Wenn der Glaube ein reaktionäres Weltbild fördert

Hugo Stamm am Samstag, den 31. Januar 2015
Jesus

Ausländer sind den Gläubigen oft nur willkommen, wenn sie sie missionieren können. Bild: Reuters

Viele Menschen mit einem radikalen Glauben fallen durch ein traditionelles Weltbild und eine politisch konservative Haltung auf, wie Beobachtungen zeigen. Das Phänomen ist derart signifikant, dass sich die Vermutung aufdrängt, der Kern vieler Glaubensrichtungen sei reaktionär und präge das Bewusstsein der Gläubigen.

Sicher ist zumindest, dass die meisten Heilslehren keine avantgardistischen Lebensentwürfe oder unkonventionellen Lebensstile propagieren. Unbestritten ist auch, dass das Bewahrende im Wesen der traditionellen Glaubensgemeinschaften und spirituellen Gruppen liegt. Ihre Konzepte sind Dutzende, Hunderte oder Tausende Jahre alt. Ausserdem liegt den Heilslehren das Absolute zugrunde. Sie lassen sich nicht reformieren oder dem aktuellen Zeitgeist anpassen.

Das führt oft zu Anachronismen wie dem Festhalten an der Schöpfungslehre oder der Empfehlung, keine Verhütungsmittel zu benutzen. Solche Dogmen und Doktrinen führen zwangsläufig dazu, dass vor allem traditionsbewusste, konservative Menschen Zuflucht bei strengen religiösen und spirituellen Glaubensgemeinschaften suchen.

Auf den ersten Blick erscheint es eher überraschend, dass auch viele esoterische Strömungen, die sich nach aussen aufgeschlossen und zukunftsorientiert geben, reaktionär sind. Es ist deshalb kein Zufall, dass «die braune Esoterik» ein stehender Begriff wurde. Viele spirituelle Sucher verklären die Welt der Kelten und Germanen. Sie sehnen sich nach autoritären Strukturen mit Druiden, Schamanen, Weltenlehrern und spirituellen Meistern als Führer. Ausserdem beten sie Wotan und Gaia an und lassen Hexen wieder aufleben und kultivieren ein magisches Denken, was den Errungenschaften der Aufklärung diametral gegenübersteht.

Die konservative Geisteshaltung hat auch Auswirkungen auf die politische Einstellung. Die fanatischen islamistischen Bewegungen demonstrieren es. Dagegen sind strenggläubige Christen geradezu zivilisiert, auch wenn einzelne in den USA Ärzte attackieren, weil sie Abtreibungen vornehmen. Keine Überraschung ist es auch, dass viele Freikirchler und konservative Katholiken ihre politische Heimat bei den rechten Parteien der EVP und EDU finden.

In Teufels Küche kommen die frommen Christen aber mit ihren weitverbreiteten Ressentiments gegenüber Asylbewerbern und Flüchtlingen. Dann vergessen sie schnell, dass ihr Vorbild Jesus Nächstenliebe und Barmherzigkeit predigte. Ausländer sind den Gläubigen oft nur willkommen, wenn sie sie in Afrika und Asien missionieren und zu Gott führen können. Denn jede «gerettete Seele» verschafft ihnen angeblich einen Bonus auf dem Weg zum Himmel.

Wenn das Universum einen Porsche liefert

Hugo Stamm am Samstag, den 24. Januar 2015
Porsche 300

Danke für die prompte Erledigung, liebes Universum! Foto: porsche-mania.com

Esoterik und kritischer Verstand gehen schlecht zusammen. Sie liegen auf den gegenüberliegenden Polen im Universum. Dies zeigt sich auch beim Ritual «Bestellung beim Universum». Diese Spielart der spirituellen Suggestion entpuppt sich nicht nur als erstaunlich zähes Phänomen, sondern hat sich im Lauf der Jahre in den täglichen Sprachgebrauch vieler Menschen geschmuggelt – auch ausserhalb der Esoterikszene.

Das Ritual geht so: Wenn den Menschen irgendetwas fehlt, schicken sie wie selbstverständlich einen Wunsch ans Universum und sind sich sicher, dass er bald erfüllt wird. Unabhängig davon, wie gross oder unrealistisch er ist. Die Palette der Bestellungen ist so weit wie das Universum selbst und erinnert an die Wünschelrute in Kindermärchen. Wer zum Beispiel in der Stadt krampfhaft einen Parkplatz sucht, schickt einen Wunsch ans Universum. Wer ein gefülltes Bankkonto braucht, einen Liebespartner, ein Auto usw. tut es ebenfalls.

