Homöopathie ist wirkungslos

Hugo Stamm am Samstag, den 25. Oktober 2014
GESUNDHEIT, APOTHEKE, ARZNEIMITTEL, ARZNEI, HOMOEOPATHIE, ALTERNATIVMEDIZIN, GLOBULI, HERSTELLUNG, KUEGELCHEN, KOMPLEMENTAERMEDIZIN, ALTERNATIVMEDIZIN

Die meisten Patienten haben keine Ahnung, dass Globuli keine Wirkstoffe enthalten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Seit 200 Jahren versuchen Homöopathen, die Wirkungsweise der Globuli wissenschaftlich zu beweisen. Bisher vergeblich. Es wird ihnen auch in Zukunft kaum gelingen, denn die alternative Heilmethode verletzt grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse. Zwei Beispiele:

1. Durch Verdünnung wird die Wirkung der Mittel verstärkt (Potenzierung). Nur: 100-prozentiger Alkohol hat erfahrungsgemäss eine stärkere Wirkung als eine Lösung mit 0,0000001 Prozent. Schon Paracelsus (1493–1541) hatte erkannt: «Nur die Dosis macht das Gift.»

2. Die beigemengte Flüssigkeit nimmt laut Samuel Hahnemann (1755–1843), Begründer der Homöopathie, die Information der Wirkungssubstanz auf. Ein solches Phänomen konnte bisher aber in der Natur nicht beobachtet werden. Dann führt Hahnemann okkulte Argumente an. Durch die Potenzierung würden die Mittel «im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft» entwickeln.

Die Kritik an der Homöopathie setzt aber viel früher an. Heute hat jeder Mittelschüler wesentlich mehr medizinische Kenntnisse und pharmakologische Erfahrung als Hahnemann vor 200 Jahren. Deshalb verwundert es nicht, dass er seltsame Vorstellungen über den Menschen und seine Gesundheit entwickelte. Verwunderlich ist jedoch, dass Hahnemann heute noch als visionärer Pionier verehrt wird und rund ein Drittel der Leute homöopathische Mittel verwenden. Überraschend ist auch, dass Apotheken Globuli ohne Bedenken anpreisen und viele Ärzte die Kügelchen verschreiben.

Die meisten Patienten haben keine Ahnung, dass Globuli keine Wirkstoffe enthalten. Sie werden nämlich so stark verdünnt, bis kein Molekül mehr in einem Kügelchen zu finden ist. Erst recht keine Ahnung haben die Konsumenten, welche seltsamen Stoffe und unappetitlichen tierischen Produkte benutzt werden, um homöopathische Mittel herzustellen.

So verwenden Homöopathen als Grundsubstanz unter anderem Blattschneiderameisen, Blausäure, Kot des Pottwals, Hundekot, Kakerlaken, Speichel der Aga-Kröte, Gallenstein, Sekret der Bauchdrüsen des sibirischen Bibers, Gartenschnecken, Bettwanzen, Auspuffgase eines Dieselfahrzeuges, Rachenschleimhaut eines Diphteriepatienten, Galle des Braunbären, Kuhmist, Darmbakterien, Regenwürmer, getrocknetes Gift der mexikanischen Skorpion-Krustenechse, Zyankali, Witwenspinnen, Hodenextrakt, frische Eierstöcke, Urin.

Der Grund liegt im homöopathischen «Geheimnis», dass «Ähnliches durch Ähnliches geheilt wird». Vereinfacht gesagt, kann das im Einzelfall bedeuten: Wer zum Beispiel allergisch auf Bettwanzen reagiert, braucht Mittel, die den aus zerquetschten Plagegeistern produziert werden.

Nun hat Hahnemann beobachtet, dass es oft zu einer «Erstverschlimmerung» der Krankheitssymptome kommt. Diese interpretierte er als Beginn des Genesungsprozesses. Nüchtern betrachtet handelt es sich wohl eher um eine Verschlimmerung der Krankheit, weil die Globuli keine Heilwirkung entfalten.

