Wahr ist, was mir guttut

Hugo Stamm am Samstag, den 19. April 2014
Hugo Stamm

Spiritualität wird individueller: Meditierender am Zürichsee. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Die Sektenlandschaft ist im Wandel. Der Zeitgeist geht auch an den radikalen religiösen Gruppen nicht spurlos vorbei. Individualisierungstendenzen und Verweltlichung färben auf das spirituelle und religiöse Milieu ab, die grossen Sekten verlieren an Attraktivität und krebsen.

Zum Beispiel Scientology. Die amerikanische Sekte hämmert ihren Mitgliedern seit Jahren ein, sie sei die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft. Je öfter sie es wiederholt, umso weiter entfernt sie sich von der Wirklichkeit. Einst verkündete die Sekte, in der Schweiz 10'000 Mitglieder zu haben. Ein Propagandawert. Im Lauf der Jahre schrumpfte die kommunizierte Zahl auf etwa die Hälfte. Heute sind noch lediglich ein paar Hundert Mitglieder aktiv.

Was ist passiert? Die kritischen Medienberichte wirkten abschreckend, die Mission geriet ins Stocken. Was vielleicht noch wichtiger ist und für die meisten grossen Bewegungen gilt: Das religiös oder spirituell interessierte Publikum will sich nicht länger einer autoritären Grossgemeinschaft unterordnen, sondern sich die Seele nach dem Konsumprinzip individuell massieren lassen.

Die Summe der religiösen Bedürfnisse sinkt aber kaum. Leute, die spirituell interessiert sind oder das «Gottesgen» in sich tragen, suchen nach Alternativen. Diese finden sie zunehmend in esoterischen Zirkeln oder in den Kleingruppen vieler Geistheiler und Gurus. Ausserdem brauchen heute viele spirituelle Sucher keine starre Bewegung mehr als religiöse Heimat. Sie bedienen sich vielmehr am breiten esoterischen Angebot und hauchen ihr Om vor ihrem Altar im Schlafzimmer, auf dem Statuen oder Bilder mehrerer Avatare oder Götter stehen. So basteln sie sich ihre Privatreligion, die nach hedonistischer Art auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ganz nach dem verbreiteten Lebensmotto: Wahr ist, was mir guttut.

Hinweis: Im «Club» des Schweizer Fernsehens vom 15. April diskutierten Hugo Stamm und andere Studiogäste zum Thema: Gottlos glücklich – Braucht es Religion?

Gott entsteht im Hirn

Hugo Stamm am Samstag, den 12. April 2014
Hugo Stamm

Durch Trance zu Gott: Gläubige in einer evangelikalen Kirche in den USA. Foto: Reuters

Religion und Glauben sind an Rituale gebunden. Der Grund: Die beiden Phänomene appellieren an die rechte Hirnhälfte, also ans emotionale Zentrum, das unser Gefühlsleben steuert. Da Worte eher abstrakt sind, müssen religiöse Botschaften über suggestive Elemente und starke Gefühle transportiert werden. Ein Glaube ohne Rituale wird zur geistigen Schwerarbeit. Es braucht das Gemeinschaftsgefühl als Katalysator, um religiöse Gefühle im Bewusstsein zu verankern und Begeisterung oder gar Ekstase auszulösen.

Zu den wirkungsvollsten Ritualen gehören Meditation und Gebet. Diese kollektiven Formen der spirituellen Versenkung werden seit mehreren Tausend Jahren angewandt. Religionsgründer hatten schon früh erkannt, dass man Gläubige mit emotionalen Elementen nähren muss, um sie emotional zu berühren und an sich zu binden.

Seriöse Geistliche wissen um die Kraft der religiösen Rituale und setzen sie zurückhaltend ein. Denn die freigesetzten Emotionen können auch dazu missbraucht werden, Abhängigkeiten zu schaffen. Sektenführer und manche Prediger von Freikirchen benutzen aber Rituale gezielt, um die Gläubigen an sich oder die Glaubensgemeinschaft zu binden. Der indische Guru Bhagwan, der sich später Osho nannte, erfand mehrere Rituale, die die Anhänger in emotionale Grenzzustände oder gar Ekstase trieben. In der dynamischen Meditation tanzen sich die Anhänger beispielsweise die Seele aus dem Leib, sie schreien, lachen und weinen, um hinterher ganz still und leer zu sein. Oder durch Hyperventilieren wird im Hirn ein Sauerstoffüberschuss produziert, der rauschartige Zustände bewirkt.