Doch wer ist der Pöstler, wer der Adressat der Bestellungen? Das Universum ist schliesslich beträchtlich in seiner Ausweitung, die Zahl der Sterne ohne Ende. Empfänger der Wünsche ist aber – man ahnt es – die göttliche Instanz, verraten uns die Esoteriker. Diese ist in ihren Augen zwar fähig, alle erdenklichen Wunder zu bewirken, geistig scheint sie aber ziemlich beschränkt zu sein.

So schreibt ein Anbieter von Wunscherfüllungskarten: «Der Wunsch muss positiv formuliert sein, da Negierungen von der höchsten göttlichen Ebene nicht wahrgenommen werden können, denn diese göttliche Schöpferebene sagt einfach immer nur ja zu allem.» Man dürfe den göttlichen Engeln also nicht sagen, ich habe leider keinen roten Porsche, weil «die Schöpferebene mit Bildern arbeitet, die ja letztlich aus lauter Symbolen zusammengesetzt sind». Deshalb lautet die Bestellung richtig: «Ich will einen roten Porsche.»

Fragen scheinen sich die Personen nicht zu stellen, die Wünsche wie Stossgebete ins Universum schicken. Unterhalten die göttlichen Mächte eine Porschefabrik? Fällt das ersehnte Fahrzeug eines Tages vom Himmel? Liefern sie den Fahrzeugausweis gleich mit? Wäre es nicht einfacher von den Engeln, den göttlichen Boten, Geld regnen zu lassen, damit sich der Kandidat einen Porsche kaufen kann und auch der Garagenbesitzer belohnt wird?

Schöpferin des Wunschrituals ist die deutsche Esoterikerin Bärbel Mohr. Sie hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben, die in 17 Sprachen übersetzt und zwei Millionen Mal verkauft wurden. Es ist nicht überliefert, wie viele Wünsche die Autorin selbst ans Universum geschickt hat. Offensichtlich hat sie aber einen Wunsch übersehen, nämlich den Wunsch nach einer guten Gesundheit. Denn Bärbel Mohr ist vor vier Jahren im Alter von 46 Jahren gestorben. Ihr Ritual scheint aber unsterblich zu sein. Wie der Aberglaube.

Bärbel Mohr über ihr Buch «Bestellungen beim Universum – Ein Handbuch zur Wunscherfüllung» (Quelle: Youtube)

Die «Stündeler» sind keine Taliban

TA am Samstag, den 17. Januar 2015

Dieser Gastbeitrag stammt von Georg Schmid. Der 74-jährige Theologe war Titularprofessor an der Universität Zürich, leitete die Sektenberatungsstelle der evangelischen Kirche und schrieb mehrere Sachbücher.

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Komisch vielleicht, aber nicht gefährlich : Gottesdienst einer amerikanischen Freikirche. Screenshot: The Ramp/Vimeo

Freikirchen geniessen nicht immer den besten Ruf. Früher sprach man von «Stündelern» und «Frömmlern», heute eher von «Evangelikalen», «Sektierern», «Fundamentalisten», hie und da sogar von «christlichen Taliban».

Ich zähle Freikirchenmitglieder zu meinem Freundeskreis. Sie sind keine humorlosen Fundamentalisten und noch weniger bedrohliche Taliban. Darum frage ich mich: Wie kommt es zur leisen Freikirchenverachtung oder gar zur lauten Freikirchenschelte? Ich sehe fünf mögliche Antworten:

  1. Wir haben häufig das Gefühl, Freikirchler wollten uns zu ihrem Glauben bekehren. Manche sagen uns offen, dass wir verloren seien, wenn wir nicht so glaubten wie sie, und dereinst in der Hölle endeten. Dieser missionarische Anspruch weckt in manchen eine spontane Freikirchenaversion. «Ich, ein Höllenkandidat?» Es fällt schwer, darauf gelassen zu reagieren.
  2. Ex-Freikirchliche, die sich aus ihrer frommen Vergangenheit befreiten, gehören nicht selten zu den radikalsten Kritikern jeder Religion. Biografisch sind solche Bekehrungen – nicht vom Saulus zum Paulus, sondern vom Paulus zum Saulus – oft mehr als nur begreiflich. Aber sie schaden den Freikirchen.
  3. Freikirchen reagieren auf Kritik in den Medien oft seltsam ungeschickt. (Allerdings auch andere Religionsgemeinschaften.) «Skandale» werden heruntergespielt oder ganz verschwiegen. Wir wissen zwar als Christen, dass wir alle Sünder sind. Aber konkrete Fehler im eigenen Verhalten öffentlich einzugestehen, davor bewahre uns der Himmel.
  4. Vielleicht bewundern wir im Stillen Menschen, die ein schwieriges Leben mit ihrem tiefen Glauben tapfer und fröhlich bewältigen. Wir spötteln zwar über die Frommen. Aber im tiefsten Grund unserer Seele bedauern wir, dass es uns nicht oder nicht mehr gelingt, so kindlich zu glauben. «Dieses Gottvertrauen! Jesus als göttlichen Freund neben dir, der dich nie mehr verlässt! Nie mehr verzweifeln!» Weil uns das nicht mehr möglich ist, lästern wir.
  5. Seit uns der islamistische Terror aufschreckt, werden andere Religionen intensiv nach ähnlichen radikalen Fundamentalismen durchforscht. In der christlichen Vergangenheit wird man sofort fündig. Aber in der christlichen Gegenwart muss man auf die sogenannten Evangelikalen zurückgreifen. Sie werden nun zu christlichen Taliban emporstilisiert. Der Wunsch, den Islam zu entlasten, ist begreiflich. Aber das Ergebnis ist geradezu peinlich. Man mag manches gegen die Evangelikalen einwenden, aber christliche Taliban sind sie nicht.

Welcher Gott ist der richtige?

Hugo Stamm am Samstag, den 10. Januar 2015
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Viele Wesen bevölkern den indischen Götterhimmel, auch das halbe Tierreich ist vertreten. Bild: PD

An indischen Pilgerstätten manifestiert sich eine eindrückliche Volksfrömmigkeit, wie sich auf einer Indienreise durch Tamil Nadu zeigte. Auch wenn für uns intellektuell geprägte Besucher vieles befremdlich wirkt, ist die Hingabe der Pilger und Sadhus (hinduistische Mönche) berührend. Wenn die Pilger den Dämonen Opfergaben in Form von Lebensmitteln darbringen, während vor dem Tempel die Bettler Schlange stehen, gerät unser Wertesystem ins Wanken. Oder wenn Frauen vor einem mit goldenen Tüchern umwickelten schwarzen Stein (Lingam, Symbol für das männliche Geschlechtsorgan oder die schöpferische Kraft von Shiva) niederknien und inbrünstig beten, wirkt das Ritual fremd.

Wer den Hinduismus und Indien kennt, ist aber nicht erstaunt. Denn hier bevölkern viele Wesen den Götterhimmel. Da tummeln sich Inkarnationen der Inkarnationen der Hauptgötter. Alle Abkommen geniessen ebenfalls göttlichen Status. Bevölkert ist er auch vom halben Tierreich. Nandi Bull, der heilige Stier, wird gern als Kraftsymbol angebetet. Einen besonderen Platz nimmt aber auch Ganesh ein, der Elefantengott. Populär ist weiter Hanuman, der Affengott. Die heiligen Kühe, die die Strassen bevölkern, sind ohnehin legendär.

Manchmal wirkt die Verehrung gar kurios. So besuchen viele Pilger in Deshnoke, Rajastan, einen Tempel, in dem Ratten verehrt werden. Tausende dieser Nager wuseln durch die heiligen Hallen. Sie alle sind wohlgenährt, denn sie werden von den Pilgern reichlich gefüttert.

Uns erscheint die Anbetung von Tieren wie eine Frühform einer Religion oder eines Glaubens. Bekanntlich entrümpelten die späteren Weltreligionen den Himmel von Mond, Sternen, Dämonen, Tieren und vielen Untergöttern. Schliesslich mündete die Entwicklung in den Monotheismus. Doch ist der Hinduismus deshalb eine archaische Religionsform? Dürfen wir uns ein Urteil anmassen?