Hahnemann konnte dies nicht zugeben, weil er überzeugt war, dass mit der Homöopathie «ein neues Zeitalter der Menschheit» anbreche. Wurde ein Patient nicht gesund, schob er diesem die Schuld in die Schuhe. Denn Hahnemann vertrat die Doktrin, wer ungesund lebe, verhindere oder verunmögliche die Heilung. Dazu zählte er wunderliche Dinge und behauptete, Kräutertee hemme die Genesung, ebenso stark duftende Blumen, Gemüse aus Kräutern und Wurzeln (zum Beispiel Spargeln), Salate, Stubenhitze, negative Bewegung wie Reiten, Fahren und Schaukeln, übermässiges Stillen, langer Mittagsschlaf, Lesen im Liegen, unnatürliche Wollust, Onanie, unvollkommener oder unterdrückter Beischlaf.

Da wundert man sich schon, dass Millionen auf seine «medizinischen Ideen» schwören. Zumal auch schon Patienten gestorben sind, weil sie es bei schweren Krankheiten verpassten, sich rechtzeitig seriös behandeln zu lassen.

Aberglaube mit fatalen Nebenwirkungen

Hugo Stamm am Samstag, den 18. Oktober 2014
Burial team remove body of suspected Ebola virus victim in Freetown

Helfer unter Verdacht: Männer in Schutzanzügen transportieren in Freetown die Leiche eines Ebola-Opfers ab (28. September 2014). Foto: Reuters

Mit der Esoterikwelle und dem Boom der Alternativmedizin erlebt der Aberglaube eine neue Blütezeit. Viele Menschen sind überfordert von der rasanten Zivilisationsentwicklung und komplexen Realität: Sie fühlen sich fremd in der eigenen Umgebung und sehnen sich nach einfachen Erklärungen und sanften Heilmethoden. Auf der Suche nach der heilen Welt vertrauen sie sich oft Scharlatanen und Verschwörungstheoretikern an, welche die Welt uminterpretieren und simple Rezepte für drängende Fragen in vielen Lebensbereichen haben. Doch ihre Erklärungen und Ideen beruhen auf einem Aberglauben und führen in eine Traumwelt.

Die Gefahren des Aberglaubens werden oft unterschätzt. «Lasst die Sucher doch träumen, wenn es ihnen hilft, das Leben besser zu meistern!», lautet eine Standardantwort. Wirklich? Ist die Flucht in eine Parallelwelt ein probates Rezept, um die Realität besser zu ertragen?

Ein Blick nach Westafrika zeigt, wie verheerend sich der Aberglaube auswirken kann. Ebola ist zwar ein Extrembeispiel, das Muster ist aber stets das gleiche. Denn auch bei uns kann der Aberglaube tödlich wirken.

Ein Beispiel aus Guinea: Bewohner in entlegenen Dörfern behaupteten, die Helferteams aus dem Westen hätten die tödliche Krankheit importiert und verantworteten die Epidemie. Dorfbewohner verschleppten sieben Helfer und schnitten ihnen die Kehle durch.

In anderen Regionen erklärten die Bewohner, Ebola sei eine Erfindung der westlichen Helfer. Diese benützten die angebliche Krankheit, um die Westafrikaner in den Spitälern zu ermorden. In einem Dorf riegelten die Leute die Zufahrten ab und sperrten das medizinische Hilfspersonal aus. Solche Anfeindungen sind für die ausländischen Spezialisten besonders hart zu ertragen: Sie riskieren ihr Leben und werden als Mörder verschrien.

Aus Unkenntnis umarmen viele die Toten nach alter Tradition und stecken sich mit dem tödlichen Virus an. Deshalb müssen die Helfer viel Zeit aufwenden, um Aufklärungsarbeit zu leisten.

Auch bei uns kann der Aberglaube tödliche Konsequenzen haben. Für viele Esoteriker sind Schulmedizin und Pharmaindustrie die Ursache vieler Krankheiten, tödlicher Diagnosen und gefährlicher Medikamente. Sie verweigern ärztliche Behandlung und sterben teilweise an Infekten, die leicht zu heilen gewesen wären. Auch die Leugnung gefährlicher Viren ist nicht nur im afrikanischen Busch zu finden: Bei uns streiten auch heute noch Esoteriker und Verschwörungstheoretiker die Existenz von Aids-Erregern ab. Der Aberglaube kann harmlose Auswirkungen haben, doch wer abergläubisch ist, kann Opfer tödlicher Fehleinschätzungen werden.