Ähnliche Effekte erzeugen viele charismatische Freikirchen. Mit lauter Musik und eindringlichen Predigten, bei denen die Pastoren ihre biblischen Botschaften stakkatomässig einpeitschen, werden die Gläubigen «aufgeladen». Sie schliessen die Augen, reden tranceähnlich in anderen Zungen, heben die Arme und wiegen glückselig den Kopf. Dieses Schaumbad der Emotionen interpretieren die Gläubigen gern religiös: Sie glauben, Gott habe sie soeben berührt. Dass die starken Gefühle primär durch äussere und autosuggestive Einflüsse entstanden sind, erkennen sie nicht. Gott entsteht dann im Hirn, das Adrenalin bringt uns ihm näher.

Sicher ist aber, dass bei solchen Ritualen, ja sogar bei stillen Gebeten, die Hirnfunktionen heruntergefahren werden, wie mehrere Untersuchungen zeigen. Denn die Ratio ist der Feind des Glaubens. Radikale Glaubensgemeinschaften fürchten deshalb Zweifel und Kritik der Gläubigen. Denn keine Glaubensgemeinschaft ist frei von Widersprüchen. Es ist auch kein Zufall, dass schon in der Bergpredigt steht: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihnen ist das Himmelreich.

Erst kürzlich hat der dänische Religionswissenschaftler Uffe Schjodt nachgewiesen, dass sogar gebetsartige Fürbitten von Predigern die Hirnfunktion der Gläubigen vermindern. Durch bildgebende Untersuchungen (MRI) zeigte er auf, dass Hirnregionen, die für die selektive Aufmerksamkeit, das kritische Denken, die Planung und die Willensbildung zuständig sind, deutlich weniger aktiv waren als bei weltlich orientierten Personen.

Der Philosoph Ludwig Feuerbach nahm die Erkenntnis schon vor weit über 100 Jahren vorweg, als er sagte: «Das Dogma ist nichts anderes, als ein ausdrückliches Verbot zu denken.»

Heiler spielen mit dem Leben ihrer Patienten

Hugo Stamm am Samstag, den 5. April 2014
Unrealistische Versprechen: Eine Heilerin behandelt eine Patientin. (AFP/Boris Heger)

Unrealistische Versprechen: Eine Heilerin behandelt eine Patientin. (AFP/Boris Heger)

Die Diagnose Krebs löst bei Patienten einen Schock aus. Mit einem Schlag ist nichts mehr wie es war. Die Existenz ist bedroht, die Zukunft ungewiss. Pläne, Projekte, Wünsche, Träume werden unwichtig. Das Bewusstsein wird überflutet von der Angst: Was ist morgen, in den nächsten Wochen und Monaten? Und dann die Bilder im Kopf: Operation, Bestrahlung, Chemo. Ein Leben auf Sparflamme, entkräftet, ohne Haare. Ein Alptraum, der beim Aufstehen einsetzt und einen ins Bett begleitet.

In solchen Grenzsituationen sucht der menschliche Geist zwangsläufig nach Alternativen und Auswegen. Von hier ist der Weg zum Heiler nicht mehr weit.

Es gibt fast 500 Alternativmethoden zur Schulmedizin und allein in der Schweiz mehrere Zehntausend Geistheiler und alternative Therapeuten. Das Problem: Ein Konsumentenschutz fehlt. Jeder kann sich Heiler nennen und Patienten empfangen. Er darf aber keine Heilung versprechen. So will es das Gesetz. Doch viele Heiler greifen gern in die Trickkiste, wie Berichte von Betroffenen oder ihren Angehörigen zeigen. Sie sprechen dann nicht von Therapie, sondern von Übertragung der Heilenergie. Und sie erzählen von andern Klienten, die nach der Behandlung gesund geworden seien. Die Botschaft ist klar: Heilung ist möglich, Alternativmethoden können Wunder bewirken.

Doch wer signalisiert, er könne mit Handauflegen oder Energieübertragung Krebs heilen, ist ein Scharlatan. Wer ein Minimum an Empathie und Redlichkeit mitbringt, macht keine unrealistischen Versprechen. Denn falsche Hoffnungen können tödlich sein: Manche Krebspatienten verzichten auf schulmedizinische Therapien, weil sie hoffen, durch den Heiler geheilt zu werden.

Es braucht keine Voraussetzungen, um eine Praxis als Geistheiler zu eröffnen. Viele Heiler haben keine Ahnung von Anatomie und Pathologie. Niemand prüft, ob sie das Einfühlungsvermögen besitzen, um verantwortungsbewusst mit Patienten arbeiten zu können.