Wenn man die Frage konsequent zu Ende denkt, spielt es vielleicht gar keine Rolle, ob man einen monotheistischen Gott oder Nandi Bull anbetet. Denn über das Wesen von Gott können wir nur spekulieren. Der Glaube an höhere Wesen ist immer eine Projektion. Den Gläubigen geht es dabei in erster Linie darum, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte auf eine göttliche Instanz zu lenken, ihr die Ängste zu übergeben, Trost zu suchen, Hilfe zu erhoffen und die Furcht vor dem Tod zu teilen.

Gebete haben also weniger mit Gott als mit den Gläubigen selbst zu tun. Wären wir angstfrei, hätten wir kaum ein Bedürfnis, uns den göttlichen Wesen anzuvertrauen. So hilft uns der Glaube, Leid und Elend auf der Welt besser zu ertragen. Dabei spielt es für den einzelnen Gläubigen wahrscheinlich eine untergeordnete Rolle, ob er seine Sehnsüchte auf Ratten oder einen monotheistischen Gott projiziert.

Religionen leben von der Angst der Gläubigen

Hugo Stamm am Sonntag, den 4. Januar 2015
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Gegen den Tod hilft hier ein Elixier: Bruce Willis und Goldie Hawn in der rabenschwarzen Komödie «Der Tod steht ihr gut», 1992. Foto: imdb

Religionen und Glaubensgemeinschaften spenden Trost und Zuversicht. Mit diesen beiden Attributen verbinden wir eigentlich Lebensfreude. Doch dies ist nur die eine Seite von religiösen Bewegungen und Konzepten. Denn primär leben sie von der Angst der Menschen: von der Angst vor dem Tod und der Furcht vor der Vergänglichkeit.

So hoffen Gläubige der Weltreligionen auf ein Leben nach dem Tod, schliesslich ist dies der Kern und das Wesen von Heilslehren. Es wird ihnen ja auch als Hauptziel vor Augen geführt. Trotzdem bleiben bei vielen im Geheimen gewisse Zweifel zurück. Denn bei nüchterner Betrachtung ist schwer nachvollziehbar, dass unser Körper nach dem Tod zerfällt, die Seele aber ins Jenseits übersiedelt. Es ist ja nicht einmal sicher, ob es eine Seele gibt. Sie ist kein Organ, und es sind auch keine seelischen Funktionen nachweisbar. Was Gläubige als Seele definieren, kann auch als Bewusstsein oder neuronales Phänomen verstanden werden.

Gäbe es kein Elend auf der Erde und hätten wir keine Angst vor dem Tod, wären die Menschen nie auf die Idee gekommen, sich nach Göttern zu sehnen und sich ein Leben nach dem Tod auszudenken. Fragen nach der Metaphysik und Transzendenz hätten sich wohl nie gestellt. Wir wären mit der Realität auf der Erde zufrieden und bräuchten keine Projektionen von einem Leben nach dem Tod. Der Ist-Zustand würde uns so sehr erfüllen, dass wir die Sehnsucht nach Erlösung nicht bräuchten.

Doch so bestimmen Leiden und Tod unser Bewusstsein. Verknüpft damit sind Existenzängste und bei labilen Personen psychische Belastungen. Diese Ängste können auch zu Abspaltungen unbewusster Anteile führen.

Der Glaube ist also ein Rezept gegen die Existenzängste. Deshalb suchen viele Menschen, für die die christliche Lehre als nicht mehr glaubwürdig erscheint, eine Ersatzreligion. Sie halten ein religiöses Vakuum nicht aus. Davon profitieren in erster Linie esoterische Gruppen und Sekten. Doch diese verstärken die Desorientierung, indem sie das Leiden auf der Erde ausblenden oder als Phänomen erklären, das nur «Ungläubige» trifft. Also solche, die den wahren Heilspfad angeblich noch nicht gefunden haben.

Der Glaube an die Seele und das Leben nach dem Tod mag ein Mythos sein, die Überzeugung, die esoterische Selbsterlösung funktioniere tatsächlich, ist hingegen ein Aberglaube.

Die Weihnachtskrippe als Folklore

Hugo Stamm am Samstag, den 20. Dezember 2014
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Die Jesusfigur als Blickfang für die Kundschaft: Eine Weihnachtskrippe in einem Schaufenster. (Bild: Keystone)

Von der Weihnachtsgeschichte geht eine starke Symbolkraft aus. Egal, ob es sich bei ihr um einen reinen Mythos handelt. Egal auch, ob sie mit dem realen Leben von Jesus überhaupt etwas zu tun hat. Wir kennen die Geschichte seit Kindesbeinen: Jesus, der Sohn Gottes, kommt in einem Stall zur Welt und liegt auf Stroh. Der König der Christen verzichtet auf Pomp und Fanfaren. Zeugen sind die Tiere im Stall. Und die Engel erscheinen nicht den Schriftgelehrten, Reichen und Mächtigen, um das Ereignis zu verkünden, sondern den Hirten auf dem Feld. Diese Inszenierung ist Programm.