Tödlicher esoterischer Wahn

Hugo Stamm am Samstag, den 11. Oktober 2014

Vor 20 Jahren geriet die Schweiz weltweit in die Schlagzeilen wie noch nie zuvor. Guru Jo Di Mambro inszenierte mit seinem esoterischen Sonnentemplerorden ein beispielloses apokalyptisches Sektendrama. Es musste spektakulärer werden als frühere Ereignisse, wie er schrieb. Er sollte Recht bekommen. Die Bilanz seiner irren Aktion: 74 Tote. Ein Teil seiner Anhänger liess der Sektenchef ermorden, die restlichen Sonnentempler vollzogen mit ihm den «Transit zum Stern Sirius», also den kollektiven Suizid. Im Glauben, auf dem paradiesischen Gestirn den spirituellen Frieden zu finden.

Was geht in einem Menschen vor, der ein solches Massacker zu seinen Ehren inszeniert? Wie kamen seine Anhänger dazu, ihrem Guru in den Tod zu folgen?

Der Uhrmacher Di Mambro war schon in jungen Jahren von spirituellen Phänomenen fasziniert, wie das heute Millionen Esoteriker sind. Er glaubte, mit höheren Wesen aus der göttlichen Hierarchie kommunizieren zu können. Aus seiner angeblichen übersinnlichen Begabung leitete er den Missionsauftrag ab, die Welt in ein neues spirituelles Zeitalter zu führen. Er begründete eine Ersatzreligion und floh geistig in eine Parallelwelt.

Der Übertritt in diese virtuelle Sphäre führte zu einer Entfremdung, die auch geistige und psychische Spuren hinterliess. Da die beiden Welten nicht kompatibel sind, baute er eine zweite Identität auf. In der spirituellen Identität fühlte sich Di Mambro mit göttlichen Attributen ausgestattet. Diese Spaltung, aufgeladen mit wahnhaften esoterischen Ideen, führte zu psychischen Auffälligkeiten. Er entwickelte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und Verfolgungsängste.

Als seine Vision vom neuen spirituellen Zeitalter am mangelnden Interesse der breiten Öffentlichkeit scheiterte, vollzog er den barbarischen Fanal: Er opferte 73 Anhänger, um in die Schlagzeilen zu kommen und in die Geschichte einzugehen.

Doch was war mit den Templern passiert, dass sie dem Guru glaubten und Suizid begingen? Sie hatten sich von spektakulären Ritualen und fantastischen Heilsideen in virtuelle esoterische Sphären entführen lassen, in denen angeblich alle menschlichen Grenzen überwunden werden konnten. Der Aberglaube wurde zur tödlichen Falle. Sie glaubten in ihrer Sehnsucht nach Erlösung an die göttlichen Fähigkeiten ihres Gurus, sein Wort war für sie die unumstössliche Wahrheit. Die suggestiven religiösen Kräfte und gruppendynamischen Prozesse trübten endgültig ihre Sinne.

Der religiöse Wahn weckte zwar ihre übersinnlichen Emotionen, machte sie aber zu spirituellen Robotern und tötete ihre menschlichen Gefühle ab. Deshalb betrachteten sie den Tod als Erlösung.

Atheisten – die besseren Christen?

Hugo Stamm am Samstag, den 4. Oktober 2014
Hugo Stamm

Gottesdienst, nur ohne Gott: Sunday Assembly in London. Foto über: London Evening Standard

 

Gottesdienste am Sonntagmorgen sind für viele Zeitgenossen so attraktiv wie das Bündeln von Altpapier. Kirchen stehen heute in Konkurrenz mit Clubs und Discos, denn junge Leute kommen oft erst nach Hause, wenn die Glocken zum Gottesdienst rufen. So überrascht es kaum, dass es vorwiegend ältere Semester sind, die dem Pfarrer Gesellschaft leisten. Mit dem Tod vor Augen betet es sich leichter.