Ein Beispiel: Ein 50-jähriger Mann litt an Krebs. Er war in ärztlicher Behandlung, suchte aber auch Hilfe bei einem Heiler. Seine Frau begleitete ihn jeweils. Nachdem er gestorben war, schickte der Heiler die Rechnung. Er heftete einen Post-it-Zettel drauf und schrieb: «Freundliche Grüsse.» Ein Wort des Trostes suchte die Witwe vergeblich.

Ein weiteres Beispiel: Ein Arzt diagnostiziert bei einer 32-jährigen Frau Brustkrebs. In ihrer Panik wendet sie sich an einen Heiler. Das kriegen wir hin, sagt dieser. Bedingung: Keine harten Therapien wie Operation, Chemo, Bestrahlung. Sie müsse nur ihre spirituelle Blockade lösen und werde gesund. Die Patientin vertraut ihm blind. Alle warnenden Stimmen schlägt sie in den Wind. Als sie nach einiger Zeit über Schmerzen klagt, sagt der Heiler, diese seien Ausdruck des Heilungsprozesses. Auf keinen Fall dürfe sie Schmerzmittel schlucken, weil diese die Selbstheilungskräfte blockierten. Bald leidet die junge Frau Qualen und schreit vor Schmerzen.

Kurz vor dem Tod lässt sie sich doch noch untersuchen. Der Krebs hatte bereits das Schulterblatt durchlöchert. Ihre Überlebenschancen hätten bei schulmedizinischer Betreuung rund 90 Prozent betragen. Der Heiler konnte nicht belangt werden, weil die Patientin eigenverantwortlich gehandelt hatte.

Die Gier regiert den Geist

Hugo Stamm am Samstag, den 29. März 2014
Sinnbild der Prunksucht: Ex-Bischof Tebartz-van-Elst. Foto: Keystone

Sinnbild der Prunksucht: Ex-Bischof Tebartz-van Elst. (Foto: Keystone)

Religionsgemeinschaften verstehen sich als Hüter von Moral und Ethik. Dank göttlicher Inspiration glauben sie zu wissen, welche geistigen und religiösen Ideen die Menschen zu besseren Wesen machen. Ein Hindernis war das «Fleisch». Die Urchristen hatten schon in grauer Vorzeit erkannt, dass der Geist willig ist, das Fleisch aber schwach, wie Matthäus (26,41) schrieb.

Die frühen Christen beanspruchten das geistige und geistliche Monopol und bauten ihre Macht über die Jahrhunderte kontinuierlich aus. Auch sozialpolitisch. Über den Beichtstuhl reichte ihre Kontrolle bis unter die Bettdecke. Mit ihren moralisch rigiden Geboten bestimmten die Geistlichen, was für die seelische Entwicklung gut sei. Reichtum gehörte definitiv nicht dazu.

Deshalb versuchten die Kirchen, ihre Schäfchen darauf zu trimmen, Mass zu halten. Die Gier wurde zur Sünde erklärt – das vermutlich stärkste Mittel zur Disziplinierung. Als Zeuge zogen sie Jesus heran. Der bescheidene Wanderprediger und barmherzige Samariter schien ein glaubwürdiger Botschafter zu sein.

Weniger bescheiden war Jesus, wenn er seine Dogmen und Vorsätze zur Norm erhob. Schliesslich wusste auch er, wie schwach das Fleisch sein kann. So ersann er das Gleichnis vom Nadelöhr. Laut den Evangelien predigte Jesus, dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher durch die Himmelspforte. Die klare Ansage eines radikalen Moralisten.

Die Geschichte mit dem Kamel ist bildlich zu verstehen, also eine Metapher. Doch wie soll man das Bild vom Reichen interpretieren, der nicht ins Reich Gottes gelangen soll? Ist das auch nur ein Gleichnis? Gibt es eine Alternative zum Reich Gottes?

Für die katholische Kirche, die das Erbe des Wanderpredigers verwaltet, scheint das Gebot der Bescheidenheit nicht zu gelten. Sie legte sich schon früh ins Lotterbett der Könige und Kaiser und wurde für ihre Vasallentreue reich beschenkt. Ein Blick auf den Pomp im Vatikan und seine Bank macht klar, dass die katholische Kirche bös abspecken müsste, um durchs Nadelöhr zu passen.

Auch viele Würdenträger würden kaum schlank durch den engen Spalt rutschen. Der Skandal um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst, der seine Residenz feudal renovierte, ist zum Sinnbild der Prunksucht geworden.