Die Botschaft lässt keine Zweifel offen und keinen Interpretationsspielraum zu: Jesus verzichtet auf Privilegien und zelebriert Bescheidenheit. Einfachheit wird zum religiösen Symbol. Und Jesus zieht das Lebensmotto konsequent durch. Er verzichtet auf eine Frau, eine Familie und zieht als Wanderprediger durch das Land. Ein entbehrungsreiches Leben.

Von diesem Geist ist im Christentum nicht mehr viel übrig geblieben. Vor allem wenn wir seine Geburt feiern. Denn nie im Jahr blühen Konsum und Luxus so sehr wie zur Weihnachtszeit. Die Umsätze der Boutiquen und Grossverteiler schiessen in Rekordhöhen. Und wir schlagen uns die Bäuche voll wie sonst selten.

Selbst die heutigen Diener dieses Jesus von Nazareth werden vom modernen Weihnachtsrummel erfasst. Schon der Ort im Vatikan, wo der Geburt des Sohnes Gottes gedacht wird, ist ein Prunkstück: Der Petersdom. Und die Kardinäle und Bischöfe schreiten im feinen Stoff in die Kirche. Auch der Gottesdienst ist eine prunkvolle Inszenierung.

Solche Veranstaltungen sind in der heutigen PR- und Kommunikationswelt auch effektvolle Selbstdarstellungen. Fernsehanstalten rund um die Welt bringen Bilder vom Weihnachtsgottesdienst. Deshalb muss die Inszenierung auch optisch attraktiv sein. Und viele Mitglieder der Kurie sind dem weltlichen Genuss durchaus zugetan. Ihr ästhetisches Empfinden verlangt einen würdigen Rahmen. Und man fragt sich, ob sie sich fragen, was Jesus wohl zu einem solchen Auftritt zum Gedenken an seine Geburt im Stall denken und sagen würde.

Ich entdeckte in diesen Tagen in Madurai, Südindien, im Schaufenster einer Kleiderboutique, eine Krippe mit Jesus, Maria, Joseph und all den Tieren im Stall. Der nackte Jesus als Blickfang für die Kunden, die gern teure Kleider tragen und sie im Laden kaufen sollen. Auch dafür muss Jesus herhalten. So ist er mit seiner Krippe zum Accessoire und zur Folklore verkommen.

Entmündigung der Gläubigen

Hugo Stamm am Samstag, den 13. Dezember 2014
Scientology benutzt den E-Meter: Eine Art Lügendetektor. Foto: Keystone

Scientology benutzt den E-Meter: Eine Art Lügendetektor. Foto: Keystone

Die meisten Glaubensgemeinschaften erheben den Anspruch, die Gläubigen zu befreien oder zu erlösen. Zumindest im religiösen oder spirituellen Sinn. Sie geben auch vor, sich in den Dienst der Mitglieder zu stellen. In der Regel versprechen sie ihnen auch ein besseres Leben im Diesseits. Immer vorausgesetzt, die Gläubigen verhalten sich fromm und gottesfürchtig.

In der Realität lösen sie ihre Ansprüche oft nicht ein. Hinter der versprochenen Freiheit lauern oft Angst und Abhängigkeit. So sind viele Sekten und Glaubensgemeinschaften autoritäre Organisationen, die strenge Regeln und Dogmen aufstellen. Und die peinlichst darauf achten, dass die Gläubigen danach leben. Egal wie sinnvoll oder sinnlos diese sind. Wer sie nicht befolgt, setzt die vermeintliche Erlösung aufs Spiel, wird gedroht. Freiheit – auch spirituelle – sieht anders aus.

Scientology zum Beispiel kennt Sicherheitsprüfungen am «E-Meter» – einer Art Lügendetektor – für Mitglieder, die sich nicht strikt an die rigiden Regeln halten. Zu spätes Erscheinen zum Kurs oder zur Arbeit kann bereits Sanktionen nach sich ziehen. Gründer Hubbard hat verhörartige Befragungen und drastische Strafen eingeführt.