Doch das Bedürfnis nach Ritualen und spirituellen Empfindungen ist eine anthropologische Konstante. Insofern sind die Clubs für viele eine Art Kirchenersatz. Alle anderen Kirchenflüchtlinge suchen spirituelle Alternativen. Wo die Nachfrage gross ist, wächst in einer kapitalistischen Gesellschaft rasch das Angebot. Marktleader und Sammelbecken für gestrandete Christen ist die Esoterik mit ihren Hunderten von Disziplinen und Ritualen. Die Industrie zur Befriedigung spiritueller Bedürfnisse setzt denn auch Dutzende Millionen in der Schweiz um.

Nun rüsten auch die Atheisten auf. Die Gottlosen haben offenbar ebenso das Bedürfnis nach Gemeinschaftserlebnissen und Ritualen. Doch wie sieht ein «Gottesdienst» der Atheisten aus? Fast wie ein richtiger Gottesdienst.

Konkret: In 35 Städten feierten atheistische Organisationen am vergangenen Sonntag erstmals ihre Sunday Assemblies. Ihr Glaubensbekenntnis: «Lebe besser, hilf öfter, staune mehr». In Berlin zum Beispiel trafen sich gegen 150 Nichtgläubige. Sie sangen Lieder («I'm Walking on Sunshine»), die Texte wurden wie bei Freikirchen auf eine Leinwand projiziert, sie klatschten und schunkelten, wie wir es von den Charismatikern kennen. Die atheistische «Priesterin» forderte die Teilnehmer zu einer zweiminütigen stillen Einkehr auf, in Kirchen Gebet genannt. Die Predigt wurde in Form einer philosophischen Rede gehalten. Allerdings ging der Opferstock nicht durch die Reihen, sondern stand still beim Eingang.

Auf den ersten Blick staunt man ob der Einfallslosigkeit der Atheisten. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass es von der Form her kaum eine Alternative zum Gottesdienst gibt. Wo sich Menschen zusammenfinden, wird gesungen – siehe das aktuelle Oktoberfest. Wenn sie sich geistig erbauen wollen, horchen sie einem mehr oder weniger weisen Redner. Und wenn sie zu sich finden wollen, halten sie Einkehr oder beten. Daran hat sich in den letzten 2000 Jahren wenig geändert, wie die Atheisten beweisen. Und doch möchte man mit Jesus rufen: «...denn sie wissen nicht, was sie tun.»

Erste Sunday Assembly in Berlin:

Quelle: Spiegel online

Was Jesus dem PR-Genie Paulus verdankt

Hugo Stamm am Samstag, den 27. September 2014
Paulus-Figur im umstrittenen Creation Museum in Petersburg (USA). Foto:  John Scalzi/Flickr

Schönte das Porträt von Jesus: Paulus als Wachsfigur im umstrittenen Creation Museum in Petersburg (USA). Foto: John Scalzi/Flickr

Für die christliche Welt ist klar: Jesus ist als Sohn Gottes der Begründer der grössten Weltreligion. Der jüdische Wanderprediger hat mit seinen Wundertaten und dem Märtyrertod ein glaubhaftes religiöses Zeugnis abgelegt. Doch wie lässt es sich erklären, dass einer von vielen Wanderpredigern im dünn besiedelten Palästina eine Bewegung initiieren, sich über die ganze Welt verbreiten und 2000 Jahre lang das spirituelle Bewusstsein einer Bevölkerungsmehrheit prägen konnte?

Dieses Kunststück hat nicht Jesus geschafft, denn der Prediger geriet ausserhalb urchristlicher Gemeinden rasch in Vergessenheit. Denn schon zu Lebzeiten blieb sein Bekanntheitsgrad bescheiden, gibt es doch nur ein paar wenige historische Zeugnisse von ihm.

Die weltweite Expansion gelang vielmehr einem begnadeten PR-Manager. Sein Name ist Paulus. Der Evangelist kannte Jesus nicht persönlich, der war längst tot. Paulus konnte sich auch nicht auf schriftliche Zeugnisse von oder über Jesus stützen, denn es gab nur mündliche Überlieferungen. Für Paulus war Jesus also eine virtuelle Figur. Deshalb konnte der Taktiker alle Attribute in ihn hineinprojizieren, die ihn zum Helden und Märtyrer machten.