Jesus scheint etwas falsch gemacht oder eingeschätzt zu haben, wenn es nicht einmal seinen Stellvertretern gelingt, das Gebot der Bescheidenheit zu leben. Als Verfechter der Schöpfungslehre hat er vermutlich die evolutionäre Seite der menschlichen Raffgier ausser Acht gelassen. Als die Menschen noch Sammler und Jäger waren, gehörte die Gier zum Überlebenstrieb. Diese genetische Prägung scheint unser Verhalten immer noch zu bestimmen. Wie irrational unser Gebaren ist, zeigen uns die Banker mit ihren exorbitanten Löhnen und Boni. Es scheint, dass mit wachsendem Reichtum die Raffgier weiter zunimmt, wie es Vasella, Hoeness und Co. demonstrieren.

So sind die Gene, oder eben das Fleisch, auch heute noch meist stärker als der Geist. Daran konnte auch Jesus nichts ändern. Seine frommen Nachfolger schon gar nicht.

Schwule und Wiederverheiratete dürfen keine Hostien empfangen

Hugo Stamm am Freitag, den 21. März 2014
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Kommunion: Frauen, die die Pille nehmen, Schwule und Wiederverheiratete sollen ausgeschlossen werden. Foto: Keystone

Laut dem Churer Bischof Vitus Huonder sind Kirchenmitglieder, die sich zur Homosexualität bekennen, die Pille als Verhütungsmittel benutzen oder geschieden und wieder verheiratet sind, in einer «irregulären Situation». Eine nette Umschreibung für eine sündige Lebensführung. Oder eine Verfehlung, zumindest aus katholischer Warte. Deshalb werden sie von der Kommunion ausgeschlossen und dürfen keine Hostie empfangen.

Drückt man es ungeschminkt aus, klingt es so: Schwule und Wiederverheiratete sind Gläubige zweiter Klasse. Besonders krass ist das Verdikt für Frauen, die die Pille schlucken. Verhütung ist offenbar des Teufels. Über den Daumen gepeilt stigmatisiert die Kirche damit etwa die Hälfte der Gläubigen zu Personen, die nicht würdig sind, die Kommunion zu empfangen.

Laut Huonder sollen sie die Arme verschränken, damit der Pfarrer weiss: Aha, wieder ein Sünder, der die Hostie nicht verdient. Als Trost bekommen dann die Stigmatisierten den Segen des Pfarrers. Dumm nur, dass die ganze Gemeinde der Gläubigen mitbekommt, wer der Kommunion unwürdig ist. Die Gottesdienstbesucher können dann rätseln: Ist die Gläubige mit den verschränkten Armen lesbisch oder nimmt sie die Pille?

Doch was ist, wenn ein schwuler Pfarrer den Gottesdienst leitet? Also ein «Sünder» andern «Sündern» die Hostie verweigert? Dann führt das Gedankenspiel ins Absurde. So will es das Kirchenrecht, so verlangt es Hardliner Bischof Vituos Huonder.

Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass in der katholischen Kirche schwule Pfarrer tätig sind. Die aufgedeckten Skandale zeigen zudem, dass manche Geistliche pädophil sind. Der katholische Theologe David Berger, der das Buch «Der heilige Schein» geschrieben hat, behauptet, dass 50 Prozent der katholischen Pfarrer homosexuell seien. Es mögen weniger sein. Unbestritten ist aber, dass in der katholischen Kirche überdurchschnittlich viele Geistliche schwul sind.

Es mutet deshalb - um es vorsichtig auszudrücken - sonderbar an, dass Homosexuelle oder Pädophile die Hostie austeilen, schwule Gläubige sie aber nicht empfangen dürfen.

Die meisten Pfarrer in der Schweiz kümmern sich nicht um das Kirchenrecht und verteilen die Hostie allen Gläubigen. Dies mit dem Segen ihrer Bischöfe. Doch der Hardliner Vitus Honder will nun in seinem Bistum das Rad der Zeit zurückdrehen. Dabei scheint es ihm egal zu sein, wie viele seiner Vikare und Pfarrer homosexuell oder pädophil sind. Und somit auch nicht berechtigt, die Hostie zu empfangen. Wichtig ist nur, dass der Schein gewahrt wird und Reformen unterbunden werden können.

Vom Mythos, wir seien die Krone der Schöpfung

Hugo Stamm am Donnerstag, den 13. März 2014
Die Wissenschaft machts möglich: Hubble-Bild einer Sternenformation in der Nähe der Milchstrasse. (Reuters/NASA)

Perspektiven der Wissenschaft: Bild des Sternenbilds Orion vom Satellit Hubble. (Reuters/NASA)

Wir Menschen sind schwach und gebrechlich. Unsere Präsenz auf der Erde ist ein vergleichsweise kurzer Besuch auf diesem Planeten. Schon eine schwere Krankheit kann uns aus der Bahn werfen und uns existentiell erschüttern.