Johannes B. Kerner zerlegt in seiner Sendung vom September 2009 vor Sektenexperten ein «E-Meter».
Quelle: Youtube

Ein enges Kontrollsystem kennen auch die Zeugen Jehovas. Ein Krankenhauskomitee überwacht zum Beispiel, dass sich Spitalpatienten keine Bluttransfusion geben lassen. Wer gegen das – oft tödlich wirkende – Verbot verstösst, kann ausgeschlossen werden und verliert angeblich das Seelenheil. So wird der Glaube zur Indoktrination und zum Zwangssystem, das individuelle Freiheiten unterdrückt. Es kann doch nicht im Sinn eines Gottes sein, dass seine Geschöpfe sinnlos verbluten und die Ärzte tatenlos zusehen müssen.

Auch Freikirchen führen ihre Gläubigen an der kurzen Leine. Sie drohen mit Satan und der bevorstehenden Endzeit, fordern von den Gläubigen Keuschheit vor der Ehe und zehn Prozent des Einkommens. Die Hare Krishnas haben ein autoritäres Regime, verlangen ein asketisches Leben und die Unterwerfung unter die Lehre ihres Gründers. Das alles ist Zwang zum vermeintlichen Glück und zur versprochenen Erlösung.

Aber auch eine Grossinstitution wie die katholische Kirche tut sich schwer, die Gläubigen als mündige Wesen zu akzeptieren. Sie verehrt zwar Jesus als Sohn Gottes, doch sie ignoriert teilweise seinen Geist. So hat Jesus – wenn er denn so gelebt und gewirkt hat, wie er in den Evangelien dargestellt wird – dem Individuum Würde gegeben und die gesellschaftliche Anerkennung der Frau gefördert. Er hat sich mit den Pharisäern angelegt und sich auf die Seite der Prostituierten geschlagen, also Konventionen über den Haufen geworfen. Das war zu seiner Zeit revolutionär.

Von diesem Geist ist in der katholischen Kirche wenig zu spüren. Ja, sie entmündigt Gläubige in manchen Belangen. Frauen werden auf die dienende Rolle reduziert, Wiederverheiratete und Homosexuelle von der Kommunion ausgeschlossen, die Art der Empfängnisverhütung vorgeschrieben. Und Sündern droht die ewige Verdammnis in der Hölle. Dies ist kaum im Sinn und Geist von Jesus.

Die Götter haben Leid und Elend geplant

TA am Samstag, den 6. Dezember 2014

Dieser Gastbeitrag stammt von Michael Bamberger, der sich als Naturalist und Humanist seit vielen Jahren im Sektenblog engagiert. Er wohnt in Farnern im Kanton Bern und ist 65 Jahre alt.

Wer ist verantwortlich für die Zustände auf der Erde? Kaputte Strasse in San Francisco. Foto:  Peretz Partensky (Flickr)

Wer ist verantwortlich für die Zustände auf der Erde? Strassenschaden in San Francisco. Foto: Peretz Partensky (Flickr)

Schöpfergötter werden den Gläubigen als gütig, allmächtig und allwissend präsentiert. Ein Blick auf die Geschichte der Menschheit und in die aktuelle Welt zeigt aber, dass die Vorstellung von einem allwissenden Gott, der seine menschlichen Kreationen liebt und durchs Leben begleitet, ein Mythos ist. Der religiöse Widerspruch – hier das unerträgliche Elend und Leid auf der Erde, dort die gütigen personalen Götter, die die Menschen lieben – ist schon im antiken Griechenland ein zentrales Thema gewesen. So wird auch heute noch das theologische Dilemma unter dem Begriff Theodizee diskutiert. Der Begriff geht auf den Philosophen und frühen Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz zurück.

Die Frage nach Ungerechtigkeit und Leid ist die grösste Herausforderung für die monotheistischen Theologien. Die Glaubensgemeinschaften, die sich auf einen Schöpfergott berufen, sehen sich zunehmend mit kritischen Fragen konfrontiert. Ist ihr Gott tatsächlich allmächtig und allwissend? Falls ja: Wie geht er mit der Ungerechtigkeit unter den Menschen um, die er geschaffen hat? Wie hält er Leid und Elend seiner geliebten Geschöpfe aus? Kann man es skeptischen Personen verargen, wenn sie bei den Schöpfergöttern eine sadistische Ader vermuten?

