedizin den anderen vergüteten Fachrichtungen gleich, also der Schulmedizin, und spricht nebulös vom Vertrauensprinzip. Fast scheint es, als habe die Politik manchmal auch mit magischem Denken zu tun.

  • Letzte Beiträge

  • Letzte Kommentare

  • Kategorien

  • Archiv

Werbung

Die neuen digitalen Abos

Unbeschränkten Zugriff auf den Tages-Anzeiger. Jetzt testen ab CHF 1.-.

Der richtige Flow

Man kann sich nicht konzentrieren und Lust hat man auch nicht. Was tun?

Werbung

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.