Eidgenössisch diplomierte Esoteriker

Hugo Stamm am Samstag, den 23. Mai 2015
Hugo Stamm

Akupunkturbehandlung mit erwärmten Nadeln und Heilkräutern. Foto: Keystone

Meilenstein für die Naturheilpraktiker: Homöopathen und Ayurveda-Therapeuten können in Zukunft ein eidgenössisches Berufsdiplom erlangen. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat am 28. April 2015 die Höhere Fachprüfung für Naturheilpraktiker genehmigt. Somit dürfen Globuli neu mit dem Segen der staatlichen Behörden verabreicht werden. Das ist ein Durchbruch für die Alternativmedizin. Ihre Vertreter können nun nicht nur mit den Krankenkassen abrechnen, sie werden auch noch mit einem eidgenössischen Diplom geschmückt.

Die «Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin Schweiz OdA AM», die die Anerkennung anstrebte, jubiliert: «Diese Berufsreglementierung ist ein wichtiger Meilenstein im schweizerischen Gesundheitssystem. Europaweit hat ein anerkannter Abschluss Pilotcharakter und bewirkt eine Verankerung der Alternativmedizin in der Gesellschaft

Die eidgenössische Fachprüfung kann in den Disziplinen Ayurveda, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin und Traditionelle Europäische Medizin abgeschlossen werden. Eine Methodenkritik gibt es nicht, weil die Prüfungsexperten zwangsläufig Vertreter der Alternativmedizin sind. Denn unabhängige Mediziner kennen sich in den Komplementärmethoden nicht aus und können die Arbeiten der Kandidaten nicht bewerten.

Damit sind die umstrittenen Alternativmethoden mitten in der Gesellschaft angekommen und nisten sich im Zentrum der Medizinalberufe ein. Das ist ein Ritterschlag und macht Homöopathie und andere Komplementärmethoden salonfähig. Wer vom Staatssekretariat für Bildung geadelt wird, gewinnt an Sozialprestige.

Leichtgläubige Patienten neigen nun zur Annahme, dass eidgenössisch diplomierte Heilpraktiker seriöse Fachleute sein müssen, die wirkungsvolle Heilmethoden anwenden. Nur: Bis heute konnte nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden, ob und wie alternative Heilmethoden wirken. Ein Beispiel: Wie soll ein stark verdünntes homöopathisches Mittel eine Heilung erzeugen, wenn darin kein einziges Molekül der verwendeten Inhaltsstoffe enthalten ist? Und: Wie soll eine homöopathische Tinktur heilen, deren Wirksubstanz aus zermalmten Kakerlaken und Hundekot besteht? Wir können davon ausgehen, dass die zuständigen Beamten des Staatssekretariats den Entscheid ziemlich ahnungslos gefällt haben, weil sie keine vertieften Kenntnisse von den verschiedenen Alternativmethoden besitzen.

Manche Naturheilpraktiker werden das eidgenössische Diplom als Feigenblatt benutzen. Die meisten sind über die Esoterik zu den Alternativmethoden gestossen und werden weiterhin ihren Patienten problematische esoterische Ideen und Methoden vermitteln, die aus jeder Praxis verbannt werden sollten, in denen ein eidgenössisches Diplom hängt.

 

Religionen sind keine Friedensstifter

Hugo Stamm am Samstag, den 16. Mai 2015
Ein shiitischer Kämpfer betet nördlich von Bagdad. Foto: Thaier Al-Sudani (Reuters)

Der Glaube an die einzig wahre Lehre verhindert viel: Ein schiitischer Kämpfer betet nördlich von Bagdad. Foto: Thaier Al-Sudani (Reuters)

Die religiösen Spannungen und Konflikte haben in den letzten Jahren einen neuen Höhepunkt erreicht. In vielen arabischen und muslimischen Ländern hat die Christenverfolgung stark zugenommen, und die Scharfmacher des IS wollen mit bisher unbekannter Brutalität Gottesstaaten oder ein Kalifat erzwingen. In manchen Ländern Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens werden religiöse Minderheiten verfolgt. Ganz zu schweigen vom unlösbaren Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

Meist steht zwar ein politischer Machtpoker im Zentrum der Auseinandersetzungen, doch Religion und Glauben liefern oft die Argumente und Emotionen, die den Fanatismus anheizen und Männer zu Gotteskriegern machen.

Das Konfliktpotenzial der Religionen erkannte der kämpferische Theologe Hans Küng schon vor über 20 Jahren und arbeitete mit der Stiftung Weltethos globale ethische Standards aus. 1993 verabschiedete das Weltparlament der Religionen in Chicago eine Erklärung von Küngs Stiftung. Die Leitideen: «Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, und kein Friede unter den Religionen ohne einen Dialog zwischen den Religionen ohne gemeinsame ethische Werte und Standards.»

Hans Küng und seine Mitstreiter haben Grundwerte, moralische Haltungen und Verhaltensweisen aus vielen Religionen und Heilslehren analysiert und vier Grundregeln herausgefiltert: Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, Gegenseitigkeit, Wahrhaftigkeit und Partnerschaft von Mann und Frau.