Falls diese die Welt willentlich erschaffen haben, stellen sich weitere Fragen, die quasi «jenseits» der Theodizee angesiedelt sind. Was hat die Schöpfergötter bewogen, das Universum zu kreieren? Was dachten sie dabei, als sie auf unserem Planeten Lebewesen ansiedelten? Falls sie tatsächlich allwissend sind, muss man davon ausgehen, dass sie vorhersehen konnten, in welches Jammertal sie ihre Geschöpfe verbannten, dass Leid und Elend Teil ihres Konzeptes sind.

Theologen und Geistliche erklären den Gläubigen jeweils, ihr Schöpfergott habe dem Menschen den freien Willen gegeben. Der Mensch richte das Chaos eigenständig an und sei für die Zustände auf der Erde verantwortlich. Nur: Kleinkinder, die an Krebs sterben, sind unschuldige Opfer der Zustände, die die Götter geschaffen haben.

Laut Bibel begann das Dilemma schon in der Planungsphase, als sich die angeblich willensfreien Engel gegen Gott auflehnten und beim Engelssturz verbannt wurden. So kam angeblich das Böse in die Welt. Und der Sündenfall der zwei vermeintlich willensfreien Paradiesbewohner. Die Folge: eine Blutspur, die sich bis in die heutige Zeit zieht.

Eine von solchen Schöpfergöttern willentlich geplante und erschaffene Welt, in der die Lebewesen derart planmässig leiden müssen, lässt nur einen Schluss zu: deren Inexistenz.

Die Hölle ist überall

Hugo Stamm am Samstag, den 29. November 2014
Als ob das Diesseits nicht schon genug Ängste auf Lager hätte: Höllischer Kürbis. Foto:  Logan Ingalls (Flickr)

Das Diesseits hat genug Ängste auf Lager: Höllischer Kürbis. Foto: Logan Ingalls (Flickr)

Eine der wenigen Konstanten im Leben ist die Angst. Wir können sie verdrängen, aber nicht abschütteln. Wir haben Angst vor Krankheiten, Unfällen, Verlusten, Schmerzen. Vor allem aber vor dem Tod. Die Angst ist sinnbildlich die Hölle des Diesseits. Oder eine Strafe der Götter, auf dass der Mensch nicht übermütig werde und ihnen die Position streitig mache. Die Angst vor dem Tod reduziert uns auf menschliche Dimensionen und ist quasi das Rezept gegen die Selbstvergottung.

Paradox erscheint, dass die Angst gleichzeitig eine Lebensversicherung ist. Sie hindert uns daran, allzu unvernünftig zu sein, und zwingt uns, das Risiko zu minimieren. Als angstfreie Wesen würden wir dauernd versuchen, die Schwerkraft zu überwinden und Unfälle zu produzieren.

Der Angst kommt also eine wichtige Funktion bei der Überlebensstrategie zu. Aus religiöser Sicht stellt sich aber die Frage, warum die Götter die Welt so unvollkommen erschaffen haben, dass es die Angst zum Überleben braucht? Erlagen sie einer sadistischen Laune, oder verstehen sie sie als Strafe? Aus christlicher Sicht handelt es sich um eine Kollektivstrafe. Doch wofür?

Alle Glaubensgemeinschaften instrumentalisieren die Angst der Menschen für ihre Zwecke. Das Sinnbild der Angst verkörpert die Unterwelt. Aus psychologischer Sicht ist die Drohung mit der Hölle ein Disziplinierungsinstrument, das bei Kindern traumatische Reaktionen auslösen kann. Als ob das Diesseits nicht schon genug Ängste auf Lager hätte, bauen praktisch alle grossen Religionen seit Tausenden von Jahren eine Drohkulisse für das Leben nach dem Tod auf. Wie viele zentrale Versatzstücke haben die Autoren der Bibel auch die Idee von der brennenden Unterwelt bei älteren Religionen abgekupfert.

Die meisten Lehren sehen die Hölle als Ort der Läuterung, während das Christentum die ewige Verdammnis der Sünder androht. Das Bild unseres Gottes ist deshalb besonders angstbesetzt: Er kann uns beim Jüngsten Gericht in die Hölle verbannen. Überraschend ist, dass selbst Hinduismus und Buddhismus, die bekanntlich die Reinkarnation lehren, von einer Unterwelt sprechen. Im Vergleich zur christlichen Hölle scheinen dort aber geradezu paradiesische Zustände zu herrschen.