Die stärkste PR-Marke – um es mit der Marketingsprache zu formulieren: Paulus präsentierte Jesus als Sohn Gottes. Damit wurde Jesus unantastbar. Er kam auf die Erde, um sich in den Dienst der Menschen zu stellen und für diese am Kreuz zu sterben. Doch diese Überhöhung hätte Jesus als tiefgläubiger Jude nicht akzeptiert. Sich gottgleich zu machen, wäre aus jüdischer Sicht eine Anmassung gewesen. Das gilt auch für die Auferstehung. Zeugnisse oder Zeugen darüber gibt es ohnehin nicht.

Auch in einem anderen Punkt überging Paulus Dogmen von Jesus. Dieser hatte von den Gläubigen verlangt, dass sie sich beschneiden lassen und den jüdischen Glauben übernehmen, um Christ werden zu können. Damit war das Missionsfeld eng begrenzt. Paulus hatte aber die ungläubigen Griechen und Römer im Visier und warf die religiösen Bedingungen von Jesus über Bord.

Weiter nahm PR-Genie Paulus einen Weichzeichner und schönte das Porträt von Jesus. Aus einem radikalen und unerbittlichen Asketen und Eiferer, der Pflugscharen zu Schwertern machte, modellierte er einen sanftmütigen und liebenswürdigen Religionsstifter und Sohn Gottes.

Paulus wusste offenbar auch, dass Religion und Glauben von einprägsamen Symbolen und Metaphern leben. So schuf er die wohl einfachste Corporate Identity: das Kreuz.

Es war also nicht Jesus, der das Christentum als Bewegung begründete, auch nicht ein Apostel, sondern ein gewiefter Marketingstratege, der viel von Massenpsychologie verstand.

Der Mythos von der heilen Natur

Hugo Stamm am Donnerstag, den 18. September 2014
Die Natur als Religionsersatz: Pilgerinnen feiern die Sommersonnenwende in Stonehenge. Bild: Chris Ison (Keystone)

Die Natur als Religionsersatz: Pilgerinnen feiern die Sommersonnenwende in Stonehenge. Bild: Chris Ison (Keystone)

Intensive Naturerlebnisse lösen Glücksgefühle aus. Sonnenuntergänge gehören zu den beliebtesten Fotosujets, wir jauchzen, wenn wir auf Berggipfel klettern, auf ihren Flanken mit dem Mountainbike talwärts sausen oder auf Wellen reiten.

In einer technisierten und hektischen Welt ist die «heile Natur» ein Refugium, um uns vom hektischen Alltag und den dekadenten Zivilisationserscheinungen abzulenken. Wir projizieren unsere Sehnsüchte in die Idee von der reinen Natur.

Mit der Natur selbst haben unsere Projektionen aber nichts zu tun. Wir verklären sie in naiver Weise. Der Naturmythos wird zum Religionsersatz. Oder zur Religion selbst, einer Art Pantheismus, der das Göttliche in der Natur verkörpert sieht.

Dass diese Form von Naturreligion heute eine solche Faszination erfährt, hat auch mit der Esoterikwelle zu tun, die alles vermeintlich Gottbeseelte verklärt, ohne den religiösen Ideen auf den Grund zu gehen. Schamanische Rituale in der Natur, Hexenfeuer bei Sonnenwendfeiern, das Umarmen von Bäumen, die Verehrung von Feen und Kobolden: der Mythos von der heilen oder gar spirituellen Natur als Heilsprinzip.

Natürlich sind schöne Naturerlebnisse beglückende Ereignisse, die man allenfalls als spirituelle Gefühle interpretieren kann. Die Natur zum Religionsersatz hochzustilisieren, entspricht aber einer intellektuellen oder philosophischen Ignoranz. Denn es gibt nichts Grausameres und Härteres als die «Natur».

Ein Baum wächst möglichst schnell, um mit seinem üppigen Blätterwerk ein Schattendach zu bilden und den Konkurrenten die Lebensenergie Sonne zu stehlen. Der Wolf wird zur Tötungsmaschine und reisst in seinem Rausch viel mehr Schafe, als er essen kann. Eine Katze ergötzt sich am Spiel mit der sterbenden Maus. Der nackte Überlebenskampf ist das zentrale Prinzip der Natur. Die von Esoterikern als Mutter oder Göttin Gaia verehrte Erde erzeugt Naturkatastrophen wie Stürme, Überschwemmungen und Erdbeben, die das Leben von Säugern flächendeckend auslöschen.