Werfen wir aber einen Blick in den Kosmos, wächst unser Ego. Denn wir sind überzeugt, das Zentrum der Unendlichkeit um uns herum zu sein. Zumindest beseelte uns diese Überzeugung bis zur Neuzeit. Bis uns die Wissenschaften die Dimensionen des Alls aufzeigten. "Nachdem mittlerweile mehr als 500 Planeten in fremden Sonnensystemen entdeckt worden sind, gehört die Existenz anderer Welten und vielleicht sogar anderer Erden längst nicht mehr in den Bereich der Science Fiction", sagt Jennifer Wiseman, Astrophysikerin bei der US-Weltraumbehörde Nasa.

Die bekennende Christin weiss, was dies bedeuten kann. Sollten sich die Merkmale verdichten, dass es Leben auf fernen Planeten gibt, wird es unser Bewusstsein prägen. Vor allem traditionelle Religionen würden in ihrem Selbstverständnis erschüttert.

Die Verfasser der religiösen Schriften, die glaubten, die Erde sei eine Scheibe, konnten vor 1500 und mehr Jahren nicht ahnen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse ihr Weltbild dereinst auf den Kopf stellen werden. Die Wissenschaften stürzten die Religionen in ein Dilemma.

Doch Strenggläubige sind selten verlegen, Widersprüche aus der Welt zu schaffen. Sie berufen sich darauf, die Schriften seien von Gott inspiriert. Dieser Gott habe eine Absicht verfolgt, die wir Menschen nicht erkennen könnten. Und so schauen sie weiterhin voll stolz ins Weltall und sind überzeugt, von Gott exklusiv geschaffen worden zu sein, was aus wissenschaftlicher Sicht nicht sehr wahrscheinlich ist.

Gläubige können immerhin darauf bauen, dass es noch sehr lang dauern wird, bis wir fremdes Leben nachweisen können. Denn die Planeten, in denen andere Existenzen möglich sein könnten, sind unerreichbar weit entfernt. So können sie weiterhin am Glauben festhalten, wir Menschen seien die Krone der Schöpfung. Allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz.

Atheisten wehren sich gegen christliches Monument

Hugo Stamm am Sonntag, den 2. März 2014
Skizze des Monuments, das der Satanic Temple errichten will. Grafik: Keystone

Skizze des Monuments, das der Satanic Temple errichten will. Grafik: Keystone

Die Religionsfreiheit gehört zu den grundlegenden Errungenschaften moderner Gesellschaften und Rechtssysteme. Sie sind deshalb ein zentraler Aspekt der Menschenrechte. Obwohl die Freiheit in religiösen Fragen weitgehend unbestritten ist, kommt es immer wieder zu Disputen und Auseinandersetzungen. Denn Gläubige neigen manchmal dazu, die Rechte aus ihrer Sicht zu werten oder für ihre Interessen zu nützen. Die subjektive Sichtweise führt denn auch dazu, dass sich Strenggläubige schwer tun, die Religionsfreiheit bedingungslos zu akzeptieren. Ein Beispiel aus Oklahoma City veranschaulicht den Gewissenskonflikt.

Es begann mit einer Statue. Fromme Christen stellten letztes Jahr vor dem Regierungssitz eine Steintafel mit den Zehn Geboten Gottes aus dem Alten Testament auf. Politiker und Öffentlichkeit sollten an die universalen Gesetze Gottes erinnert werden. Ein frommer Wunsch also. Und eine religiöse Demonstration.

Doch nicht alle fanden die Aktion gelungen. Denn auch in den USA, einst das Musterland der frommen Christen, wenden sich immer mehr Gläubige von den Kirchen – vor allem Freikirchen - ab. Keine Freude an der Statue hatten auch die Mitglieder des Satanic Temple. Diese haben es sich zur Aufgabe gemacht, darauf hinzuweisen, dass alle Glaubensgemeinschaften gleich zu behandeln sind. Deshalb verlangten sie, ebenfalls eine Statue aufstellen zu dürfen.

Die frommen Christen waren entsetzt. Diese Provokation wollten sie sich nicht gefallen lassen. Die Satanisten seien keine Glaubensgemeinschaft, monierten sie. Die Teufelsanbeter würden schliesslich nicht an einen Gott glauben. Allerdings handelt es sich beim Satanic Temple primär um eine Gruppe von atheistischen Aktivisten. Sie geben auch zu, nicht zu Satan zu beten, weil sie so wenig an ihn glaubten wie an Gott. Der Teufel ist in ihren Augen nur ein literarisches Konstrukt. Fast so wie Gott. In ihren Augen.