Weltethos hoffte, dass die Religionen als Hüter von Ethik und Moral den Staaten und Gesellschaften universale Werte vermitteln und zur Befriedung der Welt beitragen würden. Der Ansatz war richtig, doch das Projekt ist weitgehend gescheitert. Denn manchen Religionen fehlt die Kompromissbereitschaft, um für gemeinsame Werte zu kämpfen. Denn jede Heilslehre erhebt den Anspruch, die einzig wahre Lehre zu vertreten. Der Absolutheitsanspruch verhindert eine wirkliche Ökumene, die über gemeinsame Gottesdienste hinausgeht.

Eines der Haupthindernisse: Weltethos vertritt vor allem westliche Werte, die radikale islamische Staaten und Gesellschaften nur bedingt teilen. Ausserdem sind Glaubensgemeinschaften Konkurrenten in einem religiösen Verdrängungswettbewerb. Christen – vor allem Katholiken und Freikirchen – missionieren selbst in radikalen islamischen Staaten und in China. Auf der anderen Seite expandiert der Islam im Westen. Respekt vor anderen Religionen sieht anders aus. Weltethos hat die richtige Vision, diese bleibt aber ein frommer Wunsch. Denn auch Religionen sind Machtgebilde, die Eigeninteressen verfolgen.

Niemand weiss, wo Gott ist

TA Korrektorat am Samstag, den 9. Mai 2015

Eine Replik von Josef Hochstrasser* auf den Text «Wo ist Gott?» von letzter Woche.

Hugo Stamm

Eine Frau während einer Trauerfeier für die Erdbebenopfer in Nepal. Foto: Reuters

Elend im Mittelmeer. Verzweiflung in Nepal. Nacktes Grauen in Auschwitz. Genozid an den Armeniern. Eine Todesspur ohne Ende zieht sich durch die Menschheitsgeschichte. Atheisten höhnen: Wo bleibt da Gott? Gläubige Monotheisten stellen dieselbe Frage. Ohne Spott, aber auch ohne eine Antwort zu bekommen.

Ein Paar bekommt ein schwerbehindertes Kind. Es wird nur wenige Jahre leben dürfen. Dann wird es sterben. Der Mann hadert mit Gott. Die Frau versucht anzunehmen, was sie nicht ändern kann und meint gelassen: Eine Laune der Natur!

Mit Gott hat das Schicksal dieser Familie rein gar nichts zu tun. Hätte er es verhindern können, aber dennoch zugelassen, wäre er ein Sadist. Oder ist er ein hilfloser Gott, ohne Macht und Möglichkeiten? Wäre er dann noch Gott? Fragen, die im 3. Jahrhundert v. Chr. schon den griechischen Philosophen Epikur umtrieben und mit Gottfried W. Leibniz vor dreihundert Jahren im Begriff der Theodizee populär wurden.

Biblische Geschichten erzählen vom Eingreifen Gottes in diese Welt. Den Israeliten etwa zeigt er in Form einer Wolkensäule den Weg durch die Wüste ins Gelobte Land. Warum aber liess er die Ägypter qualvoll im Meer ertrinken? War das gerecht von Gott? Ist er parteiisch? Gott kommt buchstäblich in Teufels Küche, wollte er fair in die Geschicke der Menschen eingreifen. Alle Erzählungen über ein Wirken Gottes in der Welt sind Deutungen, keine objektiven Berichterstattungen. Deshalb sind sie noch lange nicht belanglos. Im Gegenteil. Als Mythen schaffen sie Hoffnung und gesellschaftsformende Kraft.

Sich vom Glauben zu verabschieden, nur weil Gott sich nicht für alle Menschen einwandfrei nachvollziehbar ins Weltgeschehen einmischt, tut Gott Unrecht und ist bedauerlich. Die zweite Liedstrophe der sozialistischen Internationale weist den Weg: «Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.»

Das Erdbeben in Nepal hat tektonische Ursachen. Hier hat der Mensch nur sehr begrenzte Möglichkeiten, das Naturgesetz zu beeinflussen. Bei der aktuellen Tragik auf dem Mittelmeer aber ist er gefordert. Da hilft kein Schreien nach Gott. Das Flüchtlingselend ist nicht – Vorsicht ist auch bei dieser Vermutung geboten – gottgewollt. Die Migrationspolitik hat einzig und allein der Mensch zu verantworten. Christen stehen auch in diesem Fall vor der Frage, was sie im Namen Gottes tun sollen. Als Antwort bleiben ihnen nur Optionen. Die einen machen in Nächstenliebe und wollen möglichst alle Flüchtlinge retten und in Europa aufnehmen.

Andere greifen viel tiefer und sagen, die Weltgemeinschaft sei ethisch aufgerufen, die kriminellen Regimes einzelner afrikanischer Länder auszuschalten, damit die Menschen in ihrer Heimat ein Leben aufbauen können und erst gar nicht nach Europa zu fliehen brauchen. Welche christliche Handlungsmaxime ist nun im Sinne Gottes? Er wird weiter schweigen.

Gefordert ist in existenziell schwer zu ertragenden Momenten nicht der Hilfeschrei nach oben. Im Sinne Sigmund Freuds wäre dies ohnehin infantil. Heilend wirken kann nur menschliche Nähe und Solidarität.

hochstrasser_150*Josef Hochstrasser (68) war römisch-katholischer Priester. Nach seiner Heirat und dem folgenden Berufsverbot wurde er reformierter Pfarrer. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter die Biografie über den ehemaligen Fussballnationaltrainer Ottmar Hitzfeld.