Glaubensgemeinschaften, die Gläubigen mit der Hölle drohen, bräuchten dringend eine Aufklärung. Wir haben in der Zivilgesellschaft die schwarze Pädagogik dank den Menschenrechten überwunden und die Welt menschlicher gemacht. Auf diese Erkenntnis sollten die Weltreligionen verpflichtet werden können.

Ebola als Strafe Gottes?

Hugo Stamm am Samstag, den 22. November 2014
(Flickr/alles-schlumpf)

Die apokalyptischen Glocken läuten Sturm: Weihnachten und die Endzeit sind bald da! (Flickr/alles-schlumpf)

Die Seuche Ebola vereint alle Attribute auf sich, die bei ängstlichen Menschen Horrorvisionen hervorrufen. Vor allem die Bilder aus den betroffenen Gebieten prägen sich ihnen unheilvoll ein. Entstellte Menschen, Helfer im Astronautenlook, entleerte Dörfer, geächtete Kranke, die als Monster gelten. Das ist die Matrix für einen Blockbuster über die Apokalypse. Helfer in den Krisengebieten sind geschockt und bekommen den Eindruck: So fühlt sich die Endzeit an.

Ebola ruft denn auch zwei Interessengruppen auf den Plan, denen die Seuche wie gerufen kommt. Die Apokalyptiker unter den christlichen Fundamentalisten erinnern sich an die Johannes-Offenbarung und das Buch Daniel und sehen in der Seuche die Strafe Gottes. Verschwörungstheoretiker beschwören ihre längst prophezeite globale Krise herauf.

Ken Isaacs von der christlichen Hilfsorganisation Samaritan’s Purse warnte bei einer Anhörung vor den Gesundheitsbehörden: «Liest man die täglichen Lagemeldungen des Gesundheitsministeriums über Liberia, so herrscht darin – ich möchte nicht zu dramatisch wirken – eine Atmosphäre von ‹Apocalypse Now›».

In einer Newsgroup (Narkive) versucht ein Christ, die ängstlichen Teilnehmer zu beruhigen und schreibt: «Angst vor Ebola? Glaube an Jesus, und die Angst ist fort. Gehe zur Kirche, man wird dir dort eine Bibel schenken!» Der Kommentar eines anderen Gläubigen, den das Endzeitfieber offenbar schon gepackt hat: «Das nützt auch nichts mehr! Das Ende ist nah! Niemand kann jetzt mehr helfen!»

Ein weiteres Beispiel für die Ebola-Hysterie: Der Autor Bernd Neumann nennt sein neues Buch «Ebola und andere Killerkeime». Darin behauptet er, die Bedrohung für den Menschen sei grösser denn je. Deshalb erwartet er demnächst einen «Apokalypse-Keim», der eine Mehrheit der Menschen dahinraffen werde.

In der nächsten Eskalationsstufe wird bereits von der Zombie-Apokalypse gesprochen, weil weitere Killerkeime die Opfer so entstellen würden, dass sie zu Zombies mutierten. Im Blog Zombie-apokalypse.info heisst es: «Die Bedrohung ist also ernst zu nehmen und Notfallpläne müssen geschmiedet werden ... Die Zombie-Apokalypse naht!»

Was treibt christliche Fundamentalisten und Verschwörungstheoretiker an, die Apokalypse herbeizusehnen? Fromme Christen hoffen, in der Gnadenzeit zu leben, in der sich die biblischen Prophezeiungen erfüllen. In ihren Augen läuten die apokalyptischen Glocken Sturm. Sie sehen alle Anzeichen erfüllt, die die Bibel für die Endzeit vorhersagt. Sie erhoffen sich die Wiederkunft von Jesus und die Erlösung.

Bei den Verschwörungstheoretikern sind die Motivationen komplexer und individueller. Manche entwickeln eine Lust am Morbiden und Destruktiven. Andere wollen sich unbewusst an der tumben Gesellschaft rächen, die sie wegen ihrer kruden Weltbilder belächelt. Die Vorstellung, die Ignoranten würden einer brutalen Seuche zum Opfer fallen oder in einer Katastrophe umkommen, scheint ihre Fantasie zu beflügeln.

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