Die frommen Christen waren empört, ihre Seelen kochten. Höhepunkt der verbalen Auseinandersetzungen war die Äusserung eines Fernsehmannes, der sagte, man solle die Leute vom Satanic Temple erschiessen. Das sei eine Morddrohungen aufgrund unserer religiösen Überzeugung, konterte ein Sprecher.

Nun muss ein Gericht entscheiden, ob die Pseudosatanisten ebenfalls eine Statue aufstellen dürfen. Oder ob die steinernen Zehn Gebote geräumt werden müssen. In Alabama mussten Christen, die ebenfalls eine Steintafel errichtet hatten, das Monument entfernen.

In gewisser Weise halten die Atheisten den frommen Christen einen Spiegel vor die Nase.

Warum ist die christliche Ethik nicht erfolgreicher?

Hugo Stamm am Samstag, den 22. Februar 2014

Der nachfolgende Impulstext wurde von Ruedi Schmid (Optimus) verfasst:

HEIMERZIEHUNG, WAISENHAUS, WAISE,

Wie sieht es mit der christlichen Nächstenliebe aus? Bild: Kinder in einem christlichen Waisenheim in Haiti. (Keystone/Nalio Chery)

Die christliche Ethik basiert auf dem edlen Grundsatz: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Weiter wird die Feindesliebe so stark forciert – wir sollen schliesslich auch die andere Wange hinhalten –, dass letztlich keine Feinde mehr existieren. Auch stellte Jesus bei den Zehn Geboten gemäss der Thora im ersten Gebot die bedingungslose Liebe zu den Menschen der Gottesliebe. Nächstenliebe hat also höchste Priorität. Vor allem aber war Jesus ein vortreffliches Vorbild, und seine Nächstenliebe versiegte nicht einmal gegenüber seinen Mördern.

Nähmen Christen Jesus als Vorbild, müssten sie ethische Fragen sehr hoch einstufen. Doch davon ist in der Alltagsrealität wenig zu erkennen. Die Wirklichkeit hinkt den Ansprüchen also weit hinterher.

Die goldene Regel «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» wird zwar oft kritisiert, aber wo kein Wille ist, den Sinn zu verstehen, ist auch kein Weg. Diese Regel ist so goldig, weil sie mit Hilfe der Liebe anregt, unsere Mitmenschen zu verstehen und sich in ihre Lage zu versetzen. Dadurch entsteht eine auf das Individuum abgestimmte Ethik. Auch motiviert dieses Gebot zum Handeln. So bringt Nächstenliebe viele Vorteile: Es entstehen Beziehungen und Freundschaften, die beglücken uns und begünstigen das Zusammenleben. Wenn dabei die Nächstenliebe bis zum Feind reicht, führt dies zum friedlichen Zusammenleben und fördert den Frieden. Nächstenliebe wäre der Schlüssel für ein glückliches und erfolgreiches Leben in der Gemeinschaft. Deshalb ist Nächstenliebe ein kluger Egoismus, bei dem es nur Gewinner gibt.

Nächstenliebe kann man nicht haben, man kann sie nur geben. Wenn man das tut, kommt sie zurück. Doch in einer materialistisch geprägten Welt hat die Nächstenliebe einen schweren Stand. Das Glücklichsein ist ein Gemütszustand, der selten mit materiellen Aspekten zu tun hat. Die Bindung an die Welt der Dinge führt oft zu Abneigung, Hass, Verachtung, Abscheu, Habgier oder Missgunst.

Was Nächstenliebe bewirkt, zeigte Nelson Mandela. Möglicherweise verdankt Jesus seinen Durchbruch zur Weltreligion seinem Gebot der Nächstenliebe. Wie auch immer: Sie ist der Kitt der Menschheit und ein zentraler Glücksfaktor.

Dabei spielt es keine grosse Rolle, ob sie auf die Botschaft Gottes zurück geht oder aus klugem Egoismus gepflegt wird.

Doch was ist aus der wunderbaren Botschaft zur Nächstenliebe von Jesus geworden?

Die Christen sind angehalten, Gott als einzige Wahrheit anzuerkennen, ihn zu lieben und durch Gebete und Rituale zu verehren. Dafür erwarten sie eine Belohnung. Das geht auch aus dem Hauptgebet, dem «Vaterunser», hervor.

Es gibt zwar Freikirchen, bei denen Nächstenliebe zuoberst auf der Wunschliste Gottes steht. Der Bibelgelehrte Marc Arthur sagte aber dazu in einem Vortrag über die wahre Gotteskenntnis: «Ich glaube, dass sie den wahren Gott hassen. Sie verbergen den wahren Gott vor den Augen ihrer Anhänger, und an seiner Stelle machen sie einen Götzen nach ihrem eigenen Gutdünken.»

Aber was hat Gott davon, wenn wir seine Wahrheit kennen? Was nützt es ihm, wenn wir ihn loben, verehren und an ihn glauben? Um solche Schmeicheleinheiten überhaupt zu schätzen, ist ein Geltungsbedürfnis Gottes erforderlich, was nur denkbar ist, wenn Gott an seiner Allmacht zweifeln würde. Aber der Kirche dient dieses Prinzip dazu, Menschen gefügig zu machen, vor allem mit dem Konzept von Himmel und Hölle. Es scheint also, dass Gott die Nächstenliebe mit der Höllendrohung erzwingen will. Da wirkt es widersprüchlich oder täuschend, wenn in der Bibel steht: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.»

Es hätte in der Vergangenheit viel Unheil verhindert werden können, wenn es den Christen gelungen wäre, die Nächstenliebe umzusetzen. Die Vorbildwirkung hätte ausgestrahlt auf andere Gesellschaften und Kulturen. Doch dann hätten die Kirchenhierarchien ihre Macht abgeben müssen.

Religiöser Wahn in Jerusalem

Hugo Stamm am Donnerstag, den 13. Februar 2014
Ein Gläubiger in Jerusalem. (Keystone/Brennan Linsley)

Ein Gläubiger in Jerusalem. (Keystone/Brennan Linsley)

Religiöse und spirituelle Phänomene gehören zu den stärksten seelischen Kräften, die in uns Menschen schlummern. Werden sie auf unheilvolle Weise geweckt, entfalten sie mitunter destruktive Energien und stürzen Menschen in psychische Grenzzustände. Im Extremfall drohen auch psychische Auffälligkeiten bis hin zu Wahnvorstellungen und Psychosen. Die Psychologie hat denn auch den Begriff ekklesiogene Neurose kreiert.

Doch dies ist in vielen Fällen schon beinahe eine Beschönigung eines verhängnisvollen Syndroms. Es gibt unzählige Beispiele dafür. Da sind die Massensuizide im Sektenmilieu. Zum Beispiel die Volkstempler von Jim Jones, die sich in einem Wahn umbrachten. Welche psychischen Kräfte am Werk waren, zeigte die Tatsache, dass Mütter ihren Babys Gift in den Mund spritzten, bevor sie selbst das tödliche Gebräu tranken. Die religiösen Überzeugungen waren also stärker als die Mutterliebe. Insgesamt kam es zu einem Massensuizid mit über 900 Toten.

Auch die Sonnentempler in der Schweiz demonstrierten, welche Kräfte religiöse Überzeugungen freisetzen können. Der harte Kern der Sekte brachte zuerst 23 Glaubensgeschwister um, um sich einen Tag später auf Anordnung ihres Gurus Jo Di Mambro selbst umzubringen. Dabei glaubten sie, die bevorstehende Endzeit zu überleben.

Was für eine Dynamik ein fundamentalistischer Glaube entwickeln kann, zeigt auch das Jerusalem-Syndrom. So entwickeln Pilger in der «heiligen Stadt» in ihrer religiösen Verzückung oft solche Suggestivkräfte, dass sie restlos von Sinnen sind. Es beginnt meist mit Wahrnehmungsverschiebungen und endet in psychotischen Schüben. Die Überzeugung, das Leiden von Jesus in der Via Dolorosa authentisch nachzuempfinden, führt zu einer unkontrollierbaren emotionalen Überflutung. Besteht eine psychische Latenz, kann es zur Depersonalisierung und zu psychotischen Reaktionen kommen.

Die «Irren», die in ihrer Überidentifikation mit Jesus glauben, der Sohn Gottes zu sein, verhalten sich auffällig und werden meist in eine psychiatrische Klinik geführt. Spezialist für solche Fälle ist der Psychiater Gregory Katz. Er kennt über 1000 Gläubige, die in Jerusalem psychotisch wurden. Viele konnten mit Medikamenten «ausgenüchtert» werden und nach ein paar Tagen heimreisen. Manche wachten aber nicht mehr aus ihrem Religionstrauma auf.

Religiöse und spirituelle Überzeugungen und Rituale können zweifellos beglückende Gefühle auslösen. Man sollte sich aber auch bewusst sein, dass ein radikaler Glaube eine Dynamik entwickeln kann, der Gläubige in psychische Extremsituationen führt und einen rligiösen Wahn bewirkt. Deshalb sollten sich Gläubige immer mal wieder kritisch mit ihrem Glauben auseinandersetzen, Fragen stellen und die Vernunft einbeziehen. Natürlich ist es ein Rausch, sich von den überwältigenden Gefühlen mitreissen zu lassen. Doch es besteht die Gefahr, dass man nicht mehr rechtzeitig aufwacht.

Gläubige interpretieren diesen Religionsrausch oft falsch. Sie glauben, die starken Gefühle seien Ausdruck ihrer starken religiösen Überzeugung und Gottesnähe. Man kann aber auch argumentieren, die Emotionen würden lediglich von Sturzbächen von Glückshormonen ausgelöst und hätten wenig mit Glauben zu tun.

Heuchlerische Abtreibungsinitiative der braven Christen

Hugo Stamm am Sonntag, den 2. Februar 2014
ABTREIBUNG, ABTREIBUNGSFINANZIERUNG IST PRIVATSACHE,

Plakat der Initianten: Abtreibungen werden auf ein pekuniäres Problem reduziert. Bild: Keystone

Die Abtreibungsgegner unternehmen wieder einmal den Versuch, vermeintlich leichtfertige Frauen zu stigmatisieren. Wer abtreibt, soll die Kosten selbst übernehmen. Darüber stimmen wir in einer Woche ab. Der Titel der Initiative: «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache.»

Das ist eine billige Mogelpackung. Denn es geht den Initianten aus dem christlich-dogmatischen Lager um viel mehr. Sie möchten eigentlich Abtreibungen ganz verbieten, viele sehen darin einen Mord. Da sie mit einem Verbot der Fristenregelung keine Chancen hätten - die Fristenlösung wurde einst mit über 70 Prozent angenommen -, wollen sie die Stimmbürger über das Portemonnaie ködern. In der Hoffnung, dass Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind, stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Die Superchristen hoffen sogar, dass manche abtreibungswillige Frau ihr Kind dann doch noch austrägt. Also ein «Mord» weniger passiert und sie sich moralisch nicht mitschuldig machen, weil sie diesen nicht über die Krankenkasse mitfinanzieren müssen.

Das ist das engstirnige Denken vieler Strenggläubiger. Es kümmert sie offensichtlich nicht, dass mittellose Frauen bei einer Annahme der Initiative zu sogenannten «Engelmacherinnen» gehen müssten, die mit gefährlichen Instrumenten einen Abort auslösen. Und dass dann Ärzte die Komplikationen eines unsachgemässen Abbruchs behandeln müssten, was über die Krankenkasse abgerechnet würde. Es gibt Schätzungen, wonach diese Kosten gesamthaft höher ausfallen könnten als die «normalen» Schwangerschaftsabbrüche. Apropos Mord: Schon viele Frauen sind in der Vergangenheit an den Folgen eines fahrlässigen Schwangerschaftsabbruchs gestorben.

Es ist auch ein Irrtum zu glauben, die Zahl der ungewollten Schwangerschaften werde rückläufig, wenn die betroffenen Frauen oder Paare die Abtreibung selbst berappen müssten. Mit den modernen Verhütungsmitteln ist zwar die Zahl der Abtreibungen drastisch gesunken, doch es wird auch in Zukunft «Unfälle» geben. Selbst im Lager von Freikirchlern, die mit allen Tricks versuchen, Abtreibungen zu verteufeln - man denke nur an die teilweise erfolgreichen Mordanschläge in den USA auf Gynäkologen, ausgeführt von fanatischen Christen.

Letztlich geht es bei der Initiative um eine Bestrafung der Frauen, die in einer Notlage sind und keinen andern Ausweg wissen. Die Initianten tun so, als sei die Entfernung eines Fötus' heute ein kurzer Eingriff, den man rasch in einer Arbeitspause vornehmen lasse. Frauenärztinnen bestätigen aber, dass sich die meisten Frauen sehr schwer tun, den Entscheid zu fällen und den Fötus abtreiben zu lassen.

Die gläubigen Initianten hingegen reduzieren die Abtreibung auf ein pekuniäres Problem. Sie werben mit einer strahlenden  jungen Mutter, die ihr Kleinkind auf dem Arm trägt. Dieser Frau legen sie den Satz in den Mund: «Ich will doch keine Abtreibungen mitfinanzieren müssen!» Das ist ein Schlag ins Gesicht der vielen Frauen, die keinen anderen Ausweg finden. Eine wahrlich christliche Haltung, die viel Liebe zu den Mitmenschen verrät.

Viele Gläubige nehmen für sich in Anspruch, besonders verantwortungsbewusst und moralisch zu handeln und zu leben. Wer aber taktische politische Spiele bei einer so existentiellen Frage betreibt, lügt sich selber etwas vor. Dann heiligt der Zweck das Mittel. Es wäre interessant zu erfahren, wie Jesus Christus abstimmen würde, wenn er denn eine Stimme hätte.

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