Wo ist Gott?

Hugo Stamm am Samstag, den 2. Mai 2015
Devotee dressed as Hindu goddess Kali performs during a ritual as part of the annual Shiva Gajan religious festival at Pratapgarh

Eine Hindu bei einer Opferzeremonie für die Gottheit Shiva. Foto: Jayanta Dey, Reuters.

Das Mittelmeer ist zum Massengrab geworden, in Nepal rissen einstürzende Häuser Tausende in den Tod. Aus weltlicher Sicht gibt es einfache – wenn auch erschreckende Erklärungen: Die Not im Süden und der Wohlstand im Norden lassen die Welt kippen. Und beim Erdbeben erschütterten geologische Verwerfungen die Erdkruste. Die Erklärung für das Schreckliche ist oft schrecklich banal.

Gläubige monotheistischer Religionen suchen bei Tragödien auch religiöse Antworten. Strenggläubige Christen, Juden und Muslime interpretieren existenzielle Ereignisse oft aus spiritueller Warte. Als gütiger und allwissender Vater, der uns laut Bibel nach seinem Ebenbild geschaffen hat, greift Gott in ihrem Verständnis in den Weltenlauf ein. Wie in biblischen Zeiten, als er Abraham anleitete, seinen Sohn Isaak zu opfern – als Treuebeweis. Oder als er bei der Sintflut die Menschheit ertrinken liess, weil sie von ihm abgefallen war. Und schliesslich Hiob, den Gott mit mehreren Schicksalsschlägen überzog, um seine Festigkeit im Glauben zu testen.

Seit Jahrhunderten beschäftigt deshalb Gläubige die Frage: Weshalb lässt Gott das Elend zu? Wie hält er es aus, wenn unschuldige Kinder auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken? Kümmert es ihn nicht, oder kann er nicht eingreifen?

Diese Kernfragen der monotheistischen Religionen führen bei Gläubigen immer wieder zu Anfechtungen. Plausible Antworten haben weder Philosophen noch Theologen gefunden. Gottes Wege seien eben unergründlich, erklären Geistliche. Leidenden hilft die Antwort aber kaum.

Das Abseitsstehen Gottes widerspricht eklatant unserem Gerechtigkeitssinn und der Bibel, die die Nächstenliebe als hohes Gut interpretiert. Diese Nächstenliebe lässt Gott vermissen, wenn wir Menschen leiden. Auf vielen Kirchenbildern streckt er die Hand nach uns aus. Doch wo ist diese, wenn flüchtende Menschen ertrinken? Seine Absenz mit der Erbsünde zu erklären, macht erst recht ratlos.

Wir sind an unsere menschlichen Bedingungen gebunden, die unser Denken und Empfinden bestimmen. Nach diesen Kriterien ist die Abwesenheit Gottes nicht nachvollziehbar. Deshalb wenden sich viele Menschen vom Glauben ab.

Für uns sind die monotheistischen Religionen ein geistiger und religiöser Fortschritt, mit dem Animalismus und Pantheismus überwunden wurden. Aus psychologischer Sicht ist es aber vielleicht ein Rückschritt. Der Hinduismus zum Beispiel hat das Widersprüchliche und das Böse nicht verdrängt, im Götterhimmel hausen auch Dämonen. So ist Shiva nicht nur der Erneuerer, sondern gleichzeitig auch der Zerstörer. Deshalb können Hindu auch Erdbeben religiös erklären. Ein geschickter Schachzug, um das wohl grösste religiöse Paradox zu umgehen.

 

 

 

Beim Tod bleiben Geistliche sprachlos

Hugo Stamm am Samstag, den 25. April 2015
Hugo Stamm

Kardinal Rainer Woelki spricht an der Trauerfeier im Kölner Dom. Foto: Keystone

Der Tod ist ein Mysterium und überfordert uns Menschen heillos. Wir wissen, dass das Leben endlich ist, doch wir schaffen es nicht, ein Bewusstsein für den eigenen Tod zu entwickeln. Aus psychologischer Sicht sollten wir uns auf das Ableben vorbereiten. Wir brauchen aber den Überlebenstrieb, um Krankheiten besser zu überstehen, nicht in Depression zu versinken und die Arterhaltung sichern zu können. Ein Paradox, das wohl mit der Evolution zu tun hat.

Religionsgemeinschaften haben das komplexe Phänomen mit einem Kunstkniff gelöst. Mit der Wiedergeburt oder dem Leben nach dem Tod entwickelten sie eine These, mit der sie die Krux zu überwinden glaubten. Damit öffneten sie zwar ein Feld von weiteren Fragen und wohl auch Widersprüchen, doch sie gaben den Gläubigen Hoffnung, Sehnsucht und Trost, die der Angst vor dem Tod die Spitze brachen. Diese Heilslehre enthielt gleichzeitig ein Rezept gegen die narzisstische Kränkung, dass wir Menschen als «Krone der Schöpfung» nach dem Tod zu Staub zerfallen.

Das religiöse Konzept hat aber Schwachstellen, mit denen vor allem Geistliche in Extremsituationen zu kämpfen haben. Bei der Trauerfeier nach dem Flugzeugdrama der Germanwings in den französischen Alpen sagte Kardinal Rainer Woelki im Kölner Dom, Worte seien zu schwach, um zu trösten. Aber dass so viele Menschen in diesem Moment Mitleid und Beileid zeigten, «das soll Ihnen Trost sein». Konkret: Der Geistliche bot nicht Gott oder den Himmel als Trost an, sondern Mitmenschen. Das war mutig und ehrlich, wirft aber die Frage auf, ob ein Geistlicher in der schwersten Stunde des Lebens vieler Gläubiger keine religiösen Hilfestellungen bieten kann.

Bezeichnend war dann auch, dass kleine Holzengel, die auf den Kirchenbänken lagen, den Hinterbliebenen Halt und Zuversicht geben sollten. Trotz aller Trauer sollten die Engel ermutigen, nach Quellen der Kraft und Bestärkung zu suchen, sagte ein Notfallseelsorger. Gott und Jesus blieben aussen vor.

Konkret: Wenn Gläubige die Religion am nötigsten hätten, bleiben ihre Vertreter recht hilf- und sprachlos. Trost soll dann eine Holzfigur spenden.

Diese Ohnmacht kennt auch der pensionierte Pfarrer Eberhard Aebischer Crettol, der sich als Seelsorger mit Suizidfragen beschäftigt und Selbsthilfegruppen geleitet hatte. Im Buch «Sorge dich nicht!» (Rüffer-&-Rub-Verlag) sagt er: «Obwohl ich Pfarrer bin, habe ich in den Selbsthilfegruppen immer gesagt, der liebe Gott spiele hier keine Rolle.» Gott sei kein Lückenbüsser, dem die Verantwortung für das Unbegreifliche, also den Suizid, zugeschoben werden dürfe. Es sei vor allem bei kirchlich nicht sozialisierten Mitmenschen wichtig, «Gott auf dem schwierigen Weg der Trauer aus dem Spiel zu lassen». Bei Schicksalschlägen stossen die Kirchen an enge Grenzen.

Braune Esoterik

Hugo Stamm am Samstag, den 18. April 2015
GURU, OSHO, CHANDRA MOHAN JAIN, BHAGWAN, BHAGVAN, SANNYAS BEWEGUNG,

Sektenführer Bhagwan grüsst seine Anhänger (1984). Foto: Keystone

Letzte Woche schrieb ein Kommentator in diesem Blog zum Thema «Religiöse Fanatiker destabilisieren die Welt», Kriege und das Töten seien «gerechtfertigt, wenn damit die göttliche Ordnung (Ethik) wieder hergestellt wird». Ein Satz, der aufhorchen lässt. Ein Satz, der unverkennbar von einem Esoteriker stammt. Ein Satz auch, der die Geisteshaltung vieler spiritueller Sucher ausdrückt. Eine Aussage, die zeigt, was gern kaschiert wird oder vergessen geht: Manche Ideen der modernen Esoterik haben eine braune Schlagseite, und radikale Anhänger pflegen ein faschistoides Gedankengut.

Verhängnisvoll dabei ist, dass Esoterik in der breiten Bevölkerung ganz anders wahrgenommen wird. Die moderne Spiritualität gilt als sanfte Diszplin und Gegenkonzept zu unserer techniklastigen Umwelt und dem unmenschlichen Wirtschaftssystem. Esoterik als sanfte Alternative zur Welt der gnadenlosen Verdinglichung. Dass sich unter dem Mäntelchen einer modernen Spiritualität eine radikale Ideologie versteckt, erfährt nur, wer sich nicht blenden lässt.

Kompromisslose Esoterik vertritt ein klares Herrschaftssystem. Propagiert werden eine höhere Ordnung und kosmische Gesetze, denen sich spirituelle Sucher bedingungslos unterordnen müssen. Der Weltenlauf ist vorbestimmt, wir Menschen dürfen uns nicht gegen die göttliche Fügung stellen.

Führungsanspruch darf nur erheben, wer das «höhere Bewusstsein» und das «geheime Wissen» erlangt hat. Es gibt die eingeweihte Elite, die geistig und spirituell hoch entwickelt und aufgerufen ist, die Menschheit ins «Licht» zu führen. Von ihr hängen angeblich das Heil und die Zukunft der Menschheit ab. Sie sind vermeintlich von den Avataren und den höheren geistigen Hierarchien bestimmt, die dekadente Fehlentwicklung auf der geistigen Ebene zu korrigieren.

Esoterische Ideologie ist deshalb totalitär. Ihre Ethik: Das Höhere und Stärkere setzt sich durch. Es muss sich durchsetzen, um die Menschen aus der Dunkelheit zu befreien. Die deterministische und fatalistische Grundidee: Alles ist gut, wie es ist. Auch das Böse ist «gut», weil es Teil des harmonischen Systems ist. Wer sich dagegenstemmt, also auch gegen das Böse, verstösst gegen die höhere Ordnung des All-Eins, der göttlichen Instanzen. Diesen muss sich das Individuum unterordnen, will es sich spirituell weiterentwickeln und die Erleuchtung erlangen.

Der Esoterik-Star Thorwald Dethlefsen schreibt in seinem Buch «Das Leben nach dem Leben», jeder müsse den ihm zugeteilten Dienst in dieser Ordnung erfüllen, damit er nicht zum Krebsgeschwür dieser Welt werde. «Verlässt er dennoch die Ordnung mutwillig, um missverstandene Freiheit auszukosten, so sollte er sich nicht wundern, wenn er eliminiert wird.» Ein Vokabular, das wir aus dem Dritten Reich kennen. Fomuliert in einem Buch, das riesige Auflagen erreichte. Formuliert von einem Autor, der als Weltenlehrer verehrt wird.

Erinnert sei auch daran, dass Bhagwan, der sich später Osho nannte, Hitler die Reverenz erwies und ein faschistoides Gedankengut verbreitete. Im Buch «Die goldene Zukunft» schreibt er, behinderte Menschen müssten von ihrem Leiden erlöst werden, indem sie «in den ewigen Schlaf» geschickt würden. Das sei kein Problem, denn die Seele suche sich nach dem Tod einen neuen Mutterschoss. Wer studieren wolle, müsse zuerst «ein Zeugnis vom Institut für Deprogrammierung» vorlegen. Darin soll festgehalten sein, «dass man dich jetzt als Christ, als Hindu, als Moslem, als Jude deprogrammiert hat». Studenten müssten auch ein Meditationsprogramm absolvieren. Der Titel: «Die Alternative: Meditation oder Tod.»

Religiöse Fanatiker destabilisieren die Welt

Hugo Stamm am Samstag, den 11. April 2015
Chad Central African Republic

Sie leiden besonders unter dem Schrecken von Boko Haram in Nigeria: Kinder in einem Flüchtlingslager. (Keystone/Jerome Delay)

Der Überfall auf die Universität in Garissa, Kenia, ist der traurige Höhepunkt einer langen Reihe von brutalen Massakern durch Islamisten. Fanatische Muslime löschten das Leben von 147 Studenten aus, zur Mehrheit Christen. Einmal mehr wurden Unschuldige im Namen einer Religion oder eines Gottes brutal ermordet. Besonders tragisch ist dabei, dass es junge Menschen traf. Dass die Terroristen solche «weichen Ziele» auswählen, hat System: Die Anschläge sollen möglichst sinnlos wirken, ratlos machen und den «Ungläubigen» besonders wehtun. Die Welt soll aufschreien, irritiert, ohnmächtig sein.

Glaubenskriege und religiöse Konflikte durchziehen die Geschichte der Menschheit seit rund 1500 und mehr Jahren. Zogen im Mittelalter vorwiegend christliche Glaubensgemeinschaften eine Blutspur hinter sich her, versetzen in jüngerer Zeit muslimische Fanatiker die Welt in Angst und Schrecken. Was sie im Namen von Allah veranstalten, nimmt allmählich weltpolitische Dimensionen an. Gegen die beispiellose Brutalität der Gotteskrieger wirken Regierungen und Armeen in den betroffenen Ländern hilflos.

Den Islam als Glaubensgemeinschaft für die Eskalation verantwortlich zu machen, greift zu kurz, auch wenn der Koran nicht nur zum Frieden aufruft. Die Anschläge sind das Werk extremistischer Minderheiten. Diese verfolgen in erster Linie politische Ziele, doch sie brauchen den Glauben, um ihre Massaker zu legitimieren und Kämpfer in aller Welt zu rekrutieren.

Auffällig ist, dass die Ursprünge vieler Glaubenskriege bei den monotheistischen Religionen zu suchen sind, also im Nahen und Mittleren Osten, wo Judentum, Christentum und Islam ihre Wurzeln haben.

Das ist kein Zufall, denn die monotheistischen Religionen bergen ein besonders grosses Konfliktpotenzial: Es gibt nur einen Gott, eine wahre Botschaft (Thora, Bibel und Koran), ein Leben im Diesseits und nur für die Erlösten eine paradiesische Zukunft. Es geht um das Höchste, das Letzte, das Absolute.

Ein solch radikales Konzept verlangt fast übermenschliche Anforderungen und kann das psychische Gleichgewicht empfindlich stören. Zu einem radikalen Weltbild neigende Personen können in eine extreme Parallelwelt abrutschen. Werden sie in fanatischen Gruppen indoktriniert, brennen alle Sicherungen durch. Dann sind sie bereit, ihren religiösen Zielen alles unterzuordnen und den Ungläubigen die Köpfe abzuschlagen.

In allen Heilslehren und Glaubensgemeinschaften steckt also ein sektenhafter Kern. Es ist deshalb Aufgabe der Geistlichen und religiösen Führer, die Gläubigen für die Gefahren der Radikalisierung zu sensibilisieren. Nur so können Glaubensgemeinschaften zivilisiert werden, wie wir dies bei den christlichen Grosskirchen in den letzten 100 Jahren erlebt haben.

Homöopathie als Glaubenssystem

Hugo Stamm am Samstag, den 4. April 2015
Hugo Stamm

Wer an die Wirksamkeit glaubt, wird vielleicht gesund: Homöopathische Globuli. Foto: Keystone

Die Homöopathie ist in den letzten Jahren ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Aufklärung tut tatsächlich not, denn die meisten Konsumenten der Globuli und Tinkturen haben wenig Ahnung, wie die alternative Methode funktioniert und auf welchen medizinischen und pharmakologischen Erkenntnissen das System beruht. Sie wissen nur: Es ist eine sanfte Heilmethode, die keine Nebenwirkungen erzeugt.

Berichte und Untersuchungen entlarvten die Homöopathie in letzter Zeit aber als Therapie, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann und die grundlegenden medizinischen Erkenntnissen widerspricht. Doch das tat der Homoöpathie bisher keinen Abbruch. Die Umsätze steigen weiter – in der Schweiz betragen sie schätzungsweise eine Milliarde Franken. Das überrascht aber nicht wirklich, denn auch der Aberglaube erlebt trotz verstärkter Bildung und umfangreichem Wissen eine Renaissance.

Begründet wurde die Homöopathie vor 200 Jahren vom deutschen Arzt Samuel Hahnemann. Sein Bestreben, eine sanfte Methode zu entecken, war ehrenwert, denn damals wurden viele Patienten zu Tode therapiert. Die Ärzte schröpften ihnen so viel Blut, bis sie in Ohnmacht fielen. Oder sie bekämpften die Krankheiten mit so viel Gift, dass Patienten oft das Zeitliche segneten. Deshalb verdünnte Hahnemann seine Mittel derart stark, bis sie teilweise keine Wirksubstanz mehr enthielten. Ausserdem glaubte er, er könne Ähnliches mit Ähnlichem heilen und die Wirkung durch Verdünnen und Verschütteln potenzieren.

Die Grundlagen der Homöopathie widersprechen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Naturgesetzen. Das hindert die Millionen von Konsumenten nicht daran, in einem pseudoreligiösen Glauben an der Überzeugung festzuhalten, Globuli würden eine Heilwirkung entfalten. Auf dieser Schiene ist der Homöopathie offensichtlich nicht beizukommen. Zweifel sollten aber aufkommen, wenn man sich das medizinische Wissen von Hahnemann vor Augen führt. Dann wird klar, dass er die Homöopathie nicht aufgrund medizinischer Erkenntnisse erfunden hat, sondern durch banale Beobachtungen, die er erst noch falsch interpretierte.

Hahnemann hatte wie alle Ärzte vor 200 Jahren kaum eine Ahnung von den Funktionen der Organe; er wusste nicht, dass Organismen aus Zellen bestehen, und dass diese Zellen die Körperfunktionen steuern. Unbekannt war damals auch, dass es ein Immunsystem gibt, dass körperliche Merkmale vererbt werden und Erreger wie Bakterien und Viren für viele Krankheiten verantwortlich sind. Hahnemann kannte auch die Ursachen vieler Krankheiten nicht und konnte keine zuverlässigen Diagnosen stellen. Er wusste nicht einmal, dass Fieber mehrere Ursachen haben kann. Wie sollte er da spezifische homöopathische Mittel herstellen? Zumal er auch keine Studien durchführen konnte, um die Homöopathie zu verifizieren.

Kurz: Hahnemann war aus heutiger Sicht eine medizinscher Laie, der weniger Kenntnisse hatte als heute ein durchschnittlicher Primarschüler. Wie sollte er da ein brauchbares System erfunden haben, das bis heute seine Gültigkeit hat? Dabei gilt es zu bedenken, dass zurzeit die Halbwertszeit von medizinischen Erkenntnissen in manchen Bereichen nur ein paar Jahre beträgt.

Hahnemann überschätzte sich massiv und war überzeugt, dass seine Methode das Ende der Forschung bedeuten würde. So schrieb er in seinem Buch «Organon der Heilkunst»: «Die reine homöopathische Heilart ist der einzige richtige, der einzige durch Menschenkunst mögliche, geradeste Heilweg, so gewiss zwischen zwei gegebenen Punkten nur eine einzige gerade Linie möglich ist.» Da bleibt kein Spielraum für Interpretationen, und Homöopathie entpuppt sich als ein Glaubenssystem.

Der Rebell am Kreuz

Hugo Stamm am Samstag, den 28. März 2015
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«Sanft? Mild? Als ob! Entdecke den echten Jesus.» Mit diesem Poster warb das Churches Advertising Network in England 1999 um Kirchgänger. Bild: Wikimedia

Am Freitag beginnen die Gedenktage für die bekannteste Figur der Menschheitsgeschichte. Kreuzigung und Auferstehung von Jesus Christus bestimmen nicht nur die christliche Agenda, sondern auch den weltlichen Kalender. Erstaunlich ist, dass Jesus diesen Ausnahmestatus erreichte, obwohl Historiker und Chronisten ihn kaum wahrgenommen haben. Es gibt praktisch keine historischen Angaben zu seiner Biografie. Das tut seiner Popularität keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Leben und Wirken von Jesus zeichnen die vier Evangelisten nach. Diese kannten ihn aber nicht persönlich und schrieben seine Geschichte erst Jahrzehnte nach seinem Tod aufgrund mündlicher Überlieferungen auf. Dabei haben sich wohl auch Mythen und Legenden in den Lebenslauf geschlichen.

Sicher ist aber, dass Jesus die Geschichte nachhaltig prägte. Sicher ist auch, dass er eine faszinierende, teilweise schillernde Figur war. Einerseits wird er uns als Rebell vorgestellt, als Revolutionär, auf der andern Seite als autoritäre Figur, Moralist und Dogmatiker. In jedem Fall war er ein Freigeist und Querdenker.

Der Rebell in ihm warf beispielsweise die Händler aus dem Tempel. Er sagte laut Markus-Evangelium: «Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt.» Er foutierte sich um Konventionen und wertete die Frauen auf. Ausserdem heilte er Huren und Witwen – im patriarchalischen Judentum schon fast ein Sakrileg – und kümmerte sich um Arme und Kranke. Gleichzeitig legte er sich furchtlos mit den Pharisäern und der herrschenden Klasse an. Damit setzte er neue ethische und sozialpolitische Standards, die teilweise heute noch Gültigkeit haben.

Jesus konnte gemäss den Evangelien aber auch ein gnadenloser Moralist sein, zornig und aufbrausend. Von seinen Jüngern verlangte er strikte Disziplin und bedingungslose Gefolgschaft. Er forderte, man müsse auch die andere Wange hinhalten, andererseits sagte er: «Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.» (Matthäus 10,34). In jedem Fall war Jesus ein unbequemer Zeitgenosse und Avantgardist. Nur deshalb wurde das Christentum zur grössten Religion. Dafür bewundert ihn die christliche Welt.

Doch welche Geisteshaltung legen die glühendsten Verehrer dieses Jesus von Nazareth an den Tag? Sie sind mehrheitlich rückständig und konservativ. Die Kurie der katholischen Kirche, viele Geistliche und die Freikirchen verbreiten ein dogmatisches bis fundamentalistisches Gedankengut. Jesus wird an Ostern als Erneuerer und Erlöser verehrt und gefeiert, sein Geist wurde aber aus vielen Kirchen verbannt. Einer der vielen Widersprüche aus der Welt des Glaubens und der Religionen.

Über die Schwierigkeit, Ethik naturwissenschaftlich zu begründen

TA Korrektorat am Donnerstag, den 26. März 2015

Ein Gastbeitrag von Marcel Mertz*

Hugo Stamm

Gemälde «Moses und die Zehn Gebote» von Philippe de Champaigne (1648). Foto: Wikimedia

In diesem Blog wurde die Religion als Basis für eine Ethik schon oft kritisiert. Dabei haben diese Kritiken unterschiedliche Stossrichtungen: dass Religion zwar eine Ethik biete, diese aber selber ethisch fragwürdig sei; dass sich religiöse Personen nicht an die eigene Ethik hielten; oder dass, weil Religion erkenntnismässig unhaltbar sei, auch jede darauf basierende Ethik zwangsläufig unhaltbar sein müsse.

Diese dritte Kritik soll im Folgenden der Ausgangspunkt dieser Abhandlung darstellen. Als Alternative zu einer religiösen Ethik wird im Blog oft ein Naturalismus angeboten: die Auffassung, dass es nur natürliche, keine übernatürlichen Dinge gibt (sog. ontologische Annahme), dass vor allem die Naturwissenschaften, wenigstens die empirischen Wissenschaften, diejenigen Instanzen sind, die bestimmen können, was es wie gibt (sog. erkenntnistheoretische Annahme) und dass es einen gangbaren Weg von empirischer Erkenntnis zu normativer Begründung gibt – also der Begründung von dem, was wir tun sollen, woran wir uns halten oder orientieren sollen usw. (sog. methodologische Annahme).

Die These, die ich hier skizzenhaft diskutieren möchte, ist diejenige, dass der Naturalismus als Alternative zu einer religiösen Ethik in einem Trilemma endet: a) entweder muss er die Begründung einer Ethik insgesamt aufgeben; b) er muss eine (natur-)wissenschaftliche Begründung anbieten, die aber höchst problematisch ist und meistens auf Mittel-Zweck-Begründungen hinausläuft (bei der die Richtigkeit ethischer Normen usw. bereits vorausgesetzt werden muss); oder c) für die Begründung einer Ethik muss er seine erkenntnistheoretischen und methodologischen Annahmen aufgeben (oder wenigstens abschwächen), sodass gegebenenfalls auch ein strikter, konsequenter Naturalismus aufgegeben werden muss.

Ad a) Da keine (natur-)wissenschaftliche Ethik möglich ist, und nur (Natur-)Wissenschaften erkenntnistheoretisch in der Lage sind, zu bestimmen, was wahr und falsch ist, somit zu Begründungen fähig sind, ist es auch nicht möglich, eine Ethik zu begründen. Ethik ist daher entweder eine Sache der willkürlichen Entscheidung (sog. Dezisionismus) oder nur Ausdruck von subjektiven Gefühlen (sog. Emotivismus). Das Problem hierbei ist, dass es völlig willkürlich wird, welche Ethik man vertritt. Man kann dadurch nicht mehr zeigen, dass eine zum Beispiel humanistisch orientierte Ethik «besser» ist als eine religiöse oder dass die Menschenrechte «richtig» sind. Tatsächlich verliert man hier als Naturalist sämtliche Ressourcen, um religiöse Ethik inhaltlich auf objektiver Basis kritisieren zu können.

Ad b) Ein Ausweg aus diesem Problem wäre offenbar: Bestreiten, dass es keine (natur-)wissenschaftliche Ethik geben kann, beziehungsweise aufzeigen, wie Ethik (natur-)wissenschaftlich begründet werden kann (wie zum Beispiel sogenannte evolutionäre Ethik, bei der versucht wird, aus den Erkenntnissen der Evolutionsforschung «abzuleiten», was moralisch richtig und falsch ist usw.). Dies scheitert aber am sog. Sein-Sollen-Fehlschluss. Dieser besagt, dass nur aus dem, was ist, nicht abgeleitet werden kann, was sein soll. Nur aus empirischen Ergebnissen allein folgt nicht, was richtig oder falsch, was «gesollt» oder «nicht gesollt» sein soll; ein neuropsychologisches Experiment beispielsweise kann nur sagen, wie Menschen moralisch urteilen, welche Urteile sie für richtig halten und welche für falsch – nicht aber, ob deren Urteile nun richtig oder falsch sind. Wird der Sein-Sollen-Fehlschluss von Naturalisten akzeptiert, wird jedoch nicht selten die Begründung einer Ethik missverstanden: Sie wird dann auf eine Mittel-Zweck-Begründung reduziert (zum Beispiel «Wissenschaft kann zeigen, wie weniger Kinder mit Gendefekten geboren werden können»), wobei immer schon von der Richtigkeit des Zwecks (zum Beispiel, dass weniger Kinder mit Gendefekten geboren werden sollen) ausgegangen und dieser nicht mehr hinterfragt werden kann. Aber gerade das wäre die Aufgabe einer Ethik: Begründen, dass der Zweck richtig oder gut ist, und nicht nur die empirischen Mittel festlegen, wie der Zweck erreicht werden kann.

Ad c) Als dritte Option stünde nun als Ausweg zur Verfügung, einige der Annahmen des Naturalismus aufzugeben oder wenigstens abzuschwächen, um so eine Begründung einer Ethik zu ermöglichen. Die Annahme, dass es keine übernatürlichen Dinge geben kann, stellt dabei das Minimum dar, damit überhaupt noch sinnvoll von «Naturalismus» gesprochen werden kann. Jedoch ist dieses Minimum mit derart vielen ethischen Positionen verträglich – so mit fast allen Spielarten philosophischer Ethik –, dass es als konkrete Alternative zu einer religiösen Ethik nicht mehr viel aussagt. Auch wird nicht viel über die Begründungsmöglichkeiten ausgesagt, abgesehen von der Unmöglichkeit, die Begründung über übernatürliche Prinzipien oder über Metaphysik laufen zu lassen. Man müsste von einer «naturalistischen Ethik» demnach mehr verlangen können als nur den Verzicht auf Übernatürliches.

Oder es müssen einige der erkenntnistheoretischen und methodologischen Annahmen aufgegeben oder abgeschwächt werden: eine Erkenntnis über ethische Werte, Normen und Prinzipien, die eben nicht rein (natur-)wissenschaftlich möglich ist, muss irgendwie möglich gemacht werden.

Doch wie viele Annahmen darf man aufgeben, ohne auch den Naturalismus als konsequente Position aufgeben zu müssen? Muss man auf die Methoden der Naturwissenschaften pochen, um Naturalist sein zu können, oder darf man auch die Methoden der Sozialwissenschaften, ja sogar der Geisteswissenschaften berücksichtigen, obwohl diese ganz anders «funktionieren»? Darf man sogenannte transzendentale Begründungen zulassen (wie beispielsweise Kant beim Kategorischen Imperativ), die nichts mit den Begründungen, wie sie empirische Wissenschaften ermöglichen, zu tun haben? Muss man so etwas wie die alltägliche Lebenspraxis als Quelle der Begründung zulassen? Wie kann man, wenn man philosophisches Denken als «Methode» sowie normative Begründungen zulässt, diese mit den naturalistischen Erkenntnisidealen vereinbaren – welche Art von Erkenntnis kann eine solche «Methode» beanspruchen (denn naturwissenschaftliche Erkenntnis ist es freilich nicht)? Wie können, wenn man als Naturalist auf die Richtigkeit der Menschenrechte pocht (wie es hier im Blog des Öfteren getan wird), diese auf Basis des Naturalismus als «richtig» nachgewiesen werden – und nicht nur als willkürliche Vereinbarung, die im Prinzip auch anders aussehen könnte?

Sicher dürfte die dritte Option die vielversprechendste sein, um eine naturalistische Ethik zu begründen. Die Gefahr scheint aber, wie die Fragen oben beispielhaft illustrieren sollen, recht gross zu sein, eine ursprünglich «starke» Position zu verwässern oder sich Inkonsistenzen einzuhandeln, die man theoretisch irgendwie auflösen können muss. Denn kann man das nicht, läuft man Gefahr, je nachdem theoretisch inkonsistenter zu sein als das, was man kritisiert: eine religiöse Ethik.

*Marcel Mertz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an medizinethischen Instituten in Köln und Hannover. Nach einem Studium der Philosophie und Soziologie in Basel hat er in Mannheim mit einer Arbeit zum Verhältnis von empirischen Daten und (medizin-)ethischen Normen in Philosophie promoviert.

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