Es gibt die heile Welt nicht, weder in uns noch um uns herum und auch nicht in der unberührten Natur. Wir nehmen bei Landschaftserlebnissen vor allem den optischen Aspekt der Natur wahr, der auf unsere Netzhaut trifft. So reduzieren wir sie gern auf ihren kitschigen Aspekt, um unsere religiösen Bedürfnisse zu befriedigen oder Glückshormone zu produzieren. Dagegen ist nichts einzuwenden. Problematisch wird es aber, wenn wir die Natur spirituell verklären, weil wir damit einen Realitätsverlust erleiden und einem Aberglauben erliegen.

Franziskus bandelt mit den Fundis an

Hugo Stamm am Samstag, den 13. September 2014
Pope Francis waves as he leads the Sunday Angelus prayer from the window of the Apostolic Palace in Saint Peter's Square at the Vatican

Auf gemeinsamer Mission mit den Evangelikalen: Franziskus am vergangenen Sonntag auf dem Petersplatz. Foto: Alessandro Bianchi (Reuters)

Papst Franziskus ist ein dynamischer Oberhirte der katholischen Kirche, in der Öffentlichkeit ungewohnt präsent und bei vielen Katholiken beliebt. Er gilt als Papst zum Anfassen, der oft auf ein pompöses Protokoll verzichtet und sich als Anwalt der Armen gibt.

Kritiker beurteilen seinen Aktivismus aber pragmatisch. Sie werfen ihm vor, er setze sich effektvoll in Szene und lenke davon ab, dass er eine rückständige, konservative Kirchenpolitik betreibe.

Ein neues Projekt bestätigt die Kritiker. So will Franziskus mit den Evangelikalen ein gemeinsames Missionspapier ausarbeiten. Damit verbündet er sich ausgerechnet mit den Freikirchen, die ein dogmatisches bis fundamentalistisches Christentum vertreten. Mit diesem Akt brüskiert der Papst wohl die reformierten Kirchen. Denn das Papier soll ausgerechnet 2017 umgesetzt werden, also im Jahr des 500-jährigen Jubiläums der Reformation, wie die freikirchlich orientierte Nachrichtenagentur Idea schreibt.

Professor Thomas Schirrmacher aus Bonn, Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) – einer Art Dachverband der Freikirchen –, bestätigt die gemeinsamen Missionsbestrebungen. Die Initiative sei von Papst Franziskus ausgegangen. Dieser habe mehrere Repräsentanten der evangelikalen Bewegung gebeten, einen Entwurf zu formulieren. Das Papier wurde dem Papst bereits übergeben und trägt den Titel «Glaubenserklärung zur Einheit in der Mission».

Die gemeinsame Aktion erstaunt, denn die theologischen und kirchenpolitischen Differenzen der beiden Glaubensrichtungen sind beträchtlich. In Südamerika zum Beispiel liefern sich Freikirchen und katholische Kirche erbitterte Auseinandersetzungen. Die aggressiven Missionsbestrebungen vieler Freikirchen, die mit ihren bombastischen Gottesdiensten grosse Fussballstadien füllen, drängen die katholische Kirche in die Defensive.

Dabei scheuen sich fundamentalistische Prediger von Freikirchen nicht, die katholische Kirche als Sekte zu brandmarken. Die Kurie halte sich nicht an das Wort der Bibel. Allein schon das Papsttum ist für viele Freikirchen eine Irrlehre.

Weshalb biedert sich die freikirchliche Allianz trotzdem beim Papst an? Sie profitiert vom Bündnis mit der katholischen Kirche und führt zu einer indirekten Anerkennung und zu einem Imagegewinn. Ausserdem erhalten sie quasi einen Freibrief zur Missionierung von Katholiken. Falls der Papst nicht noch die Notbremse zieht, macht er sich zum Steigbügelhalter der Freikirchen.

Gott allein ist für uns Menschen verantwortlich

TA am Samstag, den 6. September 2014
Michelangelos «jüngstes Gericht».

Habt keine Angst: Michelangelos «Jüngstes Gericht» in der Sixtinischen Kapelle. (Quelle: Wikipedia)

Ein Gastbeitrag von Blogger Albert Baer.

Generationen von Menschen wurden mit der Angst vor dem Jüngsten Gericht erzogen und gefügig gemacht. Für die Eingeschüchterten gibt es aber eine gute Nachricht: Man muss keine Angst davor haben, dereinst vor den göttlichen Richter treten zu müssen, selbst wenn es so etwas wie ein Jüngstes Gericht geben sollte.

Der Grund: Man kann gegenüber seinem Schöpfer – wenn es ihn denn wirklich gibt – nicht verantwortlich sein. Beim Schöpfer und seinem Geschöpf geht die Verantwortung nur in eine Richtung, nämlich zum Erschaffer. Wieso? Schöpfung ist ein eigenmächtiger Akt. Das erschaffene Wesen hat kein Sagen zu seiner Schöpfung, es hat weder eine Wahl, noch kann es seinen Willen bekunden. Denn seine Existenz beginnt erst mit dem Schöpfungsakt.

Das Geschöpf hat also keinen Vertrag mit seinem Schöpfer, weshalb sich aus seiner Schöpfung auch keinerlei Verpflichtungen ergeben.

Natürlich darf ein Wesen seinen Schöpfer lieben, wenn es denn mag und so empfindet, aber es ist zu nichts verpflichtet und muss ihm auch nicht dankbar sein. Die Initiative geht stets vom Schöpfer aus, die Motivation für den Schöpfungsakt liegt allein bei ihm. Mit dem geschaffenen Subjekt hat es nichts zu tun.

Letztlich ist der Schöpfer nach dem Verursacherprinzip allein verantwortlich für sein Geschöpf und dessen Handlungen. Deshalb können alle Wesen – sollten sie denn wirklich einmal vor dem Jüngsten Gericht stehen – die Schuld, die man ihnen zuschiebt, entspannt an ihren Schöpfer weitergeben.

Zum Tod einer Kultfigur des Yoga

Hugo Stamm am Samstag, den 30. August 2014
Yoga-Guru Iyengar.

Verehrter Yoga-Meister: Der verstorbene Guru B.K.S. Iyengar. (PD)

Yoga eroberte in jüngster Zeit die westliche Welt. Zehntausende von Yogalehrern betreiben Tausende Yoga-Studios und sorgen für Umsätze in Milliardenhöhe. Allein in Europa praktizieren Schätzungen zufolge sieben Millionen Menschen Yoga.

Verantwortlich für den erfolgreichen Import des Yoga bei uns war in erster Linie der indische Yoga-Guru B.K.S. Iyengar, der am 20. August im Alter von 95 Jahren in Poona, Indien, starb. Sein Yoga-Konzept wird dafür sorgen, dass die Kultfigur über seinen Tod hinaus weiterlebt. Das  Iyengar-Yoga-Studio Zürich schrieb denn auch, Guruji Iyengar habe um 3.15 Uhr seinen Körper verlassen. Sein Geist lebt aber in den unzähligen Studios weltweit fort, seine Lehrer tragen das Erbe weiter. Vor allem an Schülerinnen, die, ähnlich der Esoterikszene, rund 80 Prozent der Kunden ausmachen. Allein in Zürich arbeiten 88 zertifizierte Iyengar-Lehrerinnen und Lehrer.

Sein Schüler Ernst Adams schrieb einst: «Es ist geradezu Mr. Iyengars Markenzeichen, streng, kommandierend, manchmal schlagend und auf jeden Fall nicht zufrieden zu sein mit dem, was seine Schüler bieten.» Disziplin war Iyengar wichtig, es durfte auch ein bisschen Askese sein. Lob gehörte nicht zum primären pädagogischen Inventar des verehrten Yoga-Meisters.

Yoga-Übungen fördern Koordination, Beweglichkeit und Geschmeidigkeit. Daran besteht kein Zweifel. Nützlich sollen sie auch bei Bandscheibenvorfällen, Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen und anderen Beschwerden sein, wie Erfahrungsberichte zeigen.

Viele selbständige Yogalehrer stilisieren Yoga aber zur Ersatzreligion empor und betten die Körperübungen in einen spirituellen Überbau ein, der sich an esoterischen Heilsvorstellungen anlehnt und sonderbare Weltbilder erschafft. Ausserdem heben manche Yoga zum Universalrezept empor, das auf sanfte Art angeblich alles kuriert, was Menschen belastet, also beinahe sämtliche körperliche und psychische Leiden. Versprochen wird nicht nur die innere Gelassenheit und Glückseligkeit, sondern manchmal auch die Heilung von schweren Krankheiten, Krebs nicht ausgeschlossen. Weiter sollen die statischen Körperübungen als Anti-Aging-Mittel dienen, das das Leben verlängert.

Für diese Auswüchse kann man B.K.S. Iyengar nicht verantwortlich machen. Er hat aber den Yoga-Mythos mitbegründet und es zugelassen, dass er von vielen Yoga-Schülerinnen wie ein Guru verehrt wird.

Botschaften aus dem Jenseits

Hugo Stamm am Samstag, den 23. August 2014
Solheim Cup - Preview Day 3

Esoteriker verstehen Gott als höhere Form von Energie. (Foto: Getty Images)

Das Gespräch mit Gott ist ein alter Menschheitstraum und ein zentraler Inhalt vieler Glaubensgemeinschaften. Die Kommunikation mit dem höchsten Wesen vermittelt die Überzeugung, dass es überhaupt einen Schöpfer gibt und wir ihn erfahren. Aus Sehnsucht, mit Gott in einen Dialog zu treten, ist das Gebet entstanden. Es weist autosuggestive Elemente auf und hilft, Glaubenszweifel zu zerstreuen. Der Glaube an Gott als eine Art Übervater vermittelt Geborgenheit.

Esoterikern geht diese spirituelle Heimat vordergründig ab. Sie glauben nicht an einen personalen Gott. Sie verstehen Gott als höhere Form von Energie, eine Art Urkraft, die in einer hohen Frequenz schwingt.

Diese Vorstellung ist nicht sonderlich sinnlich. Wir denken dabei intuitiv an physikalische Attribute. Gott als Energiequelle wirkt auch nicht spirituell. Doch für Esoteriker besteht das ganze Universum ausschliesslich aus Energie, somit auch Gott. Immerhin sind sie damit in gewissem Sinn moderner als monotheistische Religionen. Denn die Physik erklärt die Welt ebenfalls vom Prinzip der Energie her.

Doch das Energiemodell ist der einzige zeitgemässe Aspekt der esoterischen Ideen. Die geistigen Wurzeln der Esoterik reichen bis in frühere Epochen, in denen der Aberglaube das vorherrschende Prinzip war. Ausserdem ist das Energiemodell kein attraktives Marketingkonzept, es fehlen die emotionalen Bezüge. Trotzdem hat die Esoterik einen beispiellosen Siegeszug angetreten und ist zur Ersatzreligion geworden. Der Trick: Die Esoterik hat Ersatzgötter geschaffen, die sogenannten Avatare oder aufgestiegene Meister. Diese stellen die Kommunikation mit den kosmischen göttlichen Instanzen mittels Channeling her und sorgen für ein emotionales Schaumbad.

Konkret: Erleuchtete spirituelle Meister werden nach ihrem Tod Teil der göttlichen Hierarchie und stellen sich als Vermittler in den Dienst der Menschen. So können medial begabte Personen, also Medien, einen geistigen Kanal zu den aufgestiegenen Meistern herstellen und angeblich authentische Botschaften aus dem Jenseits empfangen. Quasi ein aktuelles Evangelium.

Diese Botschaften der verschiedenen esoterischen Medien erinnern oft an eine Märchenstunde von Trudi Gerster. Und sie widersprechen sich nicht selten diametral. Das kümmert Esoteriker aber wenig, denn das kritische Hinterfragen ist nicht erwünscht. Es ist auch kein Zufall, dass das Channeling an Uriella erinnert, die sich ebenfalls als Sprachrohr Gottes versteht und auch Botschaften aus dem Jenseits empfängt. Ihre Trefferquote ist etwa gleich tief wie diejenige der Avatare, die auch gern Zukunftsprognosen machen. Würde das Channeling funktionieren, wäre die Welt schon hundertfach untergegangen.

  • Letzte Beiträge

  • Letzte Kommentare

  • Kategorien

  • Archiv

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Werbung

Werbung

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Vergleichsdienst

Günstiger in die Ferien!

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Marktplatz

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Vergleichsdienst